9. März 1933, Nürnberg: Der Nazi-Überfall auf die „Fränkische Tagespost“


von Rüdiger Löster

Das Gebäude der "Fränkischen Tagespost" 1930
Das Gebäude der „Fränkischen Tagespost“ 1930

Am 9. März 1933 wurde die „Fränkische Tagespost“ verboten, das Verlagsgebäude von den Nazis besetzt und die Einrichtung zerstört.
Das heutige SPD-Haus in der Nürnberger Karl-Bröger-Straße war von 1930 bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten Sitz der sozialdemokratischen Zeitung „Fränkische Tagespost“. Für die Redaktion waren in den Jahren ihres Bestehens zahlreiche bedeutende Sozialdemokraten tätig, darunter Karl Grillenberger, Kurt Eisner, Philipp Scheidemann und Adolf Braun.
Bereits sehr frühzeitig engagierte sich die »Fränkische Tagespost« gegen den erstarkenden Nationalsozialismus, widmete der Berichterstattung über rechte Umtriebe eine eigene Seite.

Bereits am Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wurde die sozialdemokratische „Fränkische Tagespost“ für zwei Tage verboten. Nach ihrem Wiedererscheinen war sie weiterhin ein Angriffsziel der Nationalsozialisten. Schließlich besetzten SA- und SS-Einheiten unter Führung des „Frankenführers“ Julius Streicher gemeinsam mit der Polizei am 9. März 1933 das Gebäude. Die anwesenden Redakteure, darunter Wilhelm Riepekohl, wurden in »Schutzhaft« genommen.

Wilhelm Riepekohl erinnert sich:

„… Punkt 12 Uhr nachts kamen sie. Wie eine lange Schlange quollen die SA-Schützenlinien aus der Unterführung heraus, einer marschierte hinter dem anderen, dann einer neben dem anderen. Sie sperrten auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Haus der „Fränkischen Tagespost“ von der Umwelt ab. …

Ich drückte den „Polizeiruf“. Im ganzen Hause rasselte es, als wenn eine riesengroße verrostete Weckeruhr schnarrte. Eine Stunde lang knarrte das Geräusch durchs Haus …Dann kamen 3 Überfallwagen der Polizei angerast. … Polizei stand fünf Minuten zwischen den „feindlichen“ Linien.

Gerade als wir die Treppe herunterkamen, drang Polizei und SS ins Haus. … Dann verlangte Streicher geführt zu werden. Wir gingen, umgeben von der mit den Flintenläufen drohenden SS, durch den Keller. Hier lagen die Papierballen und die riesengroßen Rollen für unsere MAN-Rotationsmaschinen. Einige Ballen waren schon auseinandergebrochen und das wertvolle Druckpapier lag verstreut auf dem Boden und wurde von den SA-Stiefeln zertrampelt. Ein paar SA-Leute hieben mit Äxten auf die Rotationsrollen ein, man suchte nach versteckten Waffen. … Plötzlich von draußen und von oben im Hause eine wilde Schießerei. Dann Stille. Danach der Ruf: „Wo ist der Hausmeister?“ Man sucht nach dem Abstellschlüssel für die Wasserleitung. Bei der wilden Knallerei war ein Schuss in ein 3zölliges Wasserrohr gegangen, das quer durch den im 1. Stockwerk gelegenen Setzersaal ging. Und nun schoss das Wasser aus dem geborstenen Rohr in dickem Strahl heraus. Das Wasser wurde abgestellt.

Wir aber wurden für „verhaftet“ erklärt, da angeblich aus dem Hause geschossen worden war. … Die Wohnung Gollers im 5. Stock wurde unser Gefängnis. Während dieser Zeit wurde das Haus demoliert. Man hatte die Schlüssel. Aber das dauerte zu lange. Mit Gewehrkolben wurden die Glasscheiben der Türen, mit Äxten die Schlösser zertrümmert. … Die in die Wand eingelassenen Telefonleitungen herausgerissen, Dampfheizungskörper zerschlagen, … Schreib- und Vervielfältigungsmaschinen, Filmapparate wurden in den 5. Stock hinausgeschafft, und zerschellten im Hofe unter großem Hallo.

Von ½ 2 Uhr nachts bis früh um 9 Uhr währte der Höllenspektakel, tobte sich der Wahnsinn aus …“

(Entnommen dem Buch „Fränkische Tagespost – Geschichte einer Parteizeitung“ von Gert Rückel)

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am 8. März erinnert die SPD Nürnberg an den Überfall auf die „Fränkische Tagespost“ und den damit verbundenen Angriff auf die Nürnberger Sozialdemokratie.

Die "Fränkische Tagespost" vom 13. Februar 1933

Quelle: Endstation Rechts

 

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