Vorwiegend junge Thüringer als Besucher bei Neonazi-Konzerten | HASKALA


steffen_richter_buehne_links_konzert_041210_bei_rockern“Etwa zwei Drittel der TeilnehmerInnen von Neonazi-Konzerten in Thüringen im vergangenen Jahr sind junge Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren, die Mehrheit von ihnen kommt aus Thüringen”, stellt Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion im Thüringer Landtag, fest. Die Abgeordnete bat die Landesregierung mit drei Kleinen Anfragen (siehe Anhang), die von der Polizei im letzten Jahr erhobenen Anreise-Daten bei Neonazi-Konzerten anonymisiert auszuwerten, um Rückschlüsse auf die Herkunft der Teilnehmer zu ermöglichen.  Weiterlesen:

Demnach waren 21 Prozent der KonzertbesucherInnen zwischen 20 und 24 Jahre alt, 45 Prozent zwischen 25 und 30 und 29 Prozent zwischen 31 und 45. KonzertteilnehmerInnen unter 20 und über 45 Jahre wurden vergleichsweise weniger angetroffen. Der Frauenanteil lag bei circa einem Viertel. 79 Prozent der kontrollierten Personen stammten aus Thüringen, 19 Prozent aus anderen Bundesländern, darunter besonders häufig aus Sachsen und Bayern.

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“Rechtsrock verfestigt neonazistische Ideologie, und mit der braunen Erlebniskultur werden gerade junge Menschen noch stärker an die Szene gebunden”, konstatiert die Abgeordnete. Dass solche Musikveranstaltungen in Thüringen vor allem auch als Einfallstor in die menschenverachtende Ideologie dienen, geht ebenso aus der Auswertung der Polizeidaten hervor: 27 Prozent der TeilnehmerInnen von Neonazi-Konzerten in Thüringen kamen im Jahr 2012 erstmals in Kontakt mit der rechten Szene bzw. wurden von den Behörden erstmals in diesem Kontext erfasst. Sie waren zuvor noch nicht bei rechten Veranstaltungen, Aktionen oder Straftaten auffällig geworden.

Die Behörden zählen aktuell 13 Bands und vier Liedermacher aus Thüringen zur rechten Szene, hinzu kommen weitere Verdachtsfälle. Die Gesamtzahl jener Musiker aus Thüringen, bei denen in den vergangenen fünf Jahren Anhaltspunkte für eine extrem rechte Ausrichtung vorlagen oder die als “rechtsextrem” eingestuft wurden, liegt laut Innenministerium bei 138 Personen.

Erst letzte Woche begann der Prozess gegen die größte kriminelle Neonazi-Organisation in Österreich um das “Objekt 21″. Unter den Verfahrensbeteiligten sind auch mehrere Neonazis aus dem Umfeld der rechten Thüringer Musikszene, darunter ein Szene-Liedermacher aus Erfurt. Vorgeworfen wird den aktuell sieben Beschuldigten “Brandstiftung, Erpressung und Entführung sowie nationalsozialistische Wiederbetätigung”.

Die Thüringer Polizei führte bei knapp einem Dutzend Neonazi-Konzerten im letzten Jahr fast 750 Identitätsfeststellungen bei der Anreise oder bei Konzertauflösungen durch. Die daraus jetzt abgeleiteten statistischen Angaben sind ungefähre Werte, da bei den Kontrollen z.T. anreisende Personen wegen der absehbaren Polizeipräsenz auf eine Teilnahme verzichteten, Platzverweise erhielten oder von den eingesetzten Polizeikräften nicht als potentielle Teilnehmer gezählt wurden (z.B. Konzert in Crawinkel 10. März 2012: 75 Teilnehmer und 79 Identitätsfeststellungen). Da die Szene im letzten und im Jahr zuvor über eigene Objekte verfügte, konnte sie stellenweise auch weniger konspirativ Konzerte organisieren. Teilweise wurden diese den Behörden im Vorfeld angekündigt, in sieben Fällen aber auch als Verlobungs-, Weihnachts- oder Geburtstagsveranstaltung getarnt.

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Beispiel aus den Einzelauflistungen, hier ein Überblick über die Herkunft der Personen bei den Anreisekontrollen zum Solidaritätskonzert für den mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben am 3. März 2012 in Saalfeld. 67 Personen wurden als Teilnehmer identifiziert, 57 Identitäten wurden durch die Polizei kontrolliert. Der auch aus Jena stammende Mirko Szydlowski (heute Sachsen) tritt unter seinem Namen “Barny” auch auf einer rechten Solidaritäts-CD vom Oktober 2012 auf, mit der für Wohlleben Gelder in der Szene gesammelt werden.

“Dass Neonazis nicht locker lassen und die in Thüringen zur Verfügung stehenden Immobilien rege nutzen, belegt auch der Umstand, dass die braune Musikszene schon jetzt ein Konzert mit mehreren populären Szenebands aus dem “Hatecore”-Bereich (rechter Hardcore-Musik) im Raum Kirchheim bei Arnstadt vorbereitet, welches dort in drei Wochen stattfinden soll”, informiert Katharina König.

Im besagten Objekt “Romantischer Fachwerkhof” in Kirchheim fanden in den letzten drei Jahren bereits über 60 Neonazi-Konzerte und Veranstaltungen statt, wie aus einer weiteren Anfrage der Abgeordneten hervorging. “Egal ob in Kirchheim, Crawinkel, Saalfeld oder jetzt auch in Ballstädt, es gilt, diese Strukturen zurückzudrängen und den braunen Musiksumpf trocken zu legen”, so Frau König, die dazu aufruft, “jederzeit und überall neonazistischen Strukturen entgegenzutreten”.

Download der Anfrage-Antworten als PDF:

Teilnehmeranalyse bei Neonazi-Konzerten – Teil 1/3

Teilnehmeranalyse bei Neonazi-Konzerten – Teil 2/3

Teilnehmeranalyse bei Neonazi-Konzerten – Teil 3/3

(Außerdem: Die Anfrage-Antwort zu Kirchheim mit Veranstaltungen der letzten 3 Jahre vom Feb. 2013 hier)

 

2 Kommentare

  1. […] via hajo funke: Vorwiegend junge Thüringer als Besucher bei Neonazi-Konzerten […]

  2. Alexander Gronbach · · Antwort

    Polizeidirektor Menzel aus Gotha machte vor dem OLG München eine eindeutige Falschaussage.

    Punkt 1.
    Am 4 November 2011 um 17.28 Uhr wurde im Lagezentrum des Innenministeriums Baden Württemberg zum ersten Mal der Name Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe genannt.

    Punkt 2.
    Am 4 November 2011 um 16.53 Uhr wurden bei der Staatsanwaltschaft in Gera “Altakten” zum Fall des TRIOS angefordert. Ob man da dann ausversehen die zweite in den Akten befindliche Liste von 1998 geschreddert hat?

    Punkt 3. (Das ist die beste bisher bekannte Nummer!,)

    Hat man da dann zudem die Abhörbänder zum Nagelbombenanschlag in Köln vernichtet. Es wurden Personen aus dem THS in einer TÜK Massnahme abgehört, welche angeblich schon nach Antrag der Staatsanwaltschaft Gera an das LKA Thüringen 2003 vernichtet wurden?
    Es stellt sich da nur die “Preisfrage” – diese Abhörbänder konnten 2003 garnicht vernichtet werden, da der Nagelbombenanschlag erst am 9 Juni 2004 in Köln stattfand.

    Ich zitiere –

    “Auch bei dem der NSU zugeschriebenen Nagelbombenanschlag im Kölner Stadtteil Mülheim am 9. Juni 2004 sei Schwarzpulver verwendet worden. Bei einer Übereinstimmung zwischen dem Schwarzpulver hätte das Kölner Attentat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Neonazi-Trio zugeschrieben werden können. Die Ermittlungen gegen mögliche Unterstützer der NSU würden dadurch erschwert, dass Datenträger mit den Mitschnitten der Telefonate von sieben Neonazis vernichtet wurden.
    Ein Sprecher des Thüringer Landeskriminalamts bestätigte der Zeitung, dass die Datenträger mit den Telefongesprächen nach 2003 auf Anweisung der Staatsanwaltschaft Gera vernichtet wurden. Ob die neun Observationsvideos der Überwachungsoperation noch existieren, die seinerzeit ebenfalls angefertigt wurden, sei unklar.”

    Das muss man mir einmal sinnvoll erklären?

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