Hajo Funke: Warum war Hitler am Ende der Weimarer Republik erfolgreich?


                                                                                                                                                            Stand: 27. Januar 2013

 

Warum war Hitler am Ende der Weimarer Republik erfolgreich?

      Zum „Erlösungsantisemitismus“ der nationalsozialistischen Bewegung[1]

 

1.Einleitung:

Die Bücherwand, vor der der vierundachtzigjährige Psychoanalytiker Henry Lowenfeld in einem geräumigen Apartment gegenüber dem Central Park West 1984  in New York zum Interview mit mir Platz genommen hatte, war beeindruckend. Sie enthielt die Werke von Goethe, Franz Kafka und Siegmund Freud – Werke, die er schon als zehnjähriger in der Bibliothek seines Vaters Raphael Löwenfeld in der Grolmanstraße im Wohnbereich des Schiller-Theaters hatte für seinen Vater vom Regal nehmen dürfen und so seine Liebe zu Büchern entwickelt. Die Bibliothek in New York enthielt nicht mehr Hitlers Mein Kampf. Das Buch hatte er mehr als 50 Jahre zuvor gelesen.

„Meine Frau und ich (sagte er) hatten damals einen ganz kleinen, etwa zwei Jahre alten Jungen und hatten als Hilfe ein sehr nettes Mädchen – einfach brav nett hübsch. Sie liebte das Kind. Wir hatten sie gern und sie war gern bei uns. Eines Tages traf sie irgendwie einen jungen Mann in der Stadt, sie befreundeten sich sehr und kamen einander immer näher. Da sagte er: „Ja, aber warum bleibst du denn bei den Juden da?“ Daraufhin hat sie natürlich gesagt: „Ich habe eine gute Stellung, das Kind ist furchtbar lieb und nett.“ Darauf wieder er: „Aber eben das ist jüdisch.“ Nein, sagte sie, „das ist doch ganz gleichgültig.“ Er hat ihr dann „Mein Kampf“ zu lesen gegeben: „Da wirst du sehen, dass du dort nicht bleiben kannst.“ Sie hat es nicht gelesen. Aber ich, sagte Henry Lowenfeld. Vom Anfang bis zum Ende. Danach war mir klar, dass für die Juden nichts zu machen war. Es war absolut klar. Denn er hat in dem Buch genau beschrieben, dass er sie vernichten will. Man hat sehen können, dass er eine richtige psychiatrische Paranoia hatte, denn er beschrieb genau, wie er in Wien auf der inneren Straße einen so genannten Kaftanjuden, also einen Juden im Kaftan sah und wie im Blitz plötzlich alles verstand. Die sind schuld an allen Problemen, am Kapitalismus, am Kommunismus, an der Armut und an was immer. Eine paranoide Idee. Wissen Sie, Leute, die eine Paranoia haben, haben eine ungeheuer gewaltige Stoßkraft. Kein Mensch kann so sicher sein wie ein Paranoiker.“

 

Nach der Lektüre von „Mein Kampf“ war dem Berliner Psychologen Heinrich Löwenfeld klar, dass es Hitler in seinem Wahn ernst sei. Die frühe Einsicht des jungen Berliner jüdischen Psychoanalytikers in die politisch ideologische Ausrichtung des Nationalsozialismus und seiner Vernichtungsenergie hat wenig – weder in den 30er Jahren, noch auch nach 1945 – Beachtung gefunden. 1998 konstatierte Micha Brumlik, dass es eine vernünftige soziale und historische Wissenschaft zur Analyse des Wahnglaubens des Nationalsozialismus, eine Analyse der politischen Religion des Nationalsozialismus bis auf wenige Ausnahmen kaum gäbe. Am ehesten sind es noch Studien von Klaus Vondung und Klaus-Eckehard Baersch, die die politische Religion des Nationalsozialismus (Baersch) aus der Hermeneutik der Ideologen des Nationalsozialismus entwickeln und hierbei das Besondere einer politischen Religion zu fassen versuchten, die im Glauben an ihre Selbsterlösung in der Apokalypse der absoluten Krise Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und durch die Weimarer Republik mit dem antisemitischen Wahn machte.

Wie war es möglich, die bürgerliche Ordnung auch unter den schwierigen Bedingungen der zweiten Hälfte der Weimarer Republik in der Schnelligkeit und Radikalität, wie sie stattgefunden hat, aufzugeben und einer faszinierten Selbstdemontage anheim zu geben?[2]  Wie kann besser verstanden werden, dass dieser politischer Kult am Ende der Weimarer Republik einen solchen gesellschaftlichen Zuspruch erfuhr, dass er die nationalsozialistische Bewegung an die Macht brachte?

Das Konzept der politischen Religion mag zur Analyse des Nationalsozialismus geeignet sein, um den besonderen politischen Glauben der NS Führung, ihre kultisch-praktische Umsetzung zu erklären und auf ihre gesellschaftliche Rezeptionsbereitschaft zu analysieren, die sich neben den über Jahrzehnte gefestigten kulturellen Codes des Antisemitismus aus der Intensität der epochalen Krisenerfahrung und einer nur partiellen Säkularisierung in der Weimarer Republik speiste. Es handelt sich bei der politischen Religion des NS um einen besonderen „göttlichen“ Anspruch, namentlich auf Erlösung der „Volksgemeinschaft”, deren Ansprüche auf Befreiung von der politischen Moderne und den Juden als weltliche Heilserwartung formuliert werden: als eine politische, immanente Religion, diese Ansprüche hier und jetzt zu realisieren.[3]

2.Die Anfänge der Weimarer Republik

Die sozialen Erschütterungen, die mit 1914 begannen, waren keineswegs aufgehoben. Denn so wie man mit den ersten Fanfaren des Ersten Weltkriegs begeistert in den Krieg gezogen war, so dramatisch endete der erste Weltkrieg: mit einer insbesondere im Militär nicht verwundenen Niederlage, die ein Teil der Generalität öffentlich mit Erfolg und unter Mobilisierung der „Dolchstoßlegende” auf diejenigen schob, die vernünftiger Weise den verlorenen Krieg mit ihrer Unterschrift beendetet hatten. Mit diesem von Deutschland und Österreich gestarteten, sinnlosen und bis zum Untergang geführten Krieg war unendlich viel Elend und Zerstörung verknüpft, wie es in Bert Brechts „Trommeln der Nacht“ dramatisiert worden war, ebenso wie in Ernst Maria Remarques  „Im Westen nichts Neues“. Beide beschreiben die mentale und physische Zerstörung der Kriegsgeneration. Mit dem traumatischen Ende des emphatisch begonnenen Weltkriegs endete auch das Kaiserreich und damit das, was für die alten bürgerlichen und nationalen Eliten der Bezugspunkt ihrer Ordnungsvorstellungen war.

Die Novemberrevolution war vor allem eine Konsequenz dieser Niederlage und unter den ökonomisch und sozial schwierigen Bedingungen weniger oder kaum eine begeistert gefeierte nationale und demokratische Revolution, in der die Gesellschaft sich entschloss, gegen die Abenteurer des Krieges im Militär, Adel und Kaiser als Volk über sich selbst verfügen zu wollen. Stattdessen war es mehr eine Revolution aus der Krise  – und der Verzweiflung. Die Weimarer Republik war damit von ihrem Ursprung an beschädigt. Sie hatte keinen demokratischen Konsens und schon gar nicht einen demokratischen Mythos entfalten können, der ein genügend großes Integrations- und Legitimationspotential auch für die bereithielt, die an den verzweifelten breiten Rändern noch für die Republik hätten gewonnen werden müssen. Die Kommunisten wollten einen revolutionären Weg, der allein angesichts der Machtverhältnisse von außen, aber auch der ökonomischen Verhältnisse von innen schließlich und vor allem der Schwäche der Revolution unrealistisch war.

Kurt Sontheimer zeichnet präzise nach, dass die Demokratie von Weimar nicht das Ergebnis einer demokratischen Volksbewegung, sondern eher das Produkt einer Aporie war: eine Demokratie quasi aus Verlegenheit, eine „improvisierte Demokratie“ (Theodor Eschenburg). Denn es war nach dem ruhmlosen Ende der Monarchie mit dem Ende des Kriegs kaum etwas anderes möglich, als die abgelebte konstitutionelle Monarchie in eine parlamentarische Republik umzuwandeln. Dabei war das Ergebnis der Revolution mehr die Zurückdrängung der sozialistischen Revolutionäre als die Geburt einer parlamentarischen Demokratie.

Die unvermeidliche Annahme des Versailler Vertrages hat darüberhinaus zu einer Quelle des Hasses und der Erbitterung nicht nur gegenüber den damaligen Feindmächten, sondern alsbald auch gegenüber jenen, die die Weimarer Koalition gebildet hatten, geführt. So wurden aus den Verbänden des Selbstschutzes, die in Revolutionstagen entstanden waren, den Heimwehren, den Soldatenorganisationen und nicht zuletzt den für die „Erhaltung deutschen Bodens“ kämpfenden Freikorps offen antidemokratische, gegen die Weimarer Staatsschöpfung arbeitende Gruppen (Sontheimer 1962:  22). Viele unter ihnen hatten ihre Hoffnung auf eine Reaktivierung des Geistes der Augusttage von 1914 – des nationalistischen ‚Gemeinschaftserlebnisses’ im Krieg – gesetzt und waren durch die Revolution, den als „Diktatfrieden” wahrgenommenen Versailler Vertrag und die Verfassung zutiefst enttäuscht.

„In dieser Zeit, schreibt August Winnig, wurde die nationale Bewegung zur Opposition“ (ebd.: 23). Man sah die völkische Idee und die Ehre der Nation preisgegeben, gerade auch durch jene Republikaner, die in den Jahren 1918 und 1919 sich vehement für die Republik eingesetzt hatten. Sie trafen auf den wütenden Widerstand der Nationalisten, die bis zum Ende der 20er Jahre in der Öffentlichkeit keineswegs dominierten, aber ihrer unversöhnlichen Haltung gegenüber der Republik treu blieben, ehe sie Ende der 20er Jahre eine mächtige Geistesbewegung der so genannten konservativen Revolution geworden waren.

Die kurze Zeit der Weimarer Koalition

So verblieben in der Mitte diejenigen, die die Weimarer Republik verteidigten, Sozialdemokraten, geschwächt durch ihre Abspaltung nach links, das autoritäre, keineswegs wirklich republikanische Zentrum und kleine liberale Parteien wie die DDP  – die erste Weimarer Koalition. Sie hatte zwar eine Dreiviertelmehrheit im ersten Reichstag, aber bald nach Außen wie nach Innen mit schwerwiegenden ökonomischen Restriktionen ebenso wie mit außenpolitischen und innenpolitischen Verwerfungen zu kämpfen, ehe sie mühsam zu einer ökonomisch politischen Stabilisierung kam, die nach weniger als fünf Jahren, 1929, erneut einstürzen sollte. So war die Weimarer Republik von ihrem Ursprung her beschädigt, durch ihre mangelnde Integrationsfähigkeit, durch eine darnieder liegende Ökonomie und durch schwerwiegende Reparationsverhandlungen mit mächtigen europäischen Nachbarnationen, die über Deutschland gesiegt hatten, sowie durch Traditionen des individuellen und gesellschaftlich Autoritarismus in einer brüchigen Verfassung.

Mit der Ausnahme der ersten zwei Jahre war die Weimarer Republik eher durch politische Indifferenz, ja Feindschaft von Seiten des Mittelstandes und großer Teile der gehobenen Gesellschaft gekennzeichnet, so dass es nur mehr der ungünstigen wirtschaftlichen und politischen Konstellation bedurfte, um dem antidemokratischen Denken den Weg zur politischen Massenwirkung zu bahnen. Aber auch die, die zur Weimarer Koalition zählten, waren nur halbwegs mit dem Weimarer Staat identifiziert. Noch am ehesten mochten die Liberalen darin ein Gebilde sehen, das ihrer Vorstellung vom Staatswesen entsprach. Aber sie verloren, wie der Niedergang der Deutschen Demokratischen Partei symptomatisch zeigt, ihre relative politische Bedeutung mit dem Niedergang der Republik. Auch das katholische Zentrum hatte durchaus andere Vorstellungen als die einer liberalen Demokratie westlichen Musters. Schließlich waren die Sozialdemokraten enttäuscht, dass ihr Ideal einer sozialistischen Demokratie nicht Wirklichkeit wurde.  Sontheimer resümiert, dass eigentlich niemand diese Republik solchermaßen wirklich wollte, selbst die nicht, die sie dann mehr schlecht als recht gegenüber ihren rabiaten Gegnern verteidigten. Sie konnte kaum einer der wichtigen sozialen Gruppen wirklich befriedigen und ist selbst den pro-republikanischen Akteuren mithin als ein „Gerüst der Not“ (Schieler) vorgekommen. – Aus ihr entstand mit der Inflationskrise 1923 und trotz einer relativen Stabilisierung in den wenigen Jahren dazwischen mit der Weltwirtschaftskrise seit 1929 eine sich ausdehnende und einander verstärkende Krise ökonomischer,  politischer und kultureller Orientierungen. Theodor Adorno hat die damit verbundene Mentalität als Ausdruck einer doppelten Krise des Autoritären in Erziehung nach Auschwitz angesprochen. Es wäre noch angegangen, so sinngemäß Adorno, wenn die Strukturen  der autoritären Ordnung irgendwie hätten Bestand haben können. Nun, da sie in und mit dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie zerbrochen waren, kam es zu einer prekären gleichsam autoritären Rebellion, die alles, auch das gewissermaßen traditionell autoritäre zerschlug und eine neue Ordnung vor allem autoritärer Aggressionen an die Stelle zu setzen versuchte. Gewiss galt dies lange nicht für Mehrheiten, aber doch für so viele, dass es ihnen gelang, die Weimarer Republik von innen auszuhöhlen. Die strukturelle Schwäche ungefestigter demokratischer Akteure und ihr fehlender gesellschaftlicher Rückhalt hat nicht zuletzt seine Ursache im autoritären Kern der post-wilhelminischen deutschen Gesellschaft, die von den autoritären politisch-kulturellen Modi der Vergangenheit gezeichnet blieb, und der besonderen Schwäche eines selbstbewußten politischen Bürgertums in der „verspäteten Nation”. In der institutionalisierten und kulturellen Vorgeschichte der Weimarer Republik und der „Angst vorm Chaos“ hat die politisch-kulturelle Sehnsucht nach autoritären Lösungen „mit harter Hand” eine zentrale Quelle. Die mehrfache Instabilität begünstigte und verstärkte eine „autoritäre Sehnsucht” nach einer Regierung per Dekret und am Parlament vorbei, was die Weimarer Verfassung mit ihrem staatsautoritären Notstandsartikel (Art.48), der dem Reichspräsidenten entsprechend umfassende Vollmachten verlieh, ermöglichte und seit 1929 Realität war.  Dabei war  der politische Autoritarismus der Notverordnungen Hindenburg und Brünings nur die eine Seite und nicht einmal das entscheidende. Denn er  korrespondierte mit einem psychologischen und gesellschaftlichen Autoritarismus, der sich seit dem Kaiserreich in einer spezifischen Weise verändert hat. Denn es war ja so, dass die alten, schon prekären autoritären Orientierungen und Strukturen, wie sie im Untertan ausgezeichnet beschrieben sind, mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und dem Sturz des Kaiserreiches ihre besondere Legitimität verloren hatten, die alten etablierten Autoritäten des Kaiserreichs zerfallen, gestürzt waren (Adorno), aber daraus große Teile der deutschen Bevölkerung nicht eine demokratische und  nicht autoritäre Konsequenz gezogen hatten, sondern verzweifelt und erschüttert nach einer neuen, nicht gekannten, wirksameren Autorität gesucht hat. Gleichsam in autoritärer Rebellion gegen die alten Autoritäten. Sie haben sich in ihrem rebellischen Autoritarismus jenen zugewandt, die in besonderer Weise gegenüber den alten wie den demokratischen Strukturen destruktiv agierten und rebellierten und in einer Art rebellischen Gehorsam sich den den Ideen der konservativen Revolution und den Strukturen der Hitlerjugend und der nationalsozialistischen Bewegung selbst übergeben haben. „Darum haben dann die Autoritätsstrukturen je nun destruktive und – wenn ich so sagen darf – irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht hatten, jedenfalls nicht offenbarten. (Adorno,  Erziehung nach Auschwitz: 91). Auch wenn – zuvor – das Potenzial, wie es im Untertan beschieden worden ist, gegeben war, so war es doch in den Grenzen der autoritären Stabilität zu Zeiten des Kaiserreichs gewissermaßen gebunden, ehe es mit dem Ersten Weltkrieg entfesselt worden war und sich dann doch bei zu vielen durch die Weimarer Republik hindurch gehalten hatte, ehe es mit dem Zerfall der Legitimität der Weimarer Republik, erst recht seit der Weltwirtschaftskrise in Gestalt der nationalsozialistischen Bewegung faschistisch formierte. In diesem Sinn war  die Repräsentation dieses politischen, psychologischen und gesellschaftlichen Autoritarismus eben nicht mehr der Hindenburg der Kaiserzeit, sondern der (kommende) Hitler der neuen Zeit.

Die antidemokratischen Rechten

Sontheimer unterscheidet innerhalb der zunehmend konsolidierten Akteure der antidemokratischen Rechten der Weimarer Republik: die alten Nationalen und die jungen Nationalisten sowie die nationalsozialistische Bewegung.

(1)Die alten Nationalisten hatten im wesentlichen schon vor 1918 bestanden, so Verbände und einflußreiche Lobbygruppen wie der pan-germanische und antisemitische Alldeutsche Verband oder der offen imperialistische Flottenverein. In diesen antidemokratischen Gruppen wilhelminischer Prägung spielte vor allem das antisemitische Ressentiment „der gestürzten Schichten“, die sich in ihnen zusammen fanden, eine zentrale Rolle (vgl. ebd. 27/28).

(2) Einer zweiten Gruppierung nationalistischer Gegner der Weimarer Republik waren die frühen Nationalsozialisten zuzurechnen: „die Völkischen“. Als deutsch-völkische Freiheitspartei, später als NSDAP organisierten sie schon in der wilhelminischen Zeit vorhandene geistige Strömungen, die sich in besonders extremer Form gegen die neue Republik richteten. Anders als die Nationalisten waren sie weniger oder gar nicht restaurativ, verglichen mit den neuen Nationalisten weniger geistig inspiriert, sondern eher Repräsentanten „primitiver Deutschtümelei“ und eines „vulgären Antisemitismus“ „kleinbürgerlichen Zuschnitts“ (ebd. 37). Aber in der Verbindung mit den Ideen des neu mobilisierten ethnischen Nationalismus, dem wie Sontheimer schreibt „produktiven Kern des antidemokratischen Denkens der Weimarer Republik,“ „erhielt die völkische Ideologie des Nationalsozialismus etwas mehr Format“ (ebd.). Es war dann die Macht einer Massenbewegung großen Stils, die auch die Sympathien derer anzog, die als neue Nationalisten für einen revolutionären Sturz der Weimarer Republik eintraten.

(3) Dagegen waren die agitatorisch virulenteren Gruppen diejenigen, die als neue Nationalisten erst in der Weimarer Republik selbst entstanden waren und sich im Wesentlichen in und nach dem Jahr 1919 formierten. Im Bewusstsein, ihre Feuertaufe im Kriege empfangen zu haben, waren sie ebenso gegen die als spießbürgerlich identifizierten alten Nationalisten der wilhelminischen Zeit wie gegen die Vertreter der Weimarer Koalition gerichtet. Begeistert vom Kriegspatriotismus des Jahres 1914 sahen sie ihr Ideal in einer gemeinsamen Aufgabe einer geeinten Nation, die nicht zuletzt in den mit den Grenzschutzaufgaben im Osten betrauten Freikorps ihre Identität fand. Sie waren Kämpfer, zum Teil in paramilitärische Orden umgewandelt, geeint im Hass gegen die Roten, aber auch gegen die Juden und vielfach gegen die Republik. Erfahren in der Selbsthilfe zur Erhaltung ihres Staates gegen den bestehenden demokratisch-republikanischen Staat der Weimarer Republik – eben konservative Revolutionäre.

Auch wenn nur eine kleine Gruppe, so waren die in den frühen Jahren der Weimarer Republik im Juniklub um Möller van den Bruck und im politischen Kolleg zu Berlin vereinigten Gruppen und Individuen die Ideenträger, die weit in das nationale Deutschland hinein hatten wirken können, weil der Resonanzboden dafür offenbar offen blieb und mit dem Ende der Weimarer Republik seit 1929 sich ungeheuer ausdehnen ließ. Zu den Hausorganen des Juniklubs zählten „Der Ring“ und „Das Gewissen“. Zu den Jungkonservativen rechneten sich M.H. Böhm, Rudolf Pechel und nicht zuletzt Edgar Jung. Später hat die von Hans Zehrer herausgegebene Zeitschrift Tat  nicht  zuletzt durch dessen journalistisches und geistiges Geschick einen besonderen Einfluss gewinnen können (vgl. ebd. 33). Zu den einflussreichen Schriften zählen Möller van den Brucks „Drittes Reich“ (1923 erstmals erschienen), Othmar Spanns „Wahrer Staat“ (1921), Edgar Jungs „Herrschaft der Minderwertigen“ (1927), Oswald Spenglers „Neubau des Deutschen Reiches“ (1924) sowie Carl Schmitts Schriften gegen den Parlamentarismus (1923) und über den „Begriff des Politischen“ (erstmals 1928). Sie waren in den Jahren der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik als Opposition mit vergleichsweise geringen Kräften diejenigen, die die Ideen für den späteren nationalsozialistischen Massenzulauf entwickelt hatten, ohne selbst automatisch Teil dieser Bewegung zu werden.

Die konservative Revolution

Es waren nicht zuletzt konservative Revolutionäre, wie die Brüder Jünger, die diesen „Geist“ des Irrationalismus radikalisierten und politisierten. So heißt es in der von Friedrich Georg Jünger formulierten Schrift „Der Aufmarsch des Nationalismus“ aus dem Jahre 1926: „Das Leben ist kein voraussetzungsloses Spiel des Gehirns. Es ist streng gebunden… es ist vor allem blutmässig, das heißt Bestandteil einer Gemeinschaft des Blutes, an deren Lebenskern es teilnimmt… Das Bewusstsein dieser Blutgemeinschaft fordert den Kampf gegen alle das Blut schwächenden, die Geistgemeinschaft fördernden Bewegung…. Der Nationalismus hat etwas berauschendes, einen wilden blutmäßigen Stolz, ein heroisches mächtiges Lebensgefühl. Er besitzt keine kritischen, analysierenden Neigungen. Er will keine Toleranz, denn das Leben kennt sie nicht. Er ist fanatisch, denn alles blutmäßige ist fanatisch und ungerecht…“ (zitiert nach ebd. 57).

Der Beschwörung der Kampf- und Todeserlebnisse,  ihre heroische Überbietung und die damit verbundene Weg-Blendung tödlicher Angst: einen heroischen Realismus und Nationalismus finden wir insbesondere bei Ernst Jünger: „Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht, und wir erkennen mit Stolz unsere Herkunft an. Daher sollen unsere Wertung auch heroische, auch Wertungen von Kriegern und nicht solche von Krämern sein, die die Welt mit ihrer Elle messen möchten“ (zitiert nach ebd. 103). In seinen zwischen 1926 und 1932 vor allem verbreiteten Schriften ‚Der Kampf als inneres Erlebnis’, ‚Totale Mobilmachung’ und ‚Der Arbeiter’ entfaltete Ernst Jünger seine Propaganda des neuen Nationalismus  als „unbestrittener geistiger Führer des jungen Nationalismus“, der er die zivile Welt verächtlich gegenüber stellte. „Dem Elementaren aber, das uns im Höllenrachen des Krieges seit langen Zeiten zum ersten Male wieder sichtbar wurde, treiben wir zu. Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschlagen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat. Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß. Wir aber sind keine Bürger. Wir sind Söhne von Kriegen und Bürgerkriegen, und erst wenn dies alles, dieses Schauspiel der im Leeren kreisenden Kreise, hinweggefegt ist, wird sich das entfalten können, was noch an Natur, an Elementarem, an echter Wildheit, an Fähigkeit zu wirklicher Zeugung mit Blut und Samen in uns steckt. Dann erst wird die Möglichkeit neuer Formen gegeben sein“ (Tagebuch vom 21.9.29, zitiert nach ebd. 104). Es ist der Typus des stahlharten Frontkämpfers, der vom Krieg nicht lassen kann, sondern als seinen nationalen Auftrag begreift, der gegen Ende der Weimarer Republik im „Arbeiter“ zu einer planetarischen Größe aufgebauscht wird, die dem Erdball ein neues Gesetz und ein neues Gesicht geben sollte. Dieses Gegenbild zum Bürger, der nie zur Gestalt werden kann und daher von der Zeit zerfressen wird, ist vielleicht das faschistischste Buch Ernst Jüngers und macht wie seine anderen Werke das Kriegserlebnis gegen die Weimarer Pazifisten zu einem Politikum, ja zu einer politisch-strategischen Absicht nationaler Selbstbehauptung in der Emphase neuer militärischer Formationen und neuer Kriege. Von dieser Ideologik hat Ernst Jünger auch später wenig abgestreift (Vgl. die ausgezeichnete Studie von Horst Seferens: Leute von übermorgen und von vorgestern. Bodenheim 1996).

Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1931, „ im Blick auf den 8 Jahre danach ausbrechenden 2. Weltkrieg nicht ohne ergreifende Klarsicht (Sontheimer)“: „Wenn ein jüngerer Mann … an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat … dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf, zum Himmel empor, fragen „Warum?“-   „Weil, junger Mann, zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann, lauter Kriegsbücher, die man dort ausgestellt hatte; sie waren von ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herum drapiert worden, und die Buchhandlung hatte für diese ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den Ersten Preis bekommen …  Da standen Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mordes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann.“ (Tucholsky, Kurt: Die brennende Lampe, Hamburg 1952: 142)

Mit der bereits zitierten Untersuchung Kurt Sontheimers zum Antidemokratischen Denken in der Weimarer Republik, ist 1962 der Rolle dieses Denkens für die Auflösung der Weimarer Republik in wegweisender Form Rechnung getragen worden. Dieses antidemokratische Denken gehört wesentlich zur inneren Labilität der Weimarer Republik und zu ihrem verhängnisvollen Scheitern. Es war wesentlich mit dafür verantwortlich, dass es nie eine angemessene Zustimmung zu den Grundentscheidungen der Weimarer Verfassung in der Öffentlichkeit und in der Bevölkerung gegeben hat, und damit zur liberalen Demokratie auf deutschem Boden: „Die Weimarer Republik“, so Sontheimer, „ging nicht zuletzt daran zu Grunde, dass es ihr nicht gelang, ein eigenes Staatsbewusstsein zu entwickeln“ (Sontheimer 1962: 13).

Dabei ist das antidemokratische Denken nicht nur dafür verantwortlich gewesen, dass es weite Kreise für die nationalsozialistische Bewegung geistig empfänglich machte, sondern auch, dass es zunächst einmal der demokratischen Republik die geistige Unterstützung versagte, deren sie so dringend bedurft hätte. Dadurch wurde der Raum frei für die erfolgreiche Agitation der Nationalsozialisten und jener anderen Gruppen, die das Weimarer „System“ überwinden wollten. Gewiss waren es auch Mängel der liberal-demokratischen Verfassung und ihrer politischen Wirklichkeit, aus der das antidemokratische Denken jener Zeit seine Impulse bezog. Ausmaß und Wirkung, so Sontheimer, der antidemokratischen Kritik haben darum auch die relative Brüchigkeit dieser Demokratie und die genannten politisch-systemischen Schwächen zu ihrer Voraussetzung. Ohne diese Schwächen hätte das antidemokratische Denken nicht eine vergleichbare Virulenz und Ausstrahlungskraft gewinnen können. Andererseits habe die vehemente antidemokratische Kritik wieder zurück gewirkt auf die politischen Verhältnisse und so die innere Festigung der Demokratie verhindert (ebd. 17). Dabei zeigt Sontheimer, dass das antidemokratische Denken systematisch zur Ideologisierung zahlreicher politischer Gruppen und auch Parteien, die ganz bewusst auf die Überwindung der liberalen Demokratie hinarbeiteten, gedient hat. Insofern war dieses Denken „der notwendige „Kitt“ der politischen Opposition gegen Weimar“ (ebd. 18).

3. Antisemitischer Code und kulturelle Voraussetzungen

Die Einbindung der durch den Krieg radikalisierten rechtsextremen Kräfte in die Gesellschaft der Weimarer Republik mißlang. Sie hatten sich nach Jahren verbrecherischer Aktivitäten nur begrenzt in den Freikorps in ihre Milieus zurückgezogen, ohne je integriert zu sein. Von noch größerer Bedeutung für den Aufschwung der nationalsozialistischen Bewegung nach 1930 aber war der Umstand, in welchem Ausmaß in den nationalkonservativen Milieus, Parteien und Organisationen sich mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der frühen Weimarer Republik ein antisemitischer Code erneut vertieft hatte. Auch wenn dies in Teilen der Historiografie lange Zeit infrage gestellt worden war – die offensichtliche Attraktivität des Antisemitismus hatte lange nationale Wurzeln. Zusammen mit der Abgrenzung gegen Frankreich hat die Abgrenzung zu den Juden „eine große Rolle gespielt: man wollte völkisch, nicht Jude sein“, so Peter Longerich (zitiert nach Frankfurter Rundschau 20.4.02). Das sei nicht nur von konservativen Parteien gefördert worden – auch  Berufsorganisationen wie der Handlungsgehilfenverband und Vereine wie der Alpenverein hätten durchgesetzt, „unter ihren Mitgliedern dürften keine Juden sein; der Ausschluss aus diesen Organisationen“ bilanziert Longerich, markiere den Übergang „zu der Forderung, den Juden die staatsbürgerlichen Rechte abzuerkennen.“ (vgl. ebd.) Diese Haltung war nicht neu, aber sie war eben auch in der Weimarer Republik verbreitet und an sie konnte in der Situation, in der das Vertrauen in die Republik erneut aufbrach und schließlich zerbrach, im Sinne einer aggressiven Projektionsfolie angeknüpft und nach 1933 als Antisemitismus der Tat Staatsideologie werden.

Dieser Antisemitismus war nicht nur für einen Teil von Literaten und Rechten, sondern für beträchtliche Teile der Bevölkerung attraktiv. Der Krieg, und mehr noch die frühen Jahre der Weimarer Republik, erschütternde politische Umwälzungen und dunkle Visionen künftiger Katastrophen, schürten darüber hinaus eine allgemeine apokalyptische Stimmung, die diesem kulturellen Antisemitismus als weit verbreitete anti-moderne Welterklärung im Deutschland der Weimarer Republik ausgesprochen entgegenkam. In vielen Ländern kristallisierten sich die Hoffnungen, die Befürchtungen und nicht zuletzt die Hassgefühle entlang der wichtigsten politischen Frontlinie: Furcht vor der demokratischen Revolution, der politischen und kulturellen Moderne und den Juden. Die Vielen, die die Revolution fürchteten, identifizierten ihre Führer mit den Juden.

In Deutschland aber kam zur Furcht vor der „Roten Gefahr“ und zum  weit verbreiteten nationalistischen Ressentiment  eine antisemitische Erlösungshoffnung – „die explosivste ideologische Mischung“. Der Antisemitismus in Deutschland mag am Vorabend des 1. Weltkriegs im Vergleich zu dem in Frankreich, Österreich oder Russland nicht extremer als in anderen europäischen Ländern gewesen sein. Gleichwohl war er tief in Teilen der Gesellschaft verankert, als kultureller Code sowohl in katholischen Schichten wie in nationalprotestantischen, in der Rechten wie unter  Unterstützern der Republik. Vor allem hatte es im Zuge einer autoritären ökonomischen Modernisierung in Deutschland in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße antijüdische Parteien und organisierte antijüdische Vereine gegeben. Kaum ein professioneller Berufsverband verzichtete auf einen ausgrenzenden „Judenparagraphen”. Radikale Stimmen im konservativen Lager forderten schon 1902 die „völlige Absonderung” der Juden und schlossen auch, „wenn die Notwehr es gebietet”, die „Vernichtung des Judenvolkes” nicht aus (zit.n. Zolling, Peter: Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart, München 2005, 70). Solche Aussagen zeigen, so Peter Zolling in seiner autoritativen Deutschen Geschichte, „dass der gefährliche Antisemitismus keine Erfindung Adolf Hitlers und der Nazis war. Im völkischen Gewand wurde er vielmehr schon im Kaiserreich mit den Jahren salonfähig“ (Zolling 2005, 71). Und dies gilt insbesondere für die den politischen Antisemitismus im Wilhelminischen Kaiserreich, der mit diesem einflußreichen Antisemitismus – verkörpert nicht zuletzt in maßgeblichen Lobbygruppen wie dem Alldeutschen Verband – einherging. So resümiert Zolling:  „Was war das für ein Land, das sich über andere Völker so erhob und dessen Bewohner zugleich eine schon komisch anmutende unterwürfige Ehrfurcht vor der Staatsautorität, akademischen Titeln, preußischen Leutnants und einer verknöcherten Adelskaste an den Tag legten” (Zolling 2005, 73). Während die politische Modernisierung blieb, wurde den Juden in Deutschland das Bürgerrecht nur auf Zeit gewährt.

Der Berliner Antisemitismusstreit Ende der 1870er Jahre hatte eine solche Wirkung, dass Shulamit Volkov in der Gesellschaft breit sedimentierte Stereotype rekonstruiere, den antisemitischen Code ausmachen konnte. (Vgl. Shulamit Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. München 1990). Fritz Stern notiert die Verschiebung der Einstellungen seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in seiner Biografie Gerson Bleichröders, des Bankiers Bismarcks: „Tatsächlich hatten sich in seinen (Bleichröders) mittleren Lebensjahren die deutsche und die jüdische Gesellschaft zu dem seit Jahrhunderten ruhigsten, am wenigsten gestörten Einvernehmen zusammengefunden; im vorgerückten Alter (er starb 1893) erlebte er die erste organisierte Absage an dieses Einvernehmen, und gerade sein Erfolg wurde als Rechtfertigung der Absage verwertet.“ (Vgl. Zolling 2005)

In den 1890er Jahren war dieser Antisemitismus auch aufgrund von Misserfolgen der antisemitischen Parteien wieder zurückgetreten – nicht ohne jedoch bereits vor dem 1. Weltkrieg – mit den Reichstagswahlen des Jahre 1912 – erneut anzuwachsen. Die Deutsch Nationale Volkspartei hatte in ihren Statuten festgeschrieben, Juden könnten nicht Mitglied der Partei werden – Ein Hinweis auf einen „radikalen Antisemitismus, der zum Fundament einer breit angelegten Bewegung in der Weimarer Republik wurde,“ so Longerich (vgl. ebd.) Diese einflussreiche Deutsch Nationale Volkspartei hatte so ihre Ursprünge im rechtsradikalen Milieu, das bereits am Ende des 19. Jahrhunderts jenseits der NSDAP entstanden war. Diesem in Organisationen und Milieu sedimentierten Antisemitismus korrespondierte auch ein Alltagsantisemitismus in beträchtlichen Teilen der deutschen Bevölkerung sowie in der Öffentlichkeit. Darauf weisen Lokalstudien hin. Zur massenhaften Verbreitung paranoider Projektionen tödlicher jüdischer Weltverschwörung gehörte nicht zuletzt die vermeintlichen „Protokolle der Weisen von Zion“, die 1895 zunächst von zaristischer Geheimpolizei heimlich fabriziert, nun nach dem Zerfall des zaristischen Regimes, dem Verschwinden der Dynastie der Hohenzollern und der Habsburger, eine völlig neue Bedeutung gewann und als Beweis für die Existenz dunkler Kräfte betrachtet wurde, die für die Niederlage der Nation im Kriege und für das revolutionäre Chaos verantwortlich war. Die  Rechte entfesselte und reanimierte aber vollends die antisemitische Hetze, wonach jüdisches Geld und jüdischer Geist die Kontrolle über die goldene und die rote Internationale ausübten und Arbeiter als von jüdischer Hetze aufgestachelte vaterlandslose Gesellen deuteten, hinter denen als Drahtzieher das jüdisch internationale Großkapital stehe. Die extreme Rechte nutzte diese Konstellation und reaktivierte Organisationen und schuf neue. Dabei ist die Entwicklung des Alldeutschen-Verbandes besonders aufschlussreich. Ihr Präsident Heinrich Claß, entwarf ein Programm zur vollständigen Vertreibung der Juden aus dem deutschen öffentlichen Leben, aus öffentlichen Ämtern, den intellektuellen Berufen und aus Banken und Zeitungen. Das Ziel dieses Verbandes war, unter nationalistischen Vorzeichen eine Massenbewegung zur Erzielung politischen Wandels dazu zu schaffen, die „jüdische Rasse aus dem öffentlichen Leben der Nation auszuschließen.“ Die Gründung des Verbandes, die ganz eindeutig mit den Wahlen von 1912 in Verbindung stand, war nur ein weiterer Beweis dafür, wie entschlossen sich die neue Rechte gegen „Juda“ zu „verteidigen“ gedachte. Der Antisemitismus war in breiten Kreisen vor dem 1. Weltkrieg präsent – der politische Durchbruch in seiner radikalsten Form aber vollzog sich erst mit dem Entstehen der Nationalsozialisten.

So überschwänglich wie der Beginn des 1. Weltkriegs nicht nur in Deutschland aber besonders in Deutschland gefeiert worden war, so zerstört und verzweifelt war seine Lage am Ende des 1. Weltkriegs. Und es war bezeichnend, dass in der historischen Situation, in der sich das erste Mal erkennbar die Niederlage der Deutschen im ersten Weltkrieg abzeichnete, der Antisemitismus erneut explodierte. Er war konkret vorbereitet und in einem gewissen Sinne organisiert worden durch die während des 1. Weltkriegs 1916 durchgeführte Judenzählung. Deren Ergebnisse, weil sie für die Juden positiv ausgegangen waren, waren nicht vor Ende des 1. Weltkriegs veröffentlicht worden, die Zählung bot gleichwohl erneut einen politischen Anlass, in den Juden die Ursache der Niederlage zu suchen.

4. Erlösungsantisemitismus als Kern der nationalsozialistischen Bewegung[4]

Es war das Milieu unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, aus dem heraus sich die rechtsextremen und nicht zuletzt auch die nationalsozialistische Bewegung gebildet hatte und ihre frühen und späteren Protagonisten rekrutieren konnte: die Hitler, Goebbels, Himmler und Rudolf Höss. Von Anfang an war deren Propaganda antisemitisch. Fraglich ist lediglich, um welche Radikalität des Antisemitismus es sich handelte. War es der „übliche“ völkische Antisemitismus – oder war es (schon) jener Erlösungsantisemitismus, der in seiner Radikalität das Gesicht des Dritten Reichs prägen sollte? Und war er letztlich exterminatorisch? Friedländer beschreibt, wie in den frühen Veranstaltungen Adolf Hitler zunächst den demagogischen Techniken anderer völkischer Redner sehr nahe stand und seine Argumente nicht über die üblichen völkischen  Geschichtsinterpretationen hinaus reichten.  „Was ist denn aus der Stadt des gutmütigen Wiener geworden?“, fragt er am 27. April 1920 in einer Rede mit dem Titel „Politik und Judentum“ und zur Antwort rief er aus „ein zweites Jerusalem.“ Unter dem Einfluss Dietrich Eckarts ist mit seinem Buch „Mein Kampf“ bei Hitler die volle Gewalt des apokalyptischen antijüdischen Kampf  entfaltet worden. In einem Zwiegespräch zwischen Eckart und Hitler „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin“: Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir“ (herausgegeben von Dietrich Eckart) womöglich ohne Hitlers Wissen geschrieben – kommt gleichwohl etwas Spezifisches zur Geltung, das für die Kennzeichnung der politischen Ideologie in „Mein Kampf“ von Bedeutung ist. Danach ist nicht der Bolschewismus als solcher 1917 in Russland an die Macht gekommen, der zu bekämpfende Feind, sondern das zerstörerische Wirken des Judentums generell und auch im Bolschewismus. Somit ist das Wirken „des Juden“ das wesentliche Thema der Obsession. Der Nationalsozialismus in dieser frühen Form ist damit nicht primär Panikreaktion auf die Bedrohung durch den Bolschewismus (wie dies Ernst Nolte vertreten hat) (Friedländer 1998: 113). Friedländer betont die apokalyptische totalitäre Qualität dieses Gesprächs: „Eckarts Pamphlet ist gewiss eine der extremsten Darstellungen des Juden als der Kraft des Bösen in der Geschichte. Ganz am Ende des Textes fasst „er“ (d.h. Hitler) das letzte Ziel des Juden zusammen:“ ’es ist wohl so’ , meint er, ‚wie du [Eckart]einmal geschrieben hast: man kann den Juden nur verstehen, wenn man weiß, wohin es ihn letzten Endes drängt. Über die Weltherrschaft hinaus, zur Vernichtung der Welt.’“ Dieses Motiv taucht, wie Friedländer betont, in „Mein Kampf“ wieder auf: „Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.“ „So glaube ich heute im Sinne des Herrn zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herren.“ (ebd.) Hier, in „Mein Kampf“, fand der Erlösungsantisemitismus seinen Ausdruck,  als Kennzeichen von Hitlers Weltanschauung, die innere Konsequenz seines fanatischen Glaubens einer Kombination von totalem Glauben und einer Sehnsucht nach Mobilisierung der Massen und radikaler Aktion.

Adolf Hitler begriff seine programmatischen Assoziationen wie seine Politik als Ausdruck einer politischen Weltanschauung:. Er sieht „in der Erreichung der politischen Macht nur die Voraussetzung für den Beginn der Erfüllung ihrer eigentlichen Mission. Schon im Wort „Weltanschauung“ liegt die feierliche Proklamation des Entschlusses, den Handlungen eine bestimmte Ausgangsauffassung und damit sichtbare Tendenz zugrunde zu legen. Eine solche Auffassung kann richtig oder falsch sein; Sie ist der Ausgangspunkt für die Stellungnahme zu allen Erscheinungen und Vorgängen des Lebens und damit ein bindendes und verpflichtendes Gesetz für jedes Wirken“ (zitiert nach Friedländer , Saul: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 bis 1939. München 1998, 86). Friedländer sieht in dieser Äußerung Hitlers  einen quasi religiösen Rahmen, der kurzfristige politische Ziele mit umfasste, im Kern aber eine politische Religion darstellt, „welche die totale Hingabe verlangt, die man einem religiösen Glauben schuldet.“ (ebd.) Dass der sichtbaren Tendenz Endziele vorausgehen, hatte Adolf Hitler nicht erst seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre angedeutet oder formuliert, sondern „viel früher, als unreifer politischer Agitator“, „in seinem berüchtigten ersten politischen Text, den Brief über die „Judenfrage“, den er am 16. September 1919 an einen gewissen Adolf Gemlich gerichtet hatte und in der er „das Ziel einer systematischen antijüdischen Politik definiert“ hatte: „Kurzfristig mussten die Juden ihrer Bürgerrechte beraubt werden: „das letzte Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.““ (vgl. ebd.) Von „Erlösungsantisemitismus“ spricht Saul Friedländer dann, wenn über den rassistischen Antisemitismus hinaus der Kampf gegen die Juden der beherrschende Aspekt einer Weltanschauung ist, in der andere rassistische Themen nur sekundäre Anhängsel sind (vgl. ebd. 101). Im Kern geht dieser Erlösungsantisemitismus aus der Furcht vor „rassischer Entartung” und aus dem religiösen Glauben an Erlösung hervor. Der Hauptgrund der Entartung war das Eindringen der Juden in das deutsche Gemeinwesen, die deutsche Gesellschaft und in den deutschen Blutkreislauf. Das Deutschtum und die „arische Welt“ waren auf dem Weg ins Verderben, wenn der Kampf gegen die Juden nicht aufgenommen würde; dies sollte ein Kampf bis aufs Messer sein. Die Erlösung würde als Befreiung von den Juden kommen – als ihre Vertreibung, wenn möglich ihre Vernichtung (vgl. ebd. 101f).

4.Sich durch die Zeit der Weimarer Republik ziehende Szenen antisemitischer Gewalt

 

Anders als die Vorstellung der Weimarer Republik als eine der jedenfalls zeitweilig relativen Stabilität zeigen neuere historische Studien (so Michael Wildts Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung) die Gesellschaft der Weimarer Republik als eine mit einem vergleichsweise schwachen Rechtsstaat, in der auch antisemitische Gewalt nicht hat systematisch abgewehrt werden können. Es war gewissermaßen üblich, die schon in den begeisterten Tagen vor dem Ersten Weltkrieg entfachte Volksgemeinschaftsstimmung als eine nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch die Spione im Inneren gerichtete Gemeinschaft der Exklusionen zu begreifen. Während man aber am Beginn des Ersten Weltkriegs gegen die Spione des Feindes mobilisierte, wandte man sich wenige Jahre später gegen die Juden, die für die Niederlage verantwortlich gemacht werden sollten. Die Information der obersten Heeresleitung über einen alsbaldigen Waffenstillstand im September 1918 traf die deutsche Öffentlichkeit wie ein Schock (36). Revolutionäre mit jüdischer Herkunft wie rosa Luxemburg, Hugo Haase oder Eugen Leviné schienen die antisemitische Weltsicht zu bestätigen, dass es die Juden seien, die dem deutschen Volk einen Dolch in den Rücken gestoßen hätten. (69) Parallel zu den antijüdischen Pogromen in Polen, Weißrussland und der Ukraine versuchte man auch in Deutschland, mit Pogromen zu drohen. Als ein organisatorisches Zentrum der antisemitischen Kampagne benennt Michael Wildt den Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund, dessen Mitgliederzahl von 5000 im Jahr seiner Gründung 1919 auf rund 180000 bis Mitte 22 angewachsen war. Millionen von Flugblättern und Handzetteln trugen dazu bei, dass es in zahlreichen Fällen zu Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen insbesondere gegenüber jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa kam, denen man bolschewistische Propaganda unterstellte. Der Führer der bayerischen Volkspartei erklärte im April 1920 in Würzburg, dass die 80.000 verlausten Ostjuden hinausgeworfen werden sollten. (71)

Das Krisenjahr 1923 führte dann auch zu schweren Ausschreitungen im November 1923 im Berliner Scheunenviertel gegenüber den dort lebenden Ostjuden. Die Besetzung des Rheinlands durch französische und belgische Truppen hatten im Januar des gleichen Jahres einen von der Reichsregierung unterstützten Widerstand ausgelöst, der für radikale antirepublikanische Gruppen zu einem nationalen Befreiungskampf genutzt wurde und zugleich zu einer absoluten Krise der Finanzen beitrug. So war es wie Wildt schreibt tatsächlich nur ein Funke, um am 5.11.1923 schwere Ausschreitungen im Berliner Scheunenviertel auszulösen (73) in diesen Auseinandersetzungen kam es zur Misshandlungen von jüdischen Repräsentanten etwa des Central-Vereins, zur Plünderung von 200 Geschäften – im Vorwärts vom 8. November als Berliner Juden Pogrom beschrieben. (74)

Auch aus anderen Teilen Deutschlands so aus Oberschlesien insbesondere aus Beuthen wurden antisemitische Ausschreitungen gemeldet, am 5. Oktober ein regelrechtes Pogrom von dort, als einen ganzen Abend lang hunderte von jungen Männern in der Beuthener Innenstadt wüteten, Menschen mit Knüppeln krankenhausreif schlugen. Es kam zu Rufen wie schlagt die Juden tot oder morgen ist Hitler da, dann kaufen wir alles umsonst. (75) Ähnliches wurde vom Zentralverein aus Ostpreußen ebenso gemeldet wie aus Nürnberg oder Halberstadt und damit aus gleich mehreren Regionen, vor allem Schlesien, Ostpreußen, Franken, Sachsen und Nord Oldenburg – Regionen von denen wir wenige Jahre später erneut als Kernregionen der antisemitischen Gewalt hören werden. Michael Wildt ist wichtig, dass zwar die Kampftruppen des deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes den Kern der Gewalttäter ausmachten, diese Gruppen aber nicht allein blieben sondern einen erheblichen Resonanzraum hatten. (77) Womöglich noch wichtiger für die Wahrnehmung solcher Gewalt und ihrer sich ausweitenden Resonanz war es allerdings, dass offenkundig die Polizei kaum Präsenz zeigte, um die Gewalttaten zu beenden. (78) und dies ein erhebliches Fragezeichen für die Verfasstheit der Republik bedeutete. – Aus dem Jahr 1924 berichtet Wildt auf der Basis der Daten des Central-Vereins von einem Ritualmordvorwurf in Breslau – durch den schon damals existierenden Stürmer. Wenig später wuchsen mit den Wahlerfolgen der NSDAP auf dem Land ab 1927 und den Aufmärschen der SA insbesondere in Dörfern Gelegenheiten zur antisemitischen Gewalt so etwa am 6.3.1927 im kleinen hessischen Ort Nastätten (83), bei der es zu einem Feuergefecht mit der Polizei kam (84). Im Januar 28 kam es in Breslau zu Jagden auf jüdisch aussehende Passanten ebenso wie in Chemnitz (84). Immer mehr konnte die SA mit ihren Gewaltaktionen den Weimarer Rechtsstaat herausfordern und nicht zuletzt durch die Agitation von Goebbels in Berlin dem politischen Gegner terrorisieren beziehungsweise  vorführen und einen schon seit 1920 von Hitler gepredigten Antisemitismus der Tat praktizieren. In Bayern, im sächsischen Vogtland, im Rheinland, in Hannover und Ostfriesland, in Berlin und Ostpreußen war dieser Terror besonders aktiv. (86)

Der Psychoanalytiker Hans Keilson (1909-2010) erzählte mir für den Erinnerungsband Die andere Erinnerung seiner Zeit, dass in dem märkischen Provinzstädtchen Bad Freienwalde an der Oder die Anrempeleien und Prügeleien in der Schule ihn schon Mitte der Zwanzigerjahre als damals sechzehnjährigen irritiert hatten. Als er das für ihn wunderbare deutsche Gedicht Die Weber von Heinrich Heine vortragen durfte, stand der Klassensprecher auf und sagte: die Klasse lehnt es ab, dieses Gedicht zu diskutieren, denn es beschmutzt das eigene Nest. Darauf war ich zwei Jahre im so genannten Klassenschiss, das heißt, man sprach zwei Jahren nicht mehr mit mir. Erst zum Abitur lockerte sich die Stimmung aus funktionalen Gründen. – Der völkische, deutschnationale und später nationalsozialistische Milieu des Antisemitismus hatte sich im Vereinsleben, in entsprechenden Vereinigungen und Organisationen durch die Jahre der Weimarer Republik, zunächst vor allem im ländlichen bäuerlichen aber auch kleinstädtischen Regionen wie etwa in Teilen Frankens, Thüringens, Mittelhessens oder Schlesiens, Ostpreußens und Nordfrieslands verankert und neu gesteigert, und Ende der Zwanzigerjahre durch die nationalsozialistische Bewegung zu immer mehr Gewaltakten geführt.

In einer ausgezeichneten Lokalstudie eines mittelhessischen Dorfes hat jüngst die Absolventen des Touro-Colleges, Anna Junge das Verhältnis von ethnischen Deutschen und der jüdischen Minorität vor und nach 1933 nachgezeichnet. Sie konnte zeigen, dass das was nach 1933 geschah, präludiert wurde. Es hatte in diesem Dorf ein eigenes jüdisches auch religiös orthodoxes Leben gegeben. Juden verdienten ihr Geld als Viehhändler oder kleine Kaufleute. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Anteil der jüdischen Gemeindemitglieder an der Dorfbevölkerung mehr als 10% (12,4%) erreicht. 81 Menschen von etwa 700 sahen sich als Juden. Als einige Jahrzehnte später die antisemitische Böckelbewegung vor allem aus klein bäuerlichen Kreisen in dieser Region Erfolge feierte, veränderte sich das Klima offenkundig. Jedenfalls war schon 1905 die jüdische Bevölkerung in diesem Dorf um 33% auf etwa 8% geschrumpft, 1925 auf unter 5%. 1933 gab es noch 14 Personen aus sechs Familien, das heißt noch etwa 2% jüdische Bewohner. – So sehr viele der jüdischen Dorfbewohner begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen waren, so wenig waren sie doch integrierter Teil des Dorfes geworden. Ein gemeinsames Kriegerdenkmal scheiterte an den Vorstellungen des protestantischen Dorfpfarrers. Zwar gab es nachbarschaftliche und geschäftliche Beziehungen, aber doch keine tiefen Freundschaften (32). Und die älteren Dorfbewohner berichteten der Autorin von einer Stimmung der Distanz, teilweise auch der Abwertung (34) gleichwohl, der Durchbruch der nationalsozialistischen Bewegung erfolgte dort nicht schon wie reichsweit Mitte September 1930, sondern erst in den Wahlen vom Juli 1932, als die NSDAP mit 35% mit der SPD (36.3) gleichzog und insbesondere die Gruppen der dortigen Landvolkbevölkerung in sich aufsog, ehe sie in den März Wahlen 1933 mit 52,8% die Mehrheit erhielt und wenig später ein Kern von 25 jungen Männern .(aus den Jahrgängen 1900 bis 1915) die Juden des Dorfes, die geblieben waren, zu terrorisieren begannen.

 

5.Weltwirtschaftskrise, Radikalisierung des Zeitgeistbewußtseins und Sieg der nationalsozialistischen Bewegung. Kein Halten mehr

 

Nach Ali Wacker hätte „eine Untersuchung der Entstehungsgründe faschistischer Folgebereitschaft (…) daher in einen situativ handlungstheoretischen Bezugsrahmen nicht nur individual-psychologische Strukturbildungen zu berücksichtigen, sondern auch Gruppenbindungen, soziale Umfeldbedingungen und Merkmale der sozio-ökonomischen Existenz, die Verhaltensbereitschaften erst entstehen lassen bzw. strukturieren und kanalisieren“ (Ali Wacker: Zur Aktualität und Relevanz klassischer psychologischer Faschismustheorien – Ein Diskussionsbeitrag. In: Gerhard Paul/ Bernhard Schoßig (Hg.): Jugend und Neofaschismus: Provokation oder Identifikation? Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt 1979, S. 105-137, 126). Über Ali Wacker hinaus muss wohl davon ausgegangen werden, dass sich  gegen Ende der Weimarer Republik spätestens seit 1929/1930 eine gleich mehrfache Krise auftut, die sich gegenseitig verstärkt hatte: nach nur wenigen Jahren einer bemühten ökonomischen und politischen Stabilisierung der Weimarer Republik brach 1929 mit der Weltwirtschaftskrise diese Stabilisierung wieder vollkommen auf. Damit legte sie das an rationalen und irrationalen Ängsten und mobilisierbaren autoritären, anti-demokratischen und antisemitischen Ideologien frei, das in den wenigen Jahren zuvor kaum hat wirklich aufgearbeitet werden können. Bei allzu vielen hatten demokratische Werte kaum Wurzeln schlagen können, sondern blieben auf dem Status eines Vernunftrepublikanismus.

Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und einer weiteren Infragestellung der politischen Stabilität durch wechselnde Regierungsmehrheiten – nach dem Ende der Mehrheitsfähigkeit der Weimarer Koalition – war offenkundig für zu viele kein Halten mehr: man sah in der Weimarer Republik keine Antwort auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, der nationalen Niederlage und des Endes der alten Ordnung mehr. Neben der autoritären kommunistischen revolutionären war es eine weit ins rechte bis ins nationale Lager hinein reichende, sich radikalisierende Feindschaft gegenüber der Weimarer Republik, die die Voraussetzung für ein kulturelles Zeitgeistbewusstsein bot, das Karl Jaspers seinerzeit präzise beschrieb. Er hatte in „Die geistige Situation der Zeit“  (Berlin/Leipzig 1931) eine Gesellschaft beschrieben, in der „ein spezifisches Gefühl der Ohnmacht“ (ebd.:7)  sich ausgebreitet hatte „Der Mensch  weiß sich gefesselt an den Gang der Dinge, die zu lenken er für möglich hielt“. Es verband sich mit sich selbst verstärkenden Stimmungen der Bedrohung und eines nationalen Gefühlszustandes allgemeinen Versagens, neben dem dominierenden Grauen vor dem Abgrund entstand ein geradezu verzweifelter Glaube an  einen neuen Aufbruch  und so ein von aller Wirklichkeit und Konkretion  losgelöstes Zeitbewusstsein. An dieses Gefühl um sich greifender Ohnmacht appellierte man, wenn man von Dekadenz, Sinnlosigkeit des Schicksals, der drohenden Katastrophe sprach und diesem nun das Besondere des Außeralltäglichen, das Wunder, den Ruf nach entschiedenem Handeln und großer Dezision, die Beschwörung der Apokalypse und des bevorstehenden Endkampfes und damit zugleich eine messianische Sehnsucht nach dem anderen, nach dem Führer und auf Erlösung und die Verheißung des Neuen dagegenstellte.

Diese Beschwörung aber erfolgte nie ohne die Schuldzuweiseung für all das und die „negativen Seiten” auf den Anderen: die als „Gegenrasse“ konstruierten Juden, die verschwörungstheoretisch als umfassender internationaler Feind hinter jeder Krise, der Schwächung der Nation, den ökonomischen Problemen, hinter Demokratie, Kapitalismus und Kommunismus ausgemacht wurden. Es war dieses Zeitgeistbewusstsein zusammen mit der Erschütterung über das Dahinsiechen der Weimarer Republik, ihren ökonomischen, politischen und kulturellen Schwächen, die der nationalsozialistischen Massenbewegung seit 1930 Erfolg nach Erfolg ermöglichte. Gestützt von den alten Nationalisten, inspiriert von den neuen nationalrevolutionären Nationalisten der konservativen Revolution konnten sie an der vitalistischen Emphase, der Blutsmystik und der grandiosen Selbsterhebung zu neuen militärischen Abenteuern anknüpfen und ebenso elementar gegen die Weimarer Republik wie gegen den mythisierten Feind, den Juden, vorgehen.

Aktionen einer Volksgemeinschaft der antisemitischen Gewaltexklusion – vor 1933

Mit ihrem ungeheuren Erfolg in den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 mit statt wie zuvor 800.000 nun 6,4 Millionen Stimmen, womit sie zur zweitstärksten Partei nach der SPD wurde, die ihrerseits 24,5% der Stimmen erhielt. Zwar gelang es ihr noch nicht, in die katholische Wählerschaft einzubrechen wie 1933, aber auch dann nur in bestimmten Regionen, so war sie doch mit dieser Wahl zu einer Volkspartei etabliert und für alle soziale Schichten zu einer wählbaren Alternative geworden. Für die Nationalsozialisten war der Wahlerfolg das Stichwort für eine dann erst recht gewalttätige Propaganda der Tat. Zur Eröffnung des neuen Reichstags am 13. Oktober 1930 zogen Trupps junger Männer durch die Innenstadt in Berlin, randalierten, zertrümmerten Schaufenster des Kaufhauses Wertheim am Kurfürstendamm und weitere Geschäfte mit angeblich jüdischen Inhabern in der Berliner Innenstadt. Aktivismus, Kampf und Gewalt als Gemeinschaftserlebnis als Strategie der SA seit Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre (91) nach innen befestigten diese Kämpfe in ihrem Zusammenhalt der SA Gruppen; nach außen vermittelten sie ein Bild der Stärke, Disziplin, Unaufhaltsamkeit und Intransigenz des Faschismus (Reichardt) (91) über 2/3 der SA Mitglieder waren unter 30 Jahre alt und gehörten damit zu der entscheidenden Generation 1900 bis 1910/1915 (91).

Diese Formationen der Straße wurden in den folgenden zweieinhalb Jahren aggressiver: in Braunschweig, ebenso wie in Würzburg, in Preußen ebenso wie in Berlin, Hessen und Nord Oldenburg. Dabei zählte die spezifische asymmetrische Gewalt gegenüber auch wehrlosen Juden schon damals auf die Eliminierung der jüdischen Minderheit in Deutschland, die erniedrigt, erschreckt und durch den Terror aus Deutschland vertrieben werden sollte. So versuchten wie Michael Wildt zusammenfasst schon in den Jahren vor 1933 NSDAP und SA die antisemitischen Grenzen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in die deutsche Gesellschaft einzuziehen und mit Gewalt diejenigen auszuschließen, die in ihrer Perspektive in Deutschland kein Daseinsrecht besaßen. (98) Die Diskussion unter Historikern, ob die Nationalsozialisten mit antisemitischen Parolen ihrer Wahlerfolge erzielten oder ob nicht vielmehr eine öffentliche Rücknahme von expliziten antisemitischen Positionen in den Wahlkämpfen zwischen 1930 und 1933 zu verzeichnen sei, um die Wähler nicht zu verschrecken, sei daher Michael Wildt zufolge der Problematik nicht angemessen (ebenda). Die Gewalt der SA machte stattdessen den Antisemitismus zu einer politischen Praxis. Sie war Exklusionsgewalt, die auf Vertreibung und Verschwinden zielte. Die Kommunisten sollten besiegt, die Juden vernichtet werden (99)

Demokratische Institutionen des Rechts und der Wissenschaft unter Feuer

Auch von den Institutionen her wurde die Verteidigung der Republik in dem Augenblick schwieriger, in dem der Einfluss der Reichswehr auf die Regierungspolitik wuchs und der Reichspräsident im Sinne des Ausnahmezustands der Republik einen deutlich nationalautoritären Anstrich gab. Gewiss, es gab die Versuche auch auf der Linken zu einer gemeinsamen politischen Position zur Vermeidung der Machtergreifung Hitlers zu gelangen. Es waren nicht zuletzt die Bemühungen der Linken in der Sozialdemokratie, der Ossip Flechtheims, Richard Löwenthals, Willy Brandts und anderer, die noch 1932 versuchten, auf Alternativen innerhalb der Republik und zur Verteidigung der Republik hinzuweisen. Es gab humanitäre Sozialisten, aufrechte Streiter für eine freie und menschenwürdige und gerechte Gesellschaftsordnung. Es gab pazifistische Literaten, die dem Krieg die heroische Maske vom Gesicht nehmen, aber es gab von ihnen zu wenig und mehr noch: es fehlte an einem Minimum, an geistigem (und politischem) Konsensus, ohne den eine lebendige demokratische Gesellschaft nicht verteidigt werden kann (Sontheimer ebd. 306). Gegen die exstatischen Radikalisierungen kamen die Besonnenen, die Vernünftigen, die Thomas Manns, Flechtheims und Löwenthals offenkundig nicht mehr an. Es war für sie zu wenig öffentlicher Raum zu ihrer Entfaltung gegen die Strategen des Unbedingten, der Polarisierung und der Eskalation.

Wie es in der sozialliberal ausgerichteten Deutschen Hochschule für Politik, der Vorgängerin des Otto-Suhr-Instituts,  vor 1933 aussah, hat die Studie des Historikers Erich Nickel (Politik und Politikwissenschaft. Berlin 2004) dargelegt. Die Entwicklung an der Hochschule ist ein Indiz für die tektonische Verschiebung der politischen Kultur in der Weimarer Republik: Durch das Aufspüren und die Präsentation bisher so nicht ausgewerteter Quellen kann der Autor zeigen, wie der Druck der politischen, aber auch der wissenschaftlich etablierten Institutionen es dieser neuen wissenschaftlichen Institution schwer machte und sie gleichwohl mit der Förderung von Teilen der preußischen Staatsregierung und internationaler Wissenschaftsverbindung sich über lange Zeit zu verteidigen wusste. Schon der Druck von rechts in den frühen Jahren der Weimarer Republik und der dramatische der nationalsozialistischen Bewegung spätestens seit 1932 zeigt, dass die radikale Rechte in der Weimarer Republik ihre liberalen Gegner einzuschätzen vermochte. Rechtsradikale um Hugenberg hatten schon die Gründung der Hochschule blockieren wollen und parallel eine Gegengründung im „Politischen Kolleg“ unter Leitung von Martin Spahn im gleichen Jahr 1920 unternommen. (Dieses Kolleg war  ein Ort der konservativen Revolutionäre, von denen nicht wenige 1933 zu den Nationalsozialisten gehen.) Gegen die Annahme, die der Terminus von der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik signalisiert, ist die sich entwickelnde Institution auch vor der Weltwirtschaftskrise und dem Zerfall der Weimarer Koalition umkämpft.

Die Studie zeigt in einer geradezu dramatischen Darstellung, wie eine liberale Institution in der Phase der Auflösung der Grundlagen der Republik unvermeidlich berührt wird. Nicht nur dadurch, dass  ein Hochschullehrer wie Hermann Heller zur gerichtlichen Verteidigung Preußens gegen den Preußenschlag durch von Papen erneut auf seinen theoretischen Gegenspieler Carl Schmitt trifft.[1] Auch dadurch, dass es gegen Ende nicht mehr gelingt, ausgesprochenen Antidemokraten Lehraufträge zu verweigern. Das frühere Mitglied der DNVP und nunmehrige NSDAP-Mitglied Hans-Heinrich Lammers, später Staatssekretär in der Reichskanzlei Adolf Hitlers lehrte im Wintersemester 32/33 in der Reihe zu den Rechtsgrundlagen der Politik über die Reichs-Verfassung in der Praxis: der Staatsgerichtshof und seiner Rechtsprechung. Diese gesellschaftliche Entwicklung erst eröffnete den Dozenten am rechten Rand, die es gab und die bis 1932 nicht dominierten, den Spielraum, den sie anstrebten: so für jemanden  wie z. B. Max Herbert Böhm und sein Konzept der Volkstumsforschung, mit der er schon nach dem Ersten Weltkrieg die Deutschen aufrief, Mitteleuropa politisch, wirtschaftlich und kulturell zu durchdringen und zu führen. Seine Ideen sollten sich als hoch anschlußfähig für den NS erweisen. Nüchtern resümiert Erich Nickel seine Ergebnisse: Die in den ersten Jahren der Weimarer Republik entstandenen politikwissenschaftlichen Institutionen nahmen bis 33 nach Maßgabe der Umstände trotz der nach 1930 ständig zunehmenden Einengung politischer Liberalität sowie schwindender materieller Ressourcen zu ihrem Unterhalt eine beachtenswerte Entwicklung. Die Gründer und die meisten Mitarbeiter, ob sie nun ins Exil gingen oder im Lande blieben, behielten ihre innere Bindung zu den Verfassungsprinzipien, auf die sich die Hochschule von Anfang an orientiert hatten.« (ebd.: 217) Mitte 1932 gab es kaum noch Chancen für die Republik, gegen den Ansturm der Nationalsozialisten bestehen zu können. Darauf weist eine Beobachtung Karl-Dietrich Brachers hin, die Erich Nickel in den Schlussbemerkungen seiner Dissertation zitiert und in der jener aus einem Gespräch mit den ehemaligen Direktor der Berliner Hochschule, Hans Simons zitiert. Danach hatte Hans Simons in den Tagen des Preußenschlags, in denen er ebenfalls als Regierungspräsident von Liegnitz abgesetzt wurde, sein amtliches Umfeld ausführlich interviewt, insbesondere die ihm unterstellten Polizeieinheiten. Als Regierungspräsident war das Ergebnis der Aussagen bedrückend gewesen. Niemand war zu dieser Zeit „in Erwartung eines Umschwungs“ noch bereit, die Republik zu stützen, man wollte sich „nicht mehr kompromittieren“ (ebd.216).

Die Partei wurde zu einem Zeitpunkt zu einer Bewegung, als sich die Schwächen der Republik sowohl ökonomisch wie politisch deutlicher zeigten und die Kräfte zur Verteidigung der Republik sich als schwach erwiesen. In den letzten drei Jahren vor der Machtübergabe  wurde der Protest gegen die Republik vollends zur mächtigen, letztlich totalitären Volksbewegung. „Es muss doch etwas dran sein“ so fasst Friedrich Meinecke die Haltung des Bürgertums gegenüber der NS-Bewegung zusammen, „sagt man und nähert sich wohlwollend den wilden Männern, die, so meint man, gar nicht so wild seien, wie sie sich im Augenblick gäben. Es seien doch wertvolle Ideen, Kräfte und Menschen in der Bewegung … man lacht über ihre wirtschaftlichen Forderungen, schilt auch in Kreisen der oberen Zehntausend gesittet über ihren Straßenradau – und doch, merkwürdig, geht in diesen selben Reihen das Geraune über die Nützlichkeit und dermaleinstige Verwendbarkeit des Nationalsozialismus sachte weiter“ (Friedrich Meinecke, Nationalsozialismus und Bürgertum in; Politische Schriften und Reden, zitiert nach Sontheimer 1962: 294). So war die Hinwendung breiter deutscher Volksschichten zum Nationalsozialismus nicht nur die Auswirkung der wirtschaftlichen Not, sondern vor allem der konkrete politische Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Republik und den demokratischen Institutionen und einer fundamentalen, politisch-kulturell vorbereiteten Ideologisierung. Schließlich hatten konservative Revolutionäre wie Deutschnationale die Schwächen der Republik genutzt, um ein Klima zu schaffen, in dem sie ihr „Referat Volksbewegung“ (Jung) ausbauen konnten. Der Nationalsozialismus „trieb auf den Wegen  einer antidemokratischen, antiliberalen und antikapitalistischen Stimmung im deutschen Volk, die sowohl durch die Ungereimtheiten der Republik selber, ihre nicht geringen Fehler und Schwächen, ebenso wohl aber auch durch die vehemente Agitation der antidemokratischen Verbände sowie der mit ihnen assoziierten Ideologen geschaffen worden war. Der Nationalsozialismus, nicht als Partei, wohl aber als die breite Massen ergreifende Volksbewegung, war in diesem Sinne auch ihre Bewegung“ (Sontheimer 1962, 294). Und es kam eine außerordentliche Milde der nationalen Kreise hinzu, in der Beurteilung der Tat und Äußerungen der NSDAP. Und so waren es nur noch Reste der Weimarer Koalition, die gegenüber der Bewegung in ihrer Ablehnung verharrten. So lehnten katholische Bischöfe vor 1933 den Nationalsozialismus wegen seiner mangelnden Vereinbarkeit mit den Zielen und Grundsätzen der katholischen Kirche ab, nicht alle, aber doch einige. Und auch Protestanten bezeichneten den Programmsatz vom positiven Christentum der Partei angesichts der wilden antijüdischen Propaganda als Farce und fanden ihn darum unvereinbar mit dem Wesen und den Aufgaben eines wahrhaft positiven Christentums. Es gab auch standfeste Liberale, die nicht meinten, durch ein Quäntchen eigener Nationalismus es den Nationalsozialisten ein wenig gleichtun zu müssen; Sontheimer nennt Theodor Heuss (Hitlers Weg, Eine historisch politische Studie über den Nationalsozialismus, Stuttgart / Berlin / Leipzig 1932), obschon auch dieser Theodor Heuss dann dem Ermächtigungsgesetz zustimmte. Und natürlich warnten militante Sozialisten das in Bewegung und nationalistische Verzückung geratene Volk, wie Sontheimer schreibt, vor dem bevorstehenden Rückfall in die Barbarei und beschworen die Möglichkeiten eines Krieges.

Als zugleich die „Prosperität“ in die Katastrophe umschlug, die radikalen Flügelparteien stetig anwuchsen und man das Ende der Republik voraussah, war auch jeder kämpferische Elan zu ihrer Verteidigung dahin. Auch von den staatlichen Institutionen war die Verteidigung der Republik schwach; sie wurde indes zunehmende schwieriger, als der Einfluss der Reichswehr auf die Regierungspolitik wuchs und der Reichspräsident im Sinne des Ausnahmezustands der Republik eine nationalautoritäre Herrschaft durchsetzte, die von den politischen Massen zu diesem Zeitpunkt bereits gewollt war. Zwar gab es Versuche, auch auf der Linken, zu einer gemeinsamen politischen Position, um die Machtübernahme Hitlers zu vermeiden. Es waren nicht zuletzt die Bemühungen der Linken in der  (Nähe der) Sozialdemokratie, der Ossip Flechtheims, Richard Löwenthals, Willy Brandts und anderer, die noch 1932 versuchten, auf Alternativen innerhalb der Republik und zur Verteidigung der Republik hinzuweisen. Es gab humanitäre Sozialisten, aufrechte Streiter für eine freie und menschenwürdige und gerechte Gesellschaftsordnung. Es gab pazifistische Literaten, die dem Krieg die heroische Maske vom Gesicht nehmen, aber es gab von ihnen zu wenige; sie waren eine Minderheit am Rande der Gesellschaft und es fehlte an einem Minimum eines demokratischen Konsensus, ohne den die Demokratie nicht verteidigt werden konnte.

Gegen die ekstatischen Radikalisierungen und den politischen Wahn kam die demokratische Minderheit nicht an. Es war für sie zu wenig öffentlicher Raum zu ihrer Entfaltung gegen die Strategen des Unbedingten, der Polarisierung und der nationalistisch-antisemitischen Eskalation. Stattdessen dominierte ein nationalistisch-antisemitisches Zeitgeistbewusstsein, gestärkt durch Instabilität und soziale Krise, und den Funktionsverlust der demokratischen Institutionen zugunsten eines nationalen autoritären Regimes. Die nationalsozialistische Bewegung dagegen formierte die gemeinsame „Flucht in den Hass“ (Eva Reichmann).

6.Fazit.[5] Politische Religion der nationalsozialistischen Bewegung

Die Verteidiger der Weimarer Republik kamen nicht mehr an gegen ein sich ausweitendes Bewusstsein von der Möglichkeit eines neuen großen Reiches, dem Glauben an eine kampfstarke Volksgemeinschaft, die zugleich der Wut das entscheidende Ventil bot und dies alles in einer Glaubenszuversicht an den Erlöser der Nation und seine Bewegung. Bei allzu vielen war zum Zeitpunkt der Machtübernahme Hitlers der quasi religiöse Glauben an den neuen Sonnenstaat des sozialen Aufstiegs, der Wiederherstellung nationaler Größe nach der Phase traumatischer Schwäche und Dekadenz durch den Heilsbringer Hitler verbreitet. Mit der Hingabe an diesen neuen Heilsbringer war zugleich die Entfesselung der Gewalt gegen die anderen fusioniert. Denn sie waren es, die man für schuldig an der Niederlage im Ersten Weltkrieg, am Schandfrieden von Versailles und den ökonomischen Katastrophen des folgenden Jahrzehnts erklärte und die man mit dem Terror der SA nun endlich zu entmachten willens war, um so sich in der tätigen Volksgemeinschaft der Exklusionen selbst zu bemächtigen. Allzu viele sahen in der Erreichung der politischen Macht nur die Voraussetzung für den Beginn ihrer eigentlichen erlösungsantisemitischen Mission.

Das Konzept der politischen Religion ist dabei hilfreich, auf den besonderen politischen Glauben der NS Führung hinzuweisen und auf eine gesellschaftliche Rezeptionsbereitschaft zu beziehen, die sich neben den über Jahrzehnte gefestigten kulturellen Codes des Antisemitismus aus der Intensität der epochalen Krisenerfahrung und einer nur partiellen Säkularisierung in der Weimarer Republik, v.a. an ihrem Ende, speist.

Die NS-Massenbewegung war  durch  einen besonderen autoritären Wahrheitsanspruch und einer daraus abgeleiteten (Un-) Moral gegenüber den dieser Religion Zugeordneten verpflichtet. Als politische Religion erfüllt sie die Kriterien eines innerweltlichen Glaubens. Sie ist so wirksam wie die Gesellschaft ihr zuarbeitet, alte religiöse Traditionen – und Ressentiments – inkorporiert  und  die Leute mental und organisatorisch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bindet und unterwirft. Mit der Hingabe an diesen neuen Heilsbringer war zugleich die Entfesselung der Gewalt gegen die anderen fusioniert. Denn sie waren es, die man für schuldig an der Niederlage im Ersten Weltkrieg, am Schandfrieden von Versailles und den ökonomischen Katastrophen des folgenden Jahrzehnts erklärte und die man mit dem Terror der SA nun endlich zu entmachten willens war, umso sich in der tätigen Volksgemeinschaft der Exklusionen selbst zu ermächtigen. Allzu viele sahen in der Erreichung der politischen Macht nur die Voraussetzung für den Beginn ihre eigentliche erlösungsantisemitische Mission.

Als zugleich die Prosperität in die Katastrophe umschlug und die radikalen Flügelparteien stetig anwuchsen und man das Ende der Republik voraussah, war auch jeder kämpferische Elan zu ihrer Verteidigung dahin. Auch von den staatlichen Institutionen war die Verteidigung der Republik schwach; sie wurde  zunehmend schwieriger, als der Einfluss der Reichswehr auf die Regierungspolitik wuchs und der Reichspräsident im Sinne des Ausnahmezustands der Republik eine nationalautoritäre Herrschaft durchsetzte, die von den politischen Massen zu diesem Zeitpunkt bereits gewollt war. Zwar gab es Versuche auch auf der Linken zu einer gemeinsamen politischen Position zu kommen, um die Machtübernahme Hitlers zu vermeiden. Es waren nicht zuletzt die Bemühungen der Linken in der Sozialdemokratie, der Ossip Flechtheims, Richard Löwenthals, Willy Brandts und anderer, die noch 1932 versuchten, auf Alternativen innerhalb der Republik und zur Verteidigung der Republik hinzuweisen. Es gab humanitäre Sozialisten, aufrechte Streiter für eine freie und menschenwürdige und gerechte Gesellschaftsordnung. Es gab pazifistische Literaten, die dem Krieg die heroische Maske vom Gesicht nahmen, aber es gab von ihnen zu wenige; sie waren eine Minderheit am Rande der Gesellschaft und es fehlte an einem Minimum eines demokratischen Konsensus, ohne den die Demokratie nicht verteidigt werden konnte.

Gegen die ekstatischen Radikalisierungen und den politischen Wahn kam die demokratische Minderheit nicht an. Es war für sie zu wenig öffentlicher Raum zu ihrer Entfaltung gegen die Strategen des Unbedingten, der Polarisierung und der nationalistisch-antisemitischen Eskalation. Stattdessen dominierte ein nationalistisch-antisemitisches Zeitgeistbewusstsein, gestärkt von um sich greifender Instabilität, sozialer Krise und dem Funktionsverlust der demokratischen Institutionen zugunsten eines nationalen autoritären Regimes. Die nationalsozialistische Bewegung formierte darüber hinaus die gemeinsame „Flucht in den Hass“ (Eva Reichmann).

 

Literatur:

Adorno, T.W. 1969) : Erziehung nach Auschwitz, in: ders.:: Kritische Modelle 2. Frankfurt am Main

Friedländer, Saul (1989): Es gibt keine Katharsis, in: Hajo Funke: Die andere Erinnerung. Frankfurt

Friedländer, Saul (1998): Das Dritte Reich und die Juden. München

Junge, Annamaria Junge (2012): Niemand mehr da. Antisemitische Ausgrenzung und Verfolgung in Rauischholzhausen 1933–1942. Marburg

Jaspers, Karl (1955): die geistige Situation der Zeit. Berlin 1955

Keilson, Hans (1989):  Anstelle eines Kaddish, in: Funke, Hajo: Die andere Erinnerung. Frankfurt

Lowenfeld, Henry und Yela: „Weihrauch und Giftgas“ – Der Versuch, das Rätsel Hitler zu erklären, in: Funke, Hajo: Die andere Erinnerung. Frankfurt

Mommsen, Hans (1989): Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar. Berlin 1989

Nickel, Erich (2004):  Politik und Politikwissenschaft. Berlin

Schmitt, Carl (1923): Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus. Berlin-München 1923

Sontheimer, Kurt (1962): Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. München 1962

Weitzmann, Peter: Der NS als politische Religion.  Unveröffentlichte Diplomarbeit. Otto-Suhr-Institut

Wildt, Michael (2007): Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Hamburg


[1] Politisch-Kulturelle Vorlesungsnotizen. Touro-College Berlin. Januar 2013 –

Aus: „Endlösung“ als „Erlösung“. Zur politischen Religion des Nationalsozialismus.80 Jahre danach. Unv. Manuskript

[2] Wie kam es zur Massenwirksamkeit der nationalsozialistischen Bewegung? Wie waren die Mischungsverhältnisse beschaffen: Hier eine Sehnsucht nach einer neuen Ordnung – da die anhaltende und wieder mobilisierte Wut und Rache gegenüber dem verzerrt interpretierten Ende des 1. Weltkrieges. Hier die Suche nach einer neuen Gemeinschaft der Wärme, Einfachheit, romantischen Harmonie und dort die Feier von Aggression, Verachtung und Zerstörung. „Dualität von Sentimentalität und Apokalypse… Das ist ja das Merkwürdige: es war nie nur das Eine – Harmonie oder Zerstörung – , sondern es war diese Mischung, die eine so zentrale Kraft im Nationalsozialismus besaß, nicht nur in der Ästhetik, sondern auch im Alltagsleben. Das Kitschige, Neoromantische war mit der Vorstellung der absoluten Destruktion verschmolzen. Diese Faszination war damals eine Realität – eine sehr wirksame.“ (Friedländer 1989: 159)

[3] Das Göttliche wird als in den Menschen einer gegebenen Gesellschaft präsent unterstellt, und die damit verbundenen Ansprüche und Anforderungen müssen mit der Unbedingtheit des Heilsanspruchs gegen die alternative Verderbnis der satanischen Gegenkraft realisiert werden. Solche Hermetik in der politischen Umsetzung dieser religiösen Strömungen erwartet eine existentielle Schlacht zwischen den Gläubigen und den Kräften des Bösen, die vielfach mit biblischen Assoziationen der Schlacht um Armageddon assoziiert wird. Die NS-Massenbewegung verstanden als politische Religion ist durch  einen besonderen autoritären Wahrheitsanspruch und einer daraus abgeleiteten Moral gegenüber den dieser Religion Zugeordneten verpflichtet. Als politische Religion erfüllt sie die Kriterien eines innerweltlichen Glaubens. Sie ist so wirksam wie die Gesellschaft ihr zuarbeitet, alte religiöse Traditionen – und Ressentiments – inkorporiert  und  die Leute mental und organisatorisch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bindet und unterwirft. Wir gehen im folgenden auf die besondere politische und kulturelle Konstellation in der Weimarer Republik, an ihrem Anfang, vor allem aber an ihrem Ende ein. Wir analysieren dabei die Interaktionsdynamik von Akteuren und ihren Ideologien, ihren gesellschaftlichen Rückhalt, und die strukturellen, sozialen und politischen Voraussetzungen, die eine solch destruktive, antisemitische Massenbewegung ermöglichten.

[4] Im Folgenden wird kurz anhand der Schriften und Äußerungen Adolf Hitlers, seines „einflussreichen Freundes Dietrich Eckart“ und seines „Apostels“ Josef Goebbels das besondere des nationalsozialistischen Erlösungsantisemitismus in seiner mörderischen Obsession skizziert.

[5] Dabei läßt sich ein Set von Faktoren profilieren, das übliche monokausale Deutungsschemata unterläuft,  den Niedergang der Weimarer Republik und den Erfolg der politischen Religion des Nationalsozialismus womöglich verständlicher macht.

Politisch-strukturell ist die erste deutsche Demokratie gezeichnet von einer anhaltenden Regierungsinstabilität, die von (1) systemischen Bedingungen gefördert wurde, namentlich die geringen Zugangshürden zum Parlament und die Fragmentierung des Parteiensystems, welche zu ständig wechselnden Koalitionen führte, und (2) durch sozioökonomische Krisenprozesse unterfüttert wurde, die die jeweiligen demokratischen Regierungen nicht zu lösen vermochten. Die massive Inflationskrise und die Weltwirtschaftskrise hinterließen insbesondere in der deutschen Wahrnehmung – Propagandisten gegen die Republik bemühten stets effektiv die Zahl der „sechs Millionen Arbeitslosen” und verknüpften dies mit dem Diskurs über das „Novemberverbrechen” der demokratischen Revolution und dem vermeintlichen „Schandfrieden von Versailles” – das Sentiment, dass die liberale Demokratie nicht geeignet sei, soziale Sicherheit zu realisieren, und dass die Demokraten „das Volk verraten“ hätten.

Diese doppelte Instabilität begünstigte autoritäre Lösungen politischer Konflikte und gravierender gesellschaftlich-sozialer Krisen, und damit die vorherrschende „autoritäre Sehnsucht” – eine Regierung per Dekret und am Parlament vorbei, was die Weimarer Verfassung mit ihrem staatsautoritären Notstandsartikel (Art.48), der dem Reichspräsidenten entsprechend umfassende Vollmachten verlieh, ermöglichte und seit 1929 Realität war. Als Hindenburg diese Macht nutzte, war die Weimarer Republik bereits in sich zerfallen und an ihrem Ende. Die politische und soziale Instabilität der Weimarer Republik wurde insbesondere langfristig verstärkt durch die poltische Schwäche einer demokratischen Mitte und das Scheitern ihrer Akteure, die nie wieder den Erfolg der Parlamentswahlen von 1919, in denen die SPD, das Zentrum und DDP als pro-republikanische Kräfte immerhin drei von vier Stimmen erhielten, wiederholen konnten. Trotz außenpolitischer Erfolge der Republik verloren diese Akteure das vorübergehende Vertrauen und erodierten als parteipolitische Akteure in der Konfrontation mit den radikalen anti-republikanischen Kräften.

Diese strukturelle Schwäche ungefestigter demokratischer Akteure und ihr fehlender gesellschaftlicher Rückhalt hat nicht zuletzt seine Ursache im (3) autoritären kulturellen  Kern der post-wilhelminischen deutschen Gesellschaft, die von den autoritären politisch-kulturellen Modi der Vergangenheit gezeichnet blieb, und der besonderen Schwäche eines selbstbewußten politischen Bürgertums in der „verspäteten Nation”. In der institutionalisierten und kulturellen Vorgeschichte der Weimarer Republik und der „Angst vorm Chaos“ hat die politisch-kulturelle Sehnsucht nach autoritären Lösungen „mit harter Hand” eine zentrale Quelle. Ohne die Mobilisierung ohnehin weitverbreiteter, kulturell sedimentierter völkisch-nationalistischer und antisemitischer Ideologien und Weltdeutungen in Medien und im öffentlichen Raum insgesamt wäre die Weimarer Republik indes kaum in das totalitäre nationalsozialistische Wahn- und Mordregime übergegangen. (d) Sie wurden insbesondere auch mobilisiert von den ständig erstarkenden, nationalistischen bzw. radikal-rechten politischen Akteuren in der Weimarer Republik, die gegen sie agierten und agitierten – mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, einschließlich der Gewalt (die von oft sympathisierenden und kaum demokratisch kontrollierten, schwachen staatlichen Institutionen kaum geahndet wurde). (4) Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die NS-Bewegung als zunehmend breite totalitäre Massenbewegung, spätestens kann man als sich die Weimarer Republik zusehends als unfähig erwies, die Weltwirtschaftskrise ökonomisch und sozial anzugehen.

Überwölbt von breit akzeptierten und kaum demokratisch herausgeforderten antisemitischen und nationalistischen Ideologemen und politisch instabil in ihrem Kern, führte (5) die Interaktionsdynamik von kulturellen Mustern und Modi, vorherrschenden anti-liberalen politischen Weltbildern und diskursiven Mythen, von anti-demokratischen Akteuren und schwachen Institutionen dazu, dass die demokratische Mitte immer kleiner wurde, ja sich selbst abschaffte, und die demokratische Substanz der Weimarer Republik immer weiter erodierte. Dieses Faktorenset soll nun im weiteren genauer untersucht werden.

 

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