bnr.de: „Bruderschaften“ mit braunen Flecken


VON ANDREA RÖPKE

Kriminelle Rocker-Gangs wie die „Hells Angels“ feilen an ihrem Image und spenden auch in Rostock für wohltätige Zwecke. Doch hinter den Kulissen offenbaren sich Neonazi-Verbindungen. Polizeibehörden liegt zudem ein erschreckendes Regelwerk von MCs vor, welches deren ganze Militanz aufzeigt.

Neonazi Appelt unter „Hells Angels“; Photo: Otto Belina

Mitte November 2012 luden Rostocker Anhänger des „Hells Angels MC“ zur Party in ein angesehenes Lokal an der Warnow. Unweit davon lag bis vor kurzem deren Clubhaus. Ende 2011 gab es die letzte Razzia, ermittelt wurde wegen illegalen Mädchenhandels. Jetzt geht es den Rostocker Höllenengeln anscheinend um „Charity“. In einer Einladung heißt es: „Ein biss’l Klimpergeld für ’nen guten Zweck“ sollten die Partygäste mitbringen.

Kriminelle Rocker als Wohltäter? Die Rezeptur scheint bundesweit ähnlich: Man nehme eine Sektion eines berüchtigten Rotlicht-Rockerclubs, zu Beispiel der „Hells Angels“ (HA), dazu einen Anwalt mit Kontakten in Politik und Halbwelt, sowie stadtbekannte Prominente, Unternehmer oder Sportler und mache daraus einen Boden, der sich langsam setzt. Harmlose Wohltätigkeitsveranstaltungen geben das Sahnehäubchen. So funktionierte das Vorgehen einer kriminellen „Outlaw-Motor-Cycle-Gang“ in Hannover und der Lüneburger Heide, so soll es wohl auch in Rostock laufen.

„Schwarze Schar“-Mitglieder bei der Party

Eine Kanzlei, beliebt in der einschlägigen Rocker- als auch Neonazi-Szene von Mecklenburg-Vorpommern, ruft zu Spenden für Rostocker Kinder und Jugendliche auf.  Als Zugpferd für Veranstaltungen lässt sich ein schwergewichtiger befreundeter Promisportler gewinnen, der bringt eine gute Bekannte, die hübsche Ehefrau eines Politikers, als Aushängeschild für die Medien mit, und wenn sich dann möglicherweise kriminelle Rocker unter die Spender mischen, bedankt sich der Anwalt  auch artig bei denen.

Die Party an der Warnow zog anscheinend auch mit den „Hells Angels“ befreundete Mitglieder des MCs „Schwarze Schar“ aus Wismar an. Während die einen Gäste schmausten und feierten, strippte scheinbar im Nebenraum derweil eine Tänzerin zum Geburtstag eines „Schar“-Members. Inzwischen heißt es, seit dem Verkauf ihres Clubhauses am Petridamm seien die „Hells Angels“ in Rostock nicht mehr präsent.  Anfang Dezember jedoch nahmen zwei Rostocker Kuttenträger an einer Beerdigung eines „Brothers“ in Niedersachsen teil. Auch bei Facebook ist das Umfeld der 81-Gang der Hansestadt nach wie vor sehr aktiv vertreten, doch provokative Posen werden vermieden. Beobachter vermuten, dass die Höllenengel zunächst bei einem befreundeten Club unterschlüpften.

Früher im „Blood&Honour“-Umfeld aktiv

Das HA-„Charter“ in Rostock verfügt über Beliebtheit in Teilen der mecklenburgischen rechten Szene. Zeigen sich doch braune Flecken. Ganz offen wurde mit einem T-Shirt geworben: „Rostock 81 – 18 Support“. Die 81 steht für den achten und den ersten Buchstaben des Alphabets (HA = Hells Angels) – die 18 wohl für den ersten und den achten Buchstaben ( AH = Adolf Hitler). Daneben prangt eine Knarre.  Auf Anfrage des NDR behauptet der Pressesprecher der „Hells Angels“, so eine Interpretation sei „Schwachsinn“, die 18 habe „irgendwie“ mit der Postleitzahl von Rostock zu tun.

Zur dortigen Gang zählt auch Mirko Appelt. Der langhaarige Satanistenfan führte jahrelang den neonazistischen Ordnerdienst namens „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“ (SS-SA) an und galt als wichtiger Drahtzieher im Hintergrund des Freien Spektrums. Seit einigen Jahren hat er sich von Aufmärschen zurückgezogen, besuchte 2011 nur noch ein Neonazi-Konzert von „Honour & Pride“ in Nienhagen.

Gemeinsam mit dem Neu-Rocker Appelt war 2010 auch Thomas D. in der Kutte der Rostocker Rocker zu sehen. Gemeinsam mit anderen Rostockern nahmen die beiden an der Beerdigungsausfahrt der „Hells Angels“ in Bremen für einen verunglückten türkischen „Brother“ teil. Auch D. war Jahre lang vorher aktiv in der Neonazi-Szene, wurde früher gar  zum Umfeld des rechtsextremen Netzwerks „Blood&Honour“ gezählt, seine Ex- Freundin galt als wichtige B&H-Aktivistin in Rostock und  verfügte über Kontakte zur Sektion in Chemnitz und zum „Vandalen“-Umfeld in Berlin. Mit ihr nahm der groß gewachsene D. dann nach dem Verbot von „Blood&Honour“ zunächst an Treffen der rassistischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ teil. 2008 wurde er Wahlkreismitarbeiter der NPD, bevor er sich die  Kutte überzog.

Schüsse aus der „Wolfshöhle II“

Auch bestehen Kontakte zu anderen Rockern mit Neonazi-Vergangenheit. Mirko Appelt zeigte sich im Dezember 2012 bei der Party zum vierjährigen Bestehen des Wismaraner Rockerclubs „Schwarze Schar“ in deren Clubhaus in Gägelow. „Schar“-Mitglieder stammen aus der gewaltbereiten Neonazi-Szene der Hansestadt. Präsident ist Philipp Schlaffer. Schlaffers Kameradschaft nannte sich „Werwölfe Wismar“ und betrieb neben Tattoo- und Szeneläden auch eine Neonazi-WG, die „Wolfshöhle II“. Aus deren Fenstern wurde 2007 mit Stahlkugeln aus Zwillen auf demonstrierende Menschen geschossen. Heute fährt der polizeibekannte 34-jährige Glatzkopf Luxuswagen und Harley Davidson (HD). Schlaffers „Schwarze Schar“ gehört zu den 27 Rockergruppierungen, die die Ermittler 2011 in Mecklenburg-Vorpommern als gewaltbereit einstuften.

Wie andere Outlaw-Rocker inszenieren sie den Mythos der Easy Rider’s,  die in einer Parallelwelt nach eigenen Gesetzen leben. Die „Bruderschaft“ ist der Lebensinhalt, wichtiger gar als die eigene Familie. Denn Frauen gäbe es „an jeder Ecke“, heißt es in einem Interview mit dem Internet-Portal „Vice“. „Schar“-Mitglieder seien bereit alles füreinander zu tun, zur Not auch mit Gewalt, erklärte ein Anhänger der Interviewerin. Sie seien auch stolz auf ihre „deutsche Herkunft“, tragen „Wolfsangel“ und „14 Words“ als Tattoo. Ihr Clubsong handelt von Stolz und Ehre. Einige weitere Kameraden formieren sich in den unterstützenden MCs „Schwarze Jäger“ oder dem „S 19 Trupp“ (19. Buchstabe = S).

Eine „gute Schule“ im „Werwolf-Club“

Allein bei der „Schwarzen Schar“, inklusive „Hänger und Proben“, registrierten die Polizeibehörden bisher rund 170 Straftaten. Jede fünfte sei politisch motiviert gewesen.

Für den Szenekenner Thomas Kuban sind Wechsel von der Neonazi- in die Rockerszene längst keine Einzelfälle mehr. Der Journalist beschreibt in seinem Buch „Blut muss fließen“ auch  Philipp Schlaffers Aussage von 2007, er werde der Bewegung und dem „national-sozialistischen Grundgedanken“ treu bleiben. Kuban erklärt die Motive für den Wechsel so: „Nazis finden im Rockermilieu die Rahmenbedingungen vor, die sie gewohnt sind – plus mehr Sex und vor allem mehr Geld.“

Das Leben mit Aufmärschen und NPD-Wahlkampfveranstaltungen wird vielen zu eng. Der Schritt aus der einen homogenen männerbündischen Hierarchie in die andere ist dementsprechend nicht weit, wenn sie vorher schon als Türsteher, Securities oder im Tattoogeschäft aktiv waren. Im Interview mit „Vice“ erklärt ein „Schar“-Mitglied ganz offen, dass für sie der als neonazistisch-militant geltende „Werwolf-Club“ eine „gute Schule“ gewesen sei.

Clubhaus direkt neben dem NPD-Büro

Die Rocker-Gang aus Wismar gibt sich unabhängig und trifft sich wohl auch mit Anhängern des „MC Vengator“ aus Vorpommern. Die „Vengators“ tragen Pumpguns und die heidnische „Irminsul“ auf ihren Kutten. Ihr Patch ist rot-gelb: Sie sind „Supporter“ (= Unterstützer) des weltweit aktiven „MC Bandidos“, die neben den  „Hells Angels“ als größte kriminelle Outlaw-Motor-Cycle-Gang gelten. Während sich die „Bandidos“ – wohl wegen einiger Vorkommnisse – in Anklam offiziell aufgelöst haben, bezogen die „Vengators“  just ein neues Clubhaus in der Innenstadt von Anklam, direkt neben der „nationalen Begegnungsstätte“ und dem Parteibüro der NPD.

Manche glauben nicht an Zufall. Denn bereits 2003 wurde ein „Bandidos“-Europatreffen in Anklam mit über 1000 Teilnehmern von einem rechtsextremen Kameradschaftsaktivisten aus Ducherow organisiert. Ein Jahr später quartierte sich der „Vengator MC“ in Lassan nahe Wolgast ein. Bald spielten die ersten Neonazi-Bands im Rocker- Clubhaus. Die kleine Haffstadt wurde zum Treffpunkt beider Szenen. Rechtsrocker von „Skalinger“ tummeln sich ebenso mit Kuttenträgern wie die Mitglieder des einflussreichen „Kameradschaftsbundes Anklam“ oder Anhänger der „Hammerskin Nations“ aus dem nahen Salchow. Eine Person aus der rassistischen „Hammerskin“-Bruderschaft, die als ebenso geschäftstüchtig wie elitär gelten, soll auf einem Stralsunder „Bandidos“-Anwesen einen Szene-Shop betreiben.

Über 75 Prozent der Mitglieder haben Vorstrafen

Präventionsexperten sprechen von so genannten Mischszenen zwischen Rotlichtmilieu, Securitybranche, Neonazis, Hooligans und Rockern. Kontaktpunkte sind gemeinsame Geschäfte und der Glaube an autoritäre Strukturen. „Wenn sie die Begriffe ‚Ehre’ und ‚Treue’ straff untereinander leben“, so urteilt Szene-Kenner Reinhard Koch von der „Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt“ (ARUG) in Braunschweig, „dann werden rassistische Denkmuster zurückgestellt“.

Aus einer internen Anweisung des Bundeskriminalamtes an seine Beamten geht hervor, dass die Mitglieder so genannter „Outlaw Motorcycle Gangs“ (OMCG) – zu denen vor allem die „Hells Angels“, „Bandidos“ und „Gremium“ zählen – zum Teil im Rauschgiftbereich aktiv sind, sie kontrollieren demnach einen beträchtlichen Teil des Haschisch- und Kokainhandels, aber auch den Handel mit synthetischen Drogen. Die Niederlande und Belgien seien wichtige Umschlagplätze. Eine in Dänemark durchgeführte Auswertestudie der Polizeibehörden hat gezeigt, dass über 75 Prozent der Mitglieder sowohl des „Hells Angels MCs“ als auch des „Bandidos MCs“ Vorstrafen haben, von Verstößen gegen das Schusswaffengesetz über Geldwäsche bis hin zu Gewaltdelikten und Mord.

Erwartet keine Gnade

Stolz prahlen manche Kuttenträger mit besonders makabren „Patches“, auf ihren Westen. „One-Percenter“ zum Beispiel,  die ein 1 %-Zeichen in einer Raute auf ihren Westen tragen, bekennen sich offen zur Gewalt. „Filthy few“ als Aufnäher bedeutet der Studie zufolge, dass der Träger eine Person getötet hat, früher seien noch zwei „SS-Runen“ in diesem Abzeichen integriert gewesen. „Dequiallo“ stehe dafür, dass sich der Träger durch Gewalttätigkeiten insbesondere gegenüber der Polizei hervorgetan habe, es signalisiert auch: „Expect no mercy“ (Erwartet keine Gnade). Ein Rocker mit „TCB“ als Patch soll sich bei den „Bandidos“ durch besonderen Einsatz hervorgetan haben. Beim „Gremium  MC“ wurde das christliche Kreuz im alten Colour wohl inzwischen durch ein eisernes Kreuz ersetzt.

Den internationalen Polizeibehörden liegen geheime, interne Richtlinien der beiden größten Rocker-Clubs vor. Aus denen soll hervorgehen, dass eine Vollmitgliedschaft in den MCs durchaus auch Geld kostet. Die Bewährungszeit zuvor als „Prospect“ beträgt ein Jahr, 100 Prozent der Mitglieder eines „Charters“ müssen der Aufnahme zustimmen, bei den „Hells Angels“  fand sie demnach freitags um 20.00 Uhr in Hannover statt.  Bei Verhaftungen gebe es Order, nur den eigenen Name und den eines bestimmten Anwaltes zu benennen.

„Jeder Club hat zwei Kassen“

Während es bei den Höllenengeln heißen soll: „Wer Heroin nimmt, fliegt raus“, registrieren die Beamten eine etwas anders lautende Regelung bei den Konkurrenten von den „Bandidos“: „Ecstasy und Heroin sind im Club nicht erlaubt“. Das Regelwerk bei den „Bandidos“ scheint laut Sicherheitsbehörden jedoch umfangreich: Neue Mitglieder müssten einen Paten haben, das Motorrad eines Prospects gehört seinem Chapter. Jeder Anwärter habe eine Aufnahmegebühr von 275 US-Dollar an den „National Chapter“ zu zahlen. Der „President“ eines „Chapters“ trage sogar die alleinige Verantwortung für den Drogenhandel. „Supporter“ würden intern lapidar als „Laufburschen“ benannt, die angeblich „den Koks holen und verteilen“.

Clubhaus, Telefon, Fax und Internetadresse sind für jedes „Bandido“-Chapter Vorschrift. Insbesondere einige den Behörden vorliegenden, angeblichen Vorschriften erschrecken: Inhaftierte „Member“ erhalten monatlich 1000 Dänische Kronen im Gefängnis. Auch heißt es: „Jeder Club hat zwei Kassen“, eine offizielle und eine inoffizielle. Intern heiße es: die „Hells Angels seien der „Staatsfeind Nummer eins“. Diese Regeln, die wohl über Szene-Aussteiger an die Ermittler gelangten, besagen demnach auch, dass die Standardbewaffnung aller „Bandidos“- Chapter so auszusehen habe: „3-4 Pumpen (Pumpguns), 3-4 Schroter (Schrotflinten), beide mit abgesägtem Lauf, damit sie zwischen die Tanks der HD passen würden.

Quelle: Blick nach Rechts

 

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