Endstation RECHTS: „Die Unsterblichen“ noch nicht begraben: Werbetour mit neuem Strategiepapier


Screenshot_Unsterbliche
Vom Verbot der „Spreelichter“ erwarteten die Behörden eine nachhaltige Schwächung des „Unsterblichen“-Phänomens. Tatsächlich sind die dokumentierten Aktionen der maskierten Neonazis in den letzten Monaten zurückgegangen. Zerschlagen wurden die „Bewegung“ aber keineswegs. Ein nun im Internet veröffentlichter Leitfaden könnte der Aktionsform sogar neue Impulse verleihen.
In den letzten Jahren durchlief die rechtsextremistische Szene vielfältige Wandlungsprozesse. Die NPD als wichtigste Kraft der parteipolitisch organisierten extremen Rechten veränderte ihr Selbstverständnis, von einer reinen Wahlpartei mit deutsch-nationaler Ausrichtung zu einer Bewegungsformation, einer Kampfgemeinschaft, in der sich hoch motivierte Überzeugungstäter organisiert haben, um das „liberalkapitalistische“ System zu überwinden.

Zeitgleich erhielten die „Autonomen Nationalisten“ (AN), die sich in Stil und Habitus an den linken Autonomen orientieren und damit vergleichsweise „modern“ wirken, großen Zulauf. Charakteristisch für die AN ist ihre „Do-it-yourself-Mentalität“ und ihre Gewaltaffinität: Militanz ist in ihrem Weltbild, das sich ansonsten aus einem Potpourri verschiedener rechtsextremer Strömungen zusammensetzt, fest verankert. Sie wird planvoll und gezielt eingesetzt. Opfer sind vor allem politische Gegner und Polizisten als Repräsentanten des verhassten „Systems“.

Die Szene wird jünger, aktionsorientierter und militanter. Ausdruck dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die „Unsterblichen“, die einigen langjährigen Szenemitgliedern gar als Hoffnungsträger im „Kampf um den Endsieg“ galten. Ihr spontanes Auftreten, die geheimnisvolle Maskerade mit dem Hauch des Mystischen, sorgte gerade bei jüngeren Sympathisanten für Begeisterung.

Die Behörden wollten dieser neuen „Gefahr“ einen Riegel vorschieben. Das brandenburgische Innenministerium verbot mit der „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“ („Spreelichter“) die „geistigen Mütter und Väter“ der „Unsterblichen“. Tatsächlich gingen in der Folge die dokumentierten Aufmärsche der Neonazis zurück, ohne gänzlich zu verschwinden. Eine völlige Ausschaltung ist kaum möglich, denn bei den „Unsterblichen“ handelte es sich um eine Aktions-, nicht um eine Organisationsform, der sich verschiedenste Gruppierungen bedienen können.

Trotz des Verbots blieb die Internetseite der „Bewegung“ online. Dort holen die Aktivisten nun zu einem neuen Schlag aus und veröffentlichen einen Leitfaden ihres Konzepts unter der Bezeichnung „Voraussetzung“, der umgehend von dem rechtsextremen Portal „Altermedia“ aufgegriffen wurde. Ziel ist die Rekrutierung neuer Sympathisanten. Dazu werden auch neue Werbemotive präsentiert.

Einleitend stellen die Strategen das Konzept vor: „Die UNSTERBLICHEN gibt es, damit das Anliegen mit einem Bild verknüpft wird, das ohne großen Aufwand von jedem verwendet werden kann. Das erhöht den Wiedererkennungswert der Aktionsform und setzt im Idealfall selbst dann Inhalte, wenn eine Aktion ohne viele Worte auskommen muss oder gar misslingt. […] die Inhalte nicht zu verwässern und die Aktionsform nicht zu einer „Maskerade mit nationalen Inhalten“ zu degradieren“, heißt es dort.

Gleichzeitig grenzt man sich von gewalttätigen Auswüchsen der Szene ab – wenn auch aus taktischen Gesichtspunkten: „[…] so falsch wäre es, diesen auch nur im Ansatz mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Auch warten die Medien der Demokraten nur darauf, die UNSTERBLICHEN endlich als furchteinflößenden Mob von Randalierern darstellen und so das politische Anliegen ausblenden zu können. Um die Deutungshoheit nicht aus der Hand zu geben, dokumentieren die UNSTERBLICHEN ihre Aktionen und verbreiten sie im Internet.“

Die „Unsterblichen“ versuchen, mit ihrer Bewegung in die Mitte der Gesellschaft vorzustoßen, dort Fuß zu fassen. Es sei gelungen, viele Mitstreiter zu gewinnen, „die zuvor nie mit politischem Aktivismus in Berührung kamen“. Dabei handle es sich um „ganz normale Arbeiter, Studenten, junge Eltern sowie deren Freunde und Bekannte – einig im Ziel, das Anliegen der UNSTERBLICHEN zu verbreiten.“ Deshalb trage man auch keine „Szeneklamotten“ und gebe sich keine Gruppennamen.

Vor eine parteipolitische Karre möchten sich die Vordenker aber nicht spannen lassen. Wie bei vielen andern Phänomen der Szene auch, hat die NPD bereits Anstrengungen unternommen, auf den „fahrenden Zug zu springen“. Besonders das von den „Unsterblichen“ gewählte Thema „demografischer Wandel“, im Szenejargon „Volkstod“ genannt, stößt auch in Parteikreisen auf höchstes Interesse. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass in Mecklenburg-Vorpommern ein Umzug der „Unsterblichen“ stattfand, kurz nachdem eine NPD-nahe Postille das Thema aufgriffen hatte.

Anhänger des „Unsterblichen“-Konzeptes sehen sich selbst als „Vollblut-Aktivisten“, die den Kampf um die Erhaltung der „deutschen Volkssubstanz“ 24 Stunden am Tag, bei allen Gelegenheiten und auf allen Ebenen führen. „Für die UNSTERBLICHEN ist klar: Politische Inhalte sind wichtig, viele Themen sind wichtig, Propaganda ist wichtig. Und all diesen Anliegen werden sie im passenden Rahmen gerecht, aber nicht als UNSTERBLICHE, sondern auf politischen Veranstaltungen oder mit Wort und Tat im Familien- und Freundeskreis“, schreiben die Autoren der „Vorraussetzung“.

Durch diese „Guerilla-Taktik“ wird es schwer, der Aktionsform habhaft zu werden, zumal ihre Attraktivität für die Szene ungebrochen scheint. Das Verbot der „Spreelichter“ war ein erster Schritt, nun müssen weitere Maßnahmen folgen. Auch der Zivilgesellschaft.

Foto: Screenshot
Quelle: Endstation Rechts

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