bnr.de: NSU-Helferstrukturen in Niedersachen?


VON ANDREA RÖPKE/ANDREAS SPEIT

Gleich zwei Beschuldigte im NSU-Verfahren verfügen über enge Kontakte zu niedersächsischen Ex-„Blood& Honour“-Kadern. Eine Krankenkassenkarte für Beate Zschäpe stammt aus Hannover – und ein handschriftlich gekennzeichneter Stadtplan aus Braunschweig wirft Fragen auf.

Mutmaßlicher NSU-Unterstützer G. 2005 in Braunschweig; Photo: Otto Belina

Mit Argusaugen bewachte die niedersächsische Polizei die Hochzeit. Es wurden Fotos geschossen, als sich das Brautpaar auf dem Treppenportal vor dem historischen Standesamt in Einbeck küsste und zwei Burschenschafter in vollem Wichs über ihnen die Säbel kreuzten. Die Hochzeitsgäste waren speziell: Männer mit Glatze und Springerstiefeln, Frauen mit der Feathercut-Frisur der Skingirls. Sie lächelten der strohblonden Braut im weißen Minikleid und dem Bräutigam im dunklen Anzug zu. Ein Event im Juni 1999 – nicht nur für das Brautpaar etwas Besonderes – sondern inzwischen auch Teil der Ermittlungen zu den Verbrechen der NSU.

Denn immerhin heiratete damals Thorsten Heise, einflussreicher Rechtsrock-Produzent und politischer Drahtzieher. Auf seine Einladung hin kamen tags darauf  250 einschlägige Gäste nach Northeim. Mit dabei: Holger G., der dem NSU-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bis zum zufälligen Auffliegen im November 2011 half, sowie Daniel Giese alias Gigi, der 2010 den „Dönerkiller“-Song veröffentlichen sollte.

Mit B&H-Kader zum Hochzeitstermin

In Niedersachsen konnte sich das Zwickauer Terrortrio zudem möglicherweise wie in Thüringen und Sachsen auf Helferstrukturen des 2000 verbotenen, militanten Netzwerks „Blood&Honour“ (B&H) stützen. Die bundesweiten, höchst konspirativen Blut und Ehre-Kader sahen sich als Elite der „Bewegung“, agierten über Landessektionen.  Aus internen Ermittlungsakten geht hervor, dass das Trio bereits vor seinem Abtauchen 1998 Kontakte zu B&H hatte, sie selbst waren im „Thüringer Heimatschutz“ (THS) aktiv. Bei der Hochzeitsfeier in Niedersachsen 1999 war neben B&H-Anführern auch der THS vertreten.

Der potenzielle Terrorhelfer Holger G. war scheinbar mit der Order zur Hochzeit gereist, den  international vernetzten Rechtsrock-Produzenten Heise um Hilfe bei der  Flucht der bereits untergetauchten Kameraden zu bitten. Es ging demnach um „Unterstützung für einen Auslandsaufenthalt“. Die Pläne platzten, die Jenaer Bombenbastler blieben in Sachsen und wurden zur NSU.  Spannend ist jedoch die Tatsache, dass G. ausgerechnet mit einem der wichtigsten B&H-Kader aus Hildesheim, Hannes Franke, zum Hochzeitstermin fuhr.

Franke und sein Geschäftspartner und B&H-Kamerad Hannes Knoch gehörten  1999 zu den Teilnehmern eines Solidaritäts- Konzerts mit dem thüringischen Liedermacherduo „Eichenlaub“, das den auf der Flucht befindlichen Bombenbastlern ein Lied gewidmet hatte. Auch Holger G., der dem Trio über Jahre hinweg mit Papieren aushalf und ihnen sogar eine Waffe lieferte, war als begeisterter Gast bei dem Konzert in der Nähe von Hildesheim. Der Neu-Niedersachse galt als eifriger Mitläufer, Knoch und vor allem Franke dagegen als Szenegrößen.

Die Brüder E. im „Last Resort“ in Hildesheim begrüßt

Nahe dem Truppenübungsplatz in Munster betrieben der ehemalige Söldner und der Tätowierer die „Close Combat School“ (Nahkampfschule), mit Messerkampf und „Survivaltrainings“ im Angebot. „Wir machen militärische Lehrgänge, escape and evasion, Flucht und Gefangennahme, (…) alles, was man im legalen Rahmen so machen kann“, erzählte  Militärausbilder Knoch dem ZDF vor versteckter Kamera.

Nicht nur ein Kamerad aus dem engsten Umfeld der rechten Terrorzelle hatte Kontakt zu den damaligen Hardlinern, sondern auch der Beschuldigte Andre E. aus  Zwickau. Im August 2011, wenige Monate vor der Entdeckung der NSU, soll Knoch E. und seinen Zwillingsbruder im damaligen Tattoo-Laden „Last Resort“ in Hildesheim freundschaftlich begrüßt haben, wie eine Zeugin gegenüber dem ZDF berichtete.

Andre E. war der Erste, den Beate Zschäpe auf ihrer Flucht im November vergangenen Jahres wohl panisch kontaktete. Fast jede Woche hatte dessen Ehefrau mit den Kindern Zschäpe in der konspirativen Wohnung besucht, gaben Anwohner zu Protokoll. Auf ihrer tagelangen Irrfahrt nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos steuerte Zschäpe mit der Bundesbahn bald  Niedersachsen an. Das Bundesland war ihr nicht unbekannt. Dort lebte Helfer G., aber auch E.s Zwillingsbruder hatte seinen Wohnsitz zeitweilig in einem Dorf südlich der Landeshauptstadt.

Beate Zschäpe bei Rieger-Treffen in Hetendorf

Vor etwa acht Jahren besuchten die  Brüder E. mehrmals gemeinsam mit dem Hildesheimer Hannes Franke geheime Lager der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ in Thüringen. Die „Artgemeinschaft“ wurde bis zu seinem Tod vom Hamburger Neonazi Jürgen Rieger geleitet. Hier schlüpften möglicherweise auch Akteure von „Blood&Honour“ nach dem Verbot unter. Beate Zschäpe reist 1997 zu einem Rieger-Treffen ins damalige Schulungszentrum Hetendorf Nr. 13 in der Lüneburger Heide. Zwei Jahre vorher war bereits der NSU-Terrorist Uwe Mundlos bei einem Aufmarsch in Schneverdingen dabei. Im Gegenzug besuchten niedersächsische Neonazis Szene-Feste des „Thüringer Heimatschutzes“.

Die Kontakte zwischen niedersächsischen, thüringischen und sächsischen Neonazis waren intensiv. Zudem konnten sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt  auf willige Helfer wie Andre E. und auch Holger G. verlassen. Von November 2011 bis Mai 2012 in Untersuchungshaft – sagte der schlaksige Mann aus Lauenau umfassend aus. Neben der Waffenlieferung gestand G., Böhnhardt einen Führerschein und zweimal einen Reisepass verschafft zu haben – zuletzt noch im vergangenen Jahr. Für Zschäpe besorgte er eine Krankenkassenkarte. Immer wieder besuchte ihn das Trio auch zuhause.

Mit Aussagen thüringische Kameraden belastet

G. kannte die wichtigsten Größen in Niedersachsen, vor allem aus den Reihen der „Kameradschaft 77“ und den „Freien Nationalisten“ in Celle. Im Zuge der NSU-Enthüllungen musste der niedersächsische Verfassungsschutz-Chef Hans-Werner Wargel tatsächlich einräumen, keine „personenbezogenen Akten“ zu G. geführt zu haben: „Wir haben seinen Namen aber im Keller in alten Papierakten über die rechtsextreme Szene gefunden.“ Kein Wunder: Bei polizeilichen Ermittlungen tauchte der Name sehr häufig auf, wie  Ermittlungsakten heute belegen.

G. war wohl nicht im Wahrnehmungsradar. Heute behauptet er, sich aktiv seit 2004 von der Szene entfernt zu haben. Doch bis zu seiner Verhaftung im vergangenen November pflegte G. nicht nur bei Facebook Freundschaften ins niedersächsische Milieu. Noch 2005 nahm er an Aufmärschen in Braunschweig und Berlin teil, 2011 registrierte die Polizei das Auto seiner Freundin bei einem Neonazi-Konzert möglicher „Blood&Honour“-Nachfolgestrukturen in Sachsen-Anhalt. „Wir sagen nicht, dass Herr G. keine Rechter ist“, betont eine Sprecher des Generalbundesanwalts. Das Umfeld G. sei schon mitüberprüft worden, neue Erkenntnisse über Unterstützer hätten sich nicht ergeben – „bisher“. G. belastete  thüringische Kameraden mit seinen Aussagen, zu den niedersächsischen Kontakten soll er wortkarger gewesen sein.

Gestohlen gemeldeter Personalausweis aus Braunschweig

Fest steht, dass nicht nur G. selbst mit Ausweisen für das Terrortrio half, sondern er zapfte über Jahre hinweg auch ein befreundetes Paar aus Hannover zur Unterstützung an. Beate Zschäpe benutzte als eine Aliasidentität die Krankenkassenkarte von „Silvia Rossberg“ aus Hannover, damit ging die abgetauchte Neonazistin zu einem Zahnarzt in Halle. Rossberg ist der Mädchenname der Ehefrau eines ehemaligen militanten Neonazis aus dem Bereich der „Kameradschaft 77“ mit Kontakten zu „Blood&Honour“ und dem Rockermilieu. Mit ihm war G. ständig unterwegs, sie sind Freunde. G. behauptete gegenüber der Polizei, der Freundin die Krankenkassenkarte etwa 2006 für 300 Euro „abgequatscht“ zu haben, weil Beate Zschäpe schwer krank war und zum Arzt musste. Auch war das Trio über Rossbergs aktuellen Wohnort ständig informiert, handgeschriebene Notizen dazu fanden sich in der Zwickauer Brandruine. Doch G. gab in seinen Aussagen an, das befreundete Paar wisse von nichts.

Nicht die einzigen Spuren nach Niedersachsen. An der Hochzeitsfeier 1999 in Northeim nahm eine weitere Szenegröße teil: Daniel Giese alias „Gigi“. Der glatzköpfige Rechtsrock-Musiker aus Meppen gehört zur rassistischen Kombo „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“, die sich immer wieder vor Gericht verantworten müssen. 2010 veröffentlichte Giese ausgerechnet bei einem Chemnitzer Szene-Label, zu dessen Gründer auch NSU-Gründer Mundlos Kontakt hatte, den „Dönerkiller“-Song.

In dem verkohlten Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße, welches Beate Zschäpe nach dem Tod ihrer Kameraden in Brand gesteckt haben soll, fanden Beamte den Personalausweis einer älteren Frau aus Braunschweig. Sie meldete ihn als verloren. Die Ermittler entdeckten auch noch etwas anderes: Den detaillierten Abriss eines Stadtplans der Löwenstadt mit handschriftlichen Markierungen und Zahlen. Dort befinden sich eine überwiegend von Migranten bewohnte Straße in der Innenstadt, eine ehemalige Moschee, der Verein Milli Görüs und Döner-Läden. Die zweitgrößte Stadt Niedersachsens hat einen hohen Ausländeranteil und verfügte lange Zeit über äußerst militante Neonazi-Strukturen.

Quelle: Blick nach rechts

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