MDR: Zwickau 1998 – Ermittler beobachteten Geldkurier des Jenaer Trios


Recherchen von MDR THÜRINGEN belegen, dass die Behörden schon Ende der 90er-Jahre ganz nah dran waren am untergetauchten Jenaer Trio: In Zwickau waren Ermittler 1998 dabei, als ein Kurier Geld für die Drei an einen Mittelsmann übergab. Von der Übergabe soll es Fotos geben.

von Michaela Schenk

Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos

Die erfolglose Suche nach dem Jenaer Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Ende der 90er-Jahre wird immer fragwürdiger: Nach Informationen von MDR THÜRINGEN waren Ermittler 1998 dabei, als ein Kurier einen Beutel mit Geld für die Untergetauchten an einen Mittelsmann übergab. Von der Übergabe auf einem Parkplatz im sächsischen Zwickau sollen Fotos existieren.

Die Bilder wurden dem Kurier, der aus Jena stammt, im Mai 1999 in der Bundeswehrkaserne Mellrichstadt von Ermittlern vorgelegt. Das hat der Mann jetzt MDR THÜRINGEN gesagt. Der damals 23-Jährige leistete seinen Dienst in der bayerischen Panzerkompanie, als ihn zwei Thüringer LKA-Beamte aufsuchten. Die Kriminalbeamten hätten ihm Bilder vorgehalten, auf denen sein Auto sowie der Mittelsmann und dessen Auto erkennbar gewesen seien.

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Ermittler lassen NSU-Geldübergabe „geschehen“

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN ist die Befragung des Jenaer Kuriers in der Bundeswehrkaserne in den LKA-Aktenbeständen dokumentiert. Allerdings fehlt ein Verweis auf mögliche Observations-Fotos. Der Zielfahnder berichtet in der Akte über die Begegnung vom 25. Mai 1999, bei der auch der damalige Leiter der Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus des LKA Thüringen anwesend war, Kriminalhauptkommissar Jürgen D. Der befragte Kurier sei spontan nicht bereit gewesen, zu antworten. Er habe erst „nach nochmaliger Darlegung der polizeilichen Erkenntnisse und Ermittlungsergebnisse“ eingelenkt, heißt es in dem Zielfahnderbericht.

Der Jenaer Kurier bestätigte demnach den Beamten, mehrere Fahrten nach Sachsen unternommen zu haben – ein Umstand, von dem das LKA Thüringen zu diesem Zeitpunkt aber schon wusste: Die Zielfahnder waren darauf schon 1998 durch Telefonüberwachungen aufmerksam geworden, wenige Wochen nach dem Abtauchen des Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Der Kurier selbst war monatelang abgehört worden. Dadurch wusste das LKA, dass der Mann wiederholt Anrufe aus Chemnitz bekam, bei denen nach Bargeld und persönlichen Dingen für die Drei gefragt und Übergaben organisiert wurden. „Diese Übergaben erfolgen in unregelmäßigen Abständen“, heißt es in dem Bericht der Zielfahndung vom 25. Juni 1998. Dass der Kurier bei mindestens einer seiner Fahrten nach Sachsen „begleitet“ und auch fotografiert wurde, dazu finden sich keinerlei Hinweise.

LKA, BKA und Generalbundesanwalt verweigern Stellungnahmen

Unklar ist, wo sich die Fotos befinden, wer die Bilder damals aufgenommen hat und ob die Ermittler 1998 oder 1999 versucht haben, den Mittelsmann in Zwickau oder dessen Auto zu identifizieren. Unklar ist auch, ob der Versuch gemacht wurde, sich an die Fersen des Unterstützers in Sachsen zu heften. Entsprechende Anfragen von MDR THÜRINGEN an das Thüringer Innenministerium, das Landeskriminalamt, das Bundeskriminalamt und den Generalbundesanwalt (GBA) blieben unbeantwortet. Stattdessen verwiesen LKA, BKA und GBA auf die Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Bundestag und Thüringer Landtag, sowie auf den im April beginnenden Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).

Dem Zielfahnder-Bericht von 1999 nach übergab der Neonazi am Ende der Kasernen-Befragung den Thüringer LKA-Beamten seine Handynummer und sagte seine Hilfe bei der Suche nach dem Trio zu. Zu diesem Zweck soll es weitere Treffen mit dem Zielfahnder gegeben haben. Vermerke oder Berichte darüber sind bisher nicht bekannt.

Aktenkundig ist dagegen eine Befragung durch den Militärischen Abschirmdienst MAD im September 1999. Dabei erklärte der Neonazi, es sei nicht zu erwarten, dass die Drei wieder auftauchten. Das Trio hätte sich schon auf der Stufe von Rechtsterroristen bewegt.

Diese Aussage wird heute als wichtiges Indiz des Gewaltpotentials der Drei gewertet. Von der Äußerung erhielt der Thüringer Verfassungsschutz Ende 1999 Kenntnis – nach Angaben der Untersuchungskommission unter Leitung des früheren Bundesrichters Gerhard Schäfer aber nicht das Landeskriminalamt. Dass die LKA-Leute mit dem Urheber der Einschätzung zu diesem Zeitpunkt selbst in Kontakt standen, ist der Schäfer-Kommission offenbar nicht bekannt gewesen.

 

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