TA| Hans-Christian Ströbele äußert sich zur NSU-Aufarbeitung


Hans-Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter der Grünen, über NSU-Aufarbeitung und V-Mann-Praxis.
Hans-Christian Ströbele arbeitete in der vergangenen Legislaturperiode als Abgeordneter für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages intensiv mit. Foto: Maurizio Gambarini/dpaHans-Christian Ströbele arbeitete in der vergangenen Legislaturperiode als Abgeordneter für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages intensiv mit. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Herr Ströbele, seit zweieinhalb Jahren wird die Aufklärung zu den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) betrieben. Zehn Morde, inzwischen wohl drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle sind bekannt. Vieles andere liegt dagegen noch immer im Dunkeln, wie die Herkunft von 19 der 20 gefundenen Schusswaffen oder mögliche Aktivitäten des Trios zwischen 2007 und dem Auffliegen im November 2011. Bereiten Ihnen diese Wissenslücken nicht Sorgen?


Ja, die haben uns auch schon Sorgen bereitet, als wir am Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses im Bundestag gearbeitet haben. Natürlich ist eine ganze Reihe von Fragen offen geblieben. Doch noch größer ist die Besorgnis darüber, welche Fakten oder angebliche Fakten jetzt über V-Leute bekannt werden. Wir haben im Bundestagsuntersuchungsausschuss leider selbst keine V-Leute gehört. Nun zeigt sich aber, dass womöglich eine ganz neue Sichtweise auf deren Arbeit notwendig wird.
Inwiefern muss da umgedacht werden?

Nehmen wir beispielsweise den V-Mann „Tarif“. Um den haben wir uns gekümmert. Von dem konnten wir teilweise rekonstruierte Akten einsehen, weil die Originale nach dem Auffliegen des Trios geschreddert wurden. Nun muss ich in der Presse lesen, dass dieser V-Mann seinerzeit gefragt wurde, ob er das NSU-Trio nicht aufnehmen könne. Und dass er sogar seinen V-Mann-Führer gefragt habe, ob er das tun soll. Der Verfassungsschützer habe dann davon abgeraten.
Wenn aber der V-Mann damals das Angebot gehabt und der V-Mann-Führer Bescheid gewusst hätte, dann hätten vielleicht die Morde verhindert werden können, weil die Möglichkeit bestand, das Trio frühzeitig zu fassen.
Aus heutiger Sicht weiß man auch, dass die Polizei nach dem Sprengstoffanschlag im Jahr 2004 in der Kölner Keupstraße alles wusste, um möglichen Tätern auf die Spur zu kommen. Waren deutsche Sicherheitsbehörden auf eine solche Art der Bedrohung gar nicht vorbereitet?

Das ist das große Rätsel, das wir bisher nicht gelöst haben. Gerade wenn Sie die Keupstraße ansprechen. Damals hat die Polizei in Köln alles getan, um die Ermittlungen nicht in Richtung rechtsextremistischen Terrorismus zu führen. In der ersten Polizeimeldung stand noch etwas von einem „terroristischen Anschlag“. Später verschwand das. Es gab mehrere Hinweise auf einen rechtsextremistischen Anschlag auch bei der Polizei.
Selbst das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte diesen Verdacht und hat sogar überprüft, ob die Kölner Bombe von der gleichen Machart war wie die der Nagelbombenanschläge von „Combat 18“, einem Nazi in London 1999.

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