Morgenpost: Neonazis verbreiten braune Gewalt von Britz bis Treptow


Mit der Attacke auf einen 17-Jährigen erreicht die Serie von Angriffen auf linke Personen und Einrichtungen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Von Joachim Fahrun

Unter Druck: Das Anton-Schmaus-Haus, Leiterin Miriam Blumenthal

Sie kamen von hinten. Sie haben ihn erst geschubst. Dann geschlagen, gegen den Kopf und ins Gesicht. Sie waren maskiert. „Scheißzeckenschwein, das machst du nicht noch mal“, haben sie ihn beschimpft.

Antons (Name geändert) Stimme klingt monoton, als er berichtet, was ihm letzte Woche passierte, am frühen Abend, mitten im bürgerlichen Britz. Der 17-Jährige war auf dem Weg von seiner Gruppenstunde bei der „Sozialistischen Jugend Die Falken“, trug dabei ein T-Shirt des Anton-Schmaus-Hauses, eines Jugendzentrums der SPD-nahen Falken. Anton hatte einen Nazi-Aufkleber an einer Laterne gesehen, wie es viele gibt im Kiez um die Parchimer Allee. Er klebte einen eigenen Sticker über die Propaganda der Rechten. Das reichte, um krankenhausreif geprügelt zu werden. Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizierten Gehirnerschütterung und Schädelprellung.

Übergriffe vom Süden Neuköllns bis in benachbarte Stadtteile

Der Angriff auf den jungen „Falken” markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Serie von Anschlägen gegen Einrichtungen und Aktivisten von SPD und Linkspartei in den vergangenen Wochen, die deutlich die Handschrift von Neonazis tragen. Die Spur der braunen Übergriffe zieht sich vom Süden Neuköllns in die benachbarten Treptower Stadtteile Johannisthal und Schöneweide. SPD-Landeschef Jan Stöß sieht „eine neue Eskalationsstufe“ der Gewalt gegen linke Einrichtungen und Aktive erreicht. „Es muss etwas geschehen“, sagt Stöß. Die „linke Familie“ nehme die Attacken „allmählich persönlich“.

Die Liste der Vorfälle der vergangenen gut drei Wochen ist lang: Zweimal innerhalb von drei Tagen wurden an dem vor allem von Jusos genutzten SPD-Bürgerbüro „AnsprechBar“ in Oberschöneweide Tür und Scheibe eingeschlagen. Beim Juso-Landesvize Nico Schmolke sprengten Unbekannte in seinem Wohnhaus in Johannisthal den Briefkasten. Das gleiche geschah wenige Tage später beim im Kampf gegen rechts stark engagierten Bezirkspolitiker der Treptow-Köpenicker Linkspartei, Hans Erxleben. Hier wurden auch Scheiben eingeworfen. Den Schaden von einigen 100 Euro muss er selbst bezahlen.

Aktive Kameradschaften

Im Südosten Berlins stehen inzwischen viele demokratische Politiker im Visier der dort aktiven Neonazi-Kameradschaften. Die Polizei schätzt vor allem Oberschöneweide als einen der regionalen, rechten Aktionsräume ein. Im Lagebericht zur „Politisch motivierten Kriminalität – rechts“ heißt es, die Konfrontation mit dem politischen Gegner sei ein „thematischer Schwerpunkt der rechten Szene. Die Zahl der Gewaltdelikte „gegen links“ stieg von fünf Fällen 2010 auf 24 im Jahr 2011. Die Rechten versuchen, andersdenkende Aktivisten einzuschüchtern

Auch als der 17-Jährige Anton nach der Attacke auf ihn wieder aus seinem Haus kam, standen schwarz gekleidete Rechte auf der gegenüber liegenden Straßenseite und drohten ihm: „Wir wissen, wo du wohnst“, hörte der junge Mann. Um sich zu schützen, werde er sein blaues Falken-Hemd nicht mehr auf der Straße tragen sondern erst im Anton-Schmaus-Haus anziehen, sagt er.

Das von der Gutschmidtstraße aus hinter dichten Büschen verborgene Jugendzentrum der Falken stand in den vergangenen Jahren „wiederholt im Fokus der rechten Szene“; so die Polizei. „Was jetzt in Treptow und Neukölln passiert ist nichts, was in diesen Wochen losgegangen wäre“; sagt Miriam Blumenthal, die ehrenamtliche Leiterin des Anton-Schmaus-Hauses: „Es wird massiv unterschätzt, was hier lost ist.“

Zwei Mal wurde im vergangenen Jahr das Falken-Haus angezündet, einmal schliefen dort Kinder. Der Generali-Versicherung zog ihre Konsequenz und kündigte den Versicherungsschutz. Die Schließung drohte. Immerhin hat SPD-Chef Stöß nun eine neue Gesellschaft als Versicherer vermittelt. Dennoch sammeln die Falken weiter Geld, um für 100.000 Euro einen Sicherheitszaun bauen zu können. „Wir sind hier ein roter Fleck“, sagt Blumenthal, „den wollen die weghaben. Dann ist hier demokratiefreie Zone“.

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