NSU: Nationales Selbstmord-Unternehmen


Malte Daniljuk 06.05.2014

Seit zweieinhalb Jahren zieht sich die Aufklärung der Anschlagsserie durch den NSU hin. Weder ist bisher geklärt, welche Taten die Terrorgruppe insgesamt beging, noch wer sie ausführte. Sicher ist nur, dass auskunftsfähige Personen als akut selbstmordgefährdet einzustufen sind

Seit genau einem Jahr läuft vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte. Vor Gericht zeigen sich Ermittlungsbehörden und Neonazis extrem wortkarg. Anfang April verstarb unter Obhut des Verfassungsschutzes plötzlich und unerwartet eine der am besten informierten Personen in Sachen NSU, der Neonazi Thomas Richter alias V-Mann „Corelli“. Am 3. April hätte er von einer Behörde zu neuen Erkenntnissen im NSU-Komplex vernommen werden sollen.

Corelli teilt sein Schicksal mit Florian Heilig, ebenfalls ehemaliger Neonazi: Der verbrannte im September 2013 kurz vor einer Vernehmung durch das LKA in seinem Auto. Aber auch zum Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gibt es Neuigkeiten. Nach zweieinhalb Jahren legte die thüringische Polizei im März einen lang erwarteten Obduktionsbericht vor.

Jörg Ziercke: „Wir haben da also einen Selbstmord“

Während Deutschlands oberster Investigativ-Journalist Hans Leyendecker frühzeitig ein Ende der Untersuchungausrief, hatten vorsichtige Journalisten anfänglich noch das kleine Wort „angeblich“ vor die Todesumstände von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesetzt. Diese nur neun Zeichen kurze Absicherung kam jedoch mit zunehmendem zeitlichen Abstand redaktionell außer Mode. Zu hartnäckig fiel die offizielle Sprachregelung der thüringischen Polizei und des BKA aus: Selbstmord.

Intern äußerten sich an der Ermittlung beteiligte Beamte jedoch anders. „An diesem Fall stimmt gar nichts“, hieß es unter der Hand gegenüber den Politikern und Journalisten, die sich die Arbeit machten, vor Ort mit einfachen Ermittlern zu reden.

Angesichts eines toten Uwe Böhnhardt, der umgekehrt zur angeblichen Schussrichtung im Wohnwagen lag – nämlich mit dem Kopf in Richtung Wageninneres zum angeblichen Schützen hin – runzelte so mancher Beobachter ungläubig die Stirn. Ebenso erschien die Wahl der Tatwaffe, ein etwa ein Meter langes Repetiergewehr, zumindest ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass wenigstens vier Pistolen schussbereit im Fahrzeug lagen.

Auch ein Selbstmordmotiv war für erfahrene Ermittler nur schwerlich zu erkennen. Immerhin parkten zwei entschlossene Täter, ausgestattet mit reichlich Waffen, Munition, Papieren und Geld, zwei Stunden im Stadtgebiet, während sie über Polizeifunk verfolgen konnten, wie die Sperrung der Ausfallstraßen wieder aufgehoben wurde. Eine ausweglose Situation, deretwegen die beiden Neonazis sich spontan zum erweiterten Suizid entschlossen haben könnten, mag in der Vorstellung vieler Menschen anders aussehen.

Kein Ruß in der Lunge

Anfang März, in der vergangenen Sitzung des Thüringer Untersuchungsausschusses, lieferte nun der damals zuständige Polizeichef Michael Menzel eine Widerlegung dessen, was etwa BKA-Chef Jörg Ziercke seit November 2011 suggeriert. Der zentrale Beleg für die ohnehin wenig plausible These, Mundlos habe zunächst Böhnhardt erschossen, dann das Fahrzeug in Brand gesetzt und schließlich sich selbst gerichtet, war, dass in seiner Lunge Rußpartikel gefunden worden seien. Die hätten sich dort nur befinden können, wenn er noch atmete, als das Wohnmobil schon brannte. Alles Quatsch, heißt es nun beim Untersuchungsausschuss: Laut Obduktionsbericht, den Generalbundesanwalt Harald Range nun nach zweieinhalb Jahren endlich freigab, fand sich kein Ruß in der Lunge.

Wer nun erwartet, dass neue Fakten umgehend zu einer neuen Bewertung der Vorgänge führen, kann in dieser Zeit nicht in der Bundesrepublik Deutschland gelebt haben. Statt die Konsequenzen anzuerkennen, zog Polizeichef Menzel vor dem Ausschuss eine groteske Show ab, deren Mittelpunkt der erklärungsbedürftige Umstand bildete, dass auf dem Boden des Wohnmobils zwei leere Patronenhülsen aus der Pumpgun gefunden wurden. Bei zwei abgegebenen Schüssen hätte es bei diesem Waffentyp in einem Selbstmordszenario, das dokumentierte N24 bereits im November 2013, aber nur eine einzige ausgeworfene Hülse geben können.

Den weiteren Verlauf der besagten Thüringer Ausschusssitzung beschrieb Andreas Förster, einer der Journalisten, die den Fall vom ersten Tag an begleiten, in der Berliner Zeitung: „Seine erste Amtshandlung am Tatort war laut Wenzel, die Speicherkarte der Kamera eines Feuerwehrmannes zu beschlagnahmen.“ Bis heute sind die betreffenden Photos verschwunden, was sich der Polizeidirektor gar nicht erklären kann.

Bereits eine halbe Stunde, nachdem der abgeschleppte Caravan bei der Spurensicherung eintraf – der Transport schüttelte das verbrannte und durchnässte Wageninnere ordentlich durch -, wusste Michael Wenzel, dass sich die Waffe von Polizistin Michèle Kiesewetter im Fahrzeug befand. Sowohl vor dem Untersuchungsausschuss als auch vor Gericht war Michael Menzel weiter damit beschäftigt abzustreiten, dass ihm die Identität von Uwe Mundlos und möglicherweise auch Uwe Böhnhardt schon an diesem Freitag, dem 4. November, bekannt war. Allerdings behaupten verschiedene Beamte, darunter ein ehemaliger Mitarbeiter des Thüringischen Verfassungsschutzes, dass sie bereits an genau diesem Tag von Menzel dahingehend informiert worden seien.

So viele Zufälle kann es nicht geben

Diese Ungereimtheiten sind in Anbetracht des zweifelhaften Agierens der zahlreichen Sicherheitsbehörden im Fall NSU nicht gerade geeignet, das Vertrauen in den Aufklärungswillen der Behörden wieder herzustellen.

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