Kassel| Der Mord an Halit Yozgat – Die Lügenwelt des Andreas Temme (Klein Adolf)


von Lutz Bucklitsch

 

Was am 6.April 2006 in Kassel in der Holländische Straße 82 passierte, sollen die folgenden Videobeiträge und Protokolle der Verhandlungen, vor dem Oberlandesgericht in München, aufzeigen. Wer den türkischen Staatsbürger Halit YOZGAT gegen 17:00 Uhr tötete, steht bis heute nicht wirklich fest. Auch wenn man diese Tat dem „NSU“ um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zuschreibt.

Doch die Widersprüche mehren zunehmend den Verdacht auf andere Täter. Und dafür gibt es einen handfesten Grund. Der ehemalige Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz, Andreas Temme, der zur Tatzeit im dem Internet-Cafe war, sagt auch heute noch, nach mehrfacher Vernehmung, vor dem Münchener Oberlandesgericht (OLG), nicht die Wahrheit. Er bleibt wie es ihm „befohlen“ wurde, nahe an der Wahrheit. Fest steht, er lügt. Dabei kann er mit Sicherheit sagen, ob er Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Tatort gesehen hat oder nicht. Doch er schweigt.So wie alle Verfassungsschutzämter es tun, sie täuschen, tricksen, betrügen und belügen die Öffentlichkeit, die Aufsichtsgremien der Länder und des Bundestages. Ein ziemlich schmutziges Spiel.

 Andreas Temme


 

Und so hat sich der Tag für Andreas Temme am 06.April 2006 abgespielt:

06. April 2006

13 Uhr, 6 Minuten

Der hessische Verfassungsschützer Temme führt “mit seinem Diensthandy ein 17 Sekunden dauerndes Gespräch mit einer in Kassel registrierten Festnetznummer (…). Angemeldet war dieser Anschluss auf die Wohnung des V-Manns „GP 389“. Der Kasseler Neonazi mit Verbindung zum Blood & Honour Netzwerk wird von Temme seit November 2003 als Verfassungsschutz-Informant (V-Mann) geführt. (Freitag)

16 Uhr, 11 Minuten

„GP 389“ ruft um 16.11 Uhr die Kasseler Außenstelle des hessischen Landesverfassungsschutzes (LfV) an. “Sein Gesprächspartner dort dürfte sein Verbindungsführer Temme gewesen sein.” (ebd.)

16 Uhr, 23 Minuten

“Andreas T. verlässt früh die Kasseler Außenstelle des hessischen Verfassungsschutzes, laut Stempeluhr um 16.43 Uhr.” (welt)

16 Uhr, 50 Minuten, 56 Sekunden

Andreas Temme loggt sich in dem Internetcafe von Yozgat ein – als “wildman70″ in die Kontaktbörse iLove.de. (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40).

“Von seinem Platz hatte er durch die offenen Türen  einen Ausschnitt des Eingangsbereichs sehen können.”(ebd, S. 41)

Der Spiegel zeigt die Gäste im Internetcafe: Eine telefonierende Frau mit ihrem Kind,  zwei surfende 14- und 16 jährige männliche Jugendliche und einen telefonierenden Mann in der linken Telefonkabine (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40). Spiegel-Online rekonstruierte die räumliche Begebenheit und positioniert auch Andreas Temme als gelbe Figur:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40

Der surfende Gast “Ahmed A.” ist über einen unbekannten Gast im Cafe verwundert und gibt später im Polizeiprotokoll an:

“Diese Person [wäre] ca. 10-15 Minuten am PC gesessen und dort auch aktiv gewesen. Er habe sich noch gewundert, weil man für 50 Cent ja eine halbe Stunde am PC arbeiten kann.

Der Zeuge erwähnte auch eine Tüte, die der T. in der Hand gehabt haben soll. Er sagte noch, dass er diese Tüte bemerkt habe, als der Mann das Internet Cafe betrat. Wo er sie hingestellt hat, konnte er nicht sagen. Ob der Mann die Tüte beim Gehen wieder mitgenommen hat, konnte er auch nicht sagen.” (daserste, panorama)

Die Zeit schreibt, dass dieser Zeuge Temme weiter schwer belastet: Erst nachdem Temme seinen Computer verließ, hörte der Zeuge ein“dumpfes Geräusch”.

“Ein Zeuge hatte kurz vor dem Mord einen Mann in den Computerraum hineinkommen sehen, mit einer Plastiktüte in der Hand, in der ein schwerer Gegenstand den Boden durchdrückte. Für wenige Minuten saß dieser Mann an einem Computer, dann verschwand er aus dem Blickfeld des Zeugen. Kurz darauf hörte der Zeuge ein dumpfes Geräusch, als sei etwas umgefallen. (…)

Den Mord hatte niemand gesehen, aber alle hatten das dumpfe Geräusch gehört, das der erste Zeuge beschrieb. Nur T. hörte nichts.”(Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Kurz vor 17.01, 2 Sekunden

Laut Darstellung des zdf steht Andreas T. “kurz vor dem Mord” auf und …

“… will am Tresen bezahlen, doch der Internetbetreiber Yozgat ist nicht da. T. geht vor die Tür, um ihn zu suchen. Jetzt fallen zwei Schüsse – so die Aussage von Hamadi S., der zur selben Zeit im Internetcafé telefoniert. Andreas T. geht zurück ins Internetcafé, findet den Betreiber aber immer noch nicht. Er legt eine Münze auf den Tresen und geht, so seine Aussage.” (zdf)

Diese zdf-Darstellung wird von der Kasseler Stadträtin Esther Haß gestützt:

“Soviel ich weiß ist der Verfassungsschutzmann zwar vorher angeblich rausgegangen, aber sein Computer lief beispielsweise noch”(youtube, zeitindex 5.00)

Kurz vor 17.01, 2 Sekunden Uhr – der Mord passiert

Halit Yozgat wird durch zwei Kopfschüsse mit einer schallgedämpften Ceska erschossen.

“Nur T. hörte nichts. Die Computerdaten belegen, dass er bis 17.01 Uhr im Netz surfte. Zu diesem Zeitpunkt war Yozgat aber, das schloss die Polizei aus den Zeugenaussagen, wahrscheinlich bereits tot. ” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Ein Zeuge beschreibt die beiden Schussgeräusche als “wie wenn ein Luftballon explodiert” (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40).

Der telefonierende Iraker “Faiz H.” hielt sich nur wenige Meter entfernt auf:

“Kurz bevor Faiz H. um 17:01 Uhr und zwei Sekunden sein Telefongespräch beendete, hört er neben sich Knallgeräusche. Er steht mit dem Rücken zur Glastür seiner Telefonkabine. Vermutlich in diesem Moment erschießen die NSU-Terroristen ihr Opfer Halit Yozgat mit einer schall-gedämpften Ceska, über die zusätzlich eine Plastiktüte gestülpt ist – so die Rekonstruktion der Polizei.” (ebd, S. 40)

“Ein Poster an der Glastür der Telefonkabine versperrte dem irakischen Zeugen den Blick auf den Tatort. Kurz darauf sah er durch einen Spalt einen “kräftigen Mann, etwa 180 cm groß, mit heller Kleidung”, der zum Tisch geschaut habe und in Eile gewesen sei.” (ebd, S. 41)

Am gleichen Tag wäre ein Herr “Sh.” verhaftet worden, der “zur Tatzeit am Tatort in einer der Telefonzellen im linken Bereich” sich aufhielt (nsu-watch). Handelt es sich bei ihm um den (angeblichen) Verfassungsschutz-Informanten “Mehmet”? (Friedensblick)

Es wird ein “Mann südländischen Typs” beobachtet, der “zur Tatzeit vom Internetcafé quer über die vielbefahrene Holländische Straße in Richtung Kasseler Hauptfriedhof gelaufen sein” soll (Spiegel). Laut der Welt hätte diese Person dunkle Haare gehabt (welt).

Der sterbende Halit Yozgat liegt hinter der Theke, die polizeiliche Tatortskizze:

40 Sekunden später um 17 Uhr, 1 Minute, 40 Sekunden

“Andreas Temme loggt sich am Terminal 2 aus.” (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 40)

Kann es sein, dass Yozgat Temme noch ausloggen konnte, bevor er erschossen wurde? Auch die 50 Cent auf seiner Theke würden dafür sprechen. Die “Zeit” vertritt deshalb den Standpunkt, dass Yozgat zu diesem Zeitpunkt bereits tot war:

“Die Computerdaten belegen, dass er bis 17.01 Uhr im Netz surfte. Zu diesem Zeitpunkt war Yozgat aber (…) wahrscheinlich bereits tot. (…) Er habe Yozgat gesucht, um zu bezahlen, ihn aber nicht gefunden. Also habe er 50 Cent auf die Theke gelegt und sei gegangen. Gesehen habe er nichts.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Auch die Welt beschreibt den Ablauf auch so, fügt jedoch hinzu, das Temme Yozgat gar auf der Straße gesucht hätte:

Er findet Yozgat im Cafe nicht, sucht ihn daher auf der Straße, findet ihn dort auch nicht, Temme kehrt zurück ins Cafe, legt eine Münze auf den Tisch und verlässt das Cafe.

Jedoch merkt die Welt kritisch an, dass Temme …

“(…) beim Verlassen des Lokals mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den niedergestreckten Besitzer Halit Yozgat registriert haben [müsste].”

In diesem Polizeifoto sieht man die niedrige Theke an der Temme (190 cm groß) seitlich vorbei-gelaufen ist. Er hätte den dahinter liegenden Menschen also leicht sehen können.

17 Uhr, 2 Minuten, 45 Sekunden

“… will er [Andreas Temme] das Café erneut verlassen haben und in seinen Mercedes eingestiegen sein. Das muss, so die Analyse der Polizei, spätestens 15 Sekunden vor 17.03 Uhr gewesen sein.” (welt)

vor 17 Uhr, 3 Minuten, 26 Sekunden

Laut “panorama” hätte “Hamadi S.” “um 17:03:26 Uhr sein Telefonat”beendet. (panorama)

Laut zdf hätte “Hamadi S.” während seines Telefonates die Schüsse gehört, danach jedoch weitertelefoniert (zdf). Genau in dieser Zeit wäre Temme auf der Straße vor dem Internetcafe gewesen.

“Jetzt fallen zwei Schüsse. So die Aussage von Hamadi S., der zur selben Zeit im Internetcafe telefoniert. Andreas T. geht zurück zum Internetcafe, findet den Betreiber aber immer noch nicht. Er legt eine Münze auf den Thresen und geht.”

“Kurz darauf” beendet “Hamadi S.” das Gespräch und findet mit Yozgats Vater den sterbenden Menschen (zdf).

Panorama schreibt davon abweichend, dass “Hamadi S.” zwar “in einer Telefonkabine nur wenige Meter neben der Ladentheke, hinter der Halit Yozgat erschossen wurde” telefonierte, aber wie Temme nichts gehört, auch nichts gesehen hätte!

“Es könnte aber auch daran liegen, dass er [Temme] ganz einfach nichts gehört und nichts gesehen hat – so wie es anderen Zeugen auch ergangen ist. Etwa Hamadi S.: Der telefonierte in einer Telefonkabine nur wenige Meter neben der Ladentheke, hinter der Halit Yozgat erschossen wurde. (…)

Als S. um 17:03:26 Uhr sein Telefonat beendete und aus der Telefonkabine trat, ging er in Richtung Theke um zu zahlen. Dort sei aber niemand gewesen. Als er den Betreiber auch in dem anderen Raum des Internetcafés nicht fand, ging er zurück und wartete etwa eine Minute. Dass Yozgat nicht weit von ihm blutend hinter seiner Ladentheke lag, bemerkte er nicht. Erst der Vater Yozgats fand seinen Sohn.” (daseerste, panorama)

17 Uhr, 3 Minuten, 26 Sekunden

Laut welt.de hätte um diese Uhrzeit der Vater seinen verblutenden Sohn gefunden.

“26 Sekunden nach 17.03 Uhr findet Vater Yozgat seinen toten Sohn.” (welt)

Die Medien wählten Fantasie-Nachnamen, um die Identität des Zeugen zu schützen. Daher gibt es unterschiedliche Namen für ein und demselben Zeugen in der linken Kabine. “Hamadi S.” ist identisch mit “Faiz H.” und “Sh.”.

Polizeiliche Klarstellung

Durch die Vernehmung eines Kasseler Kriminalpolizisten im Rahmen des Zschäpe-Prozesses wurde klar: Insgesamt gab es 6 Zeugen, die kurz vor oder nach dem Mord im Cafe waren:

Temme, 2 jugendliche Internet-Surfer, 2 Telefonierende und eine Person, die kurz nach dem Mord in den Laden kam. Der Kasseler Polizist berichtet, dass …

“… dass sechs Zeugen während der Tat im Internetcafé gewesen seien, zwei hätten im Internetbereich gesurft, zwei im Telefonbereich telefoniert (…) und dann sei ein weiterer Kunde herein gekommen und habe gefragt, ob noch jemand da sei.” (nsu-watch)

Weiter wird klargestellt, dass der genaue Zeitpunkt des Mordes für die Polizei unklar ist.

“Die Tatzeit sei einigermaßen einzuschränken gewesen, ein irakischer Zeuge habe von 16.54 bis 17.03 Uhr telefoniert, also sei vor 16.54 Uhr noch alles in Ordnung gewesen. Als der Zeuge um 17.03 Uhr seine Telefonzelle verlassen habe, sei die Tat schon begangen gewesen.” (ebd)

“Sh. habe die Geräusche spätestens bei der zweiten PIN-Eingabe gehört, er, Bi., meine, das sei um 17.01 Uhr gewesen.” (ebd)

17 Uhr und “einige Minuten”

Laut dem Spiegel hätte der Vater seinen Sohn “einige Minuten” nach 17 Uhr gefunden:

“Einige Minuten später kommt Ismail Yozgat, der Vater des Opfers, in den Laden. “Mein Sohn! Mein Sohn”!, ruft er, als er Halit hinter dem Schreibtisch entdeckt. ((Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 41)

“Als İsmail Yozgat seinen Sohn hinter der Theke liegen sah, ging er zu ihm und sah Blut im Bereich beider Ohren. Daraufhin schrie er laut, so dass ein 17jähriger Jordanier, der im Nebenraum an einem Internetrechner surfte, zur Hilfe kam.

Während der jordanische Staatsangehörige Erste- Hilfe-Maßnahmen durchführte, versuchte der İsmail Yozgat zunächst, vom Café aus den Notruf zu erreichen und lief dann in eine benachbarte Teestube, von wo aus dann angerufen wurde.” NSU-Abschlussbericht, S. 497

Die Zeugen konnten noch am Tattag befragt werden (Freitag). Andreas Temme meldet sich nicht auf den Fahndungsaufruf. Durch eine Zeugenaussage wäre die Polizei überhaupt erst auf ihn gekommen, sagt der NSU-Ausschuss des Bundestages.

“Nachdem ein Zeuge in seiner zweiten Vernehmung am 12. April 2006 von einer weiteren Person berichtete, die sich am Tatort aufgehalten hatte, konnte diese am 19. April 2006 durch eine Anschlussermittlung beim Anbieter der von 16.51 Uhr bis 17.01 Uhr besuchten Flirt-Internetseite als Andreas Temme identifiziert werden.” (NSU-Abschlussbericht, S. 624)

Erst nach dieser Aussage, wurde Temmes Computer “einer besonderen Untersuchung unterzogen.”

“Diese Person hatte eine Flirthotline aufgesucht – ilove.de -, und über die Anschlussinhaberdaten, die hier bei einem Provider in Berlin zu erheben waren, haben wir dann herausgefunden, dass dort unter einem Pseudonym mit einer Handynummer die jeweiligen Rechnungen bezahlt worden sind. (…) Den Ermittlern der Mordkommission war Herr Temme nicht bekannt.

Allerdings war es so, dass Herr Temme in unserem Hause, im Staatsschutzkommissariat, durchaus bekannt war und dort auch ein und aus ging.” (Protokoll 21, Bundestag)

Ist bekannt, mit wem er chattete?

17 Uhr, 5 Minuten

“Gegen 17.05 Uhr fand der Vater des Opfers den Sohn blutüberströmt unter der Theke.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Der Vater sah erst Blutstropfen am Tresen, er trat näher heran und sah ihn dahinter liegen:

“Ich habe den Wagen geparkt, bin reingegangen. Kein Halit. Ich rief: “Halit, wo bist du, sitzt du grad selbst an einem der Computer?”Mein Blick richtete sich auf das Pult am Eingang, dort, wo die Kunden bezahlen. Ich sah drei kleine rote Tropfen darauf. Ein, zwei, drei kleine rote Tropfen, akkurat nebeneinander. Ich ging näher an das Pult heran. Wieder rief ich: “Halit, was machst du denn hier mit der roten Farbe?” Da sah ich ihn. Er lag dahinter, auf dem Boden. (Zeit)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geldmünze zeigt ein 20 Cent Stück, nicht 50 Cent. Temme hätte jedoch ein 50-Cent Münze auf den Tisch gelegt! Dahinter ist jedoch eine weitere Geldmünze zu sehen! Könnte sie Temmes 50 Cent Stück sein? Dann könnten die 20 Cent das Wechselgeld sein, welches Temme vom noch lebendigen Yozgat herausgeben wurde. Eine halbe Stunde kostete 50 Cent. Da Temme nur 15 Minuten blieb, hätte er aber 25 Cent zurückbekommen müssen.

17 Uhr, 20 Minuten

Ein Informant aus der Islamisten-Szene ruft Temme an. (Freitag)

4 Tage später

”Laut Kalender war T. (…) mit seinem V-Mann [GP 389] zu einem Treffen verabredet.” (ebd.)

Etwa 2 Wochen später und die nachfolgenden Wochen

Der Unbekannte kann schließlich ausfindig gemacht werden. Es ist der Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme (Spiegel, Ausgabe 36/2012, S. 42). Er wird kurzzeitig wegen Tatverdacht festgenommen. Jedoch kann der Tatverdacht nicht erhärtet werden, obwohl sich Temme in Widersprüche verstrickt:

“Der Beamte bestritt zunächst, zur fraglichen Zeit überhaupt am Tatort gewesen zu sein. Er habe den Internetladen einen Tag vor dem Mord besucht. Schließlich musste er sich korrigieren, bestand aber darauf, den Laden verlassen zu haben, bevor die Schüsse fielen.

Die Fahnder stutzten: Wenn T.s Version stimmt, hätten die Mörder maximal 41 Sekunden Zeit gehabt. Die Kripo-Spezialisten hielten dies zwar für möglich, aber äußerst unwahrscheinlich.” (ebd., S. 41)

“Hoffmann und seinen Kollegen blieb schleierhaft, wie der über 1,90 Meter große T. in dem kleinen Café die Leiche nicht gesehen haben will, er habe ja schließlich den Laden abgesucht. Zudem war die Thekenoberfläche voller Blutspritzer.” (Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6)

Der Mordverdächtige wird durch den Psychologen Herrn “Sch.” verhört, ein “kognitives Interview”. Temme berichtet nun auch “von einem Geräusch, als seien Möbel gerückt worden. Ein Poltern, aber kein Schuss.” Der Psychologe bewertet Temme als “scheinangepasst”, er hätte sich “nicht wirklich auf das Interview eingelassen”.

“Eine Verdrängung einzelner Wahrnehmungen im Internet-Café oder eine Form für Amnesie hält der Psychologe für “unmöglich”. Aber was verbirgt T.?” (welt)

Unbekannter Zeitraum nach dem Tod Yozgats

Laut eines Spiegel-Berichts am 22.08.2011 gab es …

“Festnahmen, doch die Verdächtigen musste man wieder laufen lassen, und sie verschwanden Stunden später aus Deutschland, Richtung Schweiz und Türkei.” (Spiegel, 34/2011, S. 32)


 

Lageplan des Internetcafés in Kassel, in dem Halit Yozgat erschossen wurde.

Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Die Täter waren – zu dieser Überzeugung kommt die Bundesanwaltschaft fünf Jahre später – die rechtsextremen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Der Mord an Yozgat war der neunte in der tödlichen Serie des NSU. Auffällig dabei: Im fraglichen Zeitraum war der Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes Andreas T. im Laden. Er will von dem Mord nichts mitbekommen haben. Doch an dieser Version gibt es Zweifel.

 

 

 

Der damalige Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes Andreas T. hat entgegen seiner eigenen Darstellung möglicherweise doch etwas von dem Mord an dem Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat durch den NSU im April 2006 mitbekommen. Nach Einschätzung des Bremer Kriminalpsychologen Dietmar Heubrock gibt es einige Auffälligkeiten im Verhalten von T. während einer Rekonstruktion des Mordes an Yozgat, die im Juni 2006 von der Polizei im Beisein von T. vorgenommen wurde. So habe sich T. beim Verlassen des Ladens „untypisch“ verhalten, sagte Heubrock dem ARD-Magazin FAKT.

Yozgat war am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen worden, als er im vorderen Raum des Ladens hinter dem Tresen saß. In diesem Zeitraum befand sich T. im Hinterzimmer des Cafés. Er gab später gegenüber der Polizei an, nichts von dem Mord mitbekommen und auch den Toten hinter dem Tresen nicht gesehen zu haben. Er sei aus dem hinteren Zimmer nach vorn gegangen, um zu bezahlen, so die Schilderung von T. Er habe Yozgat sowohl im vorderen Raum als auch vor dem Laden gesucht, aber diesen nicht gesehen. Dann habe er Geld auf den Tresen gelegt und den Laden verlassen.

Weil die Polizei diese Darstellung für unglaubwürdig hielt, rekonstruierte sie das Geschehen und nahm das auf Video auf. Nach Studium dieser Aufzeichnung sagte Kriminalpsychologe Dietmar Heubrock im Gespräch mit FAKT, das Suchverhalten von T. in dieser Situation sei „sehr untypisch“ gewesen. „Er geht ja in Richtung Tür, der Schreibtisch ist auf der linken Seite, und vermeidet auffälligerweise den Blick nach links.“ Normales Verhalten wäre es laut Heubrock aber gewesen, den Ladenbesitzer auch im Bereich des Tresens zu suchen.

Zweifel gibt es nach Einschätzung des Experten auch an den geschilderten Wahrnehmungen von T. Es sei auffällig, dass sich der Zeuge an Ereignisse vor dem unmittelbaren Tatgeschehen sehr detailreich erinnern könne. „Er sagt, er habe sogar akustische Wahrnehmungen gemacht, das Klappern der Tastatur gehört.“ Dass die Wahrnehmungen von T. dann plötzlich abbrachen, sei ungewöhnlich. Wenn etwas Außergewöhnliches passiere, verschärften sie sich normalerweise noch.

Dass T. den Mord mitbekommen, die Geschehnisse in dem Laden dann aber vergessen haben könnte, ist nach Einschätzung des Experten Heubrock eher untypisch für solche Situationen. „Menschen, die etwas Schreckliches wie eine Tötung miterlebt haben, verdrängen solche Taten gerade nicht.“ Vielmehr sei es „immer eine aktive Entscheidung“, ob man sich später an so etwas erinnern und sich damit auseinandersetzen wolle – „oder ob ich das nicht möchte“.

 

Die Zeugenaussagen des Andreas Temme: 

NSU-Prozess Tag 41 – Wortprotokoll: Die komplette Vernehmung von Andreas Temme. (Quelle: Jürgen Pohl)

Beginn der Vernehmung von Andreas Temme am 01. Oktober 2013 um 14:25 Uhr.

Es geht um die Aufklärung der vielen seltsamen Zufälle, die eine Tatbeteiligung des ehemaligen Verfassungsschützer Andreas Temme beweisen könnten, oder Temme eventuell entlasten könnten. Gegenstand der Verhandlung sind Begebenheiten, die sich zur exakten Tatzeit am Tatort des Mordes an Halit Yozgat am 06. April 2006 ereigneten.

Relativ “wasserdicht” scheint sich beweisen zu lassen, dass Temme sich im Internetcafe von Halit Yozgat bei der Flirtplattform “iLove.de” unter dem Pseudonym “wildman70″ um 16:50 Uhr einloggte und mit seiner Favoritin “TanyMany” Nachrichten austauschte. Die Auswertung der Verbindungsdaten des Computers ergab, dass sich Temme frühestens um 17:01 Uhr aus dem System ausloggte. Ebenfalls sicher scheint zu sein, dass Halit Yozgat zwischen 16.54 Uhr und 17:03 Uhr erschossen wurde. Die Vernehmung des Andreas Temme zeigt auf eindrückliche Weise, wie knapp Temme den Mord entweder verpasste, oder wie wahrheitsgemäß seine Aussagen sind, dass er quasi ein “Alibi” von wenigen Sekunden für die Tatzeit hat. Ob er wirklich nichts mit dem Mord zu tun haben kann, das soll sich heute herausstellen.

Anmerkung: Das nachfolgende Protokoll bezieht sich ausschließlich auf meine persönlichen, handschriftlichen Notizen.

Warum diese wichtige Vernehmung heute beinahe nicht stattgefunden hätte, und zu einer kurzen rein subjektiven Beschreibung der Vernehmung bitte hier entlang. >>

Nach der üblichen Zeugenbelehrung bittet der Vorsitzende Richter Manfred Götzl den vorgeladenen Andreas Temme frei über die Ereignisse rund um die Tatzeit zu berichten.

Temme: “Ich habe an diesem Tag nach dem Dienst vor dem Internetcafe angehalten. Ich wollte für einige Minuten in einen Chatroom. Das war nicht das erste Mal. Ich war schon öfter da. Yozgat hat mir einen PC zugewiesen, ich hab mich eingeloggt und habe ca. 10 Minuten gesurft, danach hab ich mich wieder ausgeloggt und wollte bezahlen.
Ich habe Yozgat aber nicht gefunden. Dann bin ich zur Tür raus und habe ihn draußen auch nicht gesehen.
Anschließend bin ich wieder rein gegangen, auch in den hinteren Bereich. Dann stand ich für einen kurzen Moment im Vorraum.
Weil ich nach Hause wollte, habe ich 50 Cent auf den Tresen gelegt und bin dann mit dem Auto nach Hause gefahren.
Von der Tat habe ich erst am Sonntag aus der Zeitung erfahren. Danach war ich aufgewühlt, habe auf der Dienststelle meine Stempelkarte angesehen.
Daraufhin bin ich dem Trugschluss erlegen, dass ich 24 Stunden vor der Tat im Internetcafe war. Das war ein Fehler, mich nicht zu melden, das ist mir klar.

Am 21. April 2006 kam die Polizei zu mir und haben mich mitgenommen. Mir wurde gesagt, dass ich am Tattag im Internetcafe war. Am 22. April 2006 durfte ich dann wieder gehen. Es folgten noch weitere Verhöre in der Folgezeit.”

Götzl: “Haben Sie daran gedacht, sich an die Polizei zu wenden?”

Temme: “Mir war bewusst, das es falsch war, nicht darüber zu sprechen. Ich hatte Angst, auch aus privaten Gründen, ich war jung verheiratet. Auch dienstlich gab es ein Beobachtungsobjekt in der Nähe des Tatorts.”

Götzl: “Warum befürchteten Sie Nachteile?”

Temme: “Mir war bewusst, dass es ungünstig ist, als V-Mann Führer in der Nähe dieses Objekts im Internetcafe zu chatten.”

Götzl: “Erklären Sie mir Ihre Tätigkeit. Warum befürchteten Sie dienstliche Nachteile?”

Temme: “Ich war damit befasst neonazistische Quellen zu führen, also V-Männer. Die Einschätzung der dienstlichen Nachteile war subjektiv von mir. Aus heutiger Sicht ist mir völlig klar, das ich die Prioritäten falsch gesetzt hatte. Ich hatte keinerlei Wahrnehmung im Internetcafe gemacht. Aus heutiger Sicht wahren meine Handlungswege völlig falsch, aber es war leider so gewesen.”

Götzl: “Sagen sie mir mehr zu den Quellen zum Islamismus.”

Temme: “Im Bereich Islamismus hatte ich fünf Quellen und im Bereich Rechtsextremismus hatte ich eine.”

Götzl: “Zur Quelle “Rechts”: Sagen Sie Näheres.”

Temme: “Nichts aus eigener Erinnerung. Aber durch die Vernehmung bei der Bundesanwaltschaft weiß ich, dass ich zwei Telefonate mit dieser Quelle am Tag geführt hatte. Dies war mir bis dahin nicht bewusst. Ich habe angeboten, meine Kalender zu Verfügung zu stellen. Es muss so gewesen sein, dass die Quelle mich gegen Mittag versucht hat, mich anzurufen. Wir hatten einen Termin für den 10. April 2006 ausgemacht. Es ging um eine Geldübergabe für den V-Mann.”

Götzl: “Wann sind Sie ins Büro zurück?”

Temme: “Ich war mittags mit einer anderen Quelle unterwegs und zwar zwischen der Rückkehr ins Büro und meinem Dienstende.”

Götzl: “Welche Informationen hatten sie von dieser Quelle erhalten?”

Temme: “Es ging um den Bereich Rechtsextremismus. Dieses Thema war auch Teil des Untersuchungsausschusses im Bundestag. Ich kann so viel sagen, dass es um eine unbedeutende Partei ging. Ich hatte damals auch erst kurz davor mit dieser Arbeit angefangen.”

Götzl: “Seit wann waren Sie beim Verfassungsschutz Hessen?”

Temme: “Ich war vorher bei der Bundespost. Wurde 1994 zum Verfassungsschutz abgeordnet. Dazu eine Bemerkung: Ich war zunächst in Südhessen im Bereich Observation tätig, danach wurde ich nach Nordhessen als Ermittler versetzt. Das war eine heimatnahe Versetzung. Im Jahr 2000 für den gehobenen Dienst von Oktober 2000 bis Dezember war ich im Regierungspräsidium tätig anschließend übernahm ich die Tätigkeit, also V-Mann Betreuer diese Tätigkeit habe ich bis zu meiner Suspendierung ausgeübt.”

Götzl: “Welche Themen haben Sie mit dieser Quelle besprochen?”

Temme: “Die Informationen über diese “Partei” ging recht schleppend, weil diese wenig aktiv war. Wir haben eben über allgemeine Dinge gesprochen wie beispielsweise das Arbeitsverhältnis V-Mann – V-Mann-Führer. Zum Gespräch habe ich keine Erinnerungen. Davon habe ich nur durch meine Kalender erfahren. Ich war wegen der Tat aufgewühlt und war an diesem Tag nicht in vernünftiger Form für ein Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch keine Informationen zur Tat, ebenso keine Erinnerungen über Einzelheiten.”

Götzl: “Können Sie mir einen Bericht zu Gesprächen am 10. April geben?”

Temme: “Kann ich nicht sagen. Ich konnte auch die Akten nicht einsehen.”

Götzl: “Haben sie mit dieser Quelle nach der Tat gesprochen?”

Temme: “Er hat mich darauf angesprochen ich war auch etwas wortkarg wegen Aufgewühltheit, usw. Der Untersuchungsausschuss im Bundestag hat gesagt, ich hätte das Gespräch recht schnell abgewürgt, sonst habe ich keine Erinnerungen an das Gespräch.

Götzl: “Hier ist für mich ein Widerspruch: Sie sagten, er hätte Sie darauf angesprochen, andererseits sagten Sie, Sie hätten keine Erinnerungen.

Temme: “Das erklärt sich aus der Verhandlung im NSU Untersuchungsausschuss des Bundestages.”

Götzl: “Wann war der letzte Kontakt zu dieser Quelle vor der Tat?”

Temme: “Keine Erinnerungen. Mein Kalender befindet sich entweder im BKA oder bei der Bundesanwaltschaft.”

Götzl: “Wie erklären Sie sich die falsche Zuordnung des Tages, in dem sie im Internetcafe waren?”

Temme: “Am Mittwoch bin ich früher gegangen, am Donnerstag etwa um 16:45 Uhr. Bei den Überlegungen in meinem Kopf ‘das kann doch gar nicht sein, er macht früher Schluss geht rein und wieder raus’ sowie jeder andere eben auch. Deswegen habe ich angenommen, dass es Mittwoch war. Ich kann mich noch erinnern, dass in der Zeitung stand, dass die Polizei die Computer auswertete. Deswegen hatte ich den Gedanken mich bei der Polizei zu melden. Habe aber diesen wieder verworfen. Dieser Gedanke oder Irrtum beschäftigt mich seit Jahren. Das ist einer der Gedanken, an den ich mich erinnern kann.”

Götzl: (Laut) “Ich habe Schwierigkeiten Ihnen zu folgen, bzw. Ihnen zu glauben. Götzl bleibt laut: Es geht mir um die Ereignisse am Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag.”

Temme: (Unbeeindruckt) “Ja.”

Götzl: (Immer noch laut) “Was war jetzt an den anderen Tagen?”

Temme: “Weil ich mich dort befunden habe, um zu chatten. Ich war sehr oft da.”

Götzl: “Was meinen sie mit sehr oft?”

Temme: “Ich war relativ häufig dort, auch in Dienstpausen. Ich dachte immer: ‘Es kann doch gar nicht sein es muss der Mittwoch gewesen sein.’ Ich habe es mir sehr einfach gemacht bei der Festlegung dieses Tages, das tut mir auch sehr leid, es kommt noch dazu das ich in mehreren Internetcafes in Kassel gechattet habe.”

Götzl: “Ich verstehe Sie so, dass Sie im Büro sich hingesetzt haben, um das raus zu bekommen.”

Temme: “Ja. Da habe ich mir es sehr leicht gemacht. Ohne abzuschätzen, welche Folgen das nach sich ziehen wird. Ich hatte auch ein Gespräch mit einem Psychologen. Dies ergab auch kein befriedigendes Ergebnis. Dieser Trugschluss ist auch für mich unbegreiflich, aber ich kann es auch nicht ungeschehen machen.”

Götzl: “Wann wollten Sie das klarstellen?”

Temme: “Dass ich mich geirrt habe? Wenn ich mich richtig erinnere, war dieser Tag der 21. April.”

Götzl: “Sie sagten, Sie hätten Angst gehabt, und zwar dienstlich und privat.”

Temme: “Wegen dienstlichen Konsequenzen. Ich hatte für mich die Meinung, dass ich mich nicht mehr in der Nähe des Observationsobjekts aufhalten sollte. Zum Privaten: Wir erwarteten unser erstes gemeinsames Kind und waren erst kurz verheiratet.”

Bei dieser Aussage ist ein unterdrücktes Schluchzen von Andreas Temme zu vernehmen.

Temme: “Ich hab mich darauf zurückgezogen, nichts zu tun.”

Götzl: “Ihre Angst hat also zu vielen Fehleinschätzungen geführt.”

Temme: “Die Einsichten von mir. Die zeitliche Nähe, um etwas zu bemerken, kann ja gar nicht sein, dann das Private usw.”

Götzl: “Warum hatten sie Angst vor dienstlichen und privaten Konsequenzen, wenn sie der Annahme waren, dass Sie am Mittwoch und nicht am Donnerstag im Internetcafe gewesen sind?”

Temme:“Ich konnte weder mit meiner Frau darüber reden, noch auf der Dienststelle. Dort hätten sie mir gesagt: ‘Was hast du da zu suchen? Gleich in der Nähe ist ein Observationsobjekt. Und ihr seid jung verheiratet.”

Götzl: “Hatte ihre Ehefrau und Ihr Dienstherr was dagegen, dass sie das Internetcafe besuchen?”

Temme: “Dienstlich waren die Befürchtungen eher subjektiv. Im privaten weiß ich nicht, was meine Frau dazu gesagt hätte. Soweit hatte ich gar nicht mehr weiter gedacht. Ich war aufgewühlt und geschockt. Diese Frage treibt mich seit Jahren um und komme zu keinem befriedigendem Ergebnis.”

Götzl: (Wieder laut) “Warum aufgewühlt? Besonders wenn Sie davon ausgehen, dass Sie dort waren und gar nichts passiert ist.”

Temme: “Ich habe es am Sonntag in der Zeitung gelesen, dann habe ich realisiert, den kennst du, da warst du.”

Götzl: (Hakt noch mal nach) “Warum diese Angst im Privaten und im Dienstlichen?”

Temme: “Ich habe mir vielleicht diese Angst eingeredet vor lauter Angst vor den Konsequenzen.”

Götzl: (Wieder laut) “Das sind mir zu viele ‘vielleicht’”.

Temme: (Wieder unbeeindruckt) “Wie soll ich das erklären?”

Götzl: (Noch lauter) “Warum wollten sie sich da raus halten?”

Temme: (immer noch unbeeindruckt) “Wenn ich was bemerkt hätte, dann wäre es soweit nicht gekommen.”

Götzl: “Noch mal wegen Ihrer Angst?”

Temme: “Ich hab mir die Angst subjektiv eingeredet. Hätte niemals den Gedanken mit den 24 Stunden haben können, wenn ich mir das nur schön geredet hätte.”

Götzl: “Was haben sie an den Tagen gemacht?”

Temme: “Davor oder danach?”

Götzl: (Süffisant) “Naja, der Zeitraum ist ja sehr übersichtlich.”

Temme: “Hab normalen Dienst gemacht. Ich kann mich an den Dienstag erinnern, weil da der Mord in Dortmund war. Für Mittwoch kann ich es nicht sagen. Am Freitag hatte ich Urlaub wegen dem Geburtstag meiner Schwiegermutter. Der Samstag verlief normal, am Sonntag hab ich aus der Zeitung von dem Mord im Internetcafe erfahren..”

Götzl: Es geht letztlich nur um zwei Tage.

Temme: “Wegen dem Eintrag auf meiner Stempelkarte bin ich zu dem Schluss gekommen, wenn Du an diesem Tag früher Schluss gemacht hast, dann warst du an diesem Tag auch im Internetcafe.”

Verhandlungspause bis 15.45 

Götzl: “Zu den Tagen von Dienstag bis Donnerstag und dem verlängerten Wochenende: Der Besuch im Internetcafe war demnach das Letzte. was Sie vor dem verlängerten Wochenende gemacht haben. Wie kann es da zu so einer Fehleinschätzung kommen?”

Temme: “Ich hab mich ausgestempelt, bin dann zum Internetcafe gefahren, dann bin ich zurück nach Hause.”

Götzl: (Wieder laut) “Nochmal: Warum die Fehleinschätzung wegen Mittwoch?”

Temme: (Unbeeindruckt) “Ich mache mir seit 2006 darüber Gedanken und grübele, um zu ergründen, dass ich auf Mittwoch kam und nicht auf den Donnerstag. Ich verstehe es nicht, verstehe auch mich nicht. Ich hätte auch gerne für mich eine Erklärung für diese Fehleinschätzung.”

Götzl: “Sie waren Observationsbeamter?”

Temme: “Ja, bis 2008. Ich habe Objekte observiert, alleine aber auch innerhalb von Gruppen. Die Gruppen haben sich dann zusammengesetzt und die Erkenntnisse ausgewertet.”

Götzl: (Laut) “Also müssen sie doch darin geschult sein, Dinge zu beobachten. Nochmal: Wie konnte es zu dieser Fehleinschätzung kommen?”

Temme: “Man hat im Dienst nur ein bestimmtes Objekt beobachtet. Die Observationen waren dienstlich zielgerichtet.”

Götzl: “Nochmal zum Besuch im Internetcafe.”

Temme: “Ich weiß noch, das Yozgat mir den Platz zugewiesen hat. Ich weiß auch noch, dass mehrere Personen anwesend waren.”

Götzl: (Laut) “Ich will wissen, an was Sie sich selbst erinnern.”

Temme: “Ich fange nochmal von vorne an. Ich bin rein gekommen. Yozgat hat mir den PC zugewiesen. Ich habe bemerkt, dass noch andere Personen anwesend waren. Nach gefühlten 10 Minuten bin ich wieder weggefahren.”

Götzl: (Laut, zunehmend aggressiv) “Wann?”

Temme: “Ich habe mich gegen 16:45 Uhr [im Büro] ausgestempelt. Um 16:50 Uhr hab ich mich [am PC im Internetcafe] eingeloggt und um 17:00 Uhr wieder ausgeloggt.”

Götzl: “An welchem Platz?”

Temme: “Am PC Nummer 2.”

Götzl: “Was haben Sie am PC gemacht?”

Temme: “Hab nach Nachrichten gekuckt, vielleicht etwas geschrieben. Ich war nur auf dieser Chatline.”

Götzl: “Was wollten Sie da noch erledigen?”

Temme: “Wie gesagt: Ich hab nach Nachrichten gesehen, vielleicht auch geschrieben, nur auf dieser Chatline.”

Götzl: “Haben Sie andere Personen bemerkt?”

Temme: “Ich weiß, ich war nicht allein. Alles ist durch Vernehmungen verwässert worden. Ich hab den hinteren Raum betreten, hab mich um das gekümmert, was ich mache. Im Grunde nach ist dort jeder für sich.”

Götzl: “Haben Sie mit jemandem gesprochen?”

Temme: “Nein.”

Götzl: “Sie wollten nach vorn zum Bezahlen.”

Temme: Erklärt auf diese Frage wortreich und gestikulierend den mittlerweile hinreichend bekannten Grundriss des Internetcafes. Bei dieser Gelegenheit verändert Temme zum ersten Mal seine seit Beginn der Vernehmung eingenommene Sitzhaltung. Nach Beantwortung der Frage sitzt Temme wieder in der exakt gleichen Position. Auch die linke Hand legt er wieder über die rechte Hand.

Götzl: “Welchen Weg haben Sie genommen?”

Temme: “Nur wenige Schritte durch den Durchgang.Ich hab niemanden wahrgenommen. Bin dann raus auf die Straße, dann in den hinteren Raum. Ich hab dann das 50 Cent Stück auf den Schreibtisch gelegt.”

Götzl: “Wie lange hat das gedauert?”

Temme: “Auf der Straße und hinten hab ich nur gekuckt. Wird nicht lange gedauert haben, das Geld hinzulegen. Ein kurzer Moment eben.”

Götzl: “Wohin haben Sie das Geld hingelegt?”

Temme: “Auf den Tisch neben einem Teller mit verschiedenen Münzen.”

Götzl: (Genervt) “Geht es etwas präziser?”

Temme: Deutet auf dem Zeugentisch an, wo sich ungefähr der Teller mit den Münzen befand und wo er das 50 Cent Stück hingelegt hat.

Götzl: “Wie lange besuchen Sie das Internetcafe schon?”

Temme: “Mindestens seit 2003. Ich war damals auf der Fachhochschule, dort haben sie Hausarbeiten und so per E-Mail an die Schüler verschickt. Weil der Internetzugang zuhause nicht ging, habe ich Yozgat gefragt, ob ich ausnahmsweise eine Diskette wegen der Mails verwenden darf. Yozgat hat mir dies erlaubt. Ich fand dies sehr nett, bin deswegen immer dahin gegangen.”

Götzl: “Wie oft?”

Temme: “In der Zeit, wo ich wegen Mails da war, etwa 2 mal in der Woche. Danach seltener. Später wegen dem Chatten bestimmt 2 bis 4 mal in der Woche.”

Götzl: “Wie haben Sie sonst bezahlt?”

Temme: “Ich hab mich ausgeloggt und Yozgat hat mir gesagt, was es kostet.

Götzl: “Gab es schon mal diese Situation? Dass sie persönlich nicht bezahlt haben?”

Temme: “Nein. Das war einmalig, weil er eben vermeintlich nicht da war. Deswegen bin ich wieder gegangen.”

Götzl: (Hakt nach) “Sonst keine ähnliche Situation wie am 6.April 2006?”

Temme: “Nein, ist mir nicht erinnerlich.”

Götzl: “Dachten Sie nicht daran, etwas zu warten?”

Temme: “Dachte eher, wieder zu kommen, weil ich sowieso bald wieder da gewesen wäre. Diese Entscheidung fiel recht schnell.”

Götzl: “Hatten Sie noch Termine danach?”

Temme: “Ich wollte nur nach Hause. Wir waren gerade umgezogen.”

Götzl: “Haben Sie Personen beim Verlassen des Internetcafes bemerkt?”

Temme: “Nein. Mein PKW stand sehr nahe.”

Götzl: “Wo stand der PKW?”

Temme: “Vor dem Internetcafe. Ich musste auf den Verkehr beim Einsteigen achten.”

Götzl: (Genervt) “Wo stand ihr Auto genau?”

Temme: “Direkt vor der Tür.”

Götzl: (Atmet tief durch) “Na endlich.”

Götzl: “Sind Ihnen beim Rausschauen Personen aufgefallen?”

Temme: “Nein, niemand erinnerlich.”

Götzl: “Sind Ihnen Blutspuren aufgefallen?”

Temme: “Nein.”

Götzl: “Haben Sie am PC Geräusche gehört?”

Temme: “Aus damaliger Erinnerung: Nein. Ich habe damals wahrheitsgemäß ausgesagt.”

Götzl: “Also gar keine Geräusche?”

Temme: “Nichts was mir erinnerlich wäre. Hatte nichts mitbekommen.”

Götzl: “Beschreiben Sie nochmal Ihre Wege Im Internetcafe.”

Temme: “Ich bin 3 mal rein und wieder raus gegangen. Ich habe dann ein 50 Cent Stück, ich stand da wahrscheinlich im Vorraum an der Theke …”

Götzl: (Unterbricht Temme) “Wie weit waren Sie von der Theke entfernt?”

Temme: “Soweit wie man eben braucht, um ein Geldstück hinzulegen.”

Götzl: “Wie groß sind Sie?”

Temme: 189 Zentimeter

– Absolute Stille im Gerichtssaal –

Götzl: “Haben Sie hinter die Theke geschaut?”

Temme: (Stammelt) “Nein.”

– Gelächter im Saal –

Götzl: “Haben Sie sich Gedanken über den Aufenthalt von Yozgat gemacht?”

Temme: “Vielleicht auf der Straße vielleicht auch im hinteren Bereich. In dem Moment, als ich die 50 Cent hinlegte: Keine Erinnerung.

Götzl: (Laut) “Keine weiteren Gedanken? Sie brauchten ihn ja.”

Temme: (Unbeeindruckt) “Nein keine weiteren Gedanken.”

Götzl: (Noch lauter) “Also keine Gedanken zum Aufenthalt von Yozgat?”

Temme: (Unbeeindruckt) “Nein. Ich konnte mir in diesem Moment nicht vorstellen, dass so etwas entsetzliches passiert sein kann.”

Richter Götzl unterbricht Vernehmung für heute um 16:20 Uhr, kündigt aber eine nochmalige Vorladung von Andreas Temme an, da noch viel zu viele Fragen ungeklärt sind. Er weist das Justizpersonal an, dem Zeugen die üblichen Unterlagen auszuhändigen. Es ist offensichtlich, dass Götzl den Zeugen Andreas Temme so schnell wie möglich aus dem Gerichtssaal entfernen will. Temme beeindruckt dies in keiner Weise.

Er bittet das Gericht, noch eine kurze Erklärung abgeben zu dürfen. Götzl erteilt ihm zähneknirschend die Erlaubnis:

Temme: “Darf ich die Gelegenheit nutzen, den Opfern und Hinterbliebenen mein Mitgefühl auszudrücken”

Damit verabschiedet sich der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme. Bei den Prozessbeteiligten und auf der Pressetribüne macht sich eine gewisse Erleichterung, gepaart mit Fassungslosigkeit breit. Hie und da ist wegen Temmes abgegebener Erklärung Kopfschütteln erkennbar.

 

NSU-Prozess Tag 63 (Teil 2): Wortprotokoll – Die komplette 2. Vernehmung von Andreas Temme. (Quelle: Jürgen Pohl)

Update vom 09.01.2014:

Die nächste Vorladung von Andreas Temme für die Hauptverhandlung im NSU-Prozess am OLG München ist für Donnerstag, Mittwoch, den 29.01.2014 geplant.

Nach dem Ende der Mittagspause um 13:05 Uhr geht der Streit, ob die Akten zum Fall Temme beigezogen werden sollen oder nicht, in seine nächste Runde. Nach einem juristischen Scharmützel zwischen Nebenklage, Verteidigung und der Vertretung der Bundesanwaltschaft zieht sich der Senat um 13:15 Uhr zur geheimen Beratung zurück. Die für heute geplante Vernehmung von Andreas Temme, dem Ex-Verfassungsschützer und Ex-V-Mann-Führer steht zu diesem Zeitpunkt umso mehr auf der Kippe. Schließlich geht es bei dieser Vernehmung um nichts weniger, als die Aufklärung der möglichen Verwicklung von Temme in den Mord an Halit Yozgat, der am 06.04.2006 in seinem Internetcafe durch 2 Kopfschüsse regelrecht hingerichtet wurde. Es ist hinreichend bekannt und inzwischen auch wasserdicht erwiesen, dass sich Temme zur exakten Tatzeit in unmittelbarer Nähe des Tatorts aufhielt.

Nach erstaunlich kurzer Zeit, nämlich exakt 15 Minuten, verkündet der Senat um 13:30 Uhr das Ergebnis seiner geheimen Beratungen. Hier das Beratungsergebnis in stark verkürzter Form und wegen des immens großen Umfangs lediglich sinngemäß wiedergegeben:

“Der Senat lehnt die Gegenvorstellung nach geheimer Beratung ab. Die Ermittlungspflicht des Gerichts gehe nicht so weit, dass es Dinge aufklären müsse, die keine Bedeutung für die Entscheidung der Schuld- und Straffrage der Angeklagten habe. Der Senat werde alle Gegebenheiten aufklären, die im Rahmen der Befragung der Zeugen vorgehalten würden.”

Damit hat der Senat die Forderung praktisch aller Anwälte der Nebenklage und einigen Vertretern der Verteidigung – unter anderem der Zschäpe-Verteidigung – zur Abgabe dienstlicher Erklärungen für die Vertreter der Bundesanwaltschaft abgelehnt. Die Verlesung dieses durch eine geheime Beratung von 15 Minuten gefassten Beschlusses nahm im Übrigen etwa doppelt so viel Zeit ein, wie die Beratung selbst.

Im direkten Anschluss geht die Debatte mit unverminderter Härte einhergehend mit unvermeidlichen Beratungspausen in Sachen Aktenbeiziehung weiter. Um ca. 13:45 Uhr ist immer noch völlig ungewiss, ob Temme heute als Zeuge vernommen wird.

Nach einer weiteren kurzen Pause zu Beratungszwecken ist es um 13:55 Uhr offiziell: Andreas Temme wird heute vernommen!

Anmerkung: Das nachfolgende Protokoll bezieht sich ausschließlich auf meine persönlichen, handschriftlichen Notizen.

Um exakt 14:03 Uhr betritt Temme den Gerichtssaal und nimmt am Zeugentisch Platz. Er trägt wie bei seiner ersten Vernehmung einen schwarzen Anzug, er nimmt die gleiche Sitzhaltung ein: Beide Hände auf dem Tisch, die linke Hand liegt über der rechten.

Nach der üblichen Zeugenbelehrung und der Feststellung der Personalien beginnt Richter Götzl ohne weitere Umschweife – endlich – mit der Vernehmung: “Sie sagten, Sie hätten von der Tat am Sonntag aus der Zeitung erfahren.”

Temme: “Es war noch aus dem “Extra-Tipp”. Einzelheiten weiß ich nicht mehr.”

Götzl: “Das würde mich aber noch interessieren.”

Temme: “Da warst du ja. Ich kannte das Internetcafe noch vor der Tat. Am Montag habe ich nach Informationen in der Zeitung gesucht, was genau kann ich nicht mehr nachvollziehen.”

Götzl: “Welche Infos haben Sie aus dem “Extra-Tipp”? Ich muss so nachfragen. Das was Sie sagen, ist mir zu wenig.”

Temme: “Ja offensichtlich, dass dort etwas geschehen ist. (Gelächter im Saal) An einzelne Infos kann ich mich nicht erinnern.”

Götzl: “Ja haben Sie jetzt erfahren, das Yozgat ermordet wurde? Sie sprechen zu allgemein.”

Temme: “Dass es einen Mord gegeben hat, das hab ich durch den “Extra-Tipp” erfahren …” (Götzl unterbricht)

Götzl: “Mord an wem?”

Temme: “Denke schon, dass es um den jungen Yozgat ging. Bin mir aber nicht 100% sicher.”

Götzl: “Wenn Sie sagen: “Internetcafe”? Dann ist das Internetcafe von Yozgat gemeint?”

Temme: “Ja.”

Götzl: “Erinnerungen wie der Geschädigte zu Tode kam aus dem “Extra-Tipp”?

Temme: “Kann ich mich heute nicht mehr erinnern.”

Götzl: “Bei der vergangenen Vernehmung haben Sie geschildert, dass Sie aufgewühlt waren.”

Temme: “Ja.”

Götzl: “Warum aufgewühlt” Eine Erklärung bitte!”

Temme: “Alles was ich am Montag …” (Götzl unterbricht barsch)

Götzl: “Wir sind bei Sonntag!!

Temme: “Es ging ja um einen Ort und um jemanden, den ich auch kannte. Das reicht aus, um jemanden aufzuwühlen. So habe ich Yozgat als sehr netten Menschen kennen gelernt. Es hatte ja auch seinen Grund, immer wieder dahin zugehen.

Götzl: “Sie sagten, Sie wären nach Dienstschluss dagewesen, das wäre vor ihrem Urlaub gewesen. Warum haben Sie die Stempelkarte kontrolliert?”

Temme: “Es war eben dieser Impuls. Ich wusste, dass ich diese Woche dort war. Ich hab mir die Stempelkarte angeschaut. Leider mit dem falschen Ergebnis und eben dem Trugschluss.”

Götzl: “Wie nutzten Sie noch den Sonntag, nachdem Sie den “Extra-Tipp” gelesen hatten? Mit welchen Überlegungen hatten Sie sich im Hinblick auf Montag beschäftigt?”

Temme: “Ich war aufgewühlt. Heute diese Gefühle zu beschreiben ist sehr schwierig. Herr Richter, ich glaube, dass ich an dem Sonntag dachte, du warst dort. Wann auch immer. Und du musst mehr darüber herausfinden, mehr herausfinden ob ich da irgendwie drin …” (Götzl unterbricht)

Götzl: “Welche zeitlichen Informationen hatten Sie? An welchen Fakten machen Sie die fest?”

Temme: “An dem Sonntag war mir bewusst: Ich war in der Woche da, wusste aber nicht ob Mittwoch oder Donnerstag.”

Götzl: “Was hatten Sie vom Besuch im Internetcafe noch in Erinnerung?”

Temme: “Ich weiß nicht, ob ich diese Gedanken am Sonntag hatte, dass ich eben dieses 50 Cent Stück auf den Tresen gelegt habe. Wann, kann ich heute nicht mehr erinnern.”

Götzl: “Es gab doch Abweichungen bei dem Besuch. Sie sagten bei Ihrer ersten Vernehmung, es wäre nie so gewesen, dass Sie mal zum Bezahlen allein waren. Das tut mir leid, das kann ich immer noch nicht nachvollziehen.”

Temme: “Ich kann nur sagen: Bei der polizeilichen Vernehmung, als ich zu diesem Geschehen befragt wurde, da kam ich zu diesem Trugschluss. Warum ich bei der letzten Vernehmung meine Aussage so gemacht habe, kann ich jetzt nicht mehr nachvollziehen.”

Götzl: “Das ist mir zu wenig. Diese Schritte müssen wir gehen. Wir müssen da durch.”

Temme: (Schweigen)

Götzl: (laut) “Welche Info hatten Sie wann? Welche zeitlichen Informationen hatten Sie? Das fehlt alles. Aber bitte nicht mit Ihrer Interpretation. Das kann ich nicht richtig einordnen. Warum haben Sie auf die Stempelkarte geschaut? Ich verstehe Sie immer noch nicht.”

Temme: “Ja, es war so: Ich war in dieser Woche in anderen Internetcafes. Das hat mir die Sache so schwierig gemacht. Ich kann meine Gefühle und Gedanken heute nur noch wiederholen. Die Sache mit den 50 Cent verstehe ich heute immer weniger. (Gelächter im Saal) Prinzipiell war ich sehr angespannt. Das sind alles Dinge, die mich eingeschüchtert haben, um nicht mit meinen Interpretationen herum zu reden.”

Götzl: (laut) “Es geht ja um den letzten Besuch des Internetcafes. Nicht um die Woche davor. Davor erzählten Sie von ihrem Wochenende. Der Zusammenhang mit der Stempelkarte erschließt sich mir immer noch nicht.”

Temme: “Von den Geschichten von denen offensichtlich viele falsch sind, vermag ich heute keine mehr erinnern, wenn ich heute daran gehe, dann denke ich das mir das nicht passieren dürfe. Ich habe seit 2006 mit vielen Gesprächen versucht mich der Sache zu nähern.” (Langes Schweigen)

Götzl: (laut) “Bleiben wir doch einfach bei den Fakten. Es hilft nichts, wenn Sie jetzt Polizei oder Psychologen zitieren.”

Temme: “Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich aus dem Artikel aus dem Mord erfahren habe. Was genau drin stand, weiß ich nicht mehr.”

Götzl: (Setzt zu einer Frage an, wird von Temme unterbrochen.)

Temme: “Ob ich von der Tatzeit wusste, kann ich nicht mehr sagen. Das muss man in den Akten nachgucken.”

Götzl: “Was hatten Sie für Gedanken am Sonntag? Wie ist Ihr Sonntag zu Ende gegangen? Was haben Sie am Montag gemacht?”

Temme: “Das ich am Sonntag die Überlegung hatte, du warst dort, du musst herausfinden, was passiert ist. Wir hatten keine Tageszeitung. Nur den “Extra-Tipp”. Ich hatte den Gedanken du musst am Montag nachsehen.”

Götzl: “Es gab also Überlegungen, ob Sie dort waren.”

Temme: “Ja, ich habe am Montag die Stempelkarte angeschaut. Dachte, ich war ein Tag früher da. Es ist für mich heute schwer, den Erkenntnisstand, also den Erkenntnisstand, den ich heute erlangt habe, voneinander zu trennen. Schwierig, die einzelnen Zeiten. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht sein konnte, am Donnerstag dort gewesen zu sein.”

Götzl: (laut) “Warum eigentlich nicht?”

Temme: “Wegen der unheimlichen Nähe zum Tatort. Ich konnte mir das schlichtweg nicht vorstellen, dass ich so nahe an dem Mord dran war. Ich konnte offenbar diesen Schritt nicht gehen. Hatte vielleicht falsche Vorstellungen. Außerdem war das alles so unverständlich, was zu einem derartigen Verhalten führt.”

Götzl: “Welche Überlegungen hatten Sie, als Sie sich die Stempelkarte ansahen? Weshalb haben Sie sich genau darum gekümmert?”

Temme: “Ich weiß noch, dass ich am Mittwoch das Büro recht früh verlassen habe. Ich bin noch am Café vorbei gefahren. Am Donnerstag war es eher recht spät. Da dachte ich, ich bin wohl nach Hause gefahren. Als ich erfahren habe, dass es um 17:00 Uhr passiert ist, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich da gewesen wäre”

Götzl: (laut) “Sie gehen auf meine Fragen nicht ein.”

Temme: “Kann ich nicht. Weil ich nicht weiß, wann ich erfahren habe, wann ich von der Tat erfahren habe. War für mich schlüssig, dass ich nicht dort war.”

Götzl: “Zeitliche Einordnung? Von wann bis wann?”

Temme: “Kann ich nicht sagen. Kann auch nicht sagen, aus welchen Artikeln ich Informationen hatte. Kann auch nicht sagen, warum ich noch Infos brauchte.”

Götzl: “Sie waren häufiger Kunde. Wann waren Sie noch dort?”

Temme: “Kann ich nicht mehr sagen. Es waren unterschiedliche Zeiten. Mehr konnte ich bei der polizeilichen Vernehmung auch nicht mehr sagen.”

Götzl: “Wie oft nach der Arbeitszeit?”

Temme: “Kann mich nicht mehr erinnern.”

Götzl: “Wie lang dauerten die einzelnen Besuche?”

Temme: “Zwischen 10 und 20 Minuten denke ich. Vielleicht auch mal 30 Minuten. Darüber heraus eher nicht. Aber genau kann ich das abschließend nicht sagen.”

Götzl: “War das jemals Thema mit ihrer Frau? Ich meine vor der Tat?”

Temme: “Nein.”

Götzl: “Hatten Sie regelmäßige Arbeitszeiten?”

Temme: “Nein, Gleitzeit.”

Götzl: “Hatten Sie sich bei ihrer Frau angemeldet, wann Sie nach Hause kommen?”

Temme: “Nein. Ich bin einfach nach Hause gekommen. Manchmal, wenn es später wurde, dann habe ich angerufen.”

Götzl: “Wann war Ihr Blick auf ihre Stempelkarte?”

Temme: “Muss Montag morgen gewesen sein.”

Götzl: “Sie sagen muss, wie kommen Sie darauf?”

Temme: “Natürlich wollte ich wissen, wann ich an welchem Tag Schluss gemacht habe. Das Ergebnis kenne ich jetzt aus den Ermittlungen der Polizei: Das war am Mittwoch deutlich vor 15:00 Uhr und am Donnerstag um 16:43 Uhr.”

Götzl: “Inwiefern war die Stempelkarte für Sie relevant?”

Temme: “Ja in der Überlegung, wenn ich heute ausstempel, dass ich meine Gedanken einordnen kann …” (Götzl unterbricht)

Götzl: “Sie sind meiner Frage ausgewichen. Ich würde Sie bitten, meine Fragen zu beantworten! Sie haben sich bei Ihrer Frau nicht angemeldet, Sie sind zu unregelmäßigen Zeiten nach Hause gekommen. Warum war die Stempelzeit so relevant?”

Temme: “Als ich von der Uhrzeit des Verbrechens erfahren hatte, war das für mich relevant. Auch weil ich dachte: Wann war ich im Internetcafe?”

Götzl: “Sie haben sich bei ihrer Frau nicht angemeldet. Sie sind gekommen, wann Sie wollten. (laut) Warum war die Stempelzeit so relevant?”

Temme: “Wegen der Tatzeit und ausstempeln ist es relevant.

Götzl: “Sie sagten auch: Später bin ich gefahren. Sie können mir doch jetzt nicht erzählen, dass Sie nach Hause fahren wollten. Sie können mir nicht erzählen, dass Sie sich im Tag geirrt haben. Es war kein großer zeitlicher Abstand. (Noch lauter) Das können Sie mir nicht erzählen!”

Temme: “Bei der Suche nach meinen Gedanken laufe ich immer wieder gegen eine Wand. Für mich sicher weiß ich, dass ich den Gedanken hatte, dass die Polizei die Computer im Internetcafe auswertet. Wenn die jetzt 24 Stunden zurück gehen, dann muss ich da hingehen, weil ich zeitlich eben sehr nah dran war. Die Vorstellung, ich wäre am Mittwoch da gewesen, hatte sich bei mir verfestigt. Ich wäre für mich selber froh, wenn es mir in den letzten Jahren gelungen wäre, eine Erklärung für diese Fehleinschätzung zu finden. Ich war in diesem Punkt so blind. Ich kann mir ja nicht eine Erklärung ausdenken, damit es sich für mich besser anfühlt”

RAin Sturm meldet sich mit einer Verständnisfrage zu Wort, die sich auf die vorangegangene konfuse Aussage von Temme bezieht

Temme:”Ich war zumindest zeitlich nah dran, deswegen kann ich sagen, dass diese Vorstellung ziemlich falsch war, die sich in mir verfestigte. ” Im Nachsatz wiederholt Temme genau die Aussage , auf die sich die Verständnisfrage von RAin Sturm bezieht und zwar zum exakt gleichen Wortlaut.

Götzl: “Das sind gerade die Fragen…” (Wird von Temme unterbrochen)

Temme: ” Ich werde für mich selber, gerade im Hinblick wie ich so dumm sein konnte, ich würde es Ihnen ja gerne erklären, aber ich könnte mir ja auch irgend welche Erklärungen ausdenken.”

Götzl: (aggressiv) “Es wäre an der Zeit, wenn sich schon Fragen bei Ihren Aussagen auftun, wenigstens hier in der Hauptverhandlung wahrheitsgemäß auszusagen.”

Temme: (professionell) “Ich meinte das genau andersherum.”

Götzl: (ringt sichtbar um Fassung) “Nochmal. Welche Rolle spielte das Ausstempeln?”

Temme: “Zur zeitlichen Vorstellung. Es gibt vielleicht noch eine Sache: Es gab zwei Möglichkeiten nach Hause zu fahren. Der eine Weg führt nicht am Internetcafe vorbei, der andere schon. In letzter Zeit spielt der Zufall eine Rolle. Wenn ich vorbeikam, bin ich rein. Wenn nicht, dann nicht.”

Götzl: ” Haben Sie sich am Montag mit Kollegen über die Tat im Internetcafe unterhalten?”

Temme:”Denke schon. Werde von mir aus aber nicht das Gespräch gesucht haben.”

Götzl: “Und an den Folgetagen.”

Temme: “Habe vermutlich mit Vorgesetzten gesprochen, dass ich häufig Gast im Internetcafe war und nicht mit anderen Kollegen.”

Götzl:”Haben Sie in Zeitungen von Zeugenaufrufen gelesen?”

Temme: ” Ich meine ja. Aber ich glaube, dass mich dieser Fehlschluss so verinnerlicht hat…” (Götzl:unterbricht)

Götzl: (aggressiv) Schon wieder. Wie war der Zeuge beschrieben?”

Temme: “Einzelheiten weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch von einer grünen Jacke. Ich habe oder wollte mich nicht wieder erkennen.”

Götzl:”Passte denn die Beschreibung auf Sie?”

Temme: “Ich hatte zwar eine grüne Jacke, hatte sie aber nicht an. Weitere Einzelheiten sind mir nicht mehr erinnerlich. Ich sah keinen Anlass, mich zu melden.”

Götzl: “Wann war das? Zeitliche Einordnung?”

Temme: “Ich meine in der ersten Woche nach dem Mord. Ich weiß es aber nicht mehr genau.”

Götzl: (aggressiv und laut) “Was haben Sie sich gedacht bei diesem Zeugenaufruf? Gab es Ihrerseits Überlegungen, das bin ich nicht, nach dem gesucht wird?”

Temme: “Denke nicht.”

Götzl: (noch lauter mit donnernder Stimme) “Eine sehr weiche Formulierung.”

Temme: “Eine sehr weiche Formulierung? Ich hab mich offensichtlich in dieser Beschreibung nicht wiedergefunden. Ich dachte eher an die Auswertung der PCs rückwirkend 24Std. Ich kann mich offensichtlich nicht daran erinnern, warum ich mich melden sollte.”

Götzl: (fassungslos) “Ja, gab es jetzt Überlegungen?”

Temme: “Wegen den 24 Std. und den PCs.”

Götzl: “Was genau hat Sie dazu bewogen, darüber nachzudenken, sich als Zeuge zu melden?”

Temme: “Ich meine, wegen eines Artikels in der HNA. Wegen der polizeilichen PC-Auswertung.”

Götzl: “Wann war das?”

Temme: “Ich meine in der zweiten Woche, ich weiß es nicht mehr genau.”

Götzl: “Warum haben Sie sich dann nicht gemeldet?”

Temme: “Tja – ich war zu dem Zeitpunkt bei dem Gedanken, ich war 24 Stunden vorher da, ich hatte nichts wahrgenommen. Ich war der Meinung, wenn ich irgendwas wahrgenommen hätte, wie einen Streit oder so, oder sonst was, was da nicht hingehört, wäre ich vielleicht hingegangen. Vielleicht auch nicht, weil ich zu feige war. Aber dann kam eh der 21. April.

Götzl: “Ich mache Ihnen jetzt eine Vorhalt von Ihrer letzten Vernehmung hier in der Hauptverhandlung. Demnach sagten Sie aus, Sie hätten wegen dem Checken Angst. Wir waren ja jung verheiratet. War das der Grund nicht zur Polizei zu gehen?”

Temme: “Hat im Grunde alles in meinem Denken zugelassen. Wenn ich jemanden zum Reden gehabt hätte, dann …” (schweigt kurz) “Sie haben es ja beim letzten Mal selbst so treffend gesagt…”

Götzl: “Warum haben Sie nicht das Gespräch gesucht?”

Temme: “Zu Hause war das nicht möglich. Ich hätte meiner Frau alles sagen müssen. Bei meinen Eltern wäre es auch nicht möglich gewesen. Unser Bekanntenkreis war relativ klein, ich haben niemanden gefunden, es hat sich keine Gelegenheit ergeben, und in der Arbeit auch nicht.”

Götzl: “Warum nicht.?”

Temme: “Aus subjektiven Gründen. Was eben falsch gelaufen ist.”

Götzl: “Was sollte Sie denn hindern mit Ehefrau oder Kollegen zu reden?”

Temme: “Vor allem meiner Ehefrau hätte ich von dem Chatten erzählen müssen und vor meinen Kollegen hätte ich mich erklären müssen. Waren alles subjektive Gedanken. Leider war niemand da, den ich zu Rate ziehen konnte. Ich bin sowieso ein Mensch, der Sachen mit sich selbst ausmacht.

Götzl: “Warum wollten Sie es nicht mit Ihrer Frau klären, oder mit Kollegen? Was hätten Sie zu befürchten gehabt? Sagen Sie es mir!”

Temme: “Bei meiner Frau dachte ich, ich hätte ihr alles sagen müssen, das hätte sie mir übelgenommen. Bei den Kollegen eher wegen diesem anderen Objekt.”

Götzl: “Ich verstehe nicht, was in Ihrem Kopf vor sich geht. Ich fragte Sie nach Konsequenzen und Sie weichen mir aus.”

Temme: (Schwurbelt, im weiteren Verlauf wiederholt er wortgetreu seine Aussage vom 01.10.2013.)

Götzl: “Welche dienstlichen Nachteile haben Sie befürchtet? Außer, dass Ihre Kollegen oder Vorgesetzten hätten sagen können, machen Sie das nicht.”

Temme: “Ich weiß es nicht. Ich war aber überzeugt, dass es negative Konsequenzen gehabt hätte.

Die Vernehmung dreht sich wie bereits am 41. Prozesstag, den 01.10.2013 um das immer gleiche Thema. Neue Erkenntnisse sind bis jetzt nicht aufgetaucht. Richter Götzl ordnet deshalb um 15:00 Uhr eine Pause von 20 Minuten an.

Um 15:30 Uhr setzt Götzl die Vernehmung von Andreas Temme fort.

Götzl: “Können Sie sich erinnern, ob Sie am Montag mit Kollegen über die Tat gesprochen haben?

Temme: “Denke schon, dass es Thema war. Kann mich aber an kein konkretes Gespräch erinnern.”

Richter Götzl konfrontiert Temme daraufhin mit einem Aktenvermerk von KOK Teichert aus den Ermittlungsakten. Aus diesem Aktenvermerk geht hervor, dass es am Montag, den 10.04.2006 im Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Hessen zu einem Gespräch mit einer Frau E. gekommen sei. In diesem Gespräch wurde offenbar der Mord an Halit Yozgat und insbesondere der Tatort, das Internetcafe thematisiert.

Götzl: “Frau E.? Wer ist das?”

Temme:”Ist eine Arbeitskollegin. Sie hat das gleiche gemacht, wie ich. Nur in einem anderen Bereich.

Götzl macht einen weiteren Vorhalt aus den Ermittlungsakten: “Frau E. wurde beauftragt, Herrn Temme zum Mord im Internetcafe in der Holländischen Straße zu befragen. Haben Sie dazu eine Erinnerung?”

Temme: “Kann mich nicht erinnern. Wir waren ja alle per Du, da könnte sie vielleicht gefragt haben.”

Götzl: “Lassen wir mal die ganzen hättest! Frau E. sollte am 10.04. den Andreas fragen, ob er das Internetcafe und den Namen des Opfers kennt und ob es einen dienstlichen Bezug zum LfV Hessen gibt. Andreas hätte dem Aktenvermerk zu folge gesagt: ‘Nein.’”

Temme: ” Kann sein, dass ich das gemacht habe.”

Götzl: “Jetzt hätten Sie ja jemanden für ein Gespräch gehabt.”

Temme: “Ja, ich hätte ja geredet, aber eben gerade nicht mit Arbeitskollegen.”

Götzl: “Ich habe Probleme mit Ihrer Erinnerung. Sie sagen ‘kann sein’. Warum antworten Sie auf meine Fragen mit Hypothesen? Da kann man schon an der Wahrheit zweifeln.”

Temme: ” Ich kann mich an das Gespräch nicht erinnern. An diesem Montag war ich sehr durcheinander. Im NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag wurde mir diese Quelle bezüglich des 10.04.2006 vorgeworfen, weil ich keine Erinnerung hatte.”

Götzl: “Sie meinen, wenn Sie sich an eine Sache nicht erinnern, dann an andere auch nicht? An solche Gespräche erinnern Sie sich nicht, aber an die Stempelkarte schon. Da fragt man sich schon, wie das geht.”

Temme: Zum Thema Stempelkarte gab es eine polizeiliche Vernehmung, das hat sich eben eingeprägt wie das Telefonat mit meiner Quelle und den Arbeitskollegen. Sonst wäre es mir eher in Erinnerung geblieben. 2006 hätte ich Erinnerung gehabt, aber jetzt ist nichts mehr da.”

Götzl: “Welche anderen Gespräche meinen Sie da? Erzählen Sie!”

Temme: “Das war ein Punkt, der mir im Untersuchungsausschuss im Bundestag vorgeworfen wurde, wegen Gespräch mit der Quelle 389. Ich hatte keine Erinnerung an den Inhalt des Gesprächs. Mir wurde auch vorgehalten, ich hätte sehr nervös gewirkt. Eine eigene Erinnerung hatte ich damals nicht. So ist das auch mit den Arbeitskollegen.”

Götzl: “Und? Ist die Erinnerung zurückgekommen?”

Temme: “Die Erinnerungen an diese Gespräche sind weg. Ich könnte nicht beschreiben, wie die Gespräche abgelaufen sind.”

Götzl: “Kam es an diesem Montag zu einem Treffen mit der Quelle?”

Temme: “Das Treffen konnte nachvollzogen werden, die Telefonate konnten 2012 rekonstruiert werden. Ich hatte angeboten, meinen Kalender aus Kassel zu holen. Bei dieser Gelegenheit hab ich Termine und Anrufversuche angesehen und festgestellt, dass er (Anm. Quelle 389) sich wegen dem Geld für April gemeldet hatte.”

Götzl: “Um was ging es bei diesen Telefonaten? Inhalte?”

Temme: “Da war ein Anrufversuch von Quelle 389. Ich war da gerade im Gespräch mit einer anderen Quelle. Ich hab ihn am Nachmittag zurückgerufen. Aufgrund der Reisekosten-Abrechnung war dies auch nachvollziehbar.”

Götzl: “Von welcher Quelle sprechen Sie jetzt? Bitte nähere Informationen.”

Temme: “Quelle 389 war aus dem Rechten Bereich. Es war meine 1. Quelle, mit der ich nach meiner Ausbildung betraut war.”

Götzl: “Wie hat sich das mit den Berichten über die Quelle gestaltet? Jetzt speziell auf den 06. April 2006 bezogen?”

Temme: “Ich hab mich mit der Quelle 2 – 3 mal getroffen. Wir sind irgendwohin zum Essen gegangen. Wir haben nicht nur dienstlich gesprochen, sondern auch über alles mögliche, um Vertrauen zu gewinnen. Ich hab jeden Monatsanfang das Geld übergeben. Dann kam die Quelle aus dem Bereich Islamismus. Was er abliefern konnte, war nicht viel. Und jetzt zum April-Termin: Das Geld konnte gezahlt werden. Ich hatte auch Anfragen wegen anderer Termine. Aber am Freitag hatte ich Urlaub. Er hat mich dann angerufen wegen einem Termin am Montag.”

Götzl: “Beschreiben Sie doch mal Ihren Tagesablauf am 06. April 2006.”

Temme: “Ich bin morgens wohl ins Büro gefahren. Ich war mit der Quelle aus dem Bereich Islamismus verabredet. Ich hab im Büro in meinen Handakten nachgesehen, ob ich irgendwelche Fragen an ihn hatte. Ich hab Mittag in einem Restaurant mit ihm etwa 2,5 bis 3 Stunden gesessen. Danach bin ich zurück ins Büro und habe meine Notizen geordnet. Das war die übliche Vorgehensweise. Wenn viel besprochen wurde, dann musste das schnell gehen, damit nichts verloren geht oder verfälscht wird. Dann habe ich Quelle 389 angerufen.”

Götzl: “Und sonst?”

Temme: “Dann hab ich meine Notizen eingeschlossen.”

Götzl: (genervt) “Ich meine den Anruf!”

Temme: ” Ich habe davon zum ersten Mal bei der Befragung durch die Bundesanwaltschaft erfahren. Die Polizei hat mich wegen dem Quellenschutz nicht gefragt.”

– Pause –

“Achso. Ich weiß noch wegen den Telefonaten, dass ich auf dem Heimweg von der anderen Quelle auf meinem Handy angerufen wurde. Die Polizei wollte wissen, wo ich war, als der Anruf einging.”

Götzl: “Sonst noch was Besonderes an diesem Tag?”

Temme: “Nein.”

Götzl: “Was haben Sie am Freitag noch zu Hause getan?”

Temme: “An diesem Freitag hatte meine Mutter Geburtstag. Vormittags war ich mit meiner Frau Sachen einkaufen. Nachmittags war ich bei der Geburtstagsfeier.”

Götzl: “Und am Samstag?”

Temme: “Da war ich zu Hause mit irgendwelchen Dingen beschäftigt.”

Götzl: “Sonntag?”

Temme: ” Samstag war üblich, dass ich eingekauft habe. Das war wahrscheinlich da auch so. Am Sonntag war außer der Sache mit dem “Extra-Tipp” nichts besonderes.

Götzl: “Wie war eigentlich Ihre EDV-Ausstattung zu Hause?”

Temme: “Unser Sohn hatte einen PC, aber ohne Internetanschluss. Ich hatte einen Laptop.”

Götzl: “Hatten denn Sie Internet?”

Temme: Nein. Ich hatte irgendwann mal einen Stick. Zum fraglichen Zeitpunkt, meine ich, hätte ich ihn nicht gehabt.”

– Pause –

“Wenn ich genau nachdenke, dann habe ich keinen Stick gehabt. Weil sonst wären meine Besuche im Internetcafe ja sinnlos gewesen.”

Götzl: “Nochmals zur Quelle 389. Um welche Partei ging es da?

Temme: “Die Beantwortung der Frage lässt meine Aussagegenehmigung nicht zu. Wenn Sie mir aber sagen, ich darf …”

Götzl: (schweigt, fixiert Temme)

Temme: “Im Untersuchungsausschuss des Bundestages wurde die Frage zurückgezogen.”

Oberstaatsanwältin Anette Greger von der Bundesanwaltschaft schaltet sich in die Vernehmung ein: “In einer früheren Vernehmung des Herrn Temme wurde der Name dieser Partei genannt. Von Seiten der Bundesanwaltschaft bestehen daher in der Beantwortung der Frage des Vorsitzenden Richter keine Bedenken.”

Temme: “Es war die ‘Deutsche Partei’.”

Götzl: “Haben Sie im April 2006 mit Kollegen über die Tat als Teil einer Serie gesprochen?”

Temme: “Ich erinnere mich an das Gespräch von diesem Montag nicht. Deswegen habe ich dazu auch keine Erinnerungen.”

Götzl zitiert aus den Ermittlungsakten: “Temme habe ihr gesagt, das Internetcafe und das Opfer nicht zu kennen. Frau E. bat Andreas beim hiesigen ZK 10 (Anm.: Zentrale Kriminalinspektion 10 Hessen. Zuständigkeit für Staatsschutz, Sprengstoffdelikte) das Internetcafe abzuklären.”

Temme: “Kann sein. Keine Erinnerung dazu. Eventuell war der Termin schon vorher.”

Götzl zitiert weiter: “Andreas Temme sagte: ‘Kein regionaler Bezug der Tat, vielleicht wurde gleiche Waffe bei mehreren Morden im Bundesgebiet eingesetzt.’ Erinnerungen dazu?”

Temme: “Wie gesagt: An das Gespräch habe ich keine Erinnerung mehr. Aber das ist nicht meine Sprechweise.”

Götzl: “Was wollen Sie mir damit sagen, dass das nicht Ihre Sprechweise ist?

Temme: “Als das in der Presse zitiert wurde, dachte ich, dass ich mit meinen Arbeitskollegen nicht so gesprochen habe. Ich hatte für mich selbst die Empfindung, so redest du nicht. ‘Regionaler Bezug’, ich denke nicht, dass ich es so formuliert hätte. Wenn ich so über das Gespräch nachdenke, wie es da geschildert wird, dann erschließt sich mir das nicht.”

Götzl: “Haben Sie gegenüber Frau E. mal diese Äußerungen gemacht?”

Temme: “Ich habe zu ehemaligen Kollegen schon lange keinen Kontakt mehr. Außerdem: Wenn ich hier als Zeuge auftrete, dann finde ich das nicht ganz klug, mich mit Frau E. zu treffen.”

Götzl: (scharf) “Ja, aber es wäre schon gut, sich mal mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Wenn diese Situation mit Frau E. der Wahrheit entsprechen würde, wäre es Anlass mal mehr zu sagen. Vielleicht denken Sie mal darüber nach, ob das von Ihnen bisher gesagte die Wahrheit ist. Nur weil Sie die ganze Zeit schon so ausgesagt haben, müssen Sie es hier nicht so aufrechterhalten. Ich belehre Sie hiermit nochmals ausdrücklich, dass Sie hier als Zeuge der Wahrheitspflicht unterliegen.”

Temme: “Ich habe keine Erinnerung an das Gespräch mit Frau E. Was ich bisher gesagt habe, ist die Wahrheit gewesen. Ich kann es nicht besser erklären, weil es nichts anderes gibt.

Götzl: “Was hat es eigentlich mit Herrn M. auf sich?”

Temme: “M. war beim Staatsschutz in Kassel, Bereich Islamismus.”

Götzl: “Haben Sie mit ihm über die Tat gesprochen?”

Temme: “Natürlich war dieser Mord Thema. Ich habe aber dieses Internetcafe nicht erwähnt, habe versucht dieses Thema immer zu meiden.”

Götzl: “Jetzt nochmal zu Inhalten. Insbesondere interessieren mich Ihre Aussagen zum regionalen Bezug und zum mehrfachen Einsatz der Waffe im Bundesgebiet. Haben Sie dazu Informationen gehabt?”

Temme: “Ab wann weiß ich nicht.”

Götzl: “Und Informationen zum regionalen Bezug? Ab wann hatten Sie die?”

Temme: “Das ist ja das … Diese Formulierungen … Ich würde das nie so formulieren.”

Götzl: “Wie dann?”

Temme: (Schwurbelt deutlich nervöser um die Antwort herum.) “Ich erkenne mich darin nicht.”

Götzl: “ich wollte für Sie vereinfachen.”

Temme: “Regionaler Bezug. Das hätte ich nie so formuliert.”

Götzl: (jetzt deutlich aggressiver) “Es ist immer einfacher zu erzählen, was man nicht macht. Erklären Sie es mir.”

Temme: (Versucht durch Geschwurbel, die Antwort auf die Frage von Richter Götzl zu umgehen. Die folgende Aussage wirkt konfus und ohne sinnvolle Zusammenhänge.) “Kassel … Erschließt sich mir nicht. Sehe keinen Grund … Zum einen: Es war ein Mordfall, also nichts für den Verfassungsschutz. Zum anderen: Wenn ich dienstlich nachgedacht hätte …”

Götzl: (Wirkt wegen Temmes Aussagen zunehmend fassungsloser und gereizt.) “Wie war Ihr Informationsstand und wann hatten Sie welche Informationen? Da sind wir. Ihre Aussagen werden immer vager.”

Temme: “Keine Erinnerung …”

Götzl: (Sehr scharf.) “Haben Sie wirklich die Stempelkarte überprüft? Und zu welchem Zweck?”

Temme: “Ja.”

Götzl: “Und zu welchen Erkenntnissen sind Sie durch die Überprüfung der Karte an diesem Montag gekommen?”

Es ist 16:10 Uhr. Richter Götzl bricht an diesem Punkt ohne die Antwort von Andreas Temme abzuwarten, die Vernehmung und den kompletten Prozesstag ohne erkennbaren Grund abrupt ab. Götzl verkündet, dass die Befragung von Temme am übernächsten Tag, den 05.12. 2013 fortgesetzt werden soll. Aufgrund der teils grotesken Ereignisse, die sich an diesem Tag (65. Prozesstag) abspielten, war jedoch eine weitere Vernehmung von Temme nicht möglich. Wie bei der ersten Vernehmung am 01.10.2013 (41. Prozesstag)war der Erkenntnisgewinn zur möglichen Verwicklung des Ex-Verfassungsschützers und Ex-V-Mann Führers Andreas Temme in den Mord an Halit Yozgat äußerst überschaubar. Wann Andreas Temme wieder zur Hauptverhandlung am OLG München vorgeladen werden soll, ist zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Protokolls (07.01.2014) nicht bekannt.

NSU-Prozesstag 80: Wortprotokoll der kompletten 3. Vernehmung von Andreas Temme am 29.01.2014. (Quelle: Jürgen Pohl)

Wieder geht es bei dieser Vernehmung um nichts weniger, als um die Aufklärung der möglichen Verwicklung des Ex-Verfassungsschützers und Ex-V-Mann-Führers Andreas Temme in den Mord an Halit Yozgat, der am 06. April 2006 in seinem Internetcafe durch 2 Kopfschüsse regelrecht hingerichtet wurde. Es ist hinreichend bekannt und inzwischen auch wasserdicht bewiesen, dass sich Temme zur exakten Tatzeit direkt am Tatort aufhielt.

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Anmerkung: Das nachfolgende Protokoll bezieht sich ausschließlich auf meine persönlichen, handschriftlichen Notizen.

Infos über vermutlich notwendige Updates werden sofort bei Twitter veröffentlicht. Also am besten meinem Account @editor64 folgen!

Zum Update vom 18.02.2014 – 21:00 Uhr >> 

Update vom 19.02.2014 – 07:05 Uhr:

Einen Einblick in die aufgeheizte Atmosphäre im Gerichtssaal, ein Stimmungsbild der Prozessbeteiligten und eine kurze Zusammenfassung zum juristischen Tauziehen vor der Vernehmung des Andreas Temme gibt es im Blog “Querläufer”. >>>

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Andreas Temme am 29. Januar 2014 auf dem Weg zu seiner 3. Vernehmung im NSU-Prozess am OLG München.

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Um 13:43 Uhr betritt Andreas Temme den Gerichtssaal. Er gibt sich betont lässig und cool. Nachdem er am Zeugentisch Platz genommen hat, will er etwas in das Mikrofon sagen, dieses verweigert aber seine Dienste.

Götzl: “Herr Kienzle haben Sie etwa den Stecker gezogen?”

Die Frage Götzls löst Heiterkeit im Saal aus, allerdings scheint sich Richter Götzl am meisten über seinen Witz zu amüsieren. Das Mikrofonproblem führt zu einer weiteren Pause.

Während der Pause sitzt Temme am Zeugentisch und wartet wieder einmal auf den Beginn seiner Vernehmung. Noch vor einigen Minuten betont lässig, scheint er jetzt doch deutlich nervös zu sein. Von seiner sonst üblichen Sitzhaltung, die er besonders bei seiner 1. Vernehmung über Stunden unverändert – auch während kurze Pausen – einhielt, ist heute nichts mehr zu sehen. Die Hände hält er spitz beisammen, beinahe so, als ob er beten würde. Er zappelt mit den Füßen, schwingt mal das eine, mal das andere Bein nach vorne, reibt sich am linken Auge, als ob dieses brennen würde. Kurzum: Ein völlig anderes Verhalten als bei den anderen Vernehmungen. Temme ist unsicher. Heute weiß er nicht, was auf ihn zukommt.

Um 13:50 Uhr sind die technischen Probleme behoben. Vermutlich hat RA Kienzle nicht Temmes Mikrofon sabotiert. Jedenfalls hat er den Stecker während der Pause nicht wieder angeschlossen.

Götzl beginnt ohne Umschweife mit seiner Befragung: “Welche Fahrstrecken haben Sie für die Heimfahrt von Ihrem Büro genommen?”

Temme: “Es gab zwei Möglichkeiten. Vom Büro (Anm.: Wolfhager Straße) aus nach links abbiegen in die Gelnhäuser Straße und dann weiter auf die Holländische Straße stadtauswärts. Die andere Möglichkeit wäre rechts weiter auf der Wolfhager Straße, dann in die Mombachstraße und von da aus auf die Holländische Straße. Bei dieser Strecke kommt man am Internetcafe vorbei.”

Götzl: “Sagt Ihnen die Adresse ‘Grüner Weg 33′ etwas?”

Temme: “Ja, das ist das Polizeipräsidium Nordhessen.”

Götzl: “Und Königstraße 95?”

Temme: “Sagt mir nichts.”

Götzl: “Und wo in Kassel befindet sich die Hauptpost?”

Temme: “In der Unteren Königsstraße, eventuell Hausnummer 95.”

Götzl: “Und Bremer Straße 3?”

Temme: “Sagt mir nichts. Meinten Sie Bremer- oder Jägerstraße 3?”

Götzl: “Bremer …”

Temme: “Sagt mir nichts.”

Götzl: “Wie lautete Ihre Alias-Personalie?”

Temme: “Alexander Thomsen, die Adresse war Untere Königstraße, ungefähr gegenüber von der Hauptpost.”

Götzl: “Haben Sie diese Adresse öfters angefahren?”

Temme: “Ich hatte immer wieder Kontakt zum Staatsschutz und dort die dienstlichen Postfächer geleert.”

Götzl: “Wie häufig?”

Temme: “Etwa einmal pro Woche. Weiß nicht genau.”

Richter Götzl bittet nun Temme nach vorne an den Richtertisch. Temme soll dort eine Google-Karte in Augenschein nehmen. Er schlendert lässig zur Richterbank, stützt sich seitlich auf einer kleinen Ablage ab und sieht sich den vorgelegten Stadtplan mit mehreren eingezeichneten Fahrtrouten lange an.

Temme: “Das ist der normale Weg. Vom Büro über die Gelnhäuser Straße und dann weiter auf die Holländische Straße.” Er fährt die Strecke mit einem Stift auf dem Plan nach. “Und das ist der andere Weg über die Mombachstraße und dann auf die Holländische Straße.”

Götzl: “Und den unteren Weg? Über den Grünen Weg? Sind Sie den auch gefahren?”

Temme: “Wenn, dann auf dem Weg zum Polizeipräsidium. Hier ist die Hauptpost, da ist meine Alias-Adresse”

Er deutet wieder mit einem Stift auf den Plan. Die Alias-Adresse ist in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hauptpost und 3 Minuten Fahrtweg vom Internetcafe Yozgat entfernt.

Temme nimmt wieder am Zeugentisch Platz, gibt sich wieder entspannt und lässig. Götzls nächste Frage trifft ihn sichtlich unerwartet, von seiner Lässigkeit ist plötzlich nichts mehr zu spüren.

Götzl: “Können Sie sich an ein kognitives Interview mit Ihnen erinnern?”

Temme: “Ja, muss wohl 2009 gewesen sein. War der Leiter der Mordkommission Kassel W.. W. hat mich angerufen und gefragt, ob ich bereit wäre, bei einem kognitiven Interview teilzunehmen. Ich habe später dann erfahren, dass es für mich als Beschuldigter nicht möglich gewesen wäre, mitzumachen. Wir haben uns auf einem Parkplatz getroffen und sind dann nach Wiesbaden zur Polizeischule gefahren. Dort fand das kognitive Interview statt.”

Götzl: “Näheres..?”

Temme: “Wir waren zu dritt im Auto. Wir sind dann dort zu einem Psychologen gegangen, der wurde mir vorgestellt. Es war ein einfacher Raum. Der Psychologe sagte, ich solle die Augen schließen, ruhig atmen und mich gedanklich zurück an den Tattag versetzen. Natürlich hat mein Denken beeinflusst, denn wenn ich am Tattag am Tatort gewesen bin, dann müsste ich auch was gemerkt haben. Ich hab mich auch informiert, wie so ein kognitives Interview abläuft. Der hat das aber anders gemacht. Ich will aber den Psychologen da nicht kritisieren.”

Götzl macht Temme einen Vorhalt aus den Akten zum kognitiven Interview mit KHK W.: ‘Beim Betreten des Internetcafe fällt Temme auf, dass die Tür mit Holzkeil offenstand.’ “Erinnerungen dazu?”

Temme: “Kann sein aus Presse. Eventuell auch neu durch den Psychologen.”

Götzl mit einem weiteren Vorhalt: ‘Temme erinnerte sich an Räume, Beleuchtung und Schreibtischstuhl. Kann aber keine Angaben über Personen machen.’ “Was sagen Sie dazu?”

Temme: “Ich hab versucht, mich auf das kognitive Interview einzulassen, Dinge wieder zu erinnern. Ich hab auch niemals eine Abschrift bekommen. Es war vielleicht ein Fehler, mich vorher über kognitive Interviews zu informieren.”

Weiterer Vorhalt von Götzl: ‘Temme äußerte die Empfindung ein Geräusch gehört zu haben.’

Temme antwortet darauf sehr schnell, um einer Nachfrage Götzls dazu zu entgehen: “Das meinte ich ja. Wenn ich dort war, muss ich es ja gehört haben.”

Temmes Plan geht schief. Götzl macht Vorhalt nach Vorhalt: “Da steht: ‘Als würden Möbel gerückt.’ Das ist ja schon sehr konkret.”

Temme: “Mag sein, dass so etwas in den Medien war. Ich hab gemacht, was der Psychologe gesagt hat. Diese Erinnerungen, z.B. mit dem Stuhl waren für mich sonst nicht präsent. Hatte ja keine Gelegenheit, mich noch vor dem Interview damit zu befassen.”

Götzl unterbindet den Versuch Temmes durch Geschwurbel seine Vernehmung zu verwässern: “Gab es jetzt diese Geräusche?”

Temme: “Kann mich nicht erinnern. Wollte aber dem Psychologen nichts unterschlagen, und dem W. nicht unterstellen, dass er (W.) sich das ausgedacht hat.”

Götzl: “Warum diese Einschränkungen auch 2009?”

Temme: “Wegen Unterschieden zu echten Erinnerungen und Angelesenem aus den Medien …”

Götzl: “Also Pressewissen beim kognitiven Interview?”

Temme: “Ja. Bei anderen Gesprächen aber nicht.”

Götzl: “Warum nicht?”

Temme: “Ich weiß ja nicht, was er mit mir beim Interview gemacht hat. Ich weiß nur, dass ich gesagt habe, dass es schwierig ist, diese Dinge auseinanderzuhalten. Wenn ich ständig beim kognitiven Interview überlegt hätte, was ich selbst erlebt habe und was ich mir angelesen habe, dann hätte das Interview nicht viel bewirkt. Bei Einzelheiten war das nicht der Fall.”

Götzl: “Ja, ging es nicht um Ihre Erinnerungen?”

Temme: “Der W. hat das gesagt. Ich sagte, da mach ich sofort mit. Müssen das einschränken in selbst Erlebtes und Zeitungswissen. Ich hab halt mitgemacht mit bester Motivation. Wenn was dabei raus kommt, dann bin ich mit dabei.”

Temme verhält sich immer noch sehr ungewöhnlich. Er wechselt ständig die Sitzhaltung, er gestikuliert, immer wieder legt er die Hände übereinander, er scharrt mit den Füßen, legt abwechselnd ein Bein über das andere. Von der stoisch über Stunden eingehaltene immer gleichen Haltung mit der Temme vor allem bei seiner 1. Vernehmung auffiel ist absolut nichts mehr übrig geblieben.

Götzl: “Der Psychologe war Sch.?”

Temme: “An den Namen hab ich keine Erinnerung.”

Götzl: “Wie ging es weiter?”

Temme: “Nach dem Interview bin ich 2 Stunden mit Beamten zum Rasthof Kassel gefahren und von dort dann nach Hause.”

Götzl: “Sagt ihnen der Name Irrgang etwas?”

Temme: “Ja. Er war der Direktor des LfV Hessen. Er war mein Vorgesetzter. Ich habe Herrn Irrgang nach meiner Festnahme gesprochen. Hauptsächlich wegen Dingen aus meinem Disziplinarverfahren. War für mich normal, dass er sich mit mir unterhalten hat. Habe gesagt, dass ich jederzeit Rede und Antwort stehen würde zu den Dingen, die ich für das Amt angerichtet habe. Das habe ich ja verbockt.

Götzl: “Was meinen Sie mit ‘verbockt’?”

Temme: “Denke nicht, dass ich so mit Irrgang gesprochen habe.”

Götzl: “Dann versuchen Sie doch nicht …”

Temme: “Hab Irrgang gesagt, dass ich das unendlich bedauere, auch für die Außenstelle Kassel. Ich hab ihm versichert, dass ich es nicht war. Irrgang sagte, ich hätte ja Familie und möchte, dass das aufgeklärt wird. Ich war bei diesem Gespräch ziemlich aufgewühlt.

Götzl: “Sie sagten ‘ich war das nicht’. Was haben Sie damit gemeint?”

Temme: “Dass ich nicht für die Morde (sic! Plural!) verantwortlich bin. Ich hab ihm auch das mit dem Krümel Haschisch erklärt und gesagt, dass ich selbstverständlich keine Drogen nehme.

Temme zeigt bei diesen Sätzen eine für ihn völlig atypische Reaktion. Erst dreht er beide Hände mit der Handinnenfläche nach oben, gleich danach lehnt er sich zurück und verschränkt beide Arme vor dem Oberkörper.

Götzl: “Wann war das Gespräch?”

Temme: “Irgendwann nach dem 9. Mai. Die Kalender hatte ich ja danach nicht weiter geführt, brauchte die nicht. Hatte nur wenig zu tun.”

Götzl: “Haben Sie mit Irrgang über den Aufenthalt im Internetcafe in der Holländischen Straße gesprochen?”

Temme: “Weiß nicht mehr, ob ich ihm den Ablauf beschrieben habe. Vermutlich habe ich das in der dienstlichen Erklärung gemacht.”

[5 Minuten Lücke wegen Ausfall Kugelschreiber.]

Götzl: “Mir geht es darum, was sie noch selbst erinnern.”

Temme: “Denke, ich hab mir … An solche Einzelheiten in meiner Erinnerung nicht. Ich sagte, ich bin nicht der Täter. Habe aber keine genaue Erinnerung mehr.

Götzl: “Sagt Ihnen der Name F. etwas?”

Temme: “Ja, der Leiter der Außenstelle Kassel (Anm.: vom LfV Hessen). War ein Kollege von mir.”

Götzl: “Haben Sie mit ihm über den 6. April 2006 gesprochen?”

Temme: “Ich hab F. nach dem 21. April 2006 ein Mal getroffen. Er sagte, ich solle meine Sachen abholen. Das war nach meiner Festnahme. Die Stimmung meiner Kollegen mir gegenüber war nicht besonders positiv. F. sagte, er hätte einen Termin und ist weggefahren.”

Götzl: “Können Sie dafür einen ungefähren zeitlichen Rahmen nennen?”

Temme: “Ich vermute Anfang 2007. War ja klar, dass es etwas ungeschickt wäre, die Dienststelle zu besuchen, wenn die Polizei gegen mich ermittelt.”

Götzl: “Haben Sie mit F. telefonisch über den 6. April gesprochen?”

Temme: “Soweit ich mich erinnere: Nein. Das Verhältnis war nicht mehr freundschaftlich, sondern eher etwas eisig. Es gab aber einen telefonischen Kontakt mit einem Kollegen von F. wegen dem Grillfest am Tattag.

Götzl: “War das jetzt ein Kontakt mit F., oder …”

Temme: “Ich glaube, es war der Herr G.?”

Götzl: “Der Gegenstand des Telefonats war ein Grillfest zu einem Termin der früheren Morde? Auf einem Film von dem Fest waren Sie zu sehen?”

Temme: “Ja.”

Götzl: “Gab es ein Telefonat mit F. nach dem 6. April 2006?”

Temme: “Möglicherweise hat er mich von der Arbeit aus angerufen. Das 1. Fax mit der Suspendierung hatte ich am 24. April 2006 im Briefkasten.”

Götzl: “Haben sie im Telefonat über den 06. April 2006 gesprochen?”

Temme: “Glaube nicht. Habe Wortlaut nicht mitgeschrieben. Das war wohl kurz, das Telefonat.”

Götzl: “Und Telefonate mit anderen Kollegen? Thema: Angaben bei der Polizei?”

Temme: “Nein, nicht dass ich wüsste. Denke nicht.”

Götzl: “Mal darauf angesprochen worden wegen Polizei?”

Temme: “An so eine Frage kann ich mich nicht erinnern. Denke das war jedem klar, dass sie sich rauszuhalten haben.”

Götzl kontert mit einem Vorhalt: “Dem Gericht liegt ein TKÜ-Protokoll vom 29. Mai 2006 vor. Ein Telefonat zwischen Ihnen und dem Herrn F.. Erinnerungen dazu?”

Temme: “Im Moment nicht.”

Götzl zitiert weiter: “Temme teilte mit, dass sein Sohn geboren wurde. Keine Erinnerung?”

Temme: “Kurz davor kam unser Sohn auf die Welt. Weiß nicht genau. Im Moment keine Erinnerung.”

Götzl: “Gar keine Erinnerung zum Inhalt?”

Temme: “Nein, gar keine.”

14:40 Uhr: Richter Götzl ordnet eine Pause für 10 Minuten an. Andreas Temme verlässt den Saal zur Pause. Er geht tief gebeugt, keine Spur mehr von der vermeintlichen Coolness, die er nur eine Stunde vorher noch ausstrahlte.

Um 15:05 führt Götzl die Befragung fort: “Also noch mal zu dem Telefonat vom 29. Mai 2006!”

Temme: “Ich hab in der Pause versucht, das nachzuvollziehen. Wir haben damals zur Geburt unseres Sohnes von den Kollegen eine Karte bekommen. Ich muss oder kann dazu nur sagen: Mein Leben stand völlig auf dem Kopf. Ich war Beschuldigter in einem Mordanschlag, in einer unfassbaren Mordserie. Vieles ist mir nicht mehr gegenwärtig.”

Götzl: “Sagt Ihnen der Name H. etwas?”

Temme: “Ja, vom Verfassungsschutz Hessen, war der Geheimschutzbeauftragte.”

Götzl: “Haben Sie mal mit H. gesprochen?”

Temme: “Habe zu mehreren Gelegenheiten mit H. auch in Wiesbaden gesprochen. Thema war, dass ich es nicht gewesen bin.”

Götzl bestätigt die letzte Aussage mit einem Vorhalt: “Ich bin es nicht gewesen, hatten Sie H. gesagt.”

Temme: “Ja, natürlich. Das hab ich jedem gesagt. Es lässt sich kaum ein Treffen erdenken, an dem ich das völlig ausgeblendet hätte. Ich habe versucht nachzuvollziehen, wann ich mit Vorgesetzten gesprochen habe. Ich kann nicht wiedergeben, mit wem ich was besprochen habe.”

Götzl: “Zu Herrn M? Kennen Sie den?”

Temme: “Ja, Herr G. …”

Götzl: “Ja, ich meinte den Herrn M. …”

(Zur Erklärung: Die vollen Nachnamen von Herrn M. und Herrn G. sind akustisch kaum zu unterscheiden. Deswegen kam es immer wieder zu Nachfragen, wer von den beiden gemeint ist.)

Temme: “Herr M. war mein Abteilungsleiter.”

Götzl: “Was haben Sie mit den beiden besprochen?”

Temme: “Mit G., dass ich es nicht gewesen bin. Und über das Video vom Grillfest. Mit M. auch, da nicht in …”

Götzl: “Einzelheiten der Gespräche?”

Temme: “An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber zum Gespräch mit M. fällt mir was ein. Er hat gesagt: ‘Ich hoffe, dass Du es nicht warst.’ Es steckte dahinter, dass wenn ich es gewesen wäre, kein Kollege mehr mit mir geredet hätte.”

Götzl: “Ja, warum ..?”

Temme: “Wenn ich es gewesen wäre, dann hätte ich von niemandem was zu erwarten gehabt. Also im menschlichen Sinne.”

Götzl: “Weiter ..!”

Temme: “Ich hatte selten den Eindruck, dass die Kollegen dachten, dass ihnen jemand gegenüber sitzt, der 9 Menschen ermordet hat. Bei G. war es anders. Der sagte dann: ‘An dem Tag warst Du auf meiner Gartenparty.’”

Götzl zitiert aus dem TKÜ-Protokoll des Telefonats vom 29. Mai 2006: “F.: ‘Hast Du denn schon von einer Reaktion gehört?’ Temme: ‘Bisher noch nicht, der H. meinte, ein Termin bei Herrn Irrgang ist eher wahrscheinlich, wenn die Polizei zu einem Ergebnis gekommen ist.’ Erinnerungen dazu?”

Temme: “Keine genauen Erinnerungen.”

Götzl: “Erinnerungen zu H.? Vielleicht zum Telefonat?”

Temme: “Hilft mir nicht weiter. Vielleicht nicht an H. …”

Götzl: “Ja gut. Aber die Formulierung, wo H. das mit dem Termin meint, die stammt ja wohl von Ihnen.”

Temme: “Kann mich nicht an Inhalte im Einzelnen erinnern …”

Götzl: “Irrgang? Herr F.? Erinnerung?”

Temme: “Nein? Keine Erinnerung.”

Götzl zitiert weiter aus der TKÜ: “… wie Du das beim Irrgang gemacht hast …”

Temme: “Könnte mir denken wegen meiner dienstlichen Erklärung damals. Nachvollziehen kann ich es nicht.”

Götzl: “Welche Funktion hatte der F.?”

Temme: “Leiter der Außenstelle Kassel.”

Götzl: “Und mit Ihnen?”

Temme: “Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen? Es hat mich niemand darüber informiert. Natürlich hatte F. dieselben Unterlagen zum Staatsschutz wie ich auch. Das ging mich damals aber nichts an.”

Götzl: “Haben Sie sich mit Irrgang getroffen?”

Temme: “Muss zwangsläufig nach dem 29. Mai 2006 gewesen sein.”

Götzl: “Und nochmal: Die Formulierung von F. bezüglich Irrgang?”

Temme: “Vielleicht fühlte er sich übergangen. Ich weiß nicht, was er von mir wollte.”

Götzl: “Worauf bezieht sich F. da?”

Temme: “Kann ich nicht sagen. Vielleicht auf die Dienstliche Erklärung.”

Götzl: “Nochmals der Vorhalt aus der TKÜ: ‘… wie Du das beim Irrgang gemacht hast […] so restriktiv wie bei der Polizei, also Du hast denen alles dargestellt.’ Erinnerung jetzt?”

Temme: “Ich hab bei der Polizei immer wieder alles gesagt.”

Götzl: “Hat es vor dem 29. Mai 2006 ein Gespräch mit Herrn Irrgang gegeben?”

Temme: “Denke eher danach. Kann ich nicht 100%ig sagen.”

Götzl: (jetzt deutlich schärfer) “Jetzt denken Sie mal nach!”

Temme: “Hab ich auch schon versucht. Auch in den letzten Monaten. Das war ja auch Thema in Berlin im Untersuchungsausschuss. Das konnte ich auch da nicht nachvollziehen. Denke, das muss später stattgefunden haben.”

Temme rutscht seit einigen Minuten immer wieder mit seinem Stuhl nach hinten und wieder zurück. Ebenfalls ein neues Verhaltensmuster.

Götzl: “Wie war Ihre E-Mail-Identität im Internetcafe?”

Temme: “wildman70″

Götzl: “Und ‘Jörg Schneeberg’?”

Temme: “Ich hab den Namen wahllos angegeben.”

Götzl: “Und die Adresse dazu in Kassel?”

Temme: “Ja. Bruderstraße.”

Götzl: “Oder Bremer Weg?”

Temme: “Ja …”

Götzl: “Also rein fiktiv?”

Temme: “Rein fiktiv.”

Richter Götzl gibt das Fragerecht an die Bundesanwaltschaft weiter.

Fragerecht bei Bundesanwaltschaft.

StA Schmidt: “Wann waren Sie nach dem 6. April 2006 noch mal auf der Seite ‘ilove.de’?”

Temme: “Kann ich nicht sagen. Wenn, dann muss das zwischen dem 6. und dem 21. April 2006 gewesen sein.”

StA Schmidt: “Gibt es bei ‘ilove.de’ Zeitstempel?”

Temme: “Ich kann Ihren Gedankengang nachvollziehen. Ich weiß es aber nicht.”

Bundesanwalt Diemer hat offenbar immer noch Schwierigkeiten bei der Unterscheidung der Herren G. und M.: “Können Sie mir noch mal erklären, wer jetzt der Herr M. und der Herr G. ist?”

Temme: “Also der Herr M. ist Abteilungsleiter und der Herr G. ist pensioniert Abteilungsleiter.”

Fragerecht bei Nebenklage.

Das Fragerecht wechselt nun zu den Nebenklägern. RA Bliwier beginnt: “Es geht mir um die Zeit nach dem Mord. Genauer die Zeit zwischen dem 7. und dem 10.April 2006. Sie sagten, Informationen über den Mord waren in diesem ‘Extra-Tipp’.”

Temme: “Richtig.”

Bliwier: “Wann sind Sie am Montag zur Dienststelle gefahren?”

Temme: “Kann ich nicht sagen.”

Bliwier: “Gar keine Erinnerung?”

Temme: “Ich kann nur sagen, wie es üblich war. Sonst habe ich keine Anknüpfungspunkte.”

Bliwier: “Aufgrund des Zeitungsartikels hatten Sie ja das Bedürfnis zu erfahren, wann Sie Dienst hatten, nehme ich an.”

Temme: “Keine Erinnerung.”

Bliwier: “Hatten Sie ein Gespräch mit der Frau E.?”

Temme: “Ich weiß das vom letzten Mal hier. An Einzelheiten habe ich keine Erinnerung.”

Bliwier: “Hatten Sie außer aus dem ‘Extra-Tipp’ Informationen aus den Medien?”

Temme: “Weiß nicht mehr …”

Im Saal ist aus allen Richtungen tiefes Seufzen zu vernehmen.

Bliwier: “Sie sagten, dass auf Ihrer Dienststelle die HNA (Anm.:

Hessische/Niedersächsische Allgemeine) ausliegt.”

Temme: “Ja.”

Bliwier: “Und? Reingeschaut in die HNA?”

Temme: “Kann sein. Aber das wäre spekulativ.”

Bliwier: “Ich habe hier einen Aktenvermerk von KOK T.. Demnach hatten Sie ein Gespräch mit der Frau E. mit dem Thema, ob Sie das Opfer kennen würden und ob es einen dienstlichen Bezug mit dem LfV Hessen gäbe. Haben Sie dazu eine Erinnerung?”

Temme: “Nein. Das hatten wir ja schon im Dezember hier.”

Bliwier: “Nach dem Aktenvermerk haben Sie Frau E. gesagt, das Internetcafe nicht zu kennen.”

Temme: “Das war nicht korrekt …”

Bliwier: “Also doch Erinnerungen?”

Wieder wurde Temme ertappt, dass er unwahr aussagte.

Bliwier: “Sie hatten vorher über Ihre Gefühlslage am Wochenende berichtet. Und dann frage ich Sie zum Montag. Wie kann das sein, dass Sie an diesen Tag keine Erinnerungen haben.

Temme: (schwimmt, deutlich in die Enge getrieben) “Keine Erinnerung.”

Bliwier: “Und zu Hintergründen zur Tat? Stichwort: ‘Regionaler Bezug’?”

Temme: “Kann ich nichts Konkretes dazu sagen.”

Bliwier mit einem weiteren Vorhalt: “Und dazu eine Erinnerung? ‘Waffe bei mehreren Taten im Bundesgebiet eingesetzt’.”

Temme: “Keine Erinnerung.”

Bliwier: “Hatten Sie das erfahren?”

Temme: “Kann sein …”

Bliwier: (jetzt mit deutlicher Schärfe) “Wie erfahren?”

Temme: (kaum hörbar) “Nein …”

Bliwier: “Sie konnten das mit der gleichen Waffe also so rekonstruieren?”

Temme: “Ja … Irgendwie …”

Bliwier: (jetzt sehr scharf) “War das eine Schlussfolgerung von Ihnen? Ich frage noch mal. Es geht um die gleiche Waffe, die bei mehreren Taten eingesetzt wurde. Hatten Sie Informationen oder war es eine Schlussfolgerung?”

Temme: “Ich denke, ich hab die Information irgendwie bekommen.”

Bliwier: “Ist es möglich, dass im ‘Extra-Tipp’ bereits was von der Waffe stand?”

Temme: “Keine Erinnerung dazu …”

Bliwier: (noch schärfer) “Also ich kann Sie aufklären. Im ‘Extra-Tipp’ stand nichts von der Waffe.”

Temme: “Wenn es da nicht drin stand, dann konnte ich es …”

Bliwier: “Diesen Vorhalt aus eigener Recherche muss ich jetzt einfach mal so machen.”

Allgemeines Schmunzeln im Saal.

Bliwier: “Die ‘HNA’ hat am Montag nicht über den Mord an Yozgat berichtet. Ich erwarte jetzt endlich eine Konkretisierung Ihrer Informationen. Können Sie das?”

Temme: “Nein.”

Bliwier: “Die erste Information über die Waffe erschien bei ‘Spiegel Online’ am Montag um 16:40 Uhr. Verstehen Sie jetzt, warum ich wissen will, wann Sie am Montag im Amt waren? Verstehen Sie mich? Ich will Ihnen gerne helfen, Herr Temme!”

Gelächter im Saal.

Temme: “Nein.”

Bliwier: (fassungslos) “Wenn Sie am Montag früh im Amt waren und mit Frau E. über die Waffe sprachen, dann können Sie die Information nicht aus den Medien haben.”

Temme: (verzweifelt) “Ich weiß nicht, wann, wo und wie …”

Bliwier: “Falls wir feststellen, dass Sie am Montag mit Frau E. über die Waffe sprachen, dann haben Sie ein Problem. Das verstehen Sie?”

Temme: “Ja.”

Bliwier: “Sie bleiben dabei? Information aus Zeitung oder Internet.”

Temme: (laut, aggressiv) “Oder eben aus Gesprächen. Ich habe nicht gesagt, dass ich es aus der Zeitung oder dem Internet habe, wenn Sie die Dinge hier verdrehen!”

Hier zeigt Temme zum 1. Mal nach zig Stunden Vernehmung Nerven. Er wird laut und gestikuliert.

Bliwier: “Ich verstehe, dass Sie jetzt aufgeregt sind. Deswegen lasse ich diese Unverschämtheit von Ihnen mal beiseite.”

Götzl mischt sich ein: “Das ist das Problem, wenn hier Vorhalte gemacht werden, die nicht korrekt sind.”

Bliwier: “Ich hätte mir gewünscht, dass Sie eher mich unterstützen als Herrn Temme.”

Temme: “Darf ich auch was sagen..?”

Gelächter

Götzl: (genervt, scharf) “Zu was?”

Temme: “Ich hab aus Medien erfahren, was RA Bliwier von sich gibt. Da kann man sich schon mal ereifern.”

Götzl: “Jetzt bleiben Sie mal sachlich! Sie sind hier verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Das hatten wir schon mal erörtert.”

Temme: (kleinlaut) “Ja, das ist mir bewusst …”

Bliwier: “Sie haben doch gerade Internet und Zeitungen ausgeschlossen. Dafür bringen sie jetzt Gespräche mit der Polizei vor. Das ist ein enges Zeitfenster von Sonntag bis Montag. Falls Sie mit Frau E. am Montag über die Waffe gesprochen haben – so steht es jedenfalls in den Akten – dann können Sie ja vorher keine Gespräche mit Ermittlern geführt haben.”

Temme: (wieder laut, aggressiv) “Sie haben mir doch vorgehalten, dass ich am Montag bei der Polizei war!”

Bliwier: (sehr scharf, zunehmend laut) “Ja. Nach dem Gespräch mit Frau E. Sie haben laut Aktenvermerk gesagt, Sie würden das Opfer nicht kennen, wenn wir hier schon bei Befindlichkeiten sind. Sie haben die Unwahrheit gesagt!”

Daraufhin kommt es zu tumultartigen Szenen. Die Zschäpe-Verteidiger RA Stahl und RAin Sturm melden sich gleichzeitig und lautstark zu Wort.

RA Stahl setzt sich durch: “Herr Vorsitzender!. Ich beanstande das. Das ist eine Erklärung von Bliwier!”

Bliwier: (cool, süffisant) “Ja ja, ist ja schon vorbei … Herr Temme, mit welchen Beamten haben Sie vor dem Gespräch mit Frau E. gesprochen ..?

RAin Sturm interveniert sofort: “Ich beanstande …”

Götzl unterbricht und springt Sturm bei: “Ich muss diese Frage beanstanden. Herr Temme hat davon nichts gesagt. Sie, Herr Bliwier haben das mit Ihrer Frage eingeführt.”

Bliwier: (unbeeindruckt) Herr Temme, haben Sie an diesem Montag …”

Wieder interveniert RAin Sturm: “Ich beanstande auch das. RA Bliwier hakt wieder nach, obwohl Herr Temme bereits gesagt hat, dass er dazu keine Erinnerung hat.”

Bliwier: (cool, amüsiert) “Ich finde es schon erstaunlich, dass die Verteidigung genau zu diesem Punkt und nach 75 Prozesstagen mal eine Aktivität entfaltet.”

Lautstarke, verärgerte Zwischenrufe aus den Reihen der Verteidigung.

Bliwier: (unbeeindruckt) “Ich habe das nicht zur Sprache gebracht, sondern der Zeuge hier. Herr Temme, Sie selbst haben gesagt, dass Informationen zur Waffe auch von anderen Personen gekommen sein könnten.”

Temme: “Weiß nicht. Ich hab das so nie gesagt. Denkbar eventuell bei der Polizei, aber das wäre Spekulation.”

Bliwier: “Denkbar? Das müssen Sie mir erklären.”

Temme: “Ich weiß nicht, was ‘denkbar’ ist. Das hilft mir auch nicht weiter. Es kann sein, dass ich beim ‘ZK 10′ (Anm.: Zentrale Kriminalinspektion 10 Hessen. Zuständigkeit für Staatsschutz, Sprengstoffdelikte) verschiedenen Personen begegnet bin und dort was aufgeschnappt habe. Von wem und wann, das weiß ich nicht mehr.”

Bliwier: “Die Information war am Montag um 16:40 Uhr öffentlich.”

Götzl: (laut, scharf) “Herr Rechtsanwalt! Sie haben diesen Vorhalt bereits gemacht und als Ihre eigene Recherche bezeichnet. Das steht nicht fest, nur weil Sie es als Vorhalt verwenden. Dann stellen Sie halt einen Beweisantrag. Jetzt tun Sie doch nicht so, als ob Sie nicht wissen würden, wie das geht. Ich will aber niemanden unterbrechen …”

Gelächter im Saal.

Bliwier: (cool, völlig unbeeindruckt) “Herr Vorsitzender. Dann möchte ich doch gerne, dass Sie mich nicht unterbrechen. Ich weiß nämlich, wie das geht.”

Götzl: (gereizt) “Jetzt machen Sie mir Vorwürfe. Das kann ich gar nicht haben. Deswegen machen wir jetzt 10 Minuten Pause. Punkt!”

Es ist 15:55 Uhr. Die weitere Vernehmung scheint noch interessant zu werden. Offenbar hat sich Richter Götzl während der Pause beraten lassen und hat einen Beruhigungstee getrunken. Die weitere Verhandlung beginnt um 16:07 Uhr ungewöhnlich pünktlich und anders als gedacht.

Götzl: “Also, die Fragen von Herrn RA Bliwier haben schon ihre Berechtigung. Wir müssen das jetzt ruhig und sachlich voranbringen.”

Ungläubiges Staunen überall.

Götzl: (an Temme gerichtet) “Da sollten Sie sich mal anstrengen.”

Bliwier: “War dieser Montag schon mal Thema einer Vernehmung?”

Temme: “Ja.”

Bliwier: “Ich meinte den Montag, den 10. April 2006. Gespräch mit Herrn F, der Frau E. mit den Themen Relevanz für den LfV Hessen und Internetcafe. Erinnerungen dazu?”

Temme: “Nein.”

Bliwier mit einem Vorhalt: “Ich zitiere: ‘Am Montag Nachmittag war ich beim ZK 10 bei Herrn M.’ Erinnerungen?”

Temme: “Ich hab da kein konkretes Bild dazu, keine konkreten Erinnerungen.”

Bliwier jetzt mit einem Vorhalt aus dem TKÜ-Protokoll: “Ich lese Ihnen das einfach mal vor: ‘Finden die denn was?’ ‘Ja was jetzt dabei herauskommen muss, wenn die die Termine und das alles abgleichen, ja.’ Irgendwelche Erinnerungen dazu? Das Gespräch war immerhin 9 Minuten lang.”

Temme: “Nein.”

Bliwier zitiert ungerührt weiter aus dem TKÜ-Protokoll: “Also dann eben weiter: ‘Es geht ja nicht um mich, es geht nicht um alle, es geht um die Kasseler Problematik. Und in der Kassler Problematik sitzt Du ja ein bisschen drin, ne?’ Und? Kommt da was?”

Temme: “Ich kann mit der Äußerung nichts anfangen. Vielleicht ist es was mit Herrn F.?”

Bliwier: “Also ‘Kasseler Problematik” sagt Ihnen nichts?”

Temme: “Nein. Kann alles Mögliche sein. Es kann um die Morde (sic! Plural!) gehen, oder um die Außenstelle, ich weiß es nicht.”

Bliwier: “Und dazu? ‘Und so wie mir der H. erzählt hat […] bei der Hausdurchsuchung hier hast du ja vieles zugegeben und das ist ja jetzt das Problem …’ Erinnerung?”

Temme: “Nein.”

Bliwier: “Also weiter.” ‘Es fehlt eine Minute, hat er mir gesagt. Eine Minute und diese Minute ist das ganze Problem.’ Und?”

Temme: “Ich nehme an, dass H. das kurze Zeitfenster angesprochen hat.”

Bliwier: “Ich kann mich nicht in den Herrn H. von der Kripo versetzen. Es gibt noch mehrere Gespräche mit Herrn F., wo über diesen Sachverhalt gesprochen wird. Erinnerungen?”

Temme: “Wenn ich mich an ein Telefonat nicht erinnere, dann kann ich auch nicht ausschließen, ob es möglicherweise auch andere gab.”

Bliwier: “Tja, das ist eben der Vorteil einer TKÜ. Weil, man kann diese Gespräche anhören. Sie bleiben also dabei? Ich erinnere Sie nochmals ausdrücklich: Unter Wahrheitspflicht! Sie bleiben also wirklich dabei: Keine Erinnerung an Telefonat?”

Temme: “Ja.”

Bliwier: “Scheint so zu sein … Woher wissen Sie eigentlich von der TKÜ?”

Temme: “Vielleicht über Medien, jedenfalls nicht persönlich. Vielleicht auch über Anwalt, als ich mir den genommen hatte.”

Bliwier: “Es gab ja auch ein Telefonat mit Frau P., die froh war, dass Sie sich einen Anwalt genommen haben.”

Temme: “Dazu habe ich keine Information bekommen.”

Bliwier: “Haben Sie denn Ihrem Rechtsanwalt eine Schilderung des Sachverhalts aus ihrer Sicht gegeben?

Temme: “Vermutlich.”

Bliwier: “Vermutlich? Oder wissen Sie es?”

Temme: “Ein Anwalt wird wohl nachfragen, wenn es um Mordverdacht geht. Sonst hab ich keine konkreten Erinnerungen dazu.”

Bliwier: “Was haben Sie mit dem Rechtsanwalt besprochen?”

Temme: “Keine Ahnung. Mein Leben stand damals auf dem Kopf.”

Bliwier: “Keine Erinnerungen..?”

Temme: “Ich weiß, dass ich hingefahren bin. Zum Gespräch habe ich keine Erinnerung.”

Bliwier: “Hat sich denn der Rechtsanwalt Notizen gemacht?”

Temme: “Ich weiß nicht.”

Bliwier: “Und der Name des Anwalts?”

Temme: (an Götzl) “Ist das ein Problem mit dem Innenverhältnis zum Anwalt?”

Götzl: “Nein, die Frage nach dem Namen ist zulässig.”

Temme: “Rechtsanwalt P..”

Bliwier: “Entbinden Sie ihn von der Schweigepflicht?”

Temme: “Ja .., nein .., ich weiß nicht …”

Götzl klärt Temme geduldig über eine Entbindung von der Schweigepflicht auf.

Temme: “Muss ich das jetzt entscheiden? Ich persönlich hab kein Problem, kann ich das auch später ..? Schriftlich vielleicht ..?

Götzl: (jetzt fürsorglich, väterlich) “Geht auch später, auch schriftlich.”

Temme: “Und vielleicht kann ich das mit dem Rechtsanwalt noch besprechen ..? Dass das jetzt geht, war mir nicht bekannt.”

Bliwier: “Haben Sie sich auf Ihre Vernehmung hier als Zeuge konkret vorbereitet?”

Temme: “Ich hab mich natürlich damit beschäftigt. War ja im Untersuchungsausschuss des Bundestages. Ich hab es versucht.”

Die oben stehende Aussage ist extrem verkürzt dargestellt. Temme kommt nach Bliwiers Frage ins schwurbeln, er redet viel Zusammenhangloses.

Bliwier: “Meine Frage war eigentlich konkreter gestellt. Haben Sie Ermittlungsakten vorliegen?”

Temme: “Nein, ich hab keine.”

Bliwier: “Haben Sie irgendeine Ermittlungsakte eingesehen?”

Temme: “Außer der Abschrift vom NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages nichts. Der Rat von meinem Rechtsanwalt war, die Polizei weitermachen zu lassen, damit die Polizei zu ihren Spuren kommt. Ich glaube auch, dass der Anwalt keine Akteneinsicht hatte.”

Bliwier: “Also ich stelle fest: Nur einige Unterlagen Bundestagsuntersuchungsausschuss …”

Temme: (schwurbelt wortreich) “Ja.”

Bliwier: “Hatten Sie zur Vorbereitung hier Kontakte zum VS Hessen?”

Temme: “Nein. Nur wegen der Aussagegenehmigung. Der persönliche Berater wusste nicht mal mehr meine Adresse. Soviel zu meinen Kontakten.”

Bliwier: “Sonst keinen Kontakt?”

Temme: “Nein.”

Bliwier: “Sonst irgendwelche Kontakte? Zum Bundesamt für Verfassungsschutz vielleicht? Ermittlungsbehörden?”

Temme: “Nein.”

Bliwier: “Mit anderen Personen vorbereitet? Zum Beispiel mit Ermittlungsbehörden anderer Art?”

Temme: “Nein. Nur im familiären Bereich. Nicht mit offiziellen Stellen. Nur wegen der Aussagegenehmigung eben Kontakt zum VS, der war aber nicht tiefer gewesen.”

Als nächster Anwalt der Nebenklage ist um 16:30 Uhr RA Kienzle an der Reihe. Der bittet um eine Pause bis 16:45 Uhr. Richter Götzl genehmigt dies.

Andreas Temme ist durch die Fragen von RA Bliwier merklich in die Enge getrieben worden. Sein Verhalten während der Pause ist deutlich nervöser als bei allen anderen Vernehmungen.

Die Pause endet um 16:50 Uhr. RA Kienzle beginnt mit seiner Befragung: “Zu Ihrer Dienstlichen Erklärung vom 9. Mai 2006: Können Sie mir da die näheren Umstände schildern, wie es dazu kam?”

Temme: “Jedenfalls hab ich keine Erinnerungen an Telefonate diesbezüglich.”

Kienzle: “Was haben Sie aus der Presse von Telefonaten in Erinnerung?”

Temme: “So dicht wie möglich an der Wahrheit bleiben.”

Kienzle: “Haben Sie das auch in Verbindung mit dem Verfassungsschutz gesagt?”

Temme: “Keine Erinnerung. Ist aber möglich, dass so ein Satz gefallen ist, was für mich aber keine Bedeutung hatte. Ich wollte nicht so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben, sondern die Wahrheit sagen.”

Kienzle macht einen Vorhalt aus dem TKÜ-Protokoll vom 9. Mai 2006: ‘ … so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben …’ “Erinnerungen dazu?”

Temme: “Nein. Gab noch ein Interview mit KHK W. …”

Kienzle mit einem weiteren Vorhalt: ‘H. stellt fest, Temme wisse was vom Mord …’ “Erinnerungen?”

Temme: “Nein.”

Zschäpe spricht! (beinahe)

Unvermittelt wendet sich Götzl der Hauptangeklagte Beate Zschäpe zu und spricht sie direkt an: “Bauen sie ab, Frau Zschäpe? Da Sie öfters die Augen schließen, muss ich Sie dies fragen.”

Zschäpe erwidert Götzl im direkten Gespräch. Leider ohne Mikrofon, deshalb muss die Öffentlichkeit weiter auf den ersten Satz der Hauptangeklagten im NSU-Prozess warten.

Götzl: (väterlich, beinahe fürsorglich)  “Wir werden heute nicht mehr allzu lange machen.”

Kienzle gibt sich mit der chronischen Gedächtnisschwäche des Andreas Temme nicht zufrieden und hakt – sichtlich unbeeindruckt ob der Sorgen Götzls zu Zschäpes Befindlichkeiten – nach.

Temme: “Wenn H. meint: ‘nah an der Wahrheit’, dann schreibe ich die Wahrheit.”

Kienzle: “Ganz konkret: Woran erinnern Sie sich beim Abfassen der Dienstlichen Erklärung?”

Temme: “Ich habe mich beim Abfassen an die Wahrheit gehalten.”

Kienzle: “Und die Tatrekonstruktion? Der Besuch mit der Polizei im Internetcafe?”

Temme: “Das waren etwa 4 bis 6 Polizisten. Denke es wurde auch ein Video davon gemacht.”

Kienzle: “Denke es wurde ein Video ..?”

Temme: “Ich habe einen Polizisten mit Videokamera gesehen. Ich weiß nicht, was er damit gemacht hat.”

Kienzle: “Und das Interview mit dem Fernsehen?”

Temme: “Konkreter, bitte?”

Kienzle: “Sagen Sie spontan was dazu!”

Temme: “Das Nachrichtenmagazin ist auf uns zu gekommen. Es gab eine gewisse Zeit schriftlichen Kontakt. Wir haben mit dem Nachrichtenmagazin besprochen, was die sich genau vorstellen. Wir hatten bis dahin keine guten Erfahrungen mit den Medien gemacht. Es gab dann Film- und Tonaufnahmen.”

Kienzle: “Das sind dazu Ihre Erinnerungen ..?”

Temme: “Ging über 2 Tage …”

Kienzle: “Von Anfang an. Ab ‘kamen auf uns zu’, bitte.”

Temme: “Meine Familie …”

Kienzle: “Ab ‘schriftlichen Kontakt’ …”

Temme: (laut, aggressiv, empört) “Darf ich? Darf ich fragen, was das hier mit dem Fall zu tun hat?

Kienzle: “Vielleicht wegen der Aussagegenehmigung?”

Temme: “Es ging nur darum, was mit uns passiert ist. Deswegen dazu keine Genehmigung nötig. Im Interview hat es auch eine Frage zur Quelle gegeben, die hier auch schon vernommen wurde. Ich habe dazu aber im Interview nichts gesagt. Ich hab von vornherein klargestellt, dass es keinen dienstlichen Bezug geben wird.”

=============

Link zum Video >> Panorama  Nr.755 vom 05.07.2012 – „Nazi-Mord: Warum ein Verfassungsschützer am Tatort war“ (Minute 07:40 bis 08:15)

Transkript:

OFF: Andreas T. ist kein Nazi. Aber der Zufall will, dass alles mit allem zusammen zu passen scheint. Kurz bevor er sich am Tag des Mordes auf den Weg ins Internetcafé macht, telefoniert er ausgerechnet mit seinem V-Mann aus der Nazi-Szene. Ist das nicht die Verbindung zum Terror-Trio? Oder Zufall?

O-Ton Andreas T.: „Es ist ja so, dass ich über meine dienstlichen Dinge nichts sagen kann, auch wenn mir das sehr helfen würde in meiner Situation. Aber es – ich habe keine Verbindungen nach Thüringen. Es gibt gar nichts, was mich mit dieser Sache verbinden würde.“

=============

Kienzle: “Sehen Sie! Hier erinnern Sie sich sehr gut an die Quelle. Was war der Hintergrund?

Temme: “Ich hab mit KHK W. meine Kalender angeguckt …”

Kienzle: “Sie meinten das ’12-Minuten-Telefonat’ mit der Quelle?

Temme: “Vielleicht. Eben das, wo er sein Geld von mir haben wollte.”

Kienzle: “Wie regelmäßig haben Sie das Internetcafe in Kassel besucht?”

Götzl interveniert scharf: “Das wurde schon gefragt. Und zwar von mir!”

Kienzle: (genervt) “Dann bitte ich um eine kurze Unterbrechung!”

Götzl: (laut, scharf) “Sehen Sie, wir haben Herrn Temme schon vorher vernommen. Bereiten Sie sich bitte besser vor!”

Kienzle: “Herr Vorsitzender: Sie haben Herrn Temme drei Tage befragt und wollen mir jetzt keinen …”

Götzl unterbricht RA Kienzle und beendet den heutigen Verhandlungstag plötzlich, unerwartet und ohne erkennbare Notwendigkeit um 17:10 Uhr. Auch die vorherige Vernehmung am 63. Prozesstag, den 3. Dezember 2013 wurde von Götzl derart abrupt abgebrochen. Ein Verhalten, das der Vorsitzende Richter Götzl bisher ausschließlich bei den Vernehmungen des Ex-Verfassungsschützers und Ex-V-Mann-Führers Andreas Temme gezeigt hat.

Götzl gib Temme zum Abschied noch den Rat, sich über die Entbindung der Schweigepflicht seines Rechtsanwalts Gedanken zu machen.

RA Bliwier findet gerade noch die Zeit anzumerken, dass es sich empfehle, auch Herrn Irrgang, Herrn F. und Frau E. vorzuladen.

Protokoll 39. Verhandlungstag – 25. Sept 2013

Durch vier Zeugen und Sachverständige wurde die Beweisaufnahme im Mordfall Theodoros Boulgarides fortgesetzt. Zum Mord an Halit Yozgat in Kassel wurde lange der Kriminaloberkommissar Ge. befragt, dessen Ermittlungsarbeit und dessen Aussageverhalten vor Gericht vor allem eines verdeutlichen: Die Angehörigen standen als Verdächtige im Fokus, Vermutungen …

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Protokoll 80. Verhandlungstag – 29. Januar 2014

Der Tag begann mit dem behandelnden Arzt von Martin A., der von dessen schweren Kopfverletzungen berichtete. Später sagte erneut der ehemalige Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas Te. Aus. Der Aussage voraus ging ein Antrag aus der Nebenklage, ein Überwachungsprotokoll von einem Telefonat Te.s mit einem Kollegen in den …

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Protokoll 92. Verhandlungstag – 12. März 2014

Heute wurde der ehemalige Direktor des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz Lutz Irrgang vernommen. Es ging um Gespräche zwischen Irrgang und Andreas Te. nach dem 06.04. 2006, an dem Halit Yozgat in seinem Internetcafé ermordet wurde. Zudem ein weiteres Mal der Mitarbeiter Andreas Te des Landesamtes …

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Protokoll 106. Verhandlungstag – 15. April 2014

Nach der erneuten Vernehmung des hessischen Ex-Verfassungsschützers Andreas Te. wurde er entlassen. Zuvor hatte ihn İsmail Yozgat, der Vater des ermordeten Halit Yozgat, persönlich befragt und deutlich gemacht, dass er ihm seine Aussagen nicht glaubt. In der Tat blieben auch bei der heutigen Befragung die …

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Protokoll 64. Verhandlungstag – 4. Dezember 2013

Nachdem am Vortag die Vernehmung des ehemaligen VS-Mitarbeiters Andreas Te. [Protokoll folgt, vgl. auch 41. Verhandlungstag] fortgesetzt und wieder unterbrochen wurde, wurde an diesem Tag seine damalige Quelle aus der rechten Szene angehört. Benjamin Gä. konnte oder wollte sich an viele Dinge nicht erinnern und …

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Quelle: Stern, MDR, Friedensblick, Jürgen Pohl, NSU-Watch, Freitag, Welt, Spiegel, ARD, ZDF, Panorama, YouTube, Zeit, Bundestag, BKA, LKA Hessen, GBA

ein Kommentar

  1. imeinzelnen · · Antwort

    Einige Angaben zu den einzelnen Zeitpunkten variieren je nach Quelle, es gibt scheinbare und tatsächliche Widersprüche :

    Andreas T soll um 16:23 die Aussenstelle verlassen haben, jedoch erst um 16:50 im Internetcafe eingeloggt haben. Dazwischen liegt eine knappe halbe Stunde, deutlich mehr als T benötigt um mit dem Auto die paar Kilometer( weniger als drei ) bis zum Cafee zurückzulegen. Was hat T in dieser Zeit gemacht ?

    16 Uhr, 50 Minuten, 56 Sekunden :
    Entgegen den Angaben des Spiegel konnte T aufgrund der verwinkelten Architektur von seinem Platz aus nicht den Eingangsbereich sehen.

    Zu den Angaben von Ahemed A-T :
    Der Zeuge Ahmed A-T hat ausgesagt das T den Pc-Raum verlassen hatte bevor das Geräusch zu hören war. Dazu passt, das sich A-T und ein weiterer Zeuge ( laut A-T ) angesehen haben als sie das Geräusch hörten, hätte sich T zu dem Zeitpunkt noch im gleichen Raum aufgehalten sollte das A-T in Erinnerung geblieben sein, was nicht der Fall ist :
    “ Zu A.-T.s Reaktion stehe da, so Götzl, dass er nur dumpfe Geräusch gehört und aufgeschreckt sei, dann habe er nur den Kleinen angeguckt, der sei auch erschrocken. Das bestätigt A.-T. „[1]

    Zu den Angaben aus Die Zeit, 05.07.12, Nr. 28, Seite 6 :
    Laut dem Protokoll von Jürgen Pohl zum 41. Prozesstag parkte T direkt vor dem Cafe ( Götzl: (Genervt) “Wo stand ihr Auto genau?” Temme: “Direkt vor der Tür.” ), was sich auch mit der Videorekonstruktion deckt, die nach T’s Angaben erstellt wurde. Daher ist es nicht möglich das der Mord von T unbemerkt verübt werden konnte während dieser sich ( nach eigenen Angaben ) kurz auf der Strasse umgesehen hat. Das sind nur ein paar Sekunden, in der Zeit kann niemand das Cafe betreten, gemordet und das Cafe wieder verlasen haben.
    ( dies hat nichts mit dem 40sec-Zeitfenster zu tun )

    Kurz vor 17.01, 2 Sekunden :
    Dieser Zeitpunkt wird mit der letzten PIN-Eingabe des Zeugen Sh in Verbindung gebracht( und damit mit dem Ende des vorletzten Gesprächs, das letzte endet um 17:03:26 ), die anderen Zuordnungen treffen nicht zu. Als Tatzeitpunkt wird dann 17:01:25 angenommen :
    “ …2008 kommt die dann zuständige Sonderkommission zu folgender Schlussfolgerung: „Halit Yozgat wurde ziemlich genau um 17:01:25 erschossen. Zu dieser Zeit saß T. am PC Nr. 2 und surfte im Internet…“ „[2]
    Sh scheint aber keine genauen Angaben dazu gemacht zu haben, es muss sich dabei wohl um eine Spekulation seitens der Ermittler basierend auf dessen Angaben handeln, denn vor Gericht hiess es dann :
    “ Sh. habe gesagt, die Knallgeräusche seien am Anfang des Telefonierens gewesen, aber konkret habe er das nicht sagen können, es könne auch in der Mitte des Gesprächs gewesen sein „[3]
    Ausgehend von 17:01:25 als Tatzeitpunkt hätte T sich demnach 15sec nachdem Yozgat erschossen wurde an dem Pc ausgeloggt, was aber nicht zu den Angaben passen würde die der Zeuge A-T gemacht hat.

    ( Zu den Angaben von welt und Spiegel von 2006 zu der dunkelhaarigen Person sollte man wissen wie die zustande gekommen sind, wie genau die sind. Die Artikel enthalten ja auch noch kriminalisierende Angaben zu den Ermordeten…
    Zu der Spekulation auf Friedensblick, es könne sich bei Sh um einen V-Mann von T handeln, man sieht ja wie das bei Benjamin G läuft, den haben sie ja an die Leine genommen. Ich denke Sh hätte dann Angaben gemacht die für T weniger problematisch wären. )

    40 Sekunden später um 17 Uhr, 1 Minute, 40 Sekunden :
    Es ist nicht bekannt bis wann genau T gechattet also geschrieben hat, auch wird der Zeitpunkt bis zu dem T an der Kontaktbörse eingeloggt war mit dem offline-gehen gleichgesetzt.
    Bisher unbeachtet blieb die Möglichkeit das T von Yozgat, also vom Tresen aus, ausgeloggt worden sein kann.
    Der erste Schuss soll Yozgat in die rechte Schläfe getroffen haben.
    In welche Richtung hat Yozgat gesehen als er erschossen wurde ? Nach vorne, dann müsste der Schütze aber direkt vor der Kabine in der sich der Zeuge Sh aufhielt gestanden haben ? Oder nach links, zum Monitor, das würde dazu passen das Yozgat einen Pc freigeschaltet oder eine Verbindung unterbrochen hat.

    17 Uhr, 2 Minuten, 45 Sekunden :
    Dieses 40sec-Zeitfenster, das es möglich machen soll das T nichts von dem Mord mitbekommen hat, beginnt damit das T in seinen Wagen einsteigt, der direkt vor dem Cafe geparkt war. Yozgat kann da noch nicht unmittelbar in der Nähe von T/dem Cafe gewesen sein, sonst hätte T ihn bemerken müssen. Andersrum müsste Yozgat aber T gesehen haben, und dann beschlossen haben den nicht zu stören. Dann müsste der Mörder unmittelbar nach Yozgat oder mit diesem zusammen das Cafe betreten haben um ihn hinzurichten sobald der seinen Platz eingenommen hat. Dagegen spricht das keiner der Zeugen sich an zeitnahe Tür-Geräusche erinnern kann, nicht mal Sh, der in der Kabine stand, hat irgendwas davon mitbekommen, auch nicht davon das Yozgat jemanden angesprochen hat oder selbst angesprochen wurde.

    17 Uhr, 3 Minuten, 26 Sekunden :
    Das ist der Zeitpunkt zu dem Sh sein Gespräch beendet, damit endet auch das Zeitfenster, die Mörder müssen also das Cafe schon verlassen haben. Der Vater der seinen sterbenden Sohn findet kommt ein paar Minuten später rein.

    Zur Geldmünze :
    Es lag Wechselgeld auf einem Teller, als Ismail Yozgat den Tisch zur Seite geschoben hat um zu seinem Sohn zu kommen wird wohl was verrutscht sein.

    17 Uhr, 20 Minuten :
    In einigen Artikeln wird Benjamin G als Anrufer statt der Islamismus-V-Person genannt.

    Dagegen das T erwartet hat das in dem Cafe ein Mord verübt wird während er selbst zugegen ist, und natürlich auch dagegen das er selbst der Mörder war, spricht das er sich in den Nebenraum gesetzt hat, in dem sich zwei Zeugen aufhielten. Das hätte der sich dann sparen können.

    [1] http://www.nsu-watch.info/2014/01/protokoll-76-verhandlungstag-21-januar-2014/
    [2] http://www.mdr.de/fakt/fakt_yozgat_mord_heubrock100.html
    [3] http://www.nsu-watch.info/2014/04/protokoll-104-verhandlungstag-9-april-2014/

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