Südthüringen: „Man kann Neonazis nicht totschweigen“


Interview: Der Politikwissenschaftler Hajo Funke ist emeritierter Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Neben den Themen Antisemitismus und Rassismus beobachtet er schon seit vielen Jahren die Entwicklungen im Rechtsextremismus. Foto: dpa
Seit über einem Jahr kommen die Untersuchungen zu den Hintergründen der Neonazi-Mordserie des NSU nicht so recht voran. Wir sprachen dazu mit dem Politikwissenschaftler und Extremismus-Forscher Hajo Funke von der Freien Universität Berlin. Er ist davon überzeugt, dass die Sicherheitsbehörden mehr wussten als sie bis heute zugeben.Herr Funke, die Wurzeln des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) liegen ja, wie wir inzwischen wissen, im Thüringen der 1990er Jahre. Was ist damals schief gelaufen?

Der NSU durchlief einen zehnjährigen Ideologisierungs- und Radikalisierungsprozess, wozu auch positive Erzählungen in den Familien über NS-Regime und Wehrmacht gehörten. Entscheidend war aber die Stimmung in Thüringen Anfang der 1990er Jahre: Alles schien auf den Kopf gestellt, die alten Autoritäten galten nichts mehr, neue gab es noch nicht. Die ideologischen Angebote der rechtsextremen Führerfiguren sorgten dafür, diesen Frust abzubauen. Ideologen aus dem Westen und Faschos aus dem Osten gingen da eine unheilige Allianz ein; das führte dann zu solchen Aktionen wie dem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald in Uniformen durch Mundlos und andere aus der Gruppe.

Die Sicherheitsbehörden insgesamt, also nicht nur der Verfassungsschutz, haben den Rechtsextremismus relativiert, geleugnet und ignoriert. Mit Sprüchen wie „das sind doch unsere Jungs“ oder der Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus haben sie völlige Fehleinschätzungen der Lage geliefert: Sie glaubten, Linke bekämpfen zu müssen, obwohl die sich nur gegen Überfälle der Neonazis gewehrt haben.

Niemand setzte den gewalttätigen Jugendlichen damals Grenzen: Die Jugendarbeiter waren mit ihnen gänzlich überfordert, glaubten gar, sie könnten noch in ihnen die „gute Seite“ mobilisieren und verharmlosten das Rechtsextremismus-Problem. Die Neonazis hingegen hatten zu der Zeit schon Verbindungen bis nach Südtirol und glaubten, sie seien in einer „nationalrevolutionären Situation“.

Nun ist ja Jena, woher die drei mutmaßlichen NSU-Terroristen stammen, eine Uni-Stadt und war zu DDR-Zeiten eine Hochburg der Opposition. Weshalb entwickelte sich der NSU mit seinem Netzwerk gerade hier?

Jena war nie als Ganzes demokratisch, nichtautoritär und oppositionell; die Strukturen in den 1980er Jahren waren auch hier autoritär. Sicher, es gab die „Junge Gemeinde Stadtmitte“, es gab Jürgen Fuchs und andere. Doch diese Leute wurden auch angegriffen und verletzt und Anfang der 1990er Jahre gab es fast einen kleinen Bürgerkrieg. Die oppositionelle Bürgerbewegung war für viele keine Hilfe beim Zusammenbruch des Systems, und die neuen, bundesdeutschen Strukturen kamen bei vielen zunächst nicht an. Stattdessen entgleisten die Familien, und Traumata aus der Kindheit und Jugend brachen bei vielen auf.

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