Welt| Wir sind Weltmeister im Massaker-Zuschauen


Von Henryk M. Broder

In Ruanda haben wir nichts gemacht, auch in Srebrenica und Gorazde, in Halabdscha und Ghouta nicht. Wir haben rote Linien gezogen, nur um zuzusehen, wie sie überschritten wurden. Wir sind weit weg.

Anfang April dieses Jahres, es war ein Freitag und die meisten Abgeordneten waren schon ins Wochenende abgereist, fand im Deutschen Bundestag eine Feier zur Erinnerung an den Völkermord in Ruanda statt, bei dem vor 20 Jahren innerhalb weniger Wochen etwa 800.000 Tutsi von Angehörigen der Hutu-Stämme abgeschlachtet wurden. Bevor das Morden losging, hatte sich eine „Friedenstruppe“ aus Ruanda zurückgezogen.

Der Festredner bei der Gedenkfeier war der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Er sagte unter anderem, die „internationale Gemeinschaft“ habe versagt, „als sie in Ruanda vor 20 Jahren inmitten der Gewalt ihre Blauhelmsoldaten abzog“. Und er mahnte: „Die eine Lehre, die an einem Gedenktag wie heute zu ziehen ist, heißt: niemals wieder!“….

……Und wir schauen zu. Denn wir sind Weltmeister im Zuschauen. Wir haben nicht nur in Ruanda zugeschaut, sondern auch in Srebrenica und Gorazde, in Halabdscha und Ghouta. Wir haben rote Linien gezogen, nur um zuzusehen, wie sie überschritten wurden. Wir haben immer nur mit „Konsequenzen“ gedroht, aber keine umgesetzt……

………Wir haben an Konferenzen über die Ursachen des Ersten Weltkriegs teilgenommen und uns immer wieder gefragt, warum die Alliierten die Zufahrtswege nach Auschwitz nicht bombardiert haben. Heute wissen wir es. Auschwitz war strategisch unwichtig. Und über all der Beschäftigung mit der Vergangenheit haben wir eines außer Acht gelassen: Es reicht nicht, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sie sind schneller bei uns, als Frau Käßmann eine Kolumne schreiben kann.

Heute sind wir Zuschauer. Morgen könnten wir Kurden sein.

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