Neues Deutschland: Mit Nazis nicht nur in der »Muckibude« – Hatte der Thüringer Heimatschutz »V-Leute« bei der Polizei?


Waren Thüringer Polizisten Mitglieder im Thüringer Heimatschutz (THS)? Aus der militanten Neonazi-Kameradschaft erwuchs die Mörderzelle des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU). Das Erfurter Innenministerium hat noch keine Antworten.
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Foto: dpa/Martin Schutt

Jahrelang hatten Verfassungsschutz und Polizei versucht, in der Thüringer Naziszene V-Leute zu rekrutieren. Das gelang nur in einem Fall: Tino Brandt, ein Anführer des Thüringer Heimatschutzes, lieferte, was ihm genehm schien. Umgekehrt lief der Spitzeleinsatz womöglich besser. Ab 1998 waren mindestens zwei Thüringer Polizisten Mitglied im Thüringer Heimatschutz – nicht aus dienstlichen, sondern aus ideologischen Gründen. Ein dritter wurde von Neonazis als nützlicher Idiot betrachtet, weil er in einer »Muckibude« gegenüber rechtsextremen »Sportfreunden« höchst geschwätzig gewesen sein soll.

Der Geheimdienst behielt sein Wissen für sich. Weil es zumindest in damaligen Zeiten nicht so selten war, dass Polizisten ihre Freizeitinteressen zu weit rechts befriedigten? Das Erfurter Innenministerium teilte gestern auf nd-Anfrage mit, dass man »so ad hoc« keine Antwort geben könne. Man müsse diese Information erst auswerten. Wann es gelingen kann, etwas über die Präferenzen von Sven T. und seinen Kollegen herauszufinden, sei ungewiss. T. soll zum Thüringer Verfassungsschutz abgeordnet gewesen sein. Nachdem die angebliche Nähe zum THS bekannt wurde – die manche heute als Denunziation bezeichnen – wurde er zurückgezogen.

Eines ist klar, die Beamten können nicht als V-Leute der Polizei in der Naziszene gehandelt haben, denn im Thüringer Untersuchungsausschuss wurden solche Undercover-Einsätze stets bestritten. Der Verdacht schließt sich unmittelbar an den Vorwurf an, zwei Kollegen der ermordeten Polizistin Michelle Kiesewetter aus Heilbronn (Baden-Württemberg) seien Mitglieder in einer Gruppierung des Ku-Klux-Klan gewesen. Michelle Kiesewetter soll – wie neun migrantische Gewerbetreibende – von der NSU-Terrorzelle umgebracht worden sein. Deren Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos (beide tot) und Beate Zschäpe – über deren U-Haftverlängerung bis zu diesem Wochenende entschieden werden muss – entstammen dem Thüringer Heimatschutz. 1998 tauchten sie unter und begannen ihre braune Terrorspur zu legen. Während die anderen Opfer rassistischem Wahn zum Opfer fielen, rätseln die Ermittler weiter über die Motive für den Polizistinnenmord.Hat das irgendetwas zu tun mit internationalem Drogenhandel? Man weiß, dass die verbotene rechtsextremistische Vereinigung Blood&Honour, die personell verwoben ist mit Ku-Klux-Klan-Ablegern, in diesem grenzüberschreitendem Bereich mitmischt. Die NSU-Zelle hatte – so ist belegt – beste Kontakte zu Blood&Honour. Auf einer Adressliste von Böhnhardt, die den Ermittlern seit 1998 vorliegt, finden sich entsprechende Namen. Die »taz« nannte gestern Thomas R. Der Typ, der in Halle den »nationalen beobachter« betreibt, ist im »nd« mehrfach als mutmaßlicher Unterstützer der NSU-Zelle benannt worden. Er hat offensichtlich Kontakte in die militante Naziszene des Gottfried Küssel in Österreich und soll Mitglied der »European White Knights of the Ku Klux Klan« sein.

Auch Matthias Dienelt, ein Anführer der »Brigade Ost« in Johanngeorgenstadt, mochte brennende Kreuze. Das belegen geheime Akten des sächsischen Verfassungsschutzes. Darin ist nachzulesen, dass tschechische Polizisten deutsche Kollegen auf ein fünf Meter hohes, brennendes Holzkreuz »auf einem Berg bei Johanngeorgenstadt« hingewiesen haben. Ringsum standen – angeführt von Dienelt – weitere acht Personen in »Ku-Klux-Klan-ähnlicher Kleidung (weiße Kapuzen)«.

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