beate maria wörz | Im Kontext NSU – Welche Frage stellen Sie? Konzept für eine bundesweite Plakataktion im öffentlichen Raum


Geplant für ein Jahr | mit wechselnden Fragen auf Werbegroßflächen | in 20 Städten bundesweit

Berlin S-Bahnhof Gesundbrunnen Dekade 34 | 2014

aktuell

München und Berlin
Startplakat vom 16.12. 2014 – ca. 12.1. 2015


Welche Frage würden Sie formulieren, könnten Sie nur eine einzige in die Öffentlichkeit stellen –
bzw. in welcher Frage läßt sich für Sie das Ungeheuerliche am Geschehen im Zusammenhang
mit der NSU Mordserie am ehesten fassen?

Vor mehr als drei Jahren erfolgte die Aufdeckung des NSU, der für die wohl größte rassistisch motivierte
Mord- und Anschlagsserie in der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich gemacht wird. Untersuchungs-
ausschüsse von Bund und den von den Anschlägen betroffenen Ländern und alle Recherchen warfen und
werfen mehr Fragen auf als daß Antworten gefunden würden.

Als Bürgerin hatte ich selbst seit November 2012 regelmäßig an den Sitzungen des 2. Bundestagsunter-
suchungsausschusses zum NSU teilgenommen, als Künstlerin wollte ich mit diesem Thema arbeiten und
habe vor mehr als eineinhalb Jahren damit begonnen, Menschen aus den unterschiedlichen Bevölkerungs-
gruppen die eingangs zitierte Frage zu stellen. Ich fragte und frage Menschen, die zu den Betroffenen
gehören – Opfer und deren Angehörige, Politiker aus den Untersuchungsaussschüssen, JournalistInnen,
WissenschaftlerInnen und andere an der Aufklärung Arbeitende, Bewohner der Städte, in denen die Morde
und Anschläge geschahen, aber auch Bewohner der unterschiedlichen Aufenthaltsorte des NSU und Bürger,
die sich mit dem Thema befassen und Fragen haben.

Mittlerweile sind so fast fünfzig Fragen zusammengekommen und weitere in Arbeit. Eine Auswahl dieser
Fragen soll nacheinander- jeweils eine Dekade, also ca. 10 Tage lang – in 20 Städten auf Werbegroß-
flächen kommen – in den Städten, in denen Morde und Anschläge im Zusammenhang mit dem NSU
geschahen, in den Städten der Untersuchungsausschüsse, aber auch in Städten, in denen das Trio lebte
und vernetzt war. Die Aktion soll über ein Jahr laufen und den Prozess in München begleiten.

Das Konzept setzt auf Wahrnehmung durch Wiederholung und die Tatsache, daß der Mensch erst nach
acht–neunmaliger unbewußter Wahrnehmung etwas bewußt aufnimmt. Dies ist durch die Positionierung
entlang öffentlicher (Transport-) Wege und die Verweildauer von jeweils einer Dekade, teils auch längeren
Zeiträumen, und der Gesamtdauer von einem Jahr gegeben.

Zur Erläuterung: Zwischen September 2000 und April 2007 gab es in der Bundesrepublik Deutschland
Morde an mindestens 10 Menschen und mehrere Bombenanschläge mit vielen Verletzten, die mit dem
Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Verbindung gebracht werden. Die Opfer der Morde waren
acht Männer mit türkischem Migrationshintergrund, ein Grieche und eine Polizistin, deren Kollege bei
dem Anschlag lebensgefährlich verletzt wurde. Sie, ihre Angehörigen und die von den Bombenanschlägen
Betroffenen wurden teilweise mehr als zehn Jahre verdächtigt, kriminalisiert und verleumdet, das Vertrauen
innerhalb der Familien beschädigt und in Beziehung zu diesem Staat zerstört. Drei der vermutlichen Täter,
Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die seit ihrem Untertauchen 1998 auf den Fahnungs-
plakaten der deutschen Polizei standen, konnten 14 Jahre lang unentdeckt in Deutschland leben, Menschen
ermorden, Banken überfallen und Urlaub machen. Viele Momente, die zur frühzeitigen Aufdeckung des
‚Trios‘ hätten führen können, wurden versäumt, Naheliegendes unterlassen, Ermittlungen erschwert und
Vorgänge verdeckt. Nach mehr als 16 Monaten Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Berlin und anderen
Bundesländern, eineinhalb Jahren Prozess in München und vielen weiteren Recherchen von unterschied-
lichen Seiten sind mehr Fragen offen als geklärt.

Die Arbeit will sensibilisieren für diese größte rassistisch motivierte Mord- und Anschlagsserie in der
Geschichte der Bundesrepublik und das, was an gesellschaftlich verankertem Denken und Verhalten
dazu führen konnte, und sie will eine kritische Auseinandersetzung damit befördern. Die Gleichmütigkeit
einer breiten Bevölkerung und ein von staatlichen Behörden getragener Unwille, wirklich aufzuklären,
zeigen, wie zwingend notwendig es ist, daß weiter Aufklärung gefordert wird und eine andere, weiter-
gehende Bewußtseinsbildung in der Bevölkerung und den Behörden stattfindet.

Folgende Städte sind vorgesehen:

berlin
chemnitz
dortmund
dresden
düsseldorf
erfurt
hamburg
heilbronn
jena
kassel
köln
ludwigsburg
leipzig
münchen
nürnberg
regensburg
rostock
stuttgart
wiesbaden
zwickau

Quelle: beate maria wörz in Zusammenarbeit mit Dirk Lebahn | http://www.eye-d.de

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ein Kommentar

  1. Katja Funke · · Antwort

    Ich würde die Frage stellen, warum Thomas Moser nicht mehr für Kontext schreibt.

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