Mitteldeutsche Zeitung: Schulungen im europäischen Netzwerk


VON ANDREAS FÖRSTER,
Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt

Beate Zschäpe, hier mit Uwe Böhnhardt, im Jahr 2004 (ARCHIVFOTO: BKA)

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BERLIN/MZ. Die Zugangsstraßen zum niedersächsischen Hetendorf waren am 21. Juni 1997 von der Polizei abgeriegelt. Wer die Kontrollen passieren wollte, musste sich ausweisen. Anlass war die „7. Hetendorfer Tagungswoche“, ein seit 1991 jährlich stattfindendes Treffen der rechtsextremen Prominenz Deutschlands. Veranstaltungsort war das Anwesen Hetendorf 13, das der Hamburger Anwalt und Millionär Jürgen Rieger zu einem Schulungszentrum von überregionaler Bedeutung für die Neonazi-Szene ausgebaut hatte. Zu den von Rieger veranstalteten Schulungen kamen aktuelle und kommende Führungskader der rechtsextremen Szene. Rieger, so formulierte es Niedersachsens Verfassungsschutz nach dessen Tod im Oktober 2009, „war eine Art Spinne im Netz des Rechtsextremismus“.

An jenem 21. Juni 1997 stoppten die Beamten an der Straße nach Hetendorf ein Fahrzeug mit Jenaer Kennzeichen. Darin saßen – das geht aus den Polizei-Akten hervor, die jetzt dem NSU-Bundestags-Untersuchungsausschuss vorliegen – Beate Zschäpe und Andre K., die damals zum Kern der Jenaer Sektion des Neonazinetzwerks „Thüringer Heimatschutz“ gehörten.

Gut ein halbes Jahr später sollte die Polizei in einer von Zschäpe angemieteten Garage in Jena auf eine Bombenwerkstatt stoßen, woraufhin sie mit ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in die Illegalität abtauchte. Zu den Unterstützern der ersten Jahre gehörte ihr Begleiter aus Hetendorf, Andre K., der dem Trio unter anderem Geldspenden zuleiten sollte.

Brisante Verbindung

Nach dem Umzug der Drei nach Zwickau im Jahr 2000 griff ihnen dort vor allem André E. unter die Arme – auch dieser Neonazi hatte mit seinem in Brandenburg lebenden Zwillingsbruder Maik E. regelmäßig an von Rieger veranstalteten Schulungen und Treffen führender deutscher Rechtsextremer teilgenommen. Der Jenaer Neonazi Ralf Wohlleben hatte ebenfalls Umgang mit Rieger. Wohlleben soll dem Trio zwei Waffen verschafft haben, darunter die Ceska, mit der Mundlos und Böhnhardt neun Migranten ermordet haben sollen.

Die durch Polizei- und Verfassungsschutzakten belegte Verbindung Zschäpes und der wichtigsten Helfer des Trios mit Rieger ist brisant – von den Ermittlern wurde sie bislang jedoch offenbar nicht ernst genommen. Die Bundesanwaltschaft jedenfalls vertritt in ihrer Anklage gegen Zschäpe den Standpunkt, dass es sich beim Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) um eine abgeschottete, auch innerhalb der Szene isolierte Terrorzelle handele. Aber könnte das Zwickauer Trio nicht Teil eines rechtsterroristischen Netzwerkes gewesen sein, nur eine von mehreren, autonom agierenden NSU-Zellen? Nein, sagen die Ermittler.

Dabei wäre die Verbindung Zschäpes und der NSU-Helfer zu Rieger, der ab 2008 NPD-Vizechef war, durchaus solch ein Indiz. Denn bereits im März 2003 hatte der italienische Inlandsgeheimdienstes AISI dem BfV Informationen über ein Treffen europäischer Neonazis im November 2002 übermittelt. Nach dem Treffen im belgischen Waasmunster berichteten – so heißt es in dem AISI-Bericht – italienische Neonazis „in einschlägigen Kreisen, sie hätten bei vertraulichen Gesprächen von einem Netzwerk militanter europäischer Neonazis erfahren.

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