Hajo Funke| Auf dem Weg in größere Kriege? Krisenmanagement im September?


Wir brauchen eine Denkpause“ (Michael Stürmer in Die Welt Ende August 2014)

Auf dem Weg in größere Kriege? Krisenmanagement im September?

Von der Magie des Friedens zur Paranoia: Putin gleich Hitler gleich Stalin. Iran gefährlicher als IS. What s next?

Die Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs wäre grob fahrlässig, ja falsch, enthielte sie nicht dem Blick auf die nationalistische „Eiferei“ (Steinmeier), durch die die Nationen sich in den Weltkrieg getrieben haben.

Selten ist so viel an Eiferei zu lesen gewesen wie in den letzten Wochen. Allen Ernstes spricht die eher als klug gehandelte Hillary Clinton von Putin als Hitler und einer der leitenden ARD-Redakteure teilt mir im Smalltalk auf den Treppen des ARD-Hauptstadtstudios mit, Putin sei auf dem Weg zu einem neuen Stalin. Wir kennen das aus mentalen Eskalationen zuvor, damals, als Helmut Kohl 1986 etwa von dem Reformer der Sowjetunion Michael Gorbatschow als neuem Goebbels sprach oder wenn in Bezug auf den Iran, der sich um Mäßigung bemüht, Henry Kissinger vom Iran als der größeren Gefahr als ISIS spricht, weil es mächtiger sei.

Im Zweifel wird das Dominanzstreben militärisch zu sichern versucht – und damit der Weg der Militarisierung vorgezeichnet.

  1. Rußland und selbstgerechte konservative Eliten in WashingtonBei unserem Hauptverbündeten, den Vereinigten Staaten finden sich wenige, die Russland – nicht nur Putin – perspektivisch eine kooperative Haltung zubilligt. Man richtet sich zusehends in mehr oder weniger absoluten Feindschaften ein, lässt zu, dass Differenzierung als Putinversteherei missdeutet wird und will das Versprechen Helmut Kohls, Bush Seniors und des damaligen Außenministers James Baker gleich ganz schleifen und die NATO Osterweiterung bis an die Grenzen des heutigen Russlands treiben. Und dies geschieht nicht etwa seit der gegenwärtigen Eskalation beider Seiten: also Putins und des Westens in der Ukraine, sondern schon zu Zeiten, als man problemlos das neue Russland nach dem Ende des kalten Kriegs zu demütigen verstand und zum endgültigen Sieg im Ende der Geschichte ausholte.

Die Nach-Kalte-Kriegsgeschichte des Westens gegenüber Russland bestand in kontinuierlicher Demütigung und eines Nicht-Ernst-nehmen’s auch und gerade, seit Vladimir Putin die politischen Geschicke Russlands wesentlich bestimmt.

In der Sicht Russlands war schon der Kosovo-Krieg 1999 hochproblematisch, unter anderem, weil er insbesondere von der damaligen amerikanischen Führung vorschnell provoziert worden war. Das Holbrooke-Milosevic-Abkommen vom Oktober 1998 zur Einfrierung des Konflikts im Kosovo unter anderem durch mehrere 1000 Beobachter in dem kleinen Kosovo Gebiet ist weder von den Vereinigten Staaten noch von ihren Bündnispartnern, die sich dazu verpflichtet hatten, zeitgerecht umgesetzt worden. Die Konferenz von Rambouillet Anfang 1999 war nichts als ein Diktat, dem niemand weder die Serben noch die Russen als ihre Unterstützer hätten zustimmen können, da im Beiwerk des Vertragsentwurfs völlige Bewegungsfreiheit von NATO-Truppen über den gesamten Raum der Bundesrepublik Jugoslawien zugebilligt worden wäre. 1999 wollte man den Krieg, den man durch eine entsprechende Entscheidung der US-Amerikaner 4 Jahre zuvor auf Kosten des Genozids in Srebrenica. (Vgl. unsere Stellungnahme vom 9. 8. auf der website) Beide Male war Madeleine Albright daran beteiligt.

Zwischen Rußlandverachtung und Rußlandparanoia: Ohne Perspektiven eines nüchternen Interessenausgleichs

Der auf einer Irreführung der internationalen Öffentlichkeit basierende Angriffskrieg im Irak war nicht nur für die NATO-Mitglieder, die nicht mitmachten, sondern auch für Russland eine Demütigung. Die 2004er NATO Osterweiterung, ebenfalls von Bush Junior durchgesetzt ebenfalls. Die Warnung Putins vor einer weiteren NATO-Osterweiterung bei der Münchener Sicherheitskonferenz wurde als Brüskierung abgewehrt – und schlicht in einem Muster an Selbstgefälligkeit abgewehrt und geleugnet. Schließlich wurde der junge georgische Präsident geradezu angestachelt, Russland zu provozieren. Dies trug zum Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 bei. Erst die Erweiterung der NATO um Rumänien und Ukraine auf der NATO-Tagung in Bukarest wurde von Steinmeier und Merkel blockiert. Aber alles in allem gab es keine Kooperation auf gleicher Augenhöhe – weder ökonomisch noch politisch noch erst recht militärisch. Die USA interessierte Russland nach September 2001 nicht. Russland verschwand vom amerikanischen Radarschirm und bekam seine geopolitische Deklassierung über die Tagesnachrichten serviert. (Stefan Kornelius in der SZ vom 5. 9. 2014) Aber als Putin 2007 etwas anderes wollte – so auf der Sicherheitskonferenz in München 2007 – wurde er (erneut) negativ beschieden. Es ging offenkundig um US- und NATO-Dominanz.

Heute wird, statt nüchtern zu analysieren und Putin bzw. die Interessen Russlands richtig zu verstehen, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und gewissermaßen in Jahrhundertkategorien Putin als des Teufels dramatisiert. Die Zeit: Putin leide unter Einkreisungsfantasien. Ein ARD-Redakteur im Vorbeigehen: Putin auf dem Weg zu Stalin. Hillary Clinton Putin gleich Hitler. Und dann noch Gauck ausgerechnet auf der Westerplatte in starrem Blick nach Osten: „Wie irrig der Glaube, die Wahrung von Stabilität und Frieden habe endgültig Vorrang gewonnen gegenüber Machtstreben.« Naiv? Wer hat das je geglaubt? PutinHitlerStalinTotalitarismus – gewissermaßen in einem Wort.

Dabei war von Putin und der Politik Russlands immer wieder der EU signalisiert worden, dass die Ukraine mehr noch als andere Staaten im Vorhof der früheren Sowjetunion nicht „Feindesland“ werden sollte. Etwas, das von den klügeren Politikern noch vor einem Jahrzehnt problemlos akzeptiert worden ist. Es gibt so etwas wie einen Vorhof von Einfluss- und Neutralitätszonen. Wir wissen das von der Auseinandersetzung der Vereinigten Staaten mit Kuba oder auch Venezuela bis heute. Seit einigen Jahren hat man das nicht mehr bedacht und schlicht nicht berücksichtigt oder schlimmer zu ignorieren riskiert.

Die westliche asymmetrische Eskalation

Mehr noch: es gibt starke Indizien dafür, auch von Washingtoner Geo-Strategen, die Ukraine auf dem eurasischen Schachbrett zu sehen und auf seine Seite zu zerren. Jakob Augstein hat im Spiegel 37/2014 daran erinnert: die USA haben seit 1991 mehr als 5 Milliarden Dollar investiert, damit das Land die Zukunft erhalte, die es verdient. Die Zahl hat Victoria Nuland, ähnlich denkend wie Robert Kagan und im State Department für Europa und Eurasien zuständig, ausgeplaudert; berühmt wurde sie durch abfälliges Gerede über die EU, womit sie meinte, Europa bekomme in der Ukraine ja doch nichts hin (vgl ebd) (oder besser: das nicht hin, was Teil der konservativen amerikanischen außenpolitischen Elite will). Dieser Teil der außenpolitische Elite hat ebenfalls hingenommen, dass die Timoschenkos und Jazenjuks über lange zwei Jahre ein Bündnis mit gewaltbereiten Rechtsextremisten gepflegt haben, deren Forschungszentrum nach Joseph Goebbels benannt worden ist. Das sei dazu da, so ein Kundiger, dass die Ukraine zum Westen gebracht werden kann. D.h. es gab die Geostrategische Option: Ukraine in den Westen, wie sie nicht nur Nuland, sondern auch der bisherige Kommissionspräsident Barroso in unüberbietbarer Einfachheit und Arroganz gefordert hat: Rußland oder wir – ein Grund der Eskalation um Janukovic, an dem er scheiterte, den de facto Putsch ermöglichte und die daraus resultierende Eskalation.

Diese Eskalation vom Westen aus hat zunächst in einer Leugnung der Interessen Russlands bestanden, die Ukraine als Puffer oder als neutralen Brückenschlag zu begreifen und nicht in NATO und EU gezerrt zu sehen. Die Eskalationsstrategie war begleitet von Aktivitäten der Neokonservativen und verschiedener Denkfabriken in geopolitischen Denkmustern, möglichst viel vom eurasischen Schachbrett zu bestimmen. So sehr der Maidan für mehr Demokratie und gegen Korruption eingetreten war, so sehr war er ab einem bestimmten Zeitpunkt von Rechts-Nationalisten, die von innen und außen Unterstützung erfuhren, praktisch und auch von der Gewaltstruktur unterwandert. Die Indizien sprechen dafür, dass der furchtbare Tag der 100 Toten nicht von der ukrainischen Regierung ausgegangen war, sondern die Quer-und Sniperschüsse u. a. aus einem von Maidan-Leuten besetzten Hochhaus gekommen sind. In einem Gespräch, das abgehört worden ist, soll dies indirekt einer der baltischen Außenminister im Gespräch mit der EU-Außenbeauftragten kundgetan haben.

Interessenausgleich durch weitreichenden Kompromiß?

Nach dem bisherigen Indizien versucht Putin – mit seinen unakzeptablen brutalen Mitteln – zu verteidigen, was der russische Politik seit dem Ende des kalten Kriegs versprochen worden ist, eine NATO Osterweiterung ebenso zu verhindern wie eine Ausweitung der EU – gerade im zweitwichtigsten postsowjetischen Land (vergleiche Stephan Meister in DGAP/ 8. September 2014), mindestens aber eine neutrale Rolle der Ukraine zu verteidigen. Als die russische Politik diese Position durch die Flucht von Janukovic dramatisch in Gefahr sah, hat er, so Stephan Meister, auf seine Weise den Druck vor allem auf die Ostukraine erhöht. In dieser Logik ging es ihm nicht um einen Durchmarsch, erst recht nicht um die absolut spekulative Idee, die baltischen Länder anzugreifen oder mehr. Bisher jedenfalls handelt es sich um einen mit hohen Verlusten bestrittenen, in Mitteln und Zielen aber begrenzten Konflikt.

Wenn dem so ist, lohnt eine Doppelstrategie einerseits der Eindämmung weiterer Konflikteskalation und militärischer Raumgewinne durch direkte oder indirekte Interventionen Rußlands – hier haben zielführende Sanktionen und auch die potentielle Ausdehnung auf den Bank- und Finanzsektor u. U. ihre Funktion – und andererseits einer Lösung des Kernproblems durch einen Interessenausgleich mit den Mächtigen im Westen: durch die Rückkehr und die Stärkung eines festen Formats, in dem mit Russland über harte Sicherheit geredet werden kann. Das hätte der NATO-Russland-Rat sein können, der von der NATO Mitgliedsstaaten nie ernsthaft entwickelt wurde (Stephan Meister ebenda). Hier könnte über russische und auch ukrainische Sicherheitsinteressen gesprochen werden. Dazu gehört die vertragliche Zusicherung der jeweiligen Anerkennung der Grenzen; die Anerkennung der ethnischen Minderheiten; eine relative Autonomie in einem föderalen System. Verfassungsreform, föderale Strukturen, Eindämmung des wilden Rechtsextremismus in der Nationalgarde und ein Abbruch der de facto Kooperation mit rechtsextremen Neonazis, ein Konzept der Anerkennung ethnischer Vielfalt, der relativen Autonomie der Ostukraine und ein Marshallplan von West und Ost für die Ukraine. Nichts davon, obwohl großenteils verabredet, wird angemessen und vor allem glaubwürdig umgesetzt.

So sehr Putins Russland – Sanktionen eingeschlossen – Grenzen gezeigt werden müssen, so sehr ist es Ausdruck verantwortlicher Politik, mit Russland zu Gunsten einer Eindämmung der sich ausbreitenden großen Kriegskrisen zu kooperieren und eine Sicherheitspartnerschaft anzustreben, wie dies Volker Rühe ebenso wie Helmut Schmidt und Egon Bahr vorschlagen.

Die Lakonie des Michael Stürmer und seine Warnung vor dem großen Krieg

In seinem Beitrag vom 27. 8. 2014 Sanktionen? Es ist Zeit für eine Denkpause! sieht Michael Stürmer „die Gefahr der Eskalation hin zu einem umfassenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine“ wachsen und empfiehlt, „sich auf die Lehren des Kalten Krieges zu besinnen.“ Zugleich zeigten sich die Umrisse einer weltpolitischen Ost-West-Auseinandersetzung mit großem Eskalationspotenzial. Berechenbarkeit sei ein „hohes Gut in der Diplomatie, am meisten aber, wenn die Zeiten, so wie jetzt, mit Krisen und Kriegen schwanger gehen.

Doch es fehle „auf allen Seiten an Berechenbarkeit und an Vertrauen, aber auch an der Bereitschaft zur Demilitarisierung der Grenze wie an dem Willen, dem Kontrahenten eine Gesichtswahrung zu gönnen. Daher ist die Gefahr der Eskalation hin zu einem umfassenden Krieg immer größer.“. Die EU merke, dass Sanktionen ohne Ziel und Ende ein zweischneidiges Instrument und zum klugen Krisenmanagement untauglich sind.

Die USA spielten aus der Ferne ein gewagtes geopolitisches Spiel. Vernünftiges Interessenkalkül müsste die Streitenden überzeugen, einen Konflikt zu zähmen, der bisher nichts als Verluste eingebracht hat. Gibt es Erfahrungen des Kalten Krieges, aus denen zu lernen ist? Unlösbare Konflikte kann man einfrieren, lösbare lösen. Militärisches Disengagement hat sich bewährt, speziell unter scharfen Kontrollen nationaler und internationaler Art. Die Helsinki-Konferenz von 1975 birgt die Weisheit des Kompromisses. Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen bringen Berechenbarkeit zurück. Was die Sanktionen betrifft – die hüben und die drüben –, ist es Zeit für eine Denkpause.

  1. IS“ – Auch ein Resultat US-amerikanischer Arroganz im Irak seit 2002

Auch mehr als einen Monat nach den Luftangriffen der Vereinigten Staaten auf IS-Stellungen in Nordirak wütet ihr Flächenbrand in der Region und greift die Nachbarländer ebenso an wie die Zentrale in Bagdad. Es gibt bisher nicht die gewünschte Koalition gegen ein Terror, der von einem Teil derjenigen, die in dieser Koalition dabei sein sollen, eben noch unterstützt worden ist – so in Doha/Katar. Jahrelang dominierte eine nahezu all- undgegenseitige Gewaltstrategie der Spannungen – mit innerhalb der letzten Dekade weit über einer Million kriegs- und gewaltbedingter Tote – vor allem im Irak und in Syrien.

Jahrelang hat man ein Vakuum entstehen lassen, obwohl man davon wusste, vielleicht nicht der Koordinator aller Geheimdienste – in Deutschland, Klaus-Dieter Fritsche, wie er immerhin am 7. September in der Welt am Sonntag eingestand: „Die besondere Rolle, die der IS mittlerweile in Nordirak und in Syrien spielt, war nicht prognostizierbar“. Was für eine Ignoranz an der operativen Spitze des Bundeskanzleramts! Er hätte einmal in die wissenschaftliche Literatur schauen können: in die vorzüglichen SWP-Berichte, seit mindestens zwei Jahren, in die ICG-Papiere oder in die Forschungsberichte US-amerikanischen Think-Tanks. Die gewaltradikalen Islamisten nicht nur der jetzigen ISIS waren von Teilen der Türkei, der Golfstaaten und Saudi-Arabiens mehr oder weniger direkt unterstützt worden – zunächst noch mit der irrigen Annahme, so dem ebenfalls brutalen Assad-Regime beizukommen. Zu spät hatten sie gesehen, dass sie die Falschen unterstützten; vielleicht in der Logik des der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund. Statt moderate Kräfte in Syrien, auf die es angekommen wäre. Wenn man nicht von vornherein hätte vermeiden sollen, dass die Zündfunken des Protests angesichts der Machtlage nicht in Gewalt umschlagen.

Bisher ist keine schnelle militärische und vor allem politische Eindämmung dieser denkbar größten Katastrophe in Sicht. Assad zu Waffenstillstand und zu Übergangsregierung für ein menschenrechtlich freundlicheres Regime zu bringen, ist ohne Russland und Iran kaum denkbar und auch nicht ohne das Niederringen von IS.

Der syrische Bürgerkrieg zeigt das Ausmaß der gegenseitigen Verstrickung der Konflikt- und kriegerischen Zonen im Nahen und mittleren Osten wie im Osten Europas. Und dies – wie die anderen Konflikte – umso mehr, je länger er andauert.

  1. Iran und ein sich schließendes Fenster der Mäßigung und Entspannung ?

Khamenei mag, so absurd es klingt, trotz der ersten Erfolge einer Politik der außenpolitischen Mäßigung durch Rohani offenkundig nicht zu sehr in die Kooperation mit dem ehemaligen Todfeind einsteigen – das könnte ein auf die Feindschaft mit den Vereinigten Staaten abonniertes iranische Regime und seine Ideologie womöglich schwächen, obwohl gerade eine vernünftige Kooperation die Lage im Iran sozial, ökonomisch und politisch stärkt. Hat der nach wie vor einflussreichste Hardliner im Iran sogar Sorge vor einem Atomkompromiss unterhalb der magischen Zahl von 190.000 Zentrifugen zur Anreicherung (vgl. meinen Beitrag vom 9. 8. auf der website), um so einen Atomkompromiss noch zu verhindern – zusammen mit jenen Hardlinern in den Vereinigten Staaten, die sich fest auf ihre Feindschaft mit dem islamischen Iran eingerichtet haben und die sich gern von der rechtsgerichteten israelischen Regierung unterstützen lassen?

Offenkundig brauchen sich die Hardliner, um auch diesen Weltkonflikt am Kochen zu halten. Aber funktioniert eine Logik gegenseitiger Abschreckung wie wir sie aus dem Kalten Krieg kennen, asymmetrisch? Das heißt, wenn der eine die Atomwaffen hat und der andere sie nicht bekommen soll und deswegen präventiv-vorsorglich militärisch daran gehindert wird, aber der andere „asymmetrisch“, durch Guerilla oder den Einsatz seiner Verbündeten, reagiert und Israel militärisch entkleidet? Natürlich nicht, weil wir es hier nicht mehr mit der Logik der Abschreckung zu tun haben, sondern mit dem Wissen um die atomare Eskalation im Fall eines militärischen Schlagabtauschs. Hochrangige Geheimdienstler in Israel warnen auch deswegen die gegenwärtige israelische Regierung.

Die Unterstützung der moderateren Kräfte im Iran um Rohani wird unter diesen Bedingungen innen wie außen abnehmen; die Chancen eines Kompromisses mit einem mäßigenden Präsidenten werden verspielt. Auch dieser Versuch zu einem Krisenmanagement ist in Gefahr und damit eine ein wenig komplexere und differenziertere Politik des Iranischen Präsidenten, der auch in Sachen Irak nicht mehr nur auf Maliki gesetzt hat, sondern sich dafür einsetzt (ähnlich dem Großayatollah Sistani im Südirak), eine mehr inklusive Regierung im Kompromiss mit moderateren Sunniten mit Überzeugungskraft anzustreben.

  1. Israels Militärfixierung, die Stagnation im Nahostkonflikt und das magische Warten auf den großen Befreiungsschlag – Ein Rückfall in die Zeit vor dem Mord an Itzhak Rabin

Der von der israelischen Regierung drastisch abgelehnte Versuch zu einem Atomkompromiss offenbart ihren Wunsch, dies durch einen Angriff auf die Atomanlagen aus der Welt zu schaffen, obwohl sie wissen könnten, dass dies selbstmörderisch ist, weil dann die Verbündeten des Iran mit der Macht ihrer Mittelstrecken-Raketen reagieren, die militärische Infrastruktur Israels in bisher nicht gekannten Ausmaß ausschalten wollen und so eine Weltkriegsgefahr heraufbeschwören, deren Details ich mir nicht ausmalen will.

Auch die Politik der Demütigung der Palästinenser auf der Westbank und in regelmäßigen Quasikriegen in Gaza ist ohne Perspektive und geeignet, zu Eskalationen zu führen, deren Ausmaß wir gegenwärtig gar nicht übersehen können und die wie Micha Brumlik Kerry zitierend schreibt, geradewegs in einen Apartheidsstaat führt.

Selbst liberale Zionisten wie Leon Wieseltier schütteln (in New Republik) über die mentale Eskalation in Israel den Kopf. Sie bezeichnen zwar die Verteidigung Israels als legitimes Recht, sprechen aber zugleich von einem ungerechten Krieg angesichts der exzessiven Gewalt gegen die Zivilisten, die Krankenhäuser oder die Schulen der UN.1

Inzwischen ist klar, dass Netanyahu den Tod der drei israelischen Schüler in Hebron dazu instrumentalisiert hat, nun endlich mit Hamas Schluss zu machen, die Ruhe herzustellen und zugleich mitzuteilen, dass es keine Zwei-Staatenregelung gibt. Die nun veröffentlichten Dokumente zeigen, dass diese furchtbare Tat nicht von der Hamas-Führung ausging und sie auch nicht davon wusste. Sie war ein Vorwand und zeigt die Bereitschaft zur kriegerischen Eskalation mit all den Folgen für eine Logik der Verrohung, der Psychologie der Vernichtung der Palästinenser und der Demütigung der in Israel lebenden Palästinenser. Noch nie waren in Israel so viele, die dieser rechtszionistischen Interpretation wie entfesselt folgten. Noch nie waren die Aggressionen gegenüber denen, die abwichen – als Araber oder als politische Kritiker so verbreitet. Freunde berichteten, dass ihre auf Mäßigung zielenden Demonstrationen von einigen 100 in Tel Aviv von 3000 Polizisten geschützt werden mussten, weil man die Lynchjustiz der extremen Rechten fürchtet.

Dieser Krieg hat gezeigt, dass eine rein militärische Lösung trotz der hohen Waffenüberlegenheit der israelischen Armee in Gaza, aber auch in der Westbank nicht mehr funktioniert. Stattdessen erhöhen sich die Gefahren, dass Kräfte der Hisbollah oder der IS auch im Norden und Osten Israels zu einer auch militärischen Gefahr werden können.

Der Hilferuf der Palästinenser ist klar: Sie wollen und brauchen den internationalen Druck der Vereinigten Staaten und der Europäer jetzt, um endlich zu einer politischen Lösung zu kommen. Es spricht alles dafür, auch aus europäischer Perspektive, den Druck auf einen Kompromissfrieden zu verstärken.

  1. Krisenmanagement? Ohne eine Spirale neuer Gewaltradikalisierung

Ein Krisenmanagement, das mindestens ein glaubwürdiges Konzept zur Eindämmung der genannten Krisen entwickelt, ist bisher nicht in Sicht. Auch mehr als einen Monat nach dem lange herausgezögertem Angriff auf die IS nicht, auch nicht nach mehr als 3000 Toten in der Ukraine, nicht nach den über 170.000 Toten und 3 Millionen Flüchtlingen in Syrien, nicht nach den über 2000 in Israel und Gaza. Noch immer schlittern wir weiter in die Falle nationalistischer, ideologisierter und narzißtischer „Eiferei“.

Für eine vernünftige Kriseneindämmung braucht es weniger Säbelrasseln, sondern eine ebenso kluge wie entschiedene Mischung von Eindämmung und Kompromiss in der internationalen Politik. Sie muß sich unter dem Druck wachsender Gefahren, bereitwilliger Militarisierung an allen hier genannten Konfliktfronten und der weiteren Überlappung der Konflikte „zusammenraufen“. Für eine neue Partnerschaft mit Rußland und einen haltbaren Kompromiß in der Ukraine; für eine Zwei Staaten Lösung in Israel und Palästina; für eine nicht nur militärische, sondern ökonomische und soziale Eindämmung des so genannten IS – mag sein, dass die spät entwickelten Ideen von Obama dabei wirksam werden; für eine kooperativere regionale Sicherheitsverantwortung unter Einbeziehung des Iran, von Saudi-Arabien, der Türkei und letztlich auch und gerade von Israel – statt einer eskalierenden Militarisierung und eines möglichen Kriegs zwischen Israel und dem Iran.

H. Funke Berlin, 11. 9. 2014

1Ist es nur noch utopisch, wenn das liberale jüdische Tikkun in Berkeley, mit dem ich seit 1990 verbunden bin, aus tiefer auch religiöser Überzeugung für ein militärisches Disengagement plädiert, nicht nur in Gaza und Israel?! Tikkun hat zum Neujahrsfest Micha Kurz, einen der kritischen israelischen Soldaten eingeladen und dies so begründet:

Micha Kurz was born and raised in Israeli Jerusalem, after military service he co-founded Breaking the Silence (the organization of Israeli soldiers who have publicly talked about the oppressive roles they played in enforcing the Israeli Occupation of the West Bank and the blocakde of Gaza). He has since worked with numerous movements and organizations including ICAHD (Israeli Committee Against House Demolitions) and Ta’ayush. He co-founded and works at Grassroots AlQuds, a platform for community based mobilization and advocacy, developed to map, network and amplify active Palestinian community voices in Al-Quds and around the world. He works for an open, racism free, cosmotropilis Jerusalem. He wouldn’t be caught in a uniform ever again, unless it was a rainbow one.

While most of our services will be focused on inner teshuva (self examination and transformation as we assess how we’ve „missed the mark“ in our own lives, and this process will be facilitated by a trainer in empathic communication including self-empathy, because we are not about beating ourselves up but about transforming ourselves and reclaiming our highest spiritual selves), there will be moments in which we focus on the need for societal transformation, including our need to stop the destruction of the life support system of the planet, stop the automatic response of going to militarism instead of finding other ways, stop the racism we saw so clearly this summer in America, stop the deporting of immigrants, and stop the denial of human rights to the Palestinian people.

Of course, we share the outrage at Hamas for targetting Israeli civilians, and the far greater outrage at ISIS, but Jewish High Holidays are not about reciting our critique of everyone else (Rabbi Lerner did that this summer is his very first comments about the Israeli struggle with Hamas when he sent out an email blast to tens of thousands of people demanding that Hamas stop its bombing of Israeli civilians). No, High Holidays are about critiquing ourselves and our own society, not in the interest of self-flaggelation, but for the goal of inner and societal transformation.”

 

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