ZDF| Zschäpe war nicht nur die „Diddl-Maus“


 

(06.08.2013)

von Joachim Pohl

Nach 32 Verhandlungstagen geht der NSU-Prozess in die Sommerpause. Während der Mammut-Prozess die Angehörigen sichtbar belastet, zeigt Beate Zschäpe allen weiterhin die kalte Schulter – und schweigt. Klarheit gibt es noch keine, aber es zeichnen sich einzelne Konturen ab.

Joachim Pohl

Joachim Pohl, ZDF-Rechtsexperte

Nach Aufregung und Pannen zu Beginn, ist prozessuale Routine eingetreten. Die Befürchtungen, die Menge der Nebenkläger und Verteidiger könnte den NSU-Prozess gefährden, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Das ist der Disziplin der Beteiligten zu verdanken. Aber auch dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl, der die Liste der 600 Zeugen abarbeitet und mit einer Mischung aus Geduld und Nachdruck für Fortgang sorgt. 

Das Gericht hat bis Ende 2014 terminiert. Davon wäre ein Sechstel absolviert. Die großen Würfe fehlen noch. Das Problem: Drei der fünf Angeklagten schweigen, allen voran Beate Zschäpe. So bleibt nur das kleinteilige Zusammentragen der Fakten über Zeugen und Beweismittel. Im Puzzle zeichnen sich einzelne Ecken ab. Das Gesamtbild ist noch weit entfernt.Noch wenig Konkretes

Vorrangig geht es um die zehn Morde des NSU, eiskalte Hinrichtungen, wie die an die Saalwand projizierten Tatortbilder zeigen. Beate Zschäpe ist einzige Überlebende des mutmaßlichen Terrortrios und als Mittäterin angeklagt. Sie soll die Finanzen der Gruppe geführt und in der gemeinsamen Zwickauer Wohnung für eine bürgerliche Fassade gesorgt haben. Nur mit der perfekten Tarnung hätten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos jahrelang unerkannt die Hassmorde und Banküberfälle des NSU begehen können.

Zum NSU und seinem Innenleben gibt es noch wenig Konkretes. Indizien lassen durchscheinen: Beate Zschäpe war nicht nur die „Diddl-Maus“, wie sie Nachbarn nannten, sondern könnte durchaus gleichberechtigtes NSU-Mitglied gewesen sein. Der Polizei soll sie einst gesagt haben, niemand habe sie zu etwas gezwungen.
Die Angeklagte Zschäpe und ihre Rolle
Nacheinander werden die Mordfälle abgehandelt. Özüdogru, Simsek, Kilic, Turgut, mit Yasar ist man jetzt beim fünften Opfer. Die Tatortfotos, für alle Beobachter sichtbar, erschüttern, ob ihrer Brutalität. Aber wusste Zschäpe auch von den Morden und hieß sie gut, um eine Mittäterin zu sein? Zumindest der Mitangeklagte Holger G. sagte aus, Zschäpe sei dabei gewesen, als er dem Trio eine Schusswaffe ablieferte. Reicht das?
Andererseits: In die Wertung der Beweise und Indizien durch das Gericht fließen am Ende auch Logik und allgemeine Lebenserfahrung ein. Also auch die Frage: Ist es denkbar, dass das Trio mit seiner gemeinsamen rechtsextremen Gesinnung jahrelang untertauchte, gemeinsam wohnte, die Urlaube verbrachte, und Zschäpe nichts von den Morden gewusst haben soll und sie nicht billigte? Ein wenig klarer scheint sich abzuzeichnen, dass sie offenbar die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand setzte und potentiell drei Menschen gefährdete. Auch hier droht eine hohe Strafe.

„Weltmeisterin im Verdrängen“

Zschäpes morgendlicher Einzug in den Gerichtssaal, so etwas wie ein Ritual. Sie zeigt den Kameras die kalte Schulter, Motto: Ich bestimme, was man von mir sieht. Dazu ihr absolutes Schweigen. So wird ein BKA-Beamter als Zeuge zum Ereignis. Er schildert eine gemeinsame Fahrt mit Zschäpe von Köln nach Gera, 2012. Da durfte sie ihre Oma treffen. Die Polizei hoffte, so etwas aus Zschäpe herauszukitzeln. Die redet viel, aber kontrolliert. Immerhin, so zitiert sie der Beamte: Sie sei damals eigentlich zur Aussage bereit gewesen, weil sie grundsätzlich zu ihrem Tun stehe. Ihre Verteidiger aber rieten ihr ab. 

So bleibt sie die Sphinx. Eine Rolle, an der ihr offenbar viel liegt. Scheinbar unbeteiligt am Verfahren. Der Polizeizeuge bekundet, Zschäpe habe sich selbst „Weltmeisterin im Verdrängen“ genannt. Den Opferangehörigen hat sie keine Anteilnahme vermittelt. Nicht mit Worten, nicht mit Gesten. 

MAMMUT-PROZESS FÜR DIE ANGEHÖRIGEN

Sie geben den Mord-Opfern ein Gesicht, die Angehörigen der Toten als Nebenkläger. Semiya Simsek, die Tochter des zuerst ermordeten Blumenhändlers Enver Simsek. Seine Witwe Adile oder Pinar die Witwe des Opfers Habil Kilic. Sie gab den Familienladen auf, sagt: „Ich konnte das nicht mehr mit dem ganzen Blut.“ Anfangs noch in großer Zahl erschienen, zollen die Angehörigen dem Mammut-Prozess Tribut, können nur noch sporadisch anreisen. Ihre Anwälte halten die Stellung.

 

Was gibt es bisher Handfestes?

Zwei der Angeklagten haben die Hoffnungen der Ankläger durchaus erfüllt. Carsten S., angeklagt wegen Beihilfe zu den Morden, gestand, für den NSU die vorgebliche Mordwaffe „Ceska“ besorgt zu haben. Holger G. gesteht, das NSU-Trio mit Papieren versorgt zu haben. Und: Zschäpe sei dabei gewesen als auch er eine Waffe lieferte. S. und G. belasten zudem den Angeklagten Ralf Wohlleben als NSU-Helfer schwer, der selber schweigt. 

Jetzt folgen vier Wochen Pause. Für Beate Zschäpe heißt das, Zeit allein in der Zelle. Ohne diese Auftritte. Am 5. September geht es weiter. Das Gericht ist mit dem Prozess auf gutem Weg. Vieles ist noch im Frühstadium, vieles muss noch mühsam eingebracht werden. Es sei denn, Beate Zschäpe setzt zur Überraschung an und spricht – weil sie ja eigentlich zu ihrem Tun stehe.

 

 

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