»Ein Maximum an Aufklärung zu erreichen …«


 

Interview mit Rechtsanwalt Alexander Hoffmann

War es schwierig, beim NSU-Verfahren zur Nebenklage zugelassen zu werden?

Ich vertrete eine Frau, die Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße ist. Für die unmittelbar durch die Nagelbombe verletzten Personen oder die Angehörigen von Ermordeten war die Beiordnung unproblematisch. Meine Mandantin wohnte zwar in unmittelbarer Nähe der Bombenexplosion, wurde aber nicht direkt durch die Bombenexplosion verletzt. Für uns ging es darum, deutlich zu machen, dass die Benutzung einer Nagelbombe, mit der schon aufgrund der Bauart offensichtlich eine möglichst große Anzahl an Menschen schwer verletzt oder getötet werden sollte, einen versuchten Mord auch gegenüber Anwohner_innen darstellt.
Zunächst widersprach die Bun­des­anwalt­schaft dieser Auffassung vehement. Schließlich wurde die Nebenklage für meine Mandantin dann doch zugelassen. Nachfolgend meldeten sich noch weitere Personen als Nebenkläger.

Was waren die Motivationen und Ziele der Nebenklage?

Das Ziel meiner Mandantin ist in erster Linie der Versuch, ein Maximum an Aufklärung der Geschehnisse zu erreichen. Daneben ist es ihr ein besonderes Anliegen, dass die rassistischen Ermittlungsmethoden, die die gesamte Bevölkerung der Kölner Keupstraße in den Jahren 2004 bis 2011 zu erleiden hatte, nicht unter den Teppich gekehrt werden. Geldforderungen stehen für meine Mandantin nicht im Vordergrund. Ich bin allerdings der Meinung, dass für alle Betroffenen eine erhebliche, nicht nur symbolische Geldzahlung von staatlichen Stellen zu erfolgen hat, auch um einen Ausgleich für die offensichtlich auf rassistischen Strukturen und Vorurteilen basierenden und gegen die Opfer gerichteten Ermittlungsmaßnahmen zu schaffen.

Nehmen noch viele Nebenkläge­r_innen am Verfahren teil?

Es nehmen immer noch alle Nebenklagevertreter_innen an der Hauptverhandlung teil. Die Nebenkläger_innen selbst erscheinen nur soweit sie entweder als Zeugen aussagen oder wichtige Beweiserhebungen erfolgen, die sie interessieren. Manche Nebenkläge­r_in­nen erscheinen überhaupt nicht, da sie sich dem Prozess und dem Medienrummel nicht gewachsen fühlen.

Wie gestaltet sich die Zusammen­arbeit mit den Angehörigen?

Die Zusammenarbeit mit den Angehörigen ist naturgemäß schwierig, da diese gleich mehrfach traumatisiert sind. All denjenigen Angehörigen, die sich regelmäßig und engagiert am Prozess beteiligen, kann ich daher nur meinen größten Respekt ausdrücken. Die Konfrontation mit der sehr stark durch Formalien geprägten Hauptverhandlung kann leicht dazu führen, dass sie erneut in eine Rolle gebracht werden, in der sie handlungsunfähig sind. Nicht alle sind bereit, sich auf den sehr aufreibenden und anstrengenden Prozess der Selbst­er­mäch­tigung als handelnde Subjekte im Prozess einzulassen.

Was war die Motivation, sich gerichtlichen Beistand zu suchen und als Nebenkläger_innen am Verfahren teilzunehmen?

Eine einheitliche Motivation der Neben­kläger_innen gibt es sicher nicht. Für viele war dies aber der erste Schritt heraus aus der ihnen zugewiesenen Opferrolle.

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