Journalisten im Visier von Neonazis | REPORT MÜNCHEN | DAS ERSTE | BR


Sie werden angegriffen, bespuckt, verhöhnt – Reporter, Fotografen, Kameraleute, die über Neonazis berichten. Das ist Alltag bei Demonstrationen, immer häufiger aber auch bei Neonazi-Prozessen. Journalisten werden angegriffen oder subtil bedroht – Ziel dieser Strategie: Berichterstattung zu erschweren oder unmöglich zu machen. Unterstützt werden die militanten Neonazis von Szene-Anwälten, die Angriffe gegen Kameraleute zum legitimen Mittel erklären.

„Ich hasse diesen Staat, ich hasse diese Gesetze hier…“

Kameramann: „Finger weg von der Kamera“

Sprechchöre:

„Nationaler Sozialismus bis zum Tod.“

Andrea RöpkeFreie Autorin: „Journalisten gehören für die Neonazi-Szene ins Lager der Todfeinde.“

Kameramann: „Finger weg“

Frank Jansen, Der Tagesspiegel: „Dass beispielsweise Neonazis mich körperlich attackieren wollten, das Neonazis mich verfolgt haben.“

Klaus Schubertfreier Kameramann: „Der hat die Kamera ins Auge gekriegt, das Auge ist kaputt.“

Katja Riedel, Süddeutsche Zeitung: „Die Intention ist, zumindest einem das Gefühl zu geben, dass man über einen Bescheid weiß. Dass man weiß, wer man ist und dass man herausfinden kann, was man denkt.“

Bespuckt, getreten, bedroht und ausspioniert oder einfach nur abgedrängt – Journalisten, die über Neonazis berichten, leben gefährlich. Exemplarisch ist diese Szene aus Koblenz.

Diskussion mit Neonazis:

„Kamera weg“

Sven Skoda: „Auch Strafanzeigen stellen, wegen sowas wie ‚der hat mir die Hand vor die Kamera gehalten..‘.“

Kameramann: „Hab ich mal ne Strafanzeige gestellt?“

Sven Skoda: „Noch nicht, weil wir dann Deinen Namen hätten….“

 „Wenn du Strafanzeige stellst dann haben wir Deinen Namen dann kriegen wir Dich.“

Der Mann, der hier so massiv droht, heißt Sven Skoda. Er ist einer der führenden Neonazis im Rheinland. Seine Spezialität: Daten sammeln über vermeintliche Nazigegner.

Sven Skoda: „Auch wenn wenig Talent dabei ist, jedes Foto hilft uns.“

Jedes Foto hilft, sagt Skoda. Derzeit ist er in Haft und steht in Koblenz vor Gericht – einer von 26 Angeklagten im größten Neonazi-Prozess der Republik. Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Sammeln von Daten vermeintlicher Nazigegner. Körperverletzung, Sachbeschädigung, Einschüchterung.
Organisiert im Aktionsbüro Mittelrhein, ansässig im sogenannten „Brauen Haus“ Bad Neuenahr, bekundeten die Neonazis offene Sympathie für den Terror der NSU, wie diese Einladung zur Silvesterparty beweist. Die Buchstaben NSU sind hervorgehoben.

Beängstigend, was im Koblenzer Prozess zur Sprache kommt.
Sogar ein Peilsender wurde am Auto eines vermeintlichen Gegners montiert. Die Einschüchterungen laufen weiter, auch im Prozess, berichtet ein Insider, der anonym bleiben möchte.

Informant: „Es reisen Nazigruppen aus anderen westlichen Bundesländern an, um eben im Zuschauerraum präsent zu sein, Leute zur Not einzuschüchtern oder anzupöbeln. Man muss Angst haben, dass man eben bedroht wird, dass man zuhause aufgesucht wird, dass man dann eben auf eine Prozessberichterstattung verzichten muss.“

Im Visier der Nazis sind vor allem Fachjournalisten, die sich auf die rechte Szene spezialisiert haben. In einem Besprechungsraum bei Radio Bremen treffen wir Andrea Röpke – die bekannte Nazi-Jägerin hat in Koblenz auch schlechte Erfahrungen gemacht.

Andrea Röpke, Freie Autorin: „Dann fangen die Pöbeleien so ein bisschen an, aber wenn man dann fotografiert, was wir müssen, dann bin ich sofort umringt worden von Anwälten, das waren teilweise auch Szene-Anwälte.“

Die Anwälte der Neonazi-Szene dominieren den Prozess in Koblenz, verzögern mit eindosen Anträgen, nehmen Aussteiger in die Zange, stabilisieren die Szene. Mit dabei in Koblenz: bekannte Größen wie Andre Picker aus Köln, Steffen Hammer, ehemals Sänger der Rechtsrock Band „Noie Werte“ oder Nicole Schneiders, ehemalige NPD-Funktionärin, tritt in Koblenz auf und wird im NSU Verfahren Ralph Wohlleben verteidigen.

Anonyme Beratung findet über das deutsche Rechtsbüro statt, wobei unklar ist, welche Szene-Anwälte sich hinter den obskuren Rechtsauslegungen verbergen.

Andrea Röpke, Freie Autorin: „Über diese Anwälte der Szene wird auch gerade den jungen Aktivisten suggeriert, ihr könnt diese Journalisten angreifen, ihr könnt von Eurem Notwehrrecht Gebrauch machen, wenn die Euch filmen, ihr dürft das und dadurch hat man natürlich das Gefühl, dass auch die Selbstjustiz gegen uns Journalisten auch immer breiter wird.“

Wie das funktioniert zeigt ein Neonazi-Prozess im Januar in München. Gezielt und geplant werden Kameraleute und Journalisten angegangen. Gleich mehrfach wird einem freien Kameramann, der für den BR unterwegs ist, das Objektiv verschmiert.

Klaus Schubert, Freier Kameramann: „Ich habe die Chance 2 bis 3 Sekunden Bilder zu machen, dann springt einer auf mich zu und schon ist meine Linse verschmiert und ich sehe nichts mehr.“

Die teure Aufnahmegerät des freien Kameramannes wurde beschädigt, wer für den Schaden aufkommt ist unklar.

Auch eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung war bei diesem Prozess. Katja Riedel wurde nicht offen attackiert, sondern subtil bedroht. Es haben sich Neonazis einfach neben und hinter sie gesetzt.

Katja Riedel, Süddeutsche Zeitung: „Dann hat man sich eben so vorgelehnt, dann kam hier ein Kopf durch,  dann von der anderen Seite an einen ran. Es war schon sehr, sehr nah. Es war Körperkontakt.“

Subtile Bedrohung – hier eine Szene aus einem Prozess gegen Hooligans und Neonazis in Bremen. Gefilmt mit verdeckter Kamera. Wer diese Leute sind, zeigen diese Szenen. Geheimes Training von Hooligans im Wald. Auffällig: Eine Gruppe trägt Hakenkreuze.

In der Prozesspause werden eine Journalistin und eine Anwältin bedroht und beleidigt.

Szene-Prozess in Bremen.

Mann brüllt: „Wer sind Sie den überhaupt?“

Zweiter Mann: „Stinkige Fotze, eih, unglaublich.“

Frank Jansen vom Tagesspiegel in Berlin kennt diese Situationen. Seit zwanzig Jahren berichtet er über Neonazis, er wurde verfolgt, bedroht, taucht in Steckbriefen der Szene auf. Zwei dicke Ordner mit solchen Vorgängen hat Jansen mittlerweile gesammelt.

Frank Jansen, Der Tagesspiegel: „Ich trete diesen Figuren offen entgegen. Ich verstecke mich auch nicht hinter einem Pseudonym. Ich schreibe unter meinem vollen Namen und ich denke, wenn ich anfangen würde mein Gesicht oder meinen Autorennamen in Texten zu verstecken, dann hätten die Neonazis uns schon ein paar Zentimeter Pressefreiheit weggenommen und das kommt überhaupt nicht in Frage.“

Viele Journalisten werden mit der Zeit mürbe vom täglichen Kampf mit den Neonazis. Hilfreich wäre, wenn Polizei und Justiz bei gezielten Angriffen auf Pressevertreter schneller und entschlossener reagieren würde. Da wird gerne mal weggeschaut, wie unsere Bilder beweisen.

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