StN|Der Gandhi von Rudolstadt – Tino Brandt


Franz Feyder
München – Wenn sich Tino Brandt an etwas erinnert, dann an seinen Weg der Gewaltlosigkeit. Über den gerät der korpulente, stiernackige Neonazi mit der Brille fast ins Schwärmen: „Wenn wir etwas verändern wollten, dann politisch und nicht mit Gewalt“, säuselt er. Und: „Gewaltdiskussionen gab es bei uns nicht.“ Uns – das ist der „Thüringer Heimatschutz“ (THS). Ein Netzwerk von 170 Rechtsextremen, eine Straßentruppe im Stil der SA, irgendwann 1994 von Tino Brandt gegründet. Aus dem THS, sind Ermittler überzeugt, ist der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) entstanden, der zehn Menschen ermordet haben soll.

Wenn Brandt vor dem Münchner Oberlandesgericht von seiner THS-Gruppe erzählt, dann entsteht der Eindruck, als sei da ein Knabenchor unterwegs gewesen: Mittwochs Stammtisch im heimatlichen Rudolstadt. Bier wird getrunken, Skat gekloppt und in rauchgeschwängerten Kneipen werden Billardkugeln versenkt. Politische Diskussionen sind tabu bei den Treffen. Am Wochenende verteilen die kahl geschorenen Männer Brandts in Bomberjacke und Springerstiefeln Flugblätter, auf denen sie ihre Sicht der Missstände in Deutschland anprangern: fehlende Meinungsfreiheit, Überfremdung, soziale Ungerechtigkeit. „Und Aufkleber haben wir auf Laternenpfähle geklebt“, beichtet Brandt – um ganz gönnerhaft mit den Richtern vor ihm zu werden: „Na ja, das ist Sachbeschädigung, ich weiß – unsere einzige Straftat“. Alles klingt, als beschreite Brandt den Weg des gewaltlosen Widerstandes gegen ein Unrechtssystem. So wie es der Inder Mahatma Gandhi getan hat. Brandt lehnt sich zurück, lächelt und schaut nach links.

Dort reißt Beate Zschäpe die Augen auf. Schüttelt mit den Kopf. Versteinert ihre Miene. Sie flüstert ihrem Verteidiger Wolfgang Heer etwas zu. Energisch. Es ist eine der wenigen Momente, in denen die 39-Jährige Gefühle zeigt. Zumindest in den 128. Tagen, die sie bislang als Hauptangeklagte vor dem Münchener Gericht erschien. In dem Verfahren wollen die Richter herausfinden, ob und wie Zschäpe an den Morden beteiligt war. Sie ist die einzige Überlebende des Trios, dem die Staatsanwälte die Bluttaten zur Last legen. Am Mittwoch hatte Zschäpe gesagt, sie habe kein Vertrauen mehr zu ihren drei Pflichtverteidigern Heer, Stahl und Stumm. Offenbar auch, weil die Angeklagte nicht länger schweigen will, wenn Leute aussagen wie Tino Brandt.

Auch auf dessen Aussagen stützen die Ermittler ihre Anklage. Brandt, der aktuell in Untersuchungshaft sitzt, weil er als Zuhälter Kinder und Jugendlich zur Prostitution gezwungen haben soll. Ein V-Mann, der vom Januar 1995 bis zum Mai 2000 und vom Juni 2000 bis Januar 2001 unter den Bezeichnungen VM 2045 und VM 2150 mit den Decknamen „Otto“ und „Oskar“ die rechtsextreme Szene für das Thüringische Landesamt für Verfassungsschutz ausspitzelte. 140 000 Euro soll er für seine Dienste erhalten haben.

Und: Während Brandt für die Inlandsgeheimen Rechtsextreme ausspähte, beteiligt er sich an einer Vielzahl verfassungsfeindlicher Aktionen. 35 Ermittlungsverfahren gegen den V-Mann listet das thüringische Innenministerium aus dieser Zeit auf: Volksverhetzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Betrug und Bildung krimineller Vereinigungen. Er soll Ausschreitungen angezettelt haben. Die meisten Verfahren wurden auf wundersame eingestellt. Achtmal wurde Brandt angeklagt. Achtmal wurde Brandt freigesprochen.

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