Standard.at| Südtiroler Neonazis: Ihr Kampf


VON BARBARA BACHMANN

Trotz schwieriger Verhältnisse versucht eine Mutter ihre drei Söhne von den Südtiroler Neonazis fernzuhalten. Vergeblich. Das Protokoll eines Scheiterns

Es gibt diese Momente, in denen sie losbrüllen könnte wie früher, Salatschüsseln zerschmettern und Teller schmeißen. Aber sie will vergessen, wenn sie am Küchentisch mit ihrem Sohn sitzt. Sie sieht nicht hin, wenn ihr Jüngster aus der Dusche kommt und sich an seiner rechten Brust die Hitlerjugend wölbt. Marta Lechner (alle Namen der Familie geändert), die Haare burschikos, die Kleidung unauffällig, sagt über sich: „Ich bin die Mutter dreier gesunder, liebenswürdiger, hart arbeitender Söhne.“ Aber Marta Lechner, deren Alter von 52 Jahren eher ihre Zähne als das schmale, jugendliche Gesicht verraten, sagt auch: „Ich bin die Mutter dreier Neonazis.“

Der Tag, der ihr Leben verändert, endet mit einer zerdrückten Torte auf ihrem Kleid. Marta ist 18 Jahre alt, als sie an einem lauen Sommerabend mit Freunden auf die bestandene Gesellenprüfung zur Konditorin anstößt und den letzten Bus verpasst. Da fährt ein junger Mann auf einem Motorrad vorbei, lächelt und fragt, ob er sie irgendwo hinbringen dürfte. Sie lächelt zurück und steigt auf. Die Geburtstagstorte, ihr Gesellenstück, quetscht sie zwischen sich und Erwin. Zu Hause schüttelt die Mutter den Kopf, als die Tochter mit der zerdrückten Torte und dem fremden Jungen ankommt, und sagt: „Er wird dir den Ruin bringen.“

Aber zuerst werden Marta und Erwin ein Paar. Sie ist nicht richtig verliebt, er tat ihr leid, sagt sie heute. Sie will ihm helfen, auch wenn Erwin oft grob ist und ihr manchmal Angst einjagt. Furchtbar, wie es bei ihm zu Hause zugeht, viele Schläge, wenig Worte. Marta ist das achte Kind einer harmonischen Familie. Soll sie ihn verlassen, fragt sich Marta, aber da ist sie schon schwanger. Als ihr Sohn Roland neun Monate alt ist, erwartet sie wieder ein Baby. Die Beziehung kriselt, sie trennt sich von Erwin. Ihre Chefin gibt ihr die Adresse eines Arztes, der das Kind wegmachen kann. Im Wartesaal schreckt Marta auf und geht nach Hause. Markus kommt zu früh zur Welt, ist klein, aber gesund und Marta überglücklich. Erwin treffen sie zunächst nur an den Wochenenden, aber die Kinder sollen nicht ohne Vater aufwachsen. Nach einem Jahr ziehen sie zu ihm, sind nun doch eine Familie.

Marta steht als Erste auf, geht als Letzte ins Bett. Sie kümmert sich um ihren Haushalt und den des Schwiegervaters, der über ihnen wohnt. Anstatt es ihr zu danken, tyrannisiert er sie. „Marta, alles, was du machst, ist falsch.“ Der Frührentner sitzt meist angetrunken auf dem Balkon, stichelt und stänkert, genau wie die Großtante, die im Haus lebt. Vor dem Mittagessen stopft sie die Kinder mit Süßigkeiten voll. Marta muss ihre Söhne in der viel zu kleinen Wohnung spielen lassen, weil im Garten der Opa lauert. Es kommt vor, dass er sich an den Enkelkindern vergreift. An einem Tag schlägt er dem Ältesten so fest mit einem Stock auf den Rücken, dass dieser blau im Gesicht nach Luft ringt. Als Marta Hilfe bei ihrem Partner sucht, sagt der: „Du musst das selbst mit ihm auskämpfen.“

Jahre vergehen, Marta trennt sich von Erwin und versöhnt sich mit ihm und wird zum dritten Mal schwanger. Als der Arzt ihr mitteilt, dass sie wieder einen Jungen erwartet, weint sie vor Enttäuschung. Der Einzige, der sich in dieser Zeit liebevoll um sie kümmert, ist Markus, gerade fünf. Der Älteste wird zum Blitzableiter, kriegt allen Ärger ab, vom Opa, dem Vater, der Großtante. In der Schule gibt er seltsame Töne von sich, pfeift, stört die Klassengemeinschaft.

Die Geburt ihres Jüngsten wird für Marta zum Trauma. Als die Wehen einsetzen, ist sie allein zu Hause, den ganzen Tag über kann sie Erwin nicht erreichen. Irgendwann fällt er betrunken durch die Wohnungstür. Er kann ihr nicht helfen. Sie weint, er schläft ein. Marta ruft einen Krankenwagen. Allein watet sie durch den dichten Schnee zur Hauptstraße, in der einen Hand ihre Tasche, mit der anderen hält sie sich am Zaun fest. Die Sanitäter erschrecken, als sie Marta sehen. Ein Häufchen Elend, das nun ein Kind gebären soll. Daniel hat die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt, aber kommt gesund zur Welt. Sie hält ihn im Arm und denkt: Er sieht aus wie sein Vater.

Als Daniel zehn Monate alt ist, plant Marta ihren Selbstmord. Sie will sich in der Küche vergasen, zusammen mit den Kindern; ihre Söhne sollen nicht beim Vater zurückbleiben. Von der Schwägerin wird sie rechtzeitig zurückgehalten. Auch Erwin möchte nicht mehr leben. Einmal spannt er einen Strick im Dachboden. Ein andermal steht er beim Mittagessen auf, holt ein Küchenmesser aus dem Schrank, hält es sich an den Puls und sagt zu den Söhnen: „Schaut doch mal her, was euer Vater macht!“ Marta kann ihn beruhigen und versteckt später alle Messer. Ruhe kehrt trotzdem keine ein, auch nachts nicht. Erwin wirft sie aus dem Bett, wenn Marta seinen Wünschen nicht nachgibt. Sie flüchtet ins Kinderzimmer, während der Vater versucht, mit Gewalt die Tür aufzubrechen.

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