Köln| BIRLIKTE – UNSER AUFRUF Gemeinsam gegen Rassismus und Ausgrenzung – 7./8./9. Juni 2014


Vor zehn Jahren zündeten Mitglieder des selbsternannten »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) in der Mitte der Kölner Keupstraße eine Nagelbombe. 22 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Wie eine Untersuchung des Bundeskriminalamts ergab, war der mit hunderten von Nägeln gespickte Sprengsatz so konstruiert, dutzende Menschen in den Tod zu reißen.

Nach dem Anschlag herrschte in Köln Entsetzen. Die ermittelnden Behörden und der Bundesinnenminister schlossen lange Zeit einen rechtsextremen Anschlag aus. Vielmehr sei von »Auseinandersetzungen im Milieu« auszugehen. Sieben Jahre später wurde bekannt, dass die Terroristen nicht nur diesen Anschlag ausführten, sondern in einer brutalen Mordserie zehn Menschen töteten. Die Unterstützer dieser Gruppe, sofern sie noch am Leben sind, stehen nun vor Gericht.

Wir, die wir nicht für möglich gehalten haben, dass in unserem Land wieder rechtsradikale Mörderbanden unterwegs sind, stehen in der Verantwortung. Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist. Aber jetzt, da die Gefahr klar benannt ist, wollen wir zusammenstehen! In Solidarität mit den Anschlagsopfern kämpfen wir gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für das Recht jedes Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben. Auch für die Menschen, die als Flüchtlinge Zuflucht bei uns suchen.

Für uns gilt, was sich Semiya Şimşek, die Tochter des im Jahr 2000 vom NSU ermordeten Enver Şimşek, von Herzen wünscht: »Wir alle, gemeinsam, zusammen, nur das kann die Lösung sein.«

Deshalb laden wir am 7. / 8. und 9. Juni 2014 nach Köln-Mülheim ein. Wir wollen an alle Opfer des rechten Terrors erinnern, debattieren, ein großes Kunst- und Kulturfest feiern und auf einer Kundgebung demonstrieren. Wir werden ein sichtbares Zeichen der Solidarität setzen. Wir wollen eine gemeinsame Zukunft, wir wollen mehr Zusammenhalt!

Gegen Neonazis, Rassismus und Ausgrenzung. Für eine gerechte und solidarische Gesellschaft.

TÜRK VERSIYONU

UNSER PROGRAMM: Köln feiert gegen Rechts

Am 7., 8. und 9. Juni laden wir nach Köln-Mülheim ein, um gemeinsam an die Opfer des NSU-Terrors zu erinnern, zu debattieren, ein vielfältiges Kunst- und Kulturfest auf der Keupstraße zu feiern und auf einer großen Kundgebung zu demonstrieren. Mit Musik, Theater, Tanz, Film, Literatur und Diskussionen werden wir ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und rechtes Gedankengut setzen.

07.Juni 2014

19:00

SCHAUSPIEL KÖLN: »DIE LÜCKE – EIN STÜCK KEUPSTRASSE

Premiere des Theaterprojektes von Nuran David Calis über das Leben in der Keupstraße und die Folgen des Anschlags.
Das Stück entsteht in enger Zusammenarbeit mit der IG Keupstraße und unter Beteiligung der Anwohner der Keupstraße.

Ort: Schauspiel Köln im Depot, Schanzenstraße 6-20, Köln-Mülheim und Keupstraße

DETAILS ZUM PROGRAMM

08.Juni 2014

ab 11:00

GANZTÄGIGES KUNST- UND KULTURFEST

Ganztägiges Kunst- und Kulturfest »Offene Keupstraße, offene Läden, offene Hinterhöfe!« Musik, Theater, Literatur, Filme, Diskussionsforen und Kinder- und Familienpark auf mehr als 30 Bühnen in der Keupstraße, ihren Geschäften und Hinterhöfen, sowie auf dem Gelände des benachbarten Carlswerks. Dazu bald mehr.

14:00

OFFIZIELLE ERÖFFNUNG

Jürgen Roters, Oberbürgermeister der Stadt Köln, eröffnet das Kunst- und Kulturfest in der Keupstraße offiziell.

18:30

EMPFANG DES OBERBÜRGERMEISTERS

Empfang des Oberbürgermeisters der Stadt Köln, Jürgen Roters, für die Initiatoren, Förderer, Unterstützer, Mitwirkenden und Gäste des Aktionsbündnisses Birlikte (gesonderte Einladung).

20:00

EIN MUSIKALISCHER ABEND MIT MARIO RISPO UND GÄSTEN

Deutsch-Türkischer Festabend mit Konzert und prominenten Begrüßungsreden im Schauspiel Köln im Depot

09.Juni 2014

11:00

ÖFFENTLICHE TAGUNG

Öffentliche Tagung des Integrationsausschusses des Landtages NRW im ISS-Netzwerk, Genovevastraße 94, Köln-Mülheim

 12:00

PODIUMSDISKUSSION

Podiumsdiskussion mit Sigmar Gabriel (SPD-Parteivorsitzender), Mehmet Daimagüler (Rechtsanwalt im NSU-Prozess), Hülya Özdag (Geschäftsfrau), Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung), Stefan Aust (Journalist)

Moderation: Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der stern-Chefredaktion

Ort: Palladium, Schanzenstr. 40, Köln-Mühlheim

15:45

GROSSE KUNDGEBUNG

Mit Musik- und Wortbeiträgen zahlreicher prominenter deutscher und internationaler Stars. Unter anderem mit Udo Lindenberg, Peter Maffay, Wolfgang Niedecken & BAP, Zülfü Livanneli, Sertab Erener & Demir Demikan, Hardy Krüger, Bläck Föös, Serdar Somuncu, Carolin Kebekus, Tom Buhrow, Brings, Höhner, Elke Heidenreich, Isabel Schayani, Tommy Engel und Arno Steffen, Wilfried Schmickler u. v. a. / Moderation: Sandra Maischberger und Fatih Çevikollu

Ort: Kundgebungsgelände an der Schanzenstraße, Köln-Mühlheim

 

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SCHWEIGEN NACH DEM KNALL

Das Nagelbombenattentat auf der Kölner Keupstraße

Am 9. Juni 2004 erschütterte ein Knall die Kölner Keupstraße. Hunderte glühend heißer Nägel schossen mit bis zu 770 km/h durch die belebte Geschäftsstraße und verletzten 22 Menschen zum Teil schwer. Dass niemand starb, grenzt an ein Wunder.

Die Anwohnerinnen und Anwohner vermuteten schon früh einen rassistischen Hintergrund – galt die Keupstraße doch als die zentrale Geschäftsstraße der türkischen Community. Doch die Ermittlungsbehörden gingen dem nicht nach: Nur einen Tag nach dem Attentat erklärte der damalige Innenminister Otto Schily, dass ein rechtsextremer Anschlag auszuschließen sei und die Täter im kriminellen Milieu zu vermuten wären. Auf der Keupstraße und in ihrer Umgebung wurde eine Rasterfahndung ausgeschrieben, die auf migrantische junge Männer ausgerichtet war.

Die Folgen für die Betroffenen waren dramatisch: Aus Opfern wurden Täter, die Verletzten und ihre Angehörigen stundenlang verhört, Türen eingetreten, Telefone abgehört. Die Geschäftsleute, die ohnehin unter den wirtschaftlichen Folgen des Attentats litten, bekamen in den folgenden Jahren verstärkt die Finanzprüfung ins Haus geschickt.

Sieben Jahre dauerte diese Tortur aus Verdächtigungen und Misstrauen, das schließlich auch die Keupstraße selbst erfasste. Die einseitigen Ermittlungen und entsprechenden Medienberichte ließen die Betroffenen nicht nur verstummen – ihre rassistischen Zuschreibungen setzten auch fort, was die Bombe begonnen hatte.

Erst im November 2011 wurde klar, dass der versuchte Massenmord auf das Konto des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ging. Die Selbstenttarnung des rechtsextremen Terrortrios war der deutlichste Beleg für die krasse Fehleinschätzung der Ermittlungsbehörden. Umso mehr gilt es nun, zehn Jahre nach dem Anschlag, den Betroffenen in der Keupstraße endlich Gehör zu schenken und das Schweigen zu brechen.

RASSISTISCHER HASS

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU)

Im November 2011 erfasste eine Schockwelle Deutschland: Damals wurde bekannt, dass eine rechtsextreme Terrorgruppe jahrelang mordend durchs Land gezogen war. Insgesamt zehn Menschen fielen dem rassistischen Hass des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zum Opfer: Die Terrorzelle ermordete nach bisherigem Kenntnisstand neun Bürger türkischer bzw. griechischer Herkunft und eine Polizistin, zündete Bomben und beging Banküberfälle.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die mutmaßlichen Täter, nahmen sich das Leben, um ihrer Verhaftung zu entgehen. Beate Zschäpe sprengte die gemeinsame Wohnung in Zwickau, um Beweise zu vernichten. Dann stellte sie sich der Polizei.

Die Enttarnung des NSU ging also mitnichten auf das Konto der Ermittlungsbehörden –im Gegenteil. Eigens eingerichtete Untersuchungssauschüsse im Bundestag und mehreren Landtagen fällten ein eindeutiges Urteil: Polizei, Verfassungsschutz und Justiz hatten schlicht versagt.

Doch der NSU operierte nicht im luftleeren Raum: Seine Verbrechen sind eingebettet in ein Klima, in dem rechtsextremes Gedankengut und Rechtspopulismus die Mitte der Gesellschaft erreicht haben. Jeden Tag passieren in Deutschland rassistische Übergriffe; zahlreiche Studien belegen, wie viele Menschen rassistische Vorurteile pflegen.

Seit Mai 2013 läuft der Prozess gegen Zschäpe und die mutmaßlichen NSU-Helfer, auf dem große Hoffnungen lasten. Unabhängig von seinem Ausgang ist schon jetzt klar: Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in Deutschland wird und muss uns noch lange beschäftigen.

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