Wolf Wetzel: Die Garagenliste – die Gold Card des Nationalsozialistischen Untergrundes


Bis heute wird hartnäckig an der Legende festgehalten, dass die im Jahr 1998 abgetauchten Neonazis ›spurlos‹ verschwunden seien und man seitdem ohne heiße Spur gewesen wäre.

Weder das eine, noch das andere stimmt. Es widerspricht allen Fakten, die bislang an die Öffentlichkeit gelangt sind.

Am 26. Januar 1998 wurde eine Garage in Jena, die Beate Zschäpe angemietet hatte, durchsucht. Für eine ganz normale Durchsuchung nahmen erstaulich viele Behörden teil: Die Thüringer Polizei, Zielfahnder des LKA Thüringen, Beamte des Thüringer Verfassungsschutzes und zwei Beamte des BKA – alles andere also das behauptete Behördenwirrwarr, vielmehr ein hochkarätiges Miteinander!

Man wurde erwartungsgemäß pfündig: »Vier fertige Rohrbomben, 1,3 Kilo TNT-Sprengstoff, Kabel und allerlei Nazi-Propaganda.« (faz vom 3.3.2013) Nichts davon überraschte die Polizei. Der Neonazi Thomas Starke besorgte für die THS-Mitglieder den Sprengstoff und als V-Mann verriet er den Ort, wo der Sprengstoff gebunkert wurde.

Obwohl die Polizei mit diesem Wissen die Durchsuchung durchführte, wollte man niemanden festnehmen. Man kam nur einmal so vorbei – ohne Haftbefehl. Die späteren Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrundes/NSU verstanden und ›flohen‹ in aller Ruhe.

 

Obwohl der Sprengstoff als Beweismittel bis zum Abschluss eines Verfahren aufbewahrt werden muss, wurde das Beweismittel beseitigt: »Laut LKA haben Spezialkräfte den Sprengstoff ›im August und Dezember 2000‹ vernichtet. Unklar bleibt auch, wer die Vernichtung noch vor Ablauf der Verjährung 2003 veranlasste.« (Beweismittel zu NSU-Bombentrio bereits vernichtet, OTZ.de vom 8.9.2012)

Vierzehn Jahre später erfahren wir, dass das bei Weitem nicht alles war: In besagter Garage fand man auch eine Telefon- und Adressenliste mit ca. 40 Namen. Kurz darauf ›entdeckten‹ Ermittler zwei weitere Telefonliste – summa summarum über 50 gelistete Neonazis, die Creme de la Creme, über die gesamte Bundesrepublik verteilt: Von Jena, Chemnitz, über Rostock bis nach Nürnberg und Regensburg.

Telefon- und Adressliste des späteren NSU

Telefon- und Adressliste des späteren NSU

Kurzum: »ein ›Who is Who‹ mutmaßlicher Unterstützer des rechtsextremen Terrortrios ›Nationalsozialistischer Untergrund‹ (NSU) … Vielfach handelt es sich um Personen, die heute beschuldigt werden, Hilfsdienste für Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe geleistet zu haben. So ist der Name von Rolf Wohlleben handschriftlich in das Verzeichnis gekritzelt – der einstige NPD-Funktionär aus Jena sitzt derzeit in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, eine Schusswaffe für das Terror-Trio besorgt zu haben.« (SZ vom 13.7.2012).

Die Liste ist nicht nur ein Fahrtenbuch durch die Neonaziszene, sondern gleichermaßen ein Fahrtenbuch zu den späteren Tatorten.

Auf ihr befindet sich auch Kai Dalek »Kai D. hatte nach vorliegenden Informationen in den 90er Jahren entscheidenden Anteil am Aufbau gewalttätiger Anti-Antifa-Strukturen in Franken. Er war an zentraler Stelle für das Thule-Netz verantwortlich, mit dem Neonazis erstmals eine computergestützte klandestine Kommunikation betrieben und er gilt als Organisator bundesweiter rechter Aktivitäten, wie bspw. der jährlichen Rudolf-Hess-Aufmärsche.« (Neonaziszene in den 90er Jahren dank Spitzeln vernetzt und aktionsfähig, Die Linke Thüringen vom 12.10.2012)

Auch Matthias Fischer, Anführer des neonazistischen bayrischen Kameradschafts-Verbandes ›Freies Netz Süd‹ befand sich auf der Liste. Fischer kommt aus Nürnberg. Zwischen 2000 und 2005 wurden in Bayern drei Migranten regelrecht hinrichtet.

Weiterhin findet sich André Kapke auf dieser Telefonliste: Der 1975 in Jena geborene André Kapke war einer der Hauptakteure des neonazistischen Kameradschaftsnetzwerkes ›Thüringer Heimatschutz‹ (THS). Mittlerweile ist der mehrfach vorbestrafte Neonazi führendes Mitglied der Freien Kameradschaft ›Nationaler Widerstand Jena‹ (NWJ) und einer der Organisatoren des europaweiten Nazitreffens ›Fest der Völker‹. Gemeinsam mit Maximilian Lemke undWohlleben bewohnte Kapke seit Herbst 2002 das ›Braune Haus‹ in der Jenaischen Straße 25 im Jenaer Stadtteil Altlobeda.

Ebenfalls auf dieser Liste findet sich Hendrik Lasch: Er war Betreiber des ›Backstreet Noise‹, ein schon damals bekannter Neonaziladen und -treffpunkt in Chemnitz. Hendrik Lasch hatte laut eigener Einlassungen Kontakt zu den abgetauchten THS-Mitgliedern. Interessant an diesem Neonazi ist ein weiterer Umstand: Er sollte im Jahr 2000 im Rahmen eine G-10-Maßnahme, die das LfV Sachsen veranlasst hatte, überwacht werden. Im letzten Moment wurde sein Name aus dem Antrag herausgestrichen.

 

Doch damit nicht genug: Zu den engsten Kameraden zählten nicht nur führende Neonazi-Kader. Auf der Adressliste standen mindestens auch vier Neonazis, die zugleich V-Männern der Polizei bzw. des Verfassungsschutzes warenKai-Uwe Trinkaus (Deckname Ares), Thomas Starke, Thomas Richter (Deckname ›Corelli‹) und Kai Dalek.

Kai Dalek:»Auch das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz hat in den 1990er-Jahren einen V-Mann im Umfeld der späteren NSU-Terroristen geführt: Kai D. Sein Name findet sich auf einer Adressliste des NSU-Mitglieds Uwe Mundlos, die 1998 nach dessen Untertauchen sichergestellt wurde.« (Auch Bayern hat V-Mann-Ärger, taz.de vom 17.10.2012)

Thomas Starke war einer der führenden Köpfe der sächsischen ›Blood & Honour‹-Sektion. Von 2001 bis 2011 wurde er als Vertrauensperson (VP 562), also Spitzel vom LKA Berlin geführt. Thomas Starke war nicht nur eine wichtige Figur in der Neonaziszene. Er war mit Beate Zschäpe liiert, er besorgte dem NSU auch den Sprengstoff, der später in besagten Jenaer Garage gefunden wurde/gefunden werden sollte.

Thomas Richter war einflussreicher Neonaziaktivist aus Sachsen-Anhalt. Unter dem Decknamen ›Corelli‹ lieferte er von 1997 bis 2007 dem Bundesamt für Verfassungsschutz Informationen, unter anderem aus einem deutschen Ableger des rassistischen Ku-Klux-Klans. (taz vom 9.10.2012). Thomas Richter (in Neonaziskreisen auch HJ Thommy gerufen), war auch Herausgeber des ›Nationalen Beobachter‹ und Betreiber von mehreren neonazistischen Internetseiten. Nach dem Abtauchen der späteren NSU-Mitgliedern 1998 kamen diese für mehrere Wochen bei HJ Thommy unter. »Thomas R. engagierte sich (…) bei dem rechten Fanzine ›Der Weiße Wolf‹ in dessen Ausgabe Nummer 18 im Jahr 2002 ein interessantes Vorwort erschienen ist. Fettgedruckt, ohne nähere Erläuterung, heißt es da: ›Vielen Dank an den NSU‹. Es ist die erste bekannte Erwähnung des NSU in der Öffentlichkeit, neun Jahre bevor die einzigartige Mordserie aufgedeckt wird.« (Spiegel-online vom 18.9.2012)

Kai-Uwe Trinkaus: »Der frühere Erfurter NPD-Kreischef outete sich als jahrelanger V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Zwischen 2006 und 2010 habe er unter dem Decknamen Ares regelmäßig Informationen an den Geheimdienst geliefert, sagte er dem Sender MDR.« (süddeutsche.de vom 6.12.2012)

 

Fassen wir kurz zusammen: Eine Adressenliste, die in der Garage versteckt wurde, ist ein Volltreffer. Der Fund einer solchen konspirativen Namensliste ist der Traum eines jeden Ermittlers. Um das zu wissen, muss man nicht beim BKA sein. Jede Antifa aus dieser Gegend hätte in fünf Minuten herausgefunden, dass darauf namhafte Neonazis gelistet sind, die zum Thüringer Heimatschutz/THS und zu ›Blood & Honour‹-Gruppierungen gehören. Viel länger hätte auch die Polizei nicht gebraucht: Fast alle dort aufgeführten Neonazis befanden sich in den verschiedenen Dateien, die Polizei und Verfassungsschutz führen.

Nachdem die Verfolgungsbehörden 13 Jahre lang die Existenz diese ›Gold Card‹ neonazistischen Terrors leugneten, mussten sie eine Erklärung dafür kreieren, dass auch dies keine heiße Spur war. Und in der Tat, die Spezialisten für ›Rechtsterrorismus‹ erklärten allen Ernstes, dass sie die Adress- und Telefonisten gesichtet und dann … für »bedeutungslos« erklärt hätten. Man zog das Beweisstück aus dem Verkehr. Es landete in der Asservatenkammer. So soll es gewesen sein.

Fallabgewandt darf man sich das so vorstellen: Führende Historiker stehen vor einem Portrait von Adolf Hitler, und alle Historiker versichern unisono, dass sie diese Person noch nie gesehen haben, dass ihnen auch der Name ›Adolf Hitler‹ gar nichts, absolut gar nichts sage.

Warum verschwand die ›Landkarte der späteren Tat- und Fluchtorte‹ (NSU-Untersuchungsausschussmitglied Clemens Binninger/CDU) in der Asservatenkammer?

 

Vielleicht erweist sich der damalige Präsident des LKA Thüringen, Egon Luthard, der dazu im Berliner Untersuchungsausschuss/PUA befragt wurde, als unfreiwilliger Hinweisgeber:

Eva Högl, SPD: »Wie erklären Sie sich, dass die Adress- und Telefonliste aus der Garage nie zu Ihren Zielfahndern gelangte?«

Luthard: »Das kann man normalerweise nicht erklären.« (kontextwochenzeitung.de vom 28.2.2013)

Dechiffriert man diese Antwort, kann man auch sagen, was er zu verhindern suchte: Wenn man einen solchen hochkarätigen Hinweis auf die UnterstützerInnen der abgetauchten THS-Mitglieder nicht an jene weitergibt, die die Haftbefehle vollstrecken sollen, dann will man deren Verhaftung verhindern!

Was man normalerweise nicht erklären kann, verweist folglich auf außergewöhnliche Umstände. Und die gab es.

Selbstverständlich wussten die Ermittler innerhalb kürzester Zeit, dass diese Telefonliste über die gelisteten UnterstützerInnen zur Festnahme der abgetauchten Neonazis geführt hätte.

Genauso schnell konnten sie herausfinden, dass auf dieser Liste mindestens vier V-Leute aufgeführt waren, die quasi am Küchentisch der abgetauchten Neonazis saßen.

Es gibt also nur eine nachvollziehbare und in sich schlüssige Antwort darauf, warum diese Adressliste verschwinden musste: Der Verfassungsschutz hatte kein Interesse daran, die abgetauchten Neonazis auffliegen zu lassen und das Innenministerium als oberste Dienstherr deckte diese Entscheidung.

Wer auch immer diese Telefonliste aus dem Verkehr gezogen hatte, tat dies in der Absicht, die abgetauchten Neonazis weiterhin im Untergrund agieren zu lassen.

Warum die vorhandenen Beweismittel nicht für die Festnahme der abgetauchten Neonazis genutzt wurden, auf was man noch wartete, was man sich von diesem staatlichen Begleitschutz in den Untergrund erhoffte, müssen jene beantworten, die für diese Entscheidung die Verantwortung tragen.

Festhalten kann man jedenfalls eines:

Es fehlte nicht an Spuren, die zu den abgetauchten THS-Mitgliedern führten, sondern der Wille, den autobahnbreiten Spuren zu folgen.

Hätte diese Absicht vorgelegen, hätte es keinen Nationalsozialistischen Untergrund gegeben.

 

Wolf Wetzel                                     2. Juni 2013

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund/NSU – wo hört der Staat auf?

Unrast Verlag April 2013

ein Kommentar

  1. […] via hajo funke: Wolf Wetzel: Die Garagenliste – die Gold Card des Nationalsozialistischen Untergrundes […]

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