Rekonstruktion des NSU-Mordes an Halit Yozgat


by Georg Lehle

Am 6. April 2006 fand in Kassel das letzte Attentat mit einer Schusswaffe der Marke “Ceska” statt, das Mordopfer war Halit Yozgat. Zuvor wurden ab dem Jahr 2000 ein griechisch-stämmiger und sieben türkisch-stämmige Menschen erschossen. Da die Mordserie mit diesem Mord aufhörte, spekulierten Kriminalisten, dass die Ermittler dem Täter bzw. Täterkreis zu nahe kamen. In der Tat wurde eine Person festgenommen, die“die erste heiße Spur in dieser Serie überhaupt” war (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6). Es war ein Verfassungsschützer. Der Spiegel und die sueddeutsche meinen, er wäre nur“am falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen”. Doch wie kommen solche Freisprüche zustande, wenn die zeitlichen Umstände unterschiedlich dargestellt werden und die Aussage eines wichtigen Zeugen ignoriert?

06. April 2006

13 Uhr, 6 Minuten

Der hessische Verfassungsschützer Temme führt “mit seinem Diensthandy ein 17 Sekunden dauerndes Gespräch mit einer in Kassel registrierten Festnetznummer (…). Angemeldet war dieser Anschluss auf die Wohnung des V-Manns „GP 389“. Der Kasseler Neonazi mit Verbindung zum Blood & Honour Netzwerk wird von Temme seit November 2003 als Verfassungsschutz-Informant (V-Mann) geführt. (Freitag)

16 Uhr, 11 Minuten

„GP 389“ ruft um 16.11 Uhr die Kasseler Außenstelle des hessischen Landesverfassungsschutzes (LfV) an. “Sein Gesprächspartner dort dürfte sein Verbindungsführer Temme gewesen sein.” (ebd.)

16 Uhr, 23 Minuten

“Andreas T. verlässt früh die Kasseler Außenstelle des hessischen Verfassungsschutzes, laut Stempeluhr um 16.43 Uhr.” (welt)

16 Uhr, 50 Minuten, 56 Sekunden

Andreas Temme loggt sich in dem Internetcafe von Yozgat ein – als “wildman70″ in die Kontaktbörse iLove.de. (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40).

“Von seinem Platz hatte er durch die offenen Türen  einen Ausschnitt des Eingangsbereichs sehen können.”(ebd, S. 41)

Es befinden sich 5 Zeugen im Internetcafe: Eine Frau mit ihrem Kind, zwei 14- und 16 jährige männliche Jugendliche und eine Person in der Telefonkabine (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40). Spiegel-Online rekonstruierte die räumliche Begebenheit und positionierte (lediglich vier der fünf!) Zeugen und Andreas Temme (Platz 2):

Quelle: Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40

Ahmed A. ist über einen unbekannten Gast im Cafe verwundert und gibt später im Polizeiprotokoll an:

“Diese Person [wäre] ca. 10-15 Minuten am PC gesessen und dort auch aktiv gewesen. Er habe sich noch gewundert, weil man für 50 Cent ja eine halbe Stunde am PC arbeiten kann.

Der Zeuge erwähnte auch eine Tüte, die der T. in der Hand gehabt haben soll. Er sagte noch, dass er diese Tüte bemerkt habe, als der Mann das Internet Cafe betrat. Wo er sie hingestellt hat, konnte er nicht sagen. Ob der Mann die Tüte beim Gehen wieder mitgenommen hat, konnte er auch nicht sagen.” (daseerste, panorama)

Nachdem dieser Mann “für wenige Minuten” an einem Computer saß, “verschwand er aus dem Blickfeld des Zeugen. Kurz darauf hörte der Zeuge ein dumpfes Geräusch, als sei etwas umgefallen.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Kurz vor 17 Uhr

Laut Darstellung des zdf steht Andreas T. “kurz vor dem Mord” auf und …

“… will am Tresen bezahlen, doch der Internetbetreiber Yozgat ist nicht da. T. geht vor die Tür, um ihn zu suchen. Jetzt fallen zwei Schüsse – so die Aussage von Hamadi S., der zur selben Zeit im Internetcafé telefoniert. Andreas T. geht zurück ins Internetcafé, findet den Betreiber aber immer noch nicht. Er legt eine Münze auf den Tresen und geht, so seine Aussage.” (zdf)

Kurz vor 17 Uhr

Halit Yozgat wird durch zwei Kopfschüsse mit einer Ceska erschossen. Alle Zeugen hören die  Schüsse.

“Nur T. hörte nichts. Die Computerdaten belegen, dass er bis 17.01 Uhr im Netz surfte. Zu diesem Zeitpunkt war Yozgat aber, das schloss die Polizei aus den Zeugenaussagen, wahrscheinlich bereits tot. ” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Ein Zeuge beschreibt die beiden Schussgeräusche als “wie wenn ein Luftballon explodiert”(Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40).

Der Iraker Faiz H. hielt sich in unmittelbarer Nähe des Mordes auf:

“Kurz bevor Faiz H. um 17:01 Uhr und zwei Sekunden sein Telefongespräch beenden, hört er neben sich Knallgeräusche. Er steht mit dem Rücken zur Glastür seiner Telefonkabine. Vermutlich in diesem Moment erschießen die NSU-Terroristen ihr Opfer Halit Yozgat mit einer schall-gedämpften Ceska, über die zusätzlich eine Plastiktüte gestülpt ist – so die Rekonstruktion der Polizei.” (ebd, S. 40)

“Ein Poster an der Glastür der Telefonkabine versperrte dem irakischen Zeugen den Blick auf den Tatort. Kurz darauf sah er durch einen Spalt einen “kräftigen Mann, etwa 180 cm groß, mit heller Kleidung”, der zum Tisch geschaut habe und in Eile gewesen sei.” (ebd, S. 41)

Es wird ein “Mann südländischen Typs” beobachtet, der “zur Tatzeit vom Internetcafé quer über die vielbefahrene Holländische Straße in Richtung Kasseler Hauptfriedhof gelaufen sein” soll (Spiegel-Online).

17 Uhr, 1 Minute, 40 Sekunden

“Andreas Temme loggt sich am Terminal 2 aus.” (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40)

“Er habe Yozgat gesucht, um zu bezahlen, ihn aber nicht gefunden. Also habe er 50 Cent auf die Theke gelegt und sei gegangen. Gesehen habe er nichts.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Er findet also Yozgat im Cafe nicht, sucht ihn daher auf der Straße, kehrt zurück, legt eine Münze auf den Tisch und verlässt das Café erneut:

17 Uhr, 2 Minuten, 45 Sekunden

“Danach will er [Andreas Temme] das Café erneut verlassen haben und in seinen Mercedes eingestiegen sein. Das muss, so die Analyse der Polizei, spätestens 15 Sekunden vor 17.03 Uhr gewesen sein.” (welt)

17 Uhr, 3 Minuten, 26 Sekunden

Laut welt.de hätte um diese Uhrzeit der Vater seinen verblutenden Sohn gefunden.

“26 Sekunden nach 17.03 Uhr findet Vater Yozgat seinen toten Sohn.” (welt)

Laut zdf hätte auch Hamadi S. die Schüsse gehört und den verblutenden Menschen zusammen mit dem Vater entdeckt (zdf).

17 Uhr, 3 Minuten, 26 Sekunden

Ein Hamadi S. “telefonierte in einer Telefonkabine nur wenige Meter neben der Ladentheke, hinter der Halit Yozgat erschossen wurde”. Laut Panorama hätte er wie Temme auch nichts gehört, auch nichts gesehen:

“Es könnte aber auch daran liegen, dass er [Temme] ganz einfach nichts gehört und nichts gesehen hat – so wie es anderen Zeugen auch ergangen ist. Etwa Hamadi S.: Der telefonierte in einer Telefonkabine nur wenige Meter neben der Ladentheke, hinter der Halit Yozgat erschossen wurde. (…)

Als S. um 17:03:26 Uhr sein Telefonat beendete und aus der Telefonkabine trat, ging er in Richtung Theke um zu zahlen. Dort sei aber niemand gewesen. Als er den Betreiber auch in dem anderen Raum des Internetcafés nicht fand, ging er zurück und wartete etwa eine Minute. Dass Yozgat nicht weit von ihm blutend hinter seiner Ladentheke lag, bemerkte er nicht. Erst der Vater Yozgats fand seinen Sohn.” (daseerste, panorama)

Schlussfolgerungen

Ist Hamadi S. identisch mit Faiz H.? Wenn nein, dann ist die Frage, warum ein zweitertelefonierender Zeugen bisher nicht bekannt war!

Wenn jedoch diese beiden Zeugen identisch wären, ergäben sich folgende Schlussfolgerungen:

1. Es herrscht Unklarheit, wann der telefonierende Zeuge sein Telefonat beendete – entweder um 17:01 oder um 17:03. Damit geht die wichtige Frage einher, ob sich Temme vor oder nach den Schüssen vom Internet ausloggte.

2. Falls der Zeuge bis 17:03 telefonierte, dann hörte er kurz davor die Schüsse. Dann wäre das Alibi des Andreas T. widerlegt, er wäre während des Mordes bis 17:02 im Internet eingeloggt.

3. Panorama machte einen schwerwiegenden Fehler, als es behauptete, dass dieser telefonierende Zeuge “nichts gehört” habe. Laut Darstellung aller anderen Medien hörte der Zeuge die Schüsse.

4. Es dürfte kein Problem sein, die Telefonverbindungen der Kabine nachzuvollziehen.

17 Uhr und “einige Minuten”

Laut dem Spiegel hätte der Vater seinen Sohn “einige Minuten” nach 17 Uhr gefunden:

“Einige Minuten später kommt Ismail Yozgat, der Vater des Opfers, in den Laden. “Mein Sohn! Mein Sohn”!, ruft er, als er Halit hinter dem Schreibtisch entdeckt. ((Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 41)

Alle Zeugen – durchweg Migranten – konnten noch am Tattag ausfindig gemacht und befragt werden (Quelle: Freitag). Nur Temme meldet sich nicht auf den Fahndungsaufruf:

“Der fünfte Internetkunde (…) meldete sich auch nach öffentlichen Fahndungsaufrufen nicht.” (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40)

17 Uhr, 5 Minuten

“Gegen 17.05 Uhr fand der Vater des Opfers den Sohn blutüberströmt unter der Theke.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Der Vater sah erst Blutstropfen am Tresen, er trat näher heran und sah ihn dahinter liegen:

“Ich habe den Wagen geparkt, bin reingegangen. Kein Halit. Ich rief: “Halit, wo bist du, sitzt du grad selbst an einem der Computer?” Mein Blick richtete sich auf das Pult am Eingang, dort, wo die Kunden bezahlen. Ich sah drei kleine rote Tropfen darauf. Ein, zwei, drei kleine rote Tropfen, akkurat nebeneinander. Ich ging näher an das Pult heran. Wieder rief ich: “Halit, was machst du denn hier mit der roten Farbe?” Da sah ich ihn. Er lag dahinter, auf dem Boden. (Zeit)

17 Uhr, 20 Minuten

Ein Informant aus der Islamisten-Szene ruft Temme an. (Freitag)

4 Tage später

”Laut Kalender war T. (…) mit seinem V-Mann [GP 389] zu einem Treffen verabredet.” (ebd.)

Etwa 2 Wochen später und die nachfolgenden Wochen

Der Unbekannte kann schließlich ausfindig gemacht werden. Es ist der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 42). Er wird kurzzeitig wegen Tatverdacht festgenommen. Jedoch kann der Tatverdacht nicht erhärtet werden, obwohl sich Temme in Widersprüche verstrickt:

“Der Beamte bestritt zunächst, zur fraglichen Zeit überhaupt am Tatort gewesen zu sein. Er habe den Internetladen einen Tag vor dem Mord besucht. Schließlich musste er sich korrigieren, bestand aber darauf, den Laden verlassen zu haben, bevor die Schüsse fielen.

Die Fahnder stutzten: Wenn T.s Version stimmt, hätten die Mörder maximal 41 Sekunden Zeit gehabt. Die Kripo-Spezialisten hielten dies zwar für möglich, aber äußerst unwahrscheinlich.” (ebd., S. 41)

“Hoffmann und seinen Kollegen blieb schleierhaft, wie der über 1,90 Meter große T. in dem kleinen Café die Leiche nicht gesehen haben will, er habe ja schließlich den Laden abgesucht. Zudem war die Thekenoberfläche voller Blutspritzer.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Unbekannter Zeitraum nach dem Tod Yozgats

Laut eines Spiegel-Berichts am 22.08.2011 gab es …

“Festnahmen, doch die Verdächtigen musste man wieder laufen lassen, und sie verschwanden Stunden später aus Deutschland, Richtung Schweiz und Türkei.” (Spiegel, 34/2011, S. 32)

Behinderung der Aufklärung

Der Polizei werden weder die dienstliche Erklärung Temmes zu den Mordvorwürfen übergeben, noch seine Sicherheitsüberprüfung, noch die Identitäten der “V-Leute, mit denen T. am Tattag gesprochen haben wollte, gab das hessische LfV […] preis (…).” Laut des Sonderkommission-Chefs Gerald Hoffmann habe es “von Beginn an kein Interesse an sachfördernder Kooperation”bestanden.

“Rückendeckung erhielt das LfV vom damaligen Innenminister, dem heutigen Regierungschef Volker Bouffier.”(Quelle: ebd )

Die damalige Vorgesetzte beim Verfassungsschutz trifft Temmes konspirativ. Es fand nicht im Dienstgebäude statt, sondern in einem Vieraugengespräch an einer Autobahnraststätte.“Die Polizei beobachtet das konspirative Treffen der beiden Verfassungsschützer.”(Quelle: ebd, S. 43)

Monate später

Die Ermordung von Halit Yozgat ist der einzige “Ceska-Mord” “bei dem es zwischenzeitlich einen Tatverdächtigten gibt” (Quelle: stern). Trotzdem kann  sie nicht aufgeklärt werden, doch hören die “Ceska-Morde” auf.

2008

Andreas Temme wird entlastet, jedoch bleiben Restzweifel bei den Ermittlern.

“Die Ermittler kamen laut Bericht der Kasseler Staatsanwaltschaft 2008 zu dem Fazit, „dass T. und sein persönliches Umfeld mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit … nicht an einer oder mehreren zur Serie zuzuordnenden Tötungsdelikte beteiligt waren“. Allerdings räumten die Fahnder schon damals „geringe Restzweifel“ an T.s Unschuld ein.” (Quelle: Freitag)

2006-bis dato

Es ist ungeklärt, was die offenbar existierenden Überwachungskameras in Yozgats Cafe aufzeichneten. Mit den Aufnahmen dürfte es kein Problem sein, die verfahrene Beweislage zu klären. Das zdf zeigte folgendes Bild:

(Foto aus zdf-doku)

 

Quelle: Friedensblick.de

 

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2 Kommentare

  1. […] Verfassungsschutz-Akten; der plötzliche Diabetes-Tod des V-Manns Corelli im Jahr 2014; der Mord an Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé, der in der Anwesenheit eines V-Mannes stattgefunden hat, der […]

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