Welt: Das Grauen der 22 KZs in 26 Kilometern Akten


Nirgendwo sind mehr Informationen über Tote und Überlebende von NS-Verbrechen zu finden als im nordhessischen Bad Arolsen. Jetzt wird der Internationale Suchdienst neu aufgestellt. Von Sven Felix Kellerhoff


Transportakten des Vernichtungslagers Auschwitz gehören zu den Beständen des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen. Der ITS (International Tracing Service) dokumentiert das Schicksal von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung

Foto: picture alliance / dpaTransportakten des Vernichtungslagers Auschwitz gehören zu den Beständen des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen. Der ITS (International Tracing Service) dokumentiert das Schicksal von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung

Mehr als 50 Millionen Hinweise über 17,5 Millionen verschiedene Menschen auf fast 90 Millionen einzelnen Dokumenten: Das sind ungeheure Mengen Material. So viele Informationen erschließt die Zentrale Namenskartei des Internationalen Suchdienstes (International Tracing Service / ITS) in Bad Arolsen.

Ganz überwiegend handelt es sich um Namen von Opfern verschiedenster NS-Verbrechen – von ermordeten oder überlebenden KZ-Insassen über Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bis hin zu im Zweiten Weltkrieg verschleppten Menschen, den sogenannten Displaced Persons. Darunter waren 1945 Hunderttausende Kinder.

Ab sofort steht der 1943 in Großbritannien gegründete und seit 1946 in Nordhessen ansässige Dienst auf einer neuen rechtlichen Grundlage – im Alter von fast 70 Jahren. Denn obwohl nur ein winziger Bruchteil der gegenwärtig etwa 12.000 Anfragen pro Jahr von Überlebenden stammt, bleibt die Aufgabe des ITS bestehen: Menschen zu finden, auch wenn sie längst verstorben sind, und ihre Schicksale aufzuklären.

Ein neuer völkerrechtlicher Vertrag

Hinzu kommt die Bedeutung des Archivs mit mehr als 26 laufenden Regalkilometern Akten für die historische Wissenschaft. Ein großer Teil davon sind Unterlagen aus ehemaligen KZW und von der Gestapo, die alliierte Truppen bei ihrem Vormarsch nach Deutschland 1944/45 sicherstellten.

Außerdem sind seit Ende des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Materialien hinzugekommen: Unterlagen, die Angehörige auf der Suche nach vermissten Personen eingereicht haben, Schenkungen, Nachlässe und Kopien aus staatlichen Archiven, die Lücken schließen sollen.


Die Amerikanerin Rebecca Boehling ist die neue Direktorin des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen

Foto: picture alliance / dpaDie Amerikanerin Rebecca Boehling ist die neue Direktorin des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen

Bis Ende 2012 leitete das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) den Suchdienst und stellte den Direktor. Seit Anfang Januar gilt nun, zunächst und bis zur endgültigen Ratifizierung vorläufig, ein neuer völkerrechtlicher Vertrag zwischen Deutschland und zehn weiteren Staaten, der die Existenz dieser Institution langfristig sicher stellt. Zeitgleich hat sich das IKRK zurückgezogen aus dem Dienst, der jetzt von der US-Historikerin Rebecca Boehling für mindestens die kommenden fünf Jahre geleitet wird.

Persönliche Gegenstände von Häftlingen

Ansonsten ändert sich wenig: Die Kosten in Höhe von gegenwärtig knapp 14,5 Millionen Euro pro Jahr trägt weiterhin, wie schon seit 1949, der Bundeshaushalt. Der Standort, Ende 1945 ausgewählt, weil Bad Arolsen ungefähr in der Mitte der vier damaligen Besatzungszonen Deutschlands lag und vom Krieg verschont geblieben war, wird ebenfalls dauerhaft festgeschrieben.

Mit knapp 300 Mitarbeitern ist der ITS heute der drittgrößte Arbeitgeber in dem Heilbad im Waldecker Land. Seit 1997 war die Digitalisierung des gesammelten Materials neben der Bearbeitung von Suchanfragen die Hauptaufgabe. Jetzt sind nur noch Teile der Korrespondenz zu erfassen. Deshalb werden in den kommenden Jahren verstärkt Stellen wegfallen. Der Etat wird damit mittelfristig sinken.

Neben den schier unübersehbaren Dokumentenbergen gehören auch Funde aus NS-Lagern zu dem ITS-Bestand, sogenannte Effekten. Es handelt sich um rund 2900 persönliche Gegenstände von Häftlingen, die überwiegend aus dem KZ Neuengamme und aus Dachau stammen, außerdem in viel geringerer Menge aus anderen Haftstätten. In den meisten der 22 Hauptlager des deutschen KZ-Systems mit seinen mehr als tausend Außenlagern wurden die Effekten vermutlich vom Wachpersonal geplündert.

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