Marga Spiegel „100 Jahre – 4 Leben“ Eine deutsche Jüdin erzählt


Marga Spiegel: "100 Jahre – 4 Leben. Eine deutsche Jüdin erzählt“ LIT-Verlag 2012, ISBN-10: 3643117671, € 34,90

80 S., 29.90 EUR, gb., ISBN 978-3-643-11767-0

100 Jahre habe ich gelebt – mir kommt mein Leben lang vor – oder auch kurz –je nach Stimmung.
Eigentlich habe ich vier mal gelebt.
Fast 21 Jahre ein weitgehend behütetes Leben als Kind und junge Frau – als deutsche Jüdin
unter nicht nur freundlichen Mitbürgern. Neun Jahre als Jüdin unter Hitler mehr und mehr der
Repression ausgesetzt – dieTransporte begannen …
Drei Jahre versteckt in Todesangst und doch beschützt von mutigen Menschen auf Bauernhö-
fen im Münsterland.
67 Jahre als geretteter Mensch – gerettet mit der engsten Familie – meinem Kind und meinem Mann. Leidend unter der Ermordung aller anderen Familienmitglieder.
Gerettet als Jüdin in einem demokratischen Deutschland.
Bei aller Freude nicht immer ohne Not.

Marga Spiegel hat 37 Familienmitglieder durch den Holocaust verloren. Nur sie, ihr Mann und ihre Tochter überlebten. foto: lit verlag

Marga Spiegel hat 37 Familienmitglieder durch den Holocaust verloren. Nur sie, ihr Mann und ihre Tochter überlebten.

Die unbegreifliche Monstrosität des Holocaust verfolgt Marga Spiegel bis heute. In „100 Jahre – 4 Leben“ erzählt die deutsche Jüdin ihre persönliche Geschichte

Kann es eine Heimatstadt zulassen, dass ein unbescholtener Bürger in seiner Wohnung überfallen und geschlagen wird? Kann sie zulassen, dass seine Frau misshandelt wird, weil sie zu ihrem Kind eilen will, das laut schreit? Und kann eine ‚Heimat‘-Stadt zusehen, wenn diese Frau in der Folge mit Schmährufen belästigt und mit Steinen beworfen wird? Und wofür? Warum? Nur, weil sie Juden sind?“

Die Pflicht einer Überlebenden

In ihrem Buch „100 Jahre – 4 Leben. Eine deutsche Jüdin erzählt“ gibt die heute 100-jährige Marga Spiegel einen Rückblick auf ihr langes Leben. In vier Abschnitte teilt sie diese lange Zeit – ihre noch recht behütete Jugend mit dem aufkeimenden Antisemitismus, die Zeit in Hitler-Deutschland, die drei Jahre versteckt in Deutschland und schließlich die Jahre nach dem NS-Regime, in denen sie und ihr Mann wegen ihrer jüdischen Herkunft weiterhin bedroht wurden. Überstrahlt waren all diese Jahre durch das Trauma, fast alle ihre Verwandten – 37 Personen insgesamt – durch ein mörderisches Regime verloren zu haben. Nur sie selbst, ihr Mann und ihre Tochter überlebten.

Dieses „unfassbare Glück“ überlebt zu haben, war dann auch der maßgebliche Grund für Marga Spiegel, sich ihren schmerzvollen alptraumhaften Erinnerungen auszusetzen, um ihre Geschichte aufzuschreiben: „Meine Aufzeichnungen haben mich weit in die Vergangenheit zurückgerissen. Ich fiel in regelrechte Depressionen, konnte nachts nicht schlafen…“, schreibt sie. Doch das Pflichtgefühl, die Wahrheit über den Holocaust als eine von nur noch wenigen ZeitzeugInnen weiter zu geben, war stärker. „Das Geschehene darf nicht vergessen werden“.

 

Leseproben

Als ich vor über 50 Jahren die Erinnerungen aufschrieb, habe ich nur ein Denkmal setzen wollen für die Bauern im Münsterland, für ihren Mut zum Widerstand.
„Du kannst die besten Schauspieler haben, aber Du weißt nicht, ob es ankommt!“, sagte
mir Imo Moszkowicz, bevor der Film im Oktober 2009 startete.
Es war und ist ein Wagnis, dieses Thema aufzugreifen. „Wenn Sie die Synagoge kennenlernen wollen, wählen Sie diese Telefonnummer“ – hieß es vor Jahren vorsichtig zurückhaltend in einer Zeitungsnotiz. Jetzt können die Interessierten in den Film gehen! Kein deutscher
Regisseur hat sich an die Sache herangetraut. Es musste ein niederländisch-französischer, jüdischer Regisseur kommen.
„Ich kann meine Rolle nicht jemandem anvertrauen, den ich nicht kenne!“, sagte ich – und
Ludi Boeken verstand. Über ihn hatte ich von Dir gewusst, aber ich kannte Dich kaum au-
ßer Filmen auf großem Abstand. Aber DU solltest MEIN LEBEN spielen, und das konnte ich
nicht einfach so zulassen. Ich musste und wollte Dich kennenlernen. Du hast mich mit Ludi
besucht, er ist dann fortgegangen. Du hast auf meinem Balkon gesessen und bliebst mehrere Tage. Wir entdeckten Gemeinsames, „zerpflückten“ alles, nahmen die persönliche und die
allgemeine Geschichte auseinander. Wir sprachen über Männer, Liebe, Beziehungen.
Durch Telefon und Briefe kamen wir uns näher, bis wir dann in Billerbeck (Westfalen)
wirklich zusammentrafen: In einer Drehpause kamst Du ganz einfach zu mir und nahmst mich
in den Arm. Daraus entstand eine große innige Freundschaft, für die ich sehr dankbar bin,
nicht weil Du eine berühmte Schauspielerin bist, sondern ein großartiger Mensch. Eine körperliche Berührung kann zu einer Verinnerlichung führen. In dem Moment spürte ich, dass wir
beide es so empfinden. Ein Funke sprang über zwischen uns.

*
Anni und der Judenstern
Der fünfzigste Geburtstag des Hausherrn, Herrn Aschoff, sollte eine große Feier werden. Ungezählte Bekannte und Freunde gingen während des Tages aus und ein. Dann kam der Abend,
der die ganze Familie, die Geschwister von Herrn und Frau Aschoff und viele Verwandte zusammen sah. Die älteste Tochter wollte etwas vortragen und suchte sich eine Kostümierung
zusammen. Sie hatte bereits einen Zylinder und entsann sich plötzlich eines Paares langer,
schwarzer Handschuhe, das sie einmal in meinem Koffer gesehen hatte. Selbstverständlich
lieh ich sie ihr. Temperamentvoll stieg sie auf einen Tisch und begann, ausgelassen zu singen
und zu steppen. Ich selber half beim Bedienen der Gäste und widmete diesen mehr Aufmerksamkeit als dem Vortrag der „Artistin“.
Das war gewiß eine Fügung, denn so entging es mir, daß Anni während ihres Vortrages
einen Handschuh auszog – und zum großen Entsetzen mancher Anwesenden fiel ein Judenstern heraus! Ich hatte ihn damals in einem Finger dieser Handschuhe versteckt, in der Meinung, er sei dort unauffindbar, und diese Tatsache völlig vergessen. Während der Zugfahrt
hatte ich noch überlegt, ihn weg zu werfen. Doch dies hätte, so meine Überlegung, auch eine
verräterische Spur sein können.
Frau Aschoff schilderte mir spät in der Nacht das Vorgefallene. Sie hatte beobachtet, wie
mancher seinen Nachbarn angesehen habe. Ja, sie meinte, danach wäre manch wissender
Blick zu mir herübergewandert.

Hätte ich selbst beobachtet, wie Anni den Stern fallen ließ und blitzschnell wieder aufhob,
ich würde sicherlich laut aufgeschrien haben. Geistesgegenwärtig sang und tanzte sie weiter,
überspielte den gefährlichen Vorfall, als ob nichts geschehen sei. Da ich aber diese durch mich
verursachte Panne nicht bemerkt hatte, ging ich ganz unbefangen zwischen den Gästen hin
und her und sprach mit ihnen. Diese Unbefangenheit war sicherlich mein bester Schutz.
Nach dem Weggehen der Gäste aber überfiel mich ein tödlicher Schrecken, als Frau
Aschoff mich fragte: „Was soll nun geschehen – wohin wollen Sie mit Karin gehen?“ Sie bemerkte an meinem Erstaunen, daß meine Unbefangenheit echt war, und schilderte mir den
ganzen unseligen Vorfall. Wir berieten noch stundenlang, was nun das Beste sei. Frau Aschoff
wollte uns nicht auf die Straße setzen. Wenn die Wahrheit an den Tag käme, würde für uns
auch anderswo keine Bleibe sein.
Trotz dieser stundenlangen Beratungen kamen wir zu keinem Resultat, und es wurde vorgeschlagen, erst einmal „darüber zu schlafen“, wie es der Volksmund sagt. In dieser Nacht
aber habe ich kein Auge zugetan und fand keine Ruhe neben meinem Kind. War ich nicht ein
gehetztes Wild?
Immer wieder kreisten meine Gedanken um den einen Punkt: Wie kann ich wenigstens das
Kind retten? Und doch war nirgends ein Ausweg, eine Rettung zu sehen!

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