Recherche38| Weiblich, unauffällig, radikal: Verein beurlaubt neonazistische Mitarbeiterin. Oder: Ein Doppelleben mit Rechtsrock und »Blood & Honour«


Sie galt als unauffällige, freundliche Mitarbeiterin. Fast niemand in dem Braunschweiger Verein, der Kindertagestätten betreibt, dürfte geahnt haben, dass eine Kollegin tief verstrickt ist in das internationale Netzwerk der Rechtsrockszene. Als der Verein vor einigen Tagen über die neonazistischen Aktivitäten der Mitarbeiterin  informiert wurde, war man deshalb zutiefst schockiert. Der Vorstand zog sofort Konsequenzen: Die Mitarbeiterin wurde umgehend beurlaubt, eine Beratungsstelle und ein Rechtsanwalt eingeschaltet. Eltern und KollegInnen wurden informiert. Nun dürfte es ein juristisches Tauziehen darum geben, ob der Verein die Mitarbeiterin aufgrund ihrer extrem rechten Einstellungen und ihren Aktivitäten auch kündigen kann.

Auch dieser Fall zeigt: Neonazi-Frauen werden oft weniger wahr- und ernst genommen als ihre männlichen „Kameraden“. Im Alltag und Beruf sind sie nicht selten gut integriert und pflegen Kontakte auch über das eigene politische Milieu hinaus. Sie geben sich in der Nachbarschaft, in der Schule oder in der Kita sozial engagiert oder arbeiten selbst im sozialen Bereich. Ihr „Doppelleben“ als Aktivistinnen in der Neonazi-Szene wird oft übersehen, nicht wahrgenommen oder heruntergespielt. Und wenn dieses dann doch einmal thematisiert wird, dann wird ihnen ihre eigenständige radikale politische Überzeugung oft nachgesehen und ihnen eine Rolle als bloße „Anhängsel“ ihrer männlichen Partner unterstellt. Eine gefährliche Verharmlosung der Rolle, die neonazistische Frauen für die Struktur der Neonazi-Szene tatsächlich spielen.

ISD UK 2013 - Section88

“Ian Stuart Donaldson-Memorial” Konzert von »« im Herbst 2013 in Großbritannien. Hitlergrüße, wie hier vom Sänger der Band »Section 88« gezeigt, gehören dort zum “guten Ton”.

Zu Besuch bei „Blood & Honour“

September letzten Jahres: Auf einer großen Wiese mitten in Großbritannien steht ein großes Festzelt. Hier trifft sich das in Deutschland verbotene internationale Rechtsrock-Netzwerk »Blood & Honour« zu seinem jährlichen zweitägigen „Ian Stuart Donaldson Memorial“-Konzert (ISD). Neonazis aus ganz Europa gedenken hier Ian Stuart Donaldson, dem 1993 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Sänger der britischen Neonazi-Band »Skrewdriver«. Donaldson gilt als Gründer von »Blood & Honour«, einem neonazistisches Netzwerk, dass mit Sektionen in vielen europäischen Ländern sowie in Australien, Neuseeland, USA und Canada vertreten ist.

»Blood & Honour / Combat 18« Frankreich

Mit Terror für die “Weiße Vorherrschaft”: Mitglieder von »Blood & Honour / Combat 18 France«

»Blood & Honour« gehört zur sogenannten »White Power« – Bewegung, die für die Vorherrschaft und Erhalt der „Weißen Rasse“ eintritt. Erklärtes Ziel von Ian Stuart Donaldson war es über das Mittel der Musik insbesondere junge Menschen an die nationalsozialistische Ideologie und Bewegung heranzuführen und zu binden. Dementsprechend organisiert »Blood & Honour« bis heute konspirative Konzerte und vertreibt entsprechende Bands und ihre CDs. Unter der Bezeichnung »Combat 18« ist ein bewaffneter Arm von »Blood & Honour« aktiv, der für mehrere blutige Anschläge vor allem in Großbritannien und den skandinavischen Ländern verantwortlich ist. Auch in Osteuropa hat die terroristische Ausrichtung von »Combat 18« viele Anhänger gefunden. In Schriften von »Blood & Honour« wie z.B. „The Way Forward“ oder dem „Field Manual“ wird ein „Leaderless Resistance“ propagiert, ein führerloser Widerstand, bei dem kleine, unabhängig von einander agierende Zellen, Terroranschläge und Morde an MigrantInnen und Andersdenkenden durchführen sollen. Die Konzepte für Terror „Ohne Führer und Bekennerschreiben“ (Bundeszentrale für politische Bildung) gelten als „Blaupause“ für die Struktur und Taten des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU).

In Deutschland ist »Blood & Honour« seit dem Jahr 2000 verboten. Doch hier auf der Insel beim „Ian Stuart Donaldson Memorial“-Konzert (ISD) kümmert das keinen der Anwesenden. Vor dem Zelt haben sich Neonazis aus Norddeutschland zum Gruppenfoto aufgestellt. Sie halten ein Transparent mit der Forderung „Freiheit für“ in die Kamera. In der Gruppe sind nur zwei Frauen. Eine davon ist Joanna Gierzycka aus Königslutter. Auch ihr langjähriger Lebensgefährte, , ist mit dabei. Santi gehört zu »Honour & Pride Niedersachsen«, einer Gruppierung die nach dem Verbot von »Blood & Honour« zumindest regional an deren Stelle getreten ist (siehe dazu auch RECHERCHE38: »Blood & Honour«, »Hammerskins« und »Veneto Fronte Skinheads« – Die regionale Rechtsrockszene um »Honour & Pride« zeigt sich auch international gut vernetzt und RECHERCHE-NORD: Konzerte mit »Blood & Honour« in Niedersachsen?).

Norddeutsche Neonazis beim ISD 2013 in Großbritannien

Norddeutsche Neonazis beim ISD-Memorial 2013 in Großbritannien. Mit auf dem Bild Joanna Gierzycka (2. von links) und daneben Massimo Santi.

Sympathien für einen NS-Kriegsverbrecher

Der Mann, dessen Freilassung die Frauen und Männer aus Norddeutschland hier beim ISD-Memorial in Großbritannien fordern ist ein verurteilter NS-Kriegsverbrecher: Am 23. März 1944 explodierte in Rom eine Bombe und tötete mehre Soldaten des SS-Polizeiregiments „Bozen“. Als Vergeltungsmaßnahme beschloss die deutsche Armeeführung für jeden getöteten Deutschen 10 italienische Geiseln zu erschießen. 335 Zivilisten wurden daraufhin in den Adreatinischen Höhlen in der Nähe von Rom zusammengetrieben und erschossen. Der jüngste der Ermordeten war ein gerade mal 15-jähriger Junge. Der ehemalige SS-Mann Erich Priebke wurde 1996 von einem italienischen Gericht wegen Beteiligung an dem Massaker zu lebenslanger Haft verurteilt, die aufgrund seines Alters jedoch in Hausarrest umgewandelt wurde. Bis heute gilt Erich Priebke den Neonazis als Vorbild, da er bis zuletzt seine Taten nicht bereute. Im Oktober 2013 starb Erich Priebke in Rom.

ISD 2012 - Schweigeminute und Hitlergruesse

“Sieg Heil”-Rufe und Hitlergrüße im Gedenken an Ian Stuart Donaldson, den Gründer von »Blood & Honour«. ISD-Memorial 2012 in Großbritannien.

Regelmäßige Gäste

Drinnen im Konzertzelt des ISD-Konzertes treten einschlägige Rechtsrockbands auf. „Sieg Heil“-Rufe und Hitlergrüße gehören dabei zum festen Ritual. Hier können auch die deutschen Neonazis ohne Furcht vor Verfolgung den rechten Arm heben und Lieder mitsingen, die zu Hause auf dem Index stehen oder verboten sind. Die Reisegruppe aus Norddeutschland ist hier unter ihresgleichen, alte Bekannte werden gegrüßt. Mann kennt sich seit vielen Jahren. Jedes Jahr reisen Aktivisten rund um »Honour & Pride« nach England, um ihre Verbundenheit mit dem in Deutschland verbotenen Netzwerk zu zeigen, um alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Manche der Musiker, die hier auftreten waren auch schon in Niedersachsen zu Besuch. Während sie am Abend bei konspirativen Rechtsrockkonzerten auftraten, zeigten Joanna Gierzycka und Massimo Santi ihnen tagsüber die Region und ihre Sehenswürdigkeiten. Als beispielsweise am 26.11.2011 in Braunschweig die britischen »Blood & Honour«-Bands »Section 88« und »Blackout« vor rund 80 Besuchern spielten, bummelten die Musiker gemeinsam mit ihnen über den Weihnachtsmarkt und posierten für ein Foto vor dem Braunschweiger Löwen.

Braunschweiger Weihnachtsmarkt 2011

Mitglieder der »Blood & Honour«-Bands »Section 88« und »Blackout« mit Neonazis aus der Region auf dem Braunschweiger Weihnachtmarkt 2011. Hinten rechts: Massimo Santi. Vorne in der Mitte: Joanna Gierzycka

Beide Musikgruppen gehören zum engen Kreis britischer »Blood & Honour«-Bands. In ihren Texten wird sich ganz offen zum Nationalsozialismus bekannt, so heißt es z.B. im Lied „National Socialist“ von »Section 88«:

Stolz darauf ein weißer Nationalsozialist zu sein … Mit Ehre und Loyalität. Ich separiere mich selbst von dieser Gesellschaft … Wir werden unsere Gegner besiegen und keine Gnade ihnen gegenüber zeigen …

Auffallend oft haben die beiden Bands, in den letzten Jahren bei Rechtsrockkonzerten in der Region gespielt. Zuletzt trat Brad, Sänger von »Blackout« und Gitarrist bei »Brutal Attack« am 30.112.2013 bei einerWeihnachtsfeier von Neonazis in einem Sportheim im Braunschweiger Stadtteil Watenbüttel auf.

Vollständiger Artikel – Recherche38.info

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