Hajo Funke zu Stefan Aust und Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU, erschienen im Pantheon Verlag.


 

Großartig. Exzellent recherchiert. Ein spannend erzählter Realkrimi. Auf 812 Seiten

Zu Stefan Aust und Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU, erschienen im Pantheon Verlag.

Heimatschutz erzählt das größte rassistische Verbrechen seit dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland: die Mordserie des NSU und die Rolle des Staats: Die neue Ordnung der Neo-Nationalsozialisten in Deutschland seit Anfang der Neunzigerjahre. Der Abgrund an rassistischer Gewalt und krimineller Verbrechen seit dem Pogrom in Rostock Lichtenhagen. Die verheerende Rolle neonazistischer Gewaltverbrecher und Agitatoren in staatlichen Spitzeldiensten von Piatto bis Corelli, von Tino Brandt bis Michael See und ihre Gewalt-mobilisierende Wirkung. Die Mordserie und ihr Verschweigen.

Mit den Akten der Untersuchungsausschüsse in Berlin, Erfurt und Dresden, vor allem aber mit dem Know-how aus anonymen Hinweisgebern und Interviewten aus der rechtsextremen Szene wie der Verfassungsschutz- und Polizeiszene entsteht das Doppelporträt des mörderischen nationalsozialistischen Untergrunds und staatlicher Verstrickung. Und Portraits der Verfassungsschützer von Lothar Lingen bis Heinz Fromm und dem, was das Bundesamt für Verfassungsschutz bis heute unterlassen hat.

Diese schnell, lakonisch, zuweilen sarkastisch erzählte Geschichte einer neonazistischen Struktur des Verbrechens einerseits und des enormen Wissens der Behörden andererseits ist streng chronologisch und szenisch angelegt. Der Band belegt erstmalig systematisch, wie die Ämter, vor allem das Bundesamt für Verfassungsschutz mit seiner Rechtsextremismusabteilung verstrickt ist. Er zeigt, dass nicht zu Ende untersucht worden ist. Der letzte Absatz dieses Meisterwerks lautet: „Mit jeder weiteren vernichteten Akte, mit jeder nicht beantworteten Frage, mit jeder neuen Lüge verstrickt sich das Bundesamt für Verfassungsschutz nun weiter in einen Kampf, den es vor über 20 Jahren begonnen hatte – und der Satz des Geheimdienstkoordinators und ehemaligen Vizepräsidenten des BfV Klaus-Dieter Fritsche vor dem NSU-Ausschuss, hallt mit jedem Tag lauter, schriller, aber auch klarer nach: „Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.““

Das Buch ist ein Ziegelstein aus Zunder, dass die Frontscheiben des Bundesamts durchschlägt, die Treppen hochschnellt und auf dem Tisch des Präsidenten landet und dort liegt und irgendwann zündet. Die Sicherheitspolitik dieses Landes in Parlament und Exekutiven – ebenso wie der Leitmedien – wird an diesem Buch nicht vorbei können. Da man im  Untersuchungsausschuss des Bundestags vermieden hat, die Behörden selbst systematisch zu untersuchen, ist ein zweiter Untersuchungsausschuss fällig, wenn man ernsthaft Konsequenzen aus der in diesem Buch dargelegten Sicherheitskatastrophe ziehen will. Es wird das Regierungshandeln und die Sicherheit der ihm Anvertrauten in Deutschland insgesamt unterminieren, wenn es nicht zu einer Aufdeckung des bisher Verschwiegenen kommt. Der Druck wächst, nicht nur in Hessen, sondern auch in Baden-Württemberg und anderswo, vor allem aber in der Hauptstadt, endlich systematisch aufzuklären, um angemessene Konsequenzen zu formulieren und das erschütterte Vertrauen in die Sicherheitspolitik wiederzugewinnen.

(Hajo Funke. 21. Mai 2014)

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ein Kommentar

  1. Marco Müller · · Antwort

    Dem Jubel auf das Buch kann ich nur eingeschränkt zustimmen. Es ist inhaltsreich und zeigt deutlich die Verfehlungen aller Sicherheitsbehörden auf. Jedoch trägt es lektorische und sachliche Fehler in sich, welche dem aufmerksamen Leser auffallen dürften. Auch der alleinige Fingerzeig auf den Verfassungsschutz als Schuldigen, wie in ihrer Rezension, ist falsch, zumal mehr als 2/3 des Buches sich mit den verfehlten Ermittlungen der Polizei befassen. Auch wenn das Verhalten des TLfV und andere VS-Behörden falsch war, Polizei und Staatsanwaltschaften sind zumindest auf gleicher Höhe zu nennen. Im Nachhinein sind alle schlauer und im Verurteilen schnell. Auch die Attentäter des 11.09. fielen im Vorfeld auf, doch wurden die Anschläge trotzdem nicht verhindert. Es gehört immer mehr dazu aus einem Hinweis einen Beweis und eine Verurteilung zu erwirken. Nicht zuletzt die entsprechenden gesetzlichen Befugnisse, welche leider auch im Buch nicht entsprechend gewürdigt wurden, sind ursächlich zu nennen. Es ist ja auch leichter einfach zu sagen, dass es falsch war so oder so zu handeln, ohne darauf hinzuweisen, dass die Rechtslage eine bestimmte Verhaltensweise vorgaben und somit nicht anders gehandelt werden konnte.

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