Tagesspiegel: Rechtsextremismus – Knast im Kopf


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Weggesperrt bleibt Kay Diesner noch eine ganze Weile. Foto: K. Kleist-Heinrich, dpa
Weggesperrt bleibt Kay Diesner noch eine ganze Weile. – FOTO: K. KLEIST-HEINRICH, DPA

Seit 16 Jahren sitzt er im Gefängnis, weil er mordete im Kampf gegen die Demokratie. Lange ließ er sich dafür von Rechten feiern, doch jetzt will Kay Diesner kein Nazi mehr sein.

Er hat den Hass nicht nur rausgebrüllt, er hat ihn gelebt. Jetzt sagt er: „Jeder kommt mal zur Vernunft.“ Kay Diesner hat eines der härtesten rechtsextremen Verbrechen seit der Wiedervereinigung begangen. 1997 schoss er in Berlin den Buchhändler Klaus Baltruschat nieder, vier Tage später tötete er in Schleswig-Holstein den Polizisten Stefan Grage und verletzte dessen Kollegen Stefan Kussauer schwer.

Dieser Kay Diesner will jetzt kein Neonazi mehr sein. Nach 16 Jahren im Gefängnis und obwohl die Haft noch lange nicht beendet ist, soll die Vernunft den Hass besiegt haben. Kann man, darf man das glauben?

Klaus Baltruschat, der durch das Attentat seinen linken Unterarm und den kleinen Finger der rechten Hand verlor, sagt, er und seine Frau könnten nicht hassen.

„Aber das heißt nicht, dass wir ihm verzeihen können.“ Vor etwas mehr als einem Jahr flog die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ auf. Deutschland ist noch heute geschockt von den Verbrechen, die der NSU begangen hat.

Der Berliner Diesner war ein Vorläufer, ein Terrorist, der zum halbautomatischen Gewehr griff im Kampf gegen die verhasste Demokratie. Dafür hat ihn die braune Szene gefeiert. Bei Aufmärschen skandierten Neonazis lange „Freiheit für Kay Diesner“. Er scheint das genossen zu haben, jedenfalls pflegte er bis vor wenigen Jahren den Kontakt zu „Kameraden“. Jetzt soll alles anders sein. Es klingt unglaublich.

Am 2. Januar geht beim Tagesspiegel eine E-Mail ein. „Ich bin für mein Verbrechen vor fast 16 Jahren mit lebenslänglich schuldig gesprochen worden, zudem wurde noch die ,Besondere Schwere der Schuld’ verhängt“, steht da. „Ich bin also seit nun annähernd 16 Jahren in der JVA Lübeck inhaftiert, habe längst mit allen rechtsextremistischen Ideologien und deren Szene gebrochen und will daher nicht weiterhin als Neonazi hingestellt, oder mit diesen in Zusammenhang gebracht werden.“ Absender ist Kay Diesner.

Vermutlich hätte Diesner sich gar nicht gemeldet, hätte er sich nicht über einen Bericht im Tagesspiegel geärgert, der Ende Dezember 2012 erschien. Es ging um das vom Bundesverwaltungsgericht bestätigte Verbot des Vereins „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene (HNG)“. In dem Text wird auch Diesner erwähnt, den die HNG „betreute“ – um ihn, wie andere rechtsextreme Gefangene, hinter Gittern in der Szene zu halten. Das scheint Diesner heute unangenehm zu sein.

„Bedauerlicherweise ist es so, dass ich auch von der neonazistischen Szene immer noch als ,Märtyrer’ instrumentalisiert werde, obgleich ich mich ganz klar von alledem abgewandt habe“, heißt es in der Mail. „Ich muss aber anmerken, dass die Art der bisherigen medialen Berichterstattung solche Denkweisen und Annahmen in den rechtsextremen Kreisen unterstützt, denn ich werde in aller Öffentlichkeit immer noch so dargestellt, als wäre ich Teil dieses Milieus.“

Ist das ein Täuschungsmanöver, weil Diesner, heute 40, endlich aus dem Gefängnis heraus will und hofft, die Medien einspannen zu können? Oder sollte es ihm ausgerechnet in Haft gelungen sein, dem braunen Knast im Kopf zu entkommen?

Das wäre eine nicht unmögliche, aber doch ungewöhnliche Geschichte. Viele Rechtsextremisten werden hinter Gittern noch fanatischer. Aus einer rechten Häftlingsclique kommt man nur schwer heraus. Ein Aussteiger wird meist von den Ex-Kameraden drinnen wie draußen verfemt und muss Rache fürchten. Und was Hass und Gnadenlosigkeit anrichten, weiß Diesner nur zu genau.

Am Morgen des 19. Februar 1997 stürmt Diesner, ein pechschwarzes Gewehr in der Hand, in Berlin-Marzahn in ein Buchgeschäft. Der Laden befindet sich unter dem Büro von Gregor Gysi, doch Diesner wartet nicht, bis der prominente Politiker der Linkspartei, damals noch PDS, erscheint. Der Neonazi schießt auf den ersten Menschen, den er im Laden sieht – den Buchhändler Klaus Baltruschat. Dass der überlebt, ist ein Wunder.

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