bnr.de: Radikaler Flügel der NPD-Jugend


VON ANDREA RÖPKE

Völkisch-rassistische Redebeiträge auf der JN-Demonstration in Wismar. Der Nachwuchs aus der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) gibt den Ton an.

Die Aufschrift „Die BRD ist uns völlig gleich, denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich“ auf dem Shirt; Photo: A.R.

„Die BRD ist uns völlig gleich, denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich“, diese Liedzeile einer Rechtsrock-Band auf dem Shirt eines Demo-Teilnehmers verdeutlicht scheinbar die Intention des Neonazi-Aufmarsches am letzten Samstag in Wismar. Es ging vorrangig um Ablehnung von Demokratie und offener Gesellschaft. Dem Aufruf der Jungen Nationaldemokraten  um Alf Börm und Tino Streif unter dem Motto „Wir wollen leben“, waren rund 250 Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg und Hamburg gefolgt. Der Neusiedler und stellvertretende JN-Bundesvorsitzende Sebastian Richter drängte dabei in den Vordergrund.

Richter, der den völkisch-radikalen Flügel der NPD-Jugendorganisation vertreten soll, gilt als führend in der möglichen HDJ-Nachfolgestruktur „IG Fahrt und Lager“. Ebenso zählte er zu den führenden Drahtziehern in den beiden verbotenen Organisationen „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) und „Spreelichter“. Der aus Hoyerswerda stammende Jungunternehmer lebte Jahre lang mit seiner Ehefrau, die aus dem Umfeld der militanten „Kameradschaft Tor Berlin“ kommt, in einer Neonazi-WG in Hohen Neuendorf in Brandenburg. Das Paar zog in den Landkreis Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Andere Ex-HDJler wie Frank Klawitter aus Greifswald oder Tino und Marko Müller aus Ueckermünde sorgten für den reibungslosen Ablauf des Aufmarschs. Einer der Ordner muss sich vor einem sächsischen Gericht noch wegen eines HDJ-Lagers verantworten.

Während des Marsches tönten Richters Kommentare durch die Lautsprecheranlage. Er wetterte gegen „Linksfaschisten“ und proklamierte, die „Systemparteien“ beziehungsweise die „realexistierende Diktatur der Demokraten“ würden aktiv am „Volkstod unseres Volkes“ arbeiten. Seine Redebeiträge klangen dabei äußerst menschenverachtend, Polizei und Ordnungsamt sahen keinen Anlass zum Einschreiten, auch nicht, als die Parolen „Wismar erwache!“ oder „Ruhm und Ehre“ geschrieen wurden. Ein Lied von „Wir sind Helden“ wird gespielt, obgleich die Neonazi-kritische Band immer wieder juristisch dagegen vorgehen soll.

„Totaldurchmischung unseres Volkes“

NPD-Abgeordnete wie Stefan Köster, Michael Andrejewski oder David Petereit lauschten, als Nachwuchskader Sebastian Richter sich in NS-naher Mission ereiferte: „Wer nachweislich erbkrankes Leben verhindern will und abtreibt, und damit Qualen für das Kind, für die Familie und darüber hinaus für die Gemeinschaft verhindern will, der wird als unmenschlich hingestellt, das ist eine Schande. Dieses korrupte System mit ihren Maden fördert das Kranke, fördert den Volkstod“.

Der Neonazi, der sich zwischendurch als emanzipierter Vater ausgab, dem sogar das Windeln seines Kindes nichts ausmache, lokalisierte unter anderem deshalb eine „volkspolitische Katastrophe“, weil Demokraten glauben würden, alle Menschen seien gleich, und daher die deutsche „Urbevölkerung durch die geburtenfreudigen fremdvölkischen Elemente ersetzt werden“ könnten. Richter sprach von einer „Totaldurchmischung unseres Volkes“. Das Wort „Rasse“ vermied er wissentlich.

Auch die Rede des ehemaligen HDJ-Kaders Ragnar Dam aus Berlin war gespickt mit heiklen politischen Elementen. Der wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Jungnazi hatte 2007 eine „Rasseschulung“ auch vor Jugendlichen durchgeführt. In Wismar fragte er polemisch: „Warum sollte sich ein Ziegenhirte aus Anatolien für eine deutsche Rentnerin interessieren?“

„Sich in eine höhere, größere Schicksalsgemeinschaft einordnen“

Dam, der  vor Gericht angab, in seinem Studienfach Biologie promovieren zu wollen, prangerte Profitmaximierung und schreiende Ungleichverteilung an, um festzustellen: „Wir sind nicht demokratisch … je weniger Menschen an dieses System glauben, desto schneller verliert es seine Daseinsberechtigung“. Die deutsche Jugend müsse „hart und kompromisslos werden in diesem Befreiungskampf“ für ein „Europa der Vaterländer“. Er bezeichnete sich als „Rebell“ und rief die Teilnehmer dazu auf, sich in eine „höhere, größere Schicksalsgemeinschaft einzuordnen“. Gruselig klingt die rhetorische Frage: „Aber dürfen wir damit an den Grenzen Deutschlands stehen bleiben? Wir sind schließlich umgeben von Millionen Fremden.“

Der braune Jungideologe betonte keinen Hass zu wollen, forderte aber homogene „Volksgemeinschaften“ im Kleinen und Netzwerke mit „eigenen Firmen, Siedlungen und Gemeinschaften“. „Wir können dafür sorgen, dass unsere Kinder in einer vertrauten Umgebung aufwachsen, unter Menschen, die dieselbe Sprache sprechen … und uns in Aussehen und Charakter ähneln. An einigen Orten in Mecklenburg und Pommern sind sie bereits in Ansätzen verwirklicht.“

Mit Zynismus dagegen versuchte es der Anklamer NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski in seinem Redebeitrag. Perfiderweise unterstellte er der anwesenden Fernsehjournalistin Mo Asumang, sie sei an den Tantiemen des Rechtsrock-Songs mit der bedrohlichen Zeile „Eine Kugel ist für Dich“ beteiligt. Das Lied hätten zudem Verfassungsschützer geschrieben. Auf politische Gegner bezogen zog er vom Leder: „Der Volkstod ist nicht immer schlecht, kommt darauf an, wen es trifft.“ Für ihn heiße die Parole: „Lieber Systemtod, als Volkstod!“.

Handgranate auf der Kleidung abgebildet

Den meisten Demonstrationsteilnehmern schienen die Reden einerlei. Sie klatschten kaum, schauten gelangweilt, nahmen Anspielungen und Pointen kaum wahr. In den Wohnsiedlungen allerdings lehnten sich viele Menschen aus den Fenstern. Junge Mädchen folgten dem Aufmarsch kichernd. Aktivistinnen des „Rings Nationaler Frauen“ schoben symbolisch leere Kinderwagen vor sich her. Einige Familien hatten kleine Kinder dabei. Auf dem Shirt einer dunkelhaarigen Mutter stand die Forderung: „Gnadenlose Strafen für Kinderschänder“, ihr Partner warb mit: „Vizeweltmeister 1945“.

An einigen Stellen gab es sichtbaren Protest von Nazigegnern. Kleinere Blockaden hielten den Zug auf dem Rückweg zum Bahnhof auf. Neonazi-Ordner hatten den Aufzug im Griff, duldeten nur leichte Beschimpfungen und Ausfälle. Stramm maßregelte Sebastian Richter die Anhänger.

Das Erscheinungsbild der JN-Demonstration wurde ohnehin von Transparenten und Plakaten mit Sprüchen wie: „Hamburger Nationalkollektiv Weiße Wölfe Terrorcrew – Die Schonzeit ist vorbei“ oder Aufmarschteilnehmern mit uniformen Kennzeichnungen wie „Freie Kameradschaft Wismar“, „Befreite Zone Bützow“ oder „Germanisches Bollwerk Mecklenburg“ geprägt. Teilnehmer mit abgebildeten Maschinenpistolen, Pistolen oder einer Handgranate auf ihrer Kleidung trugen auch nicht zur harmlosen Tarnung bei.

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