mdr: Die letzten Tage des NSU


von Axel Hemmerling

Der Anfang vom Ende des Terror-Trios, wie bald Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe genannt werden sollen, oder des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), wie sie sich selbst nennen, beginnt am 21. August 2011. An jenem Sonntag um 19:20 Uhr mietet Uwe Böhnhardt bei einer Autovermietung im sächsischen Zwickau einen VW Transporter. Im Mietvertrag für den T5 Caravelle taucht nur sein Aliasname auf: Holger G. Am nächsten Morgen brechen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf – nach Thüringen.

Vier Tage auf dem Campingplatz

Die beiden Rechtsterroristen tauchen in Catterfeld im Ilm-Kreis auf. „Holger G.“ mietet sich am 22. August 2011 auf dem Campingplatz „Paulfeld“ in Leinatal-Catterfeld ein. Vier Tage bleiben Böhnhardt und Mundlos mit ihrem Zelt auf der Campinganlage. 53,75 Euro bezahlen sie. Erinnern wird sich der Campingplatz-Betreiber später im Verhör beim Bundeskriminalamt (BKA) nicht mehr an die unscheinbaren Männer aus Zwickau.

Das Handout des Bundeskriminalamtes zeigt das mutmaßliche Mitglied der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), Uwe Mundlos.

Uwe Mundlos als „harmloser“ Tourist.

Böhnhardt und Mundlos nutzen die vier Tage in Thüringen intensiv. Zumindest geht das BKA später davon aus, dass die beiden pozentielle Ziele ausspähen: Banken. Die Terroristen haben sich offenbar entschlossen, wieder zu Räubern zu werden. Ihr letzter (bekannter) Bankraub liegt mehr als viereinhalb Jahre zurück. Später wird die Polizei zahlreiche Stadtpläne finden, die wohl Uwe Mundlos mit Markierungen versah. Für eine Sparkasse in Arnstadt Straße vermerkt er „TOP-Gebäude“ und die Lage der Polizeistation. Ein Lageplan des Sparkassenraums findet sich auch. Wohl in diesen Tagen spionieren Böhnhardt und Mundlos ein zweites Ziel aus: die Sparkasse in Eisenach – keine 35 Kilometer entfernt vom Campinplatz in Catterfeld. Das Räuber-Duo hat in den Jahren Informationen zahlreicher Geldinstitute zusammengetragen: markiert in Stadtplänen, auf Routenplanerausdrucken und teils auch genauere Ausspähnotizen. Allein acht davon beziehen sich auf Thüringer Städte. Von drei Thüringer Banken finden sich handschriftliche Notizen und Grundrisse: aus Arnstadt, Eisenach und Gotha.

Mit dem Wohnmobil zum Bankraub nach Arnstadt

Böhnhardt und Mundlos gehen wieder vor wie gewohnt – es hat bisher auch immer funktioniert. Am 5. September holt zwischen 14 und 17 Uhr ein Mann – als Uwe Böhnhardt wird er später identifiziert – ein Wohnmobil in Niederschindmaas ab, das bereits am 26. August 2011 – am Tag ihrer Rückkehr aus Thüringen – reserviert worden war. Für fünf Tage mietet „Holger G.“ den „Bürstner Modell Ixeo Time 670“ für drei Personen, wie im Mietvertrag vermerkt wird. 1.000 Euro hinterlegt er als Kaution. Als Holger G. alias Uwe Böhnhardt das Wohnmobil einen Tag eher als geplant wieder abgibt, hat er 567 Kilometer zurückgelegt und bezahlte 494,70 Euro in bar. Alles völlig unverdächtig.

Dass das Wohnmobil ein Fluchtfahrzeug ist, ahnt die Vermieterin nicht. Am 7. September 2011, um 8:45 Uhr, haben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Arnstadt zugeschlagen. Sie stürmten schwerbewaffnet die Sparkasse in der Goethestraße 30. Es wird der erste Fehler sein, den die beiden Mörder und Bankräuber machen, denn nun nimmt die Polizei erstmals nach 13 Jahren des NSU im Untergrund ihre Spur auf. Mit 15.036,99 Euro fliehen die Räuber auf Fahrrädern. Sie entkommen noch einmal. Ein letztes Mal.

Kripo Gotha: Ist es eine Serie?

Normale Polizeiarbeit bringt wichtige Erkenntnisse

Genau eine Woche später, am 14. September 2011, gelingt den Kriminalpolizisten aus Gotha das, was weder ihren sächsischen noch den Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren gelungen war: Sie erkennen den aktuellen Raubüberfall als Bestandteil einer Bankraub-Serie. Sie gleichen einfach den Modus Operandi – zwei Täter, bewaffnet, brutal, Flucht per Fahrrad – mit ungeklärten Raubüberfällen ab. Schlichtes Kripo-Handwerk. Zwölf Raub-Straftaten führen sie schließlich auf. Es sind letztendlich alle Überfälle, die noch bis heute dem Terror-Trio zugewiesen werden können. Und die Kripo macht sich weitere Gedanken: Das Räuber-Duo benötigt ein Transportmittel für Fahrräder – einen Kleinlaster oder ähnliches. Dieser Hinweis wird wenige Wochen später von großer Bedeutung sein: in Eisenach.

Detaillierte Pläne von Bankfilialen

Skizze Bank Arnstadt

Skizze der Arnstädter Bankfiliale

Nach ihrem Überfall in Arnstadt haben die beiden Bankräuber offenbar noch nicht genug. Immerhin liegen ihnen ja noch die Pläne zweier Banken vor: die der Kreissparkasse in der Gothaer Humboldtstraße 86 und die der Wartburgsparkasse, Nordplatz 13, in Eisenach. Das Bundeskriminalamt geht heute davon aus, dass sich Böhnhardt und Mundlos in beiden Banken aufgehalten haben müssen. Die handschriftlichen Pläne sind detailliert – bis hin zur Öffnungsrichtung der Türen. Vermerkt sind mit blauem Kugelschreiber die Anzahl der Räume, die Öffnungszeiten und die Adresse der Polizeidirektion, der Standort des Geldautomaten („Geldauto“) sowie Hinweise auf den Standort eines vermeintlichen Tresors („vermutlich Tresor (200 € Schein geholt)“) im Fall der Sparkasse Eisenach.

„Holger G.“ mietet schon wieder ein Wohnmobil

Sie entscheiden sich irgendwann Ende September / Anfang Oktober für das Geldinstitut im Plattenbaugebiet in Eisenach. Der Plan steht: Am 14. Oktober 2011 bestellt „Holger G.“ ein Wohnmobil bei einer Firma in Schreiersgrün. Mit 316 Euro geht Uwe Böhnhardt in Vorkasse. In seiner Begleitung ist eine Frau – daran wird sich die Büroangestellte der Caravan-Firma später erinnern. Am 20.Oktober meldet sich „Holger G.“ bei der Autovermietung und sagt den verabredeten Termin für die Übernahme des Wohnmobils am Folgetag ab. Er müsse über das Wochenende arbeiten – erklärt er am Telefon.

Elf Tage später, am 25. Oktober 2011, taucht „Holger G.“ gegen Mittag wieder in Schreiersgrün auf. Wieder mit einer Frau – und einem Kind. Bis heute ist die Identität des kleinen Mädchens nicht geklärt. Die Frau dagegen wird später wiedererkannt: Beate Zschäpe. Die Frau und das Kind fahren wieder weg, während Böhnhardt sich um den Rest kümmert: Er zahlt den fälligen Betrag der Anzahlung von 839 Euro in bar – wie auch die Kaution von 1.000 Euro. Am 4. November will er das Wohmobil „Sunlight Alkoven A 68“ um spätestens 12:00 Uhr wieder zurückgeben – so der Plan. Böhnhardt und Mundlos gehen mit ihrem neuen Gefährt noch schnell Kleinigkeiten besorgen: Im „Kaufland“ Zwickau geben sie am 1. November 2011, um 12.46 Uhr, 9,75 Euro Euro für Brötchen und Vollkornbrot, Obst und Gemüse sowie Batterien aus. Am nächsten Tag sind sie bereits in Gotha. Um kurz vor zehn Uhr bezahlen sie im „Kaufland“ der alten Residenzstadt 18,46 Euro in bar für Cappuccino, Brötchen und einen NOWI-Rucksack. Diesen Rucksack werden die beiden zwei Tage später beim Banküberfall benutzen.

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