hr| Ein Jahr NSU-Prozess – Viele Fragen, keine Antworten


Ismail Yozgat im Gerichtssaal im München, rechts der Tatort in Kassel (Bild:  picture-alliance/dpa)

Ismail Yozgat im Gerichtssaal im München, rechts der Tatort in Kassel
Die Umstände des Mordes an Halit Yozgat sind auch ein Jahr nach dem Auftakt des NSU-Prozesses in München noch rätselhaft. Die Anzahl der unbeantworteten Fragen nimmt zu, die hessischen Zeugen haben nicht weitergeholfen.
Von hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka

Kann ein Strafprozess aufklären, was ein Untersuchungsausschuss nicht schaffte? Kann ein Gericht Antworten auf Fragen finden, die Polizei und Staatsanwälte nicht fanden? Oder: Was macht ein Verfassungsschützer am Tatort eines Mordes? Warum meldet sich dieser Verfassungsschützer nicht bei der Polizei, obwohl sie öffentlich nach Zeugen sucht? Warum verwechselt er dann den Tag, an dem er angeblich im Internetcafé war? Warum telefonierte der V-Mann-Führer am Mordtag mit seiner rechten Quelle? Warum sieht ein fast 1,90-Meter-Mann einen Toten nicht, der hinter dem Tresen liegt, auf den er gerade Geld legt? Wundert sich der Verfassungsschützer nicht, dass niemand da ist, um zu kassieren?

Diese und andere Fragen stellen sich im Mordfall Yozgat, der seit genau einem Jahr vor dem Oberlandesgericht München verhandelt wird.

Schwer nachvollziehbare Antworten
Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Vermutlich von den Rechtsterroristen des selbsternannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Vermutlich gegen 17 Uhr, als der Verfassungsschützer und V-Mann-Führer Andreas T. aus privaten Gründen gerade das Internetcafé besuchte, um auf einem Flirtportal zu schauen, ob er eine Nachricht erhalten hat. Oder gerade gegangen war?

Sechsmal haben die Richter vor dem Oberlandesgericht München in diesem ersten Prozessjahr dem früheren Verfassungsschützer schon genau diese Fragen gestellt. Sechsmal antwortete er so wie zuvor bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Bundesanwaltschaft und im Untersuchungsausschuss: mit Ausflüchten, larmoyant und schwer nachvollziehbar. Er redet vom bedauerlichen Trugschluss und meint damit, dass er als erfahrener Verfassungsschützer den Tag verwechselte, an dem er in Yozgats Internetcafé war. Und das, obwohl es am Ende seines letzten Arbeitstages vor einem Kurzurlaub war.

Keine der vielen Fragen ist beantwortet
Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl gibt Andreas T. schon nach der ersten Befragung klar zu verstehen, dass er ihm nicht glaube. Doch der Jurist gibt nicht auf. Akribisch und klug arbeitet er die Widersprüche der Zeugenaussage von Andreas T. heraus. Er will wissen, wie ein gelernter Observant des Verfassungsschutzes nicht wahrnehmen kann, was um ihn herum passiert. Oder wie es sein kann, dass er den Tag verwechselte, an dem er im Internetcafé war, obwohl es der letzte Arbeitstag war und eine Familienfeier anstand. „Tut mir leid, ich kann das nicht nachvollziehen“, hat ihm der Vorsitzende in seinen stundenlangen Befragungen mehrfach gesagt. Zu allgemein seien die Antworten, nicht logisch, aber dafür ausweichend.

Götzl seziert die Aussagen von Andreas T., doch auch nach der sechsten Befragung ist immer noch keine der vielen Fragen befriedigend beantwortet. Ismail Yozgat, der Vater des Ermordeten Halit, spricht schließlich aus, was viele denken: „Es tut mir leid, aber ich glaube Ihnen überhaupt nicht.“

Ismail Yozgat war der erste in diesem Mordprozess, der das Grauen der Taten spürbar gemacht hat. Er hat sich vor der Hauptangeklagten Beate Zschäpe auf den Boden geworfen und zeigte die Position, in der er seinen sterbenden Sohn vorgefunden hatte. Er hat seinen Schmerz herausgeschrien und beschrieben, wie er seinen Sohn mit den eigenen Händen begrub, wie seine Familie litt, weil sie jahrelang zu Unrecht verdächtigt wurde. Doch Zschäpe, der unter anderem die Mittäterschaft an zehn Morden und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird, zeigte äußerlich keine Regung. Sie blieb stoisch, die meiste Zeit schaute sie in ihr Laptop.

Das Schweigen der Beate Zschäpe
Ganz anders Ayse Yozgat. Die Mutter des wahrscheinlich neunten und vorletzten NSU-Opfers sprach in ruhigem Ton zu Zschäpe. Die Hauptangeklagte saß mit einem Mal kerzengerade da und starrte zur Wand. Es wirkte so, als berührten sie die Worte der Frau. Im Gerichtssaal war es ganz still. In der nüchternen Atmosphäre dieses riesigen Raumes ohne natürliches Licht machte die Mutter von Halit Yozgat das Leid der Opferfamilien sehr präsent. Sie sprach Zschäpe am 42. Verhandlungstag direkt an: „Sie sind auch eine Dame. Ich spreche als Mutter, als eine Geschädigte. Ich bitte Sie, dass Sie all diese Vorfälle aufklären. Weil Sie eine Frau sind, denke ich, dass die Frauen sich gegenseitig verstehen. Jeder kann Straftaten begehen, aber ich bitte um Aufklärung. Befreien Sie mich bitte von diesen Gefühlen. Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie bitte immer daran, dass ich nicht schlafen kann.“

Doch Zschäpe schweigt weiter. Und die Umstände des Mordes an Halit Yozgat sind immer noch rätselhaft. Die hessischen Zeugen, jedenfalls die des Verfassungsschutzes, haben nicht weitergeholfen. Nicht der ehemalige Verfassungsschützer, nicht sein früherer V-Mann, nicht seine einstigen Vorgesetzten, nicht der damalige Direktor des Amtes. Allenfalls die Anzahl der unbeantworteten Fragen nahmen in einem Jahr NSU-Prozess zu. Und die Anzahl der aufgedeckten Merkwürdigkeiten. Auch der immer gut vorbereitete Vorsitzende Richter, ein autoritärer Mann mit brillantem Verstand, konnte die Antworten nicht herauskitzeln, die alle suchen. Vielleicht auch deshalb, weil ein Strafprozess anders als ein Untersuchungsausschuss nur für die Feststellung der Schuld von Angeklagten zuständig ist. Nicht aber für mögliche Missstände in Ermittlungs- oder Sicherheitsbehörden. Richter Götzl hat Andreas T. nach dem sechsten Versuch als Zeuge entlassen. Die Antworten, die alle suchten, blieb er schuldig.

ein Kommentar

  1. A. Schmidt · · Antworten

    Ein aktuelles Beispiel für den medialen Kampf um die Interpretationshoheit des NSU-Prozesses – auf tagesschau.de:

    Die noch eher sachliche Prozess – Chronik vom 24. 4. ….

    http://www.tagesschau.de/inland/nsuchronikxl100.html

    ….weicht am 6. 5. einem „aktualisierten Dossier“ mit Hetzkommentar von Holger Schmidt gegen die Anwälte der Nebenklage:

    http://www.tagesschau.de/inland/nsudossier112.html

    (Quelle: https://twitter.com/PatrickGensing/status/463604080624291840)

    Ein Vergleich der Berichte über die Verhandlungstage in beiden Chroniken (z.B. über die „Zeugin vom Dachfenster“, 40. Verhandlungstag) zeigt, wie durch manipulativer „Berichterstattung“ Zeugen für unglaubwürdig erklärt werden, die zur Aufklärung des NSU-Umfelds, z. B. in Dortmund, beitragen könnten.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: