ZDF| Prozess um Neonazi-Seite thiazi.net / Ein Forum voller Hass


von Anja Kapinos

Holocaust-Leugnung, Ausländerhass und Handel mit verbotener Musik: Zehntausende nutzten das Neonazi-Forum thiazi.net bis zu seiner Schließung. Heute beginnt in Rostock der Prozess gegen mutmaßliche Strippenzieher der rechtsradikalen Plattform.

Frühmorgens stürmte eine GSG9-Truppe die kleine Wohnung von Klaus R., bis dato ein scheinbar unbescholtener Erzieher in Barth nahe der Ostseeküste. Er soll das Thiazi-Netzwerk mutmaßlich als Administrator aufgebaut und jahrelang betrieben haben. Thiazi, das war bis zur Razzia im Sommer 2012 die größte deutschsprachige Online-Plattform für Neonazis, benannt nach einem Sturmriesen aus der germanischen Mythologie.

30.000 angemeldete Nutzer

Thiazi hatte in der Szene laut Experten eine große Bedeutung, zählte über 30.000 angemeldete Nutzer. Das Forum diente zum Austausch von rechtsradikalem Gedankengut oder auch zur Mobilisierung der Szene. Dort wurde außerdem in großem Stil mit verbotener Nazi-Musik gehandelt. In den Texten der Lieder wird zu Hass gegen Ausländer, Juden und Muslimen angestachelt.In Thiazi-Nutzerkommentaren wurde der Holocaust geleugnet und die nationalsozialistische Gewalt und Willkürherrschaft verherrlicht. Zur Mordserie des NSU fanden sich Tausende Posts, die unter anderem den Terror bezweifelten oder die Gewalttaten guthießen. Mutmaßlich diente das Forum teilweise auch zum Einstieg in die rechte Szene.

Server in den USA

Jahrelang versuchten Ermittler zu entlarven, wer hinter den  Nutzernamen steckt. Thiazi lief über Server in den USA, auf denen rassistische Inhalte und das Verwenden von NS-Symbolen nicht strafbar sind. Das BKA schleuste mindestens einen V-Mann ein. Er lieferte wohl entscheidende Hinweise auf die Identität der Hintermänner.Damit konnten deutsche Behörden erstmals die Betreiber einer großen rechtsextremen Plattform identifizieren und das Forum vom Netz nehmen. Und selten sind die Hauptverdächtigen in einem Prozess, der mit der rechten Szene zu tun hat, nach außen hin so wenig auffällig geworden. Neben dem Erzieher Klaus R. ist unter anderem auch eine Frau aus Baden-Württemberg angeklagt, die sich um die anonymen Server in den USA kümmerte.

Rechtsextrem 2.0 – Strategiewechsel durch soziale Medien

Seit dem Abschalten von Thiazi hat sich die Nutzung des Internets stark verändert: Webseiten oder Foren haben an Bedeutung verloren. Heute sind vor allem soziale Medien für Jugendliche attraktiv – und damit auch verstärkt Ziel der Anwerbeversuche von Neonazis. Das bestätigen Experten vonjugendschutz.net, einer Mainzer Initiative, die mit Unterstützung der Bundesregierung Rechtsextremismus im Internet untersucht: „Für Rechtsextreme ist das Social Web heute das wichtigste Propagandamittel.“Mehr als zwei Drittel der rechtsextremen Online-Angebote, die jugenschutz.net im vergangenen Jahr ausgewertet hat, waren auf Plattformen wie YouTube, Facebook und Twitter eingestellt. Tendenz steigend: „Rassismus ist im Social Web auf dem Vormarsch. Menschenverachtende Inhalte brechen sich Bahn, oft poppig gestaltet und mit provokativen Slogans versehen. So werden Hass auf Minderheiten sowie Darstellungen massiver Gewalt zum Selbstläufer und erreichen durch die Prinzipien des ‚Teilens‘ und ‚Likens‘ hohe Reichweite“, so die Experten.Für die Behörden ist der Kampf gegen rechte Ideologien im Netz also auch mit dem Schlag gegen Thiazi noch lange nicht gewonnen.

Quelle: ZDF

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