WDR5| NSU-Anschlag in Köln wirft Fragen auf: Der unerhörte Zeuge


von Thomas Moser

Ali Demir war Zeuge des Terroranschlags in der Keupstraße in Köln-Mühlheim. Kurz nach der Explosion sah er vor seinem Büro zwei Männer, zivil gekleidet und mit Pistole bewaffnet – allem Anschein nach Polizeibeamte. Doch wer die beiden Männer waren, ist bis heute nicht geklärt.


Ein Kameramann filmt den leeren Platz eines Zeugen im NSU-Untersuchungsausschuss
Ali Demir hat seine Beobachtungen immer wieder Journalisten, Polizei und Politkern geschildert

Aus der Nähe erlebte Ali Demir den Terroranschlag in der Keupstraße in Köln-Mülheim mit. Er unterhielt dort ein kleines Büro als Steuerberater. Es war Mittwoch vor Fronleichnam. Viele Menschen machten ihre Feiertagseinkäufe, als die Bombe mit Hunderten von Zimmermannsnägeln hochging – 9. Juni 2004, kurz vor 16 Uhr. „Es hat einen großen Krach gegeben – die Lichtfenster über meiner Eingangstür fielen herunter. Es entstand Rauch und Geruch. Dann habe ich mich sofort auf den Boden gelegt“, sagt Demir.

Der Sonderkommission der Kölner Polizei gelang es in den Jahren danach nicht, den Terroranschlag aufzuklären: Täter, Hintergründe, Motiv – bis zum November 2011. Mit dem Tod der beiden Bankräuber Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos war eine Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zum Vorschein gekommen. Zu den beiden Männern gehörte Beate Zschäpe, die heute in München auf der Anklagebank sitzt.

Der geheimnisvolle Beamte in Zivil

Ali Demir machte damals Beobachtungen, die bis heute Fragen aufwerfen. Und die nahelegen, dass die Hintergründe der Tat auch mehr als neun Jahre danach nicht aufgeklärt sind. Kurz nach der Explosion sah er direkt vor seinem Büro zwei Männer, zivil gekleidet und mit Pistole bewaffnet. Sie waren mit Hilfs- und Sicherungsmaßnahmen beschäftigt – allem Anschein nach Polizeibeamte. Demir sprach mit dem Mann vor seiner Tür, wollte wissen, was geschehen ist. Es schien, dass der schon über den Anschlag im Bilde war. Der Mann habe ihm kurz und hart gesagt: Schauen Sie auf den Boden! „Auf dem Boden habe ich ein Rohrstück gesehen und viele Metallstücke“, sagt Demir.


Ali Demir

Ali Demir hat seine Beobachtung immer und immer wieder geschildert – gegenüber Polizeiverantwortlichen, Politikern, Journalisten. Jahrelang. Als Zeuge jedoch wurde er nicht vernommen. Und die beiden Beamten wurden nicht ausfindig gemacht. Demir ist eine Person des öffentlichen Lebens: Er hat die Interessengemeinschaft Keupstraße für Anwohner und Geschäftsleute mit aufgebaut, ist seit über 30 Jahren Mitglied der Kölner SPD. Der 62-Jährige lebt seit 35 Jahren in Deutschland. Ein vertrauenswürdiger – und ein genauer Zeuge. Obwohl Geschädigter, tritt er nicht als Nebenkläger beim Prozess in München auf. Das liegt ihm nicht, das würde ihn zu viel Energie kosten, erklärt er.

Warum wurden dem Zeugen die Fotos nicht gezeigt?

Im November 2012 berichtete der WDR erstmals über den Zeugen Demir und wie er die zwei bewaffneten Beamten in Zivil beobachtete. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin wurde aufmerksam. Er bat Ali Demir zunächst um eine eidesstattliche Erklärung zu seiner Beobachtung, die er auch abgab. Dann wandte sich der Ausschuss an das Land Nordrhein-Westfalen, die Namen der Beamten mitzuteilen, damit sie vernommen werden können. Das Innenministerium in Düsseldorf benannte die Kölner Polizisten Peter B. und Stefan V., den der Ausschuss Ende April 2013 zur Anhörung einlud.

Petra Pau, Obfrau der Linksfraktion, sagte damals: „Wir haben Hinweise bekommen, dass sich am Tattag zur Tatzeit Polizisten in der Keupstraße, an der Keupstraße aufgehalten haben.“ Sie seien erst im Jahr 2013, nachdem der Ausschuss sie tatsächlich geladen hat, das erste Mal zu ihren Wahrnehmungen am Tattag vernommen worden.

Tatsächlich waren die Beamten B. und V. von den Ermittlern nie zu ihren Wahrnehmungen vernommen worden, obwohl sie laut Einsatzprotokoll die ersten Polizisten vor Ort waren. Doch jetzt, noch bevor sie vor dem Ausschuss in Berlin aussagten, wurden sie im Polizeipräsidium offiziell befragt. Und auch Ali Demir wurde erstmals als Zeuge vernommen. Allerdings wurden ihm keine Bilder der Beamten B. und V. gezeigt. Zwar kritisierte der Ausschuss diese Vorgehensweise. Mit dem Auftauchen der Beamten B. und V. schien das Rätsel um die zwei Beamten am Tatort aber gelöst.

Möglicherweise die falschen Zeugen vernommen


Blick auf den Tatort in der Keupstraße mit türkischen und duetschen Geschäften
Das Geschäftsleben geht weiter: Die Keupstraße in Köln-Mühlheim

Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Peter B. und Stefan V. sind nicht die Männer, die Ali Demir vor seinem Büro auf der Keupstraße sah. Wir zeigen ihm Fotos von den zwei Polizisten, die im Untersuchungsausschuss aufgetreten waren: „Diese beiden Männer auf dem Foto sind größer, als die Männer, die ich gesehen habe“, sagt Demir. Er beschreibt die Männer, die er sah, völlig anders: kleiner, weniger schmal.

Wer waren die beiden bewaffneten Männer, die der Zeuge Ali Demir sah? Hat das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen mit Peter B. und Stefan V. zwei andere Beamte benannt und zum Untersuchungsausschuss nach Berlin geschickt? Beim Innenministerium in Düsseldorf gibt es zum Anschlag Keupstraße keine Auskunft. Der Fall liege beim Generalbundesanwalt, heiß es kategorisch. Und die Karlsruher Behörde beantwortet mit Verweis auf den Prozess in München seit Monaten keine Anfragen mehr.

Strafvereitelung im Amt?

Wir recherchieren den Fall des ungehörten Zeugen Ali Demir wochenlang. Auch der Kölner Kriminalbeamte Bernward Boden, der früher als Streifenpolizist in der Keupstraße zu tun hatte, spricht mit Demir – rein privat. Aber was er aus dessen Mund hört, muss ihn als Polizeibeamten tätig werden lassen: Er ist dem Legalitätsprinzip verpflichtet und erstattet nun Anzeige, weil die Behörden nichts unternehmen, die Identität der beiden Männer zu ermitteln.

„Dass ihn weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei, der Generalbundesanwalt oder ein Gericht vernommen haben, zeigt mir, dass hier offensichtlich Leute die Strafaufklärungspflichten verhindern“, so Boden – für ihn Strafvereitelung im Amt. Er informiert seinen Vorgesetzten und wendet sich dann direkt an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe als oberste Ermittlungsinstanz im Mordkomplex NSU. Und wieder geschieht Seltsames: Die Bundesanwaltschaft gibt die Anzeige an die Staatsanwaltschaft Köln ab. Und die stellt das Verfahren ein.


Ali Demir wurde bei dem Anschlag vom 9. Juni 2004 körperlich nicht verletzt, den Sachschaden hat er aus eigener Tasche bezahlt. Aber er hat seitdem Angst, nachts auf die Straße zu gehen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel Opfer der Keupstraße zu sich einlud, war Ali Demir nicht unter den Geladenen.

Quelle: WDR5

ein Kommentar

  1. aus dem WDR5-Beitrag, der Zeuge Ali Demir über die Beamten in zivil, ab Min 8:15 :

    –Demir beschreibt, wo er die beiden waffentragenden Beamten sah, die miteinander in Kontakt standen. Einen unmittelbar vor seinem Büro, den anderen auf der gegenüberliegenden Strassenseite vor einer Durchfahrt.
    „Jaja, unter dieser Nummer sechzig, genau unter Nummer sechzig“
    Die Durchfahrt führt aus der Keupstrasse hinaus zu einer Schule und zu anderen Strassen. Ein Fluchtweg. Nach Überzeugung der Ermittler muss der Attentäter, der die Bombe zündete, genau an dieser Stelle gestanden haben.–

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