Thomas Moser| Operation Internet? – Die Fatalist-Gruppe betreibt mehr Desinformation als Information beim Thema NSU


„Zersetzung“, diese Erkenntnis verdanken wir der Beschäftigung mit der Stasi, funktioniert durch die Vermischung von Unwahrem und Wahrem. Beides gehört zusammen.  Wer Unwahres verbreiten will, braucht ein einigermaßen glaubwürdiges Transportmittel. Das Wahre ist das Transportmittel für das Unwahre. Es geht dem Verbreiter aber um das Unwahre, das sein zersetzendes Gift freisetzen soll. „Desinformation“ ist nur ein anderer Begriff für „Zersetzung“. Desinformation ist Auftrag und originäres Handwerkszeug aller Nachrichtendienste. Sie versuchen fremde Nachrichten zu generieren und eigene zu kontaminieren. Wie die Stasi so der Verfassungsschutz.

Damit kommen wir zur Gruppe „Fatalist-Arbeitskreis NSU“, die seit einigen Jahren im Internet aktiv ist, zunächst nur unter dem Label „Fatalist“, inzwischen als die bezeichnete Gruppe. Sie postet auf allen möglichen Blogs, betreibt ihre eigenen Webseiten und spuckt Informationen zum Thema „Nationalsozialistischer Untergrund“ fast  im Stundentakt aus und gibt vor, Widersprüche aufdecken zu wollen. Daß darunter immer wieder welche sind, die wahr sind und stimmen, ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende sind die unwahren Informationen. Die Fatalistgruppe ist nicht danach zu beurteilen, was sie an Wahrhaftigem abliefert, sondern an Unwahrhaftigem.

Das beste Beispiel ist ihr Umgang mit den Phantombildern zum NSU-Mordanschlag in Heilbronn vom April 2007. 14 Zeichnungen, die eine Frau und zwölf verschiedene Männer zeigen,  die Zeugen vor und nach der Tat auf der heilbronner Theresienwiese auffielen. Ein Mann wurde zweimal gezeichnet. Diese angefertigten Phantome könnten selber Zeugen gewesen sein, aber auch die Täter oder Komplizen der Täter. Besonders an den Phantombilder ist erstens: Sie zeigen unter anderem drei verschiedene blutverschmierte flüchtende Männer, alle aufgefallen nach den Schüssen auf die zwei Polizeibeamte gegen 14 Uhr. Das zweite Besondere: kein einziges Phantombild ähnelt Uwe Böhnhardt oder Uwe Mundlos, die Phantombild-Frau nicht Beate Zschäpe. Das dritte Besondere: Auch der bei dem Anschlag schwer verletzte Polizist Martin Arnold ließ ein Phantombild erstellen. Nach Ansicht der Ermittler des LKA hatte er nämlich „klare und konkrete Erinnerungen“ an die Situation. Auch sein Phantombild zeigt nicht Mundlos oder Böhnhardt, sondern einen vollkommen anderen Typ. Das vierte Besondere: Eines der Phantome zeigt möglicherweise einen V-Mann des LfV Baden-Württemberg.

Das LKA wollte damals drei der Bilder für die Fahndung herausgeben, u.a. jenes, das Arnold erstellen ließ (Phantombild Nr. 14). Der zuständige Staatsanwalt von Heilbronn hat alle drei untersagt. Die Bundesanwaltschaft (BAW) stützt das heute aktiv. Ebenso der Innenminister von Baden-Württemberg. Für die BAW wie für Reinhold Gall waren Mundlos und Böhnhardt die Täter.

Im Juli 2013 wurden alle 14 Phantombilder u.a. auf Initiative des Autors dieses Textes von der Kontext-Wochenzeitung veröffentlicht. Danach noch von mehreren anderen Medien. Diese Veröffentlichung hat die Aufklärung wie die Diskussion um die Hintergründe der NSU-Morde enorm beschleunigt und weitergebracht. Die Bilder sind ein Beleg, der die offizielle Zwei-Täter-Theorie der Bundesanwaltschaft in Zweifel zieht und der mit dafür gesorgt hat, daß auch in Baden-Württemberg nach langem Widerstand ein NSU-Untersuchungsausschuß eingesetzt werden mußte.

Nun zur „Fatalistgruppe“  – die freilich den Eindruck erweckte, sie sei nur eine Person. Sie hat diese Phantombilder – mit Ausnahme der Frau – von Anfang an aggressiv angegriffen, als Fälschungen bezeichnet und außerdem behauptet, ich als der maßgebliche Journalist für die Veröffentlichung, würde die wahren Phantombilder zurückhalten. Daran ist mehreres Bemerkenswert. Zunächst: „Fatalist“ erklärte, die wahren Phantombilder selber gar nicht zu haben. Ein „Journalist“ habe ihm nur glaubhaft versichert, daß die wahren Bilder andere seien. Eine solche Erklärung hatte den Vorteil, nicht den Gegenbeweis antreten zu müssen und die „wahren Phantombilder“ zu veröffentlichen. Man will sie ja gar nicht gehabt haben. Bemerkenswert dann: Die Bilder ziehen ja die Täterschaft der beiden Uwes in Zweifel. Etwas, was die Fatalistgruppe selber ebenfalls tut und was ihr folglich ins Konzept passen müßte. Doch offensichtlich gibt es noch höhere Interessen, als das NSU-Trio zu entlasten. Vielleicht V-Leute oder Hauptamtliche zu schützen?

Die 14 Phantombilder sind – natürlich – nicht gefälscht. Viele Personen, die mit den Akten zu tun haben, wissen das: Opferanwälte und Abgeordnete zum Beispiel. Phantombild Nr. 14 wurde im Gerichtssaal in München gezeigt. Ich und andere Journalisten haben uns außerdem bei unseren Recherchen von heilbronner Zeugen bestätigen lassen, daß die vorliegenden Phantomzeichnungen tatsächlich aufgrund ihrer Angaben gefertigt wurden und also „echt“ sind. Dennoch hielt die Fatalistgruppe bis zum Sommer 2014 ihre mutwillige Behauptung aufrecht, die Bilder seien gefälscht. Sie tat das in einer Penetranz, die in mir einen Verdacht weckte: Von den Bildern muß offensichtlich eine wichtige Erkenntnis ausgehen, eine Wahrheit.  Zeigen sie tatsächlich Personen, die mit der Tat in Zusammenhang stehen? Das legt z.B. auch die Reaktion eines inzwischen pensionierten Verfassungsschützers aus Baden-Württemberg nahe. Nachdem er die Bilder in einer Zeitung sah, meldete er sich umgehend beim Innenministerium und erklärte, eines der Bilder zeige einen früheren Hinweisgeber von ihm (Phantombild Nr. acht). Dieser Mann hatte laut dem Beamten 2003 mitgeteilt, in Kontakt zu einer ostdeutschen rechtsterroristischen Gruppe zu stehen, die sich „NSU“ nenne. Er soll fünf Mitglieder dieser NSU-Gruppe gekannt haben, eines soll „Mundlos“ geheißen haben. Und dieser Hinweisgeber war einmal V-Mann des LfV Baden-Württemberg. Er sieht laut dem Beamten nicht nur Phantombild acht zum Verwechseln ähnlich, sondern hat dieselbe Körpergröße und Statur: 1.90 m bis 2 Meter groß. War also ein V-Mann am Anschlagstag am Anschlagsort in Heilbronn, obendrein in Begleitung von drei anderen Männern?

Wieder zur Fatalistgruppe: Im Frühjahr 2014 wurden ihr nach eigenen Angaben Ermittlungsunterlagen des NSU-Komplexes zugespielt. Zunächst mit Ausnahme der Heilbronn-Akten. Gleichzeitig muß vom Absender eine Vorauswahl getroffen worden sein. Denn „Fatalist“ hat einschlägige Stellen veröffentlicht, auf die sie in einem Aktenmeer mit mehreren 100 000 Seiten unmöglich innerhalb weniger Tage durch eigene Lektüre gestoßen sein kann. Die erste Aktenauswahl, die die Fatalistgruppe  präsentierte, betraf Stellen, wo die Opfer und Opferfamilien ursprünglich von den Ermittlern verdächtigt und als Teil der Organisierten Kriminalität (OK) denunziert wurden. Verdächtigungen, die längst widerlegt sind und wofür sich manche Ermittler sogar entschuldigt haben. Doch die Fatalistgruppe  spielt im Frühjahr 2014 dieses alte und häßliche Spiel noch einmal und bezichtigt die Opfer, in kriminelle Machenschaften verstrickt zu sein. Das betrifft auch den Nagelbombenanschlag in Köln vom Juni 2004. Die Opfer, zum Teil schwer verletzt, werden von „Fatalist“ beleidigt, u.a. aufgrund ihrer Nationalität. Wie die Polizei im Jahr 2004 so beschuldigt er im Jahr 2014 die Opfer, Teil der Kriminalität gewesen zu sein. Die Beobachtung eines Anwohners, unmittelbar nach dem Anschlag zwei bewaffnete Männer, allem Anschein nach Beamte, in der Straße gesehen zu haben, macht „Fatalist“ lächerlich und bezeichnet sie als „Märchen“. Damit schützt er die – mutmaßlich verstrickten – Sicherheitsorgane. Noch deutlicher bei Mord Nummer neun in Kassel im April 2006, ebenfalls einem Schlüssel zum NSU-Komplex. Der Verfassungsschutzbeamte Temme war zu Tatzeit am Tatort. Er hat möglicherweise sogar mit den tödlichen Schüssen zu tun. Das LfV Hessen hält bis heute Informationen zu dem Mord zurück. Die Bundesanwaltschaft hält 70 Temme-Ordner zu dem Fall zurück. Und die ach so aufklärende Fatalistgruppe? Tut alles ab und erklärt, Temme sei nicht wichtig. Eine deutlichere Entlastung des Verfassungsschutzes kann es nicht geben.

Ist diese Gruppe ein Instrument des Absenders der Ermittlungsunterlagen – oder sogar Teil davon? Denn das, was wirklich von Interesse ist, das ist dieser Aktenabsender. Und deshalb muß sich der Innenausschuß und das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages für den Vorgang interessieren – aber nicht wegen der „Fatalistgruppe“.

Zurück zum Tatort Theresienwiese und den Phantombildern von Heilbronn. Mit Verspätung erhielt die Fatalistgruppe dann offensichtlich auch die Ermittlungsunterlagen zu Heilbronn. Ein Aktenleaker ohne die Heilbronn-Akten wäre auf Dauer nicht sehr glaubwürdig gewesen. Damit hielt er nun den Beleg in Händen, daß die vor einem Jahr veröffentlichten Phantombilder nicht gefälscht, sondern echt sind. Netzaktivisten forderten die Gruppe auf, – manche halten sie nach wie vor für eine Person – sich bei den Journalisten zu entschuldigen, die sie „Fälscher“ genannt hatte. „Fatalist“ wies das (gespielt oder echt) empört zurück. Sein einstiger Gewährsmann, jener „Journalist“, auf den er sich ursprünglich berief, schien seltsamerweise seine Vertrauenswürdigkeit nicht eingebüßt zu haben, obwohl der doch nun der Unwahrheit und Desinformation überführt ist.

Gleichzeitig ist etwas Bemerkenswertes festzustellen: Die „Fatalistgruppe“ gibt nicht etwa ihre konstruierten Anwürfe auf oder räumt Fehler oder Irrtümer ein – nein, sie verändert ihre Strategie und versucht, mit anderen Mitteln uns Journalisten neu anzugreifen. Allerdings auf ziemlich widersprüchliche Art. Denn einerseits bemüht sich die Gruppe, die Bilder nun herunterzuspielen, sie seien ohne Relevanz. Andererseits unterstellt sie gleichzeitig die nächste Täuschungsabsicht. Die Veröffentlicher der Bilder – also u.a. ich – hätten verschwiegen, daß es sich um „Osteuropäer“ handelt. Als solche hielten einige der heilbronner Zeugen manche der Männer und die Frau, die ihnen damals auffielen. Wie kann man besser dokumentieren, wen die Phantombilder möglicherweise zeigen oder nicht zeigen, als gerade durch ihre Veröffentlichung?

Offensichtlich hält die Fatalistgruppe die Öffentlichkeit für komplett blöd. Doch damit entblödet sie sich selber. Mehr noch: Sie muß inzwischen regelrecht panisch sein. Denn sie merkt nicht einmal, daß sie dieses Merkmal der Bilder (möglicherweise Osteuropäer), das ja ebenfalls die Täterschaft der NSU-Uwes in Zweifel zieht, selbst wieder verwirft. Indem sie nämlich gleichzeitig unverändert behauptet, die Bilder hätten keine Relevanz. Dazu paßt nun, Achtung, die finale Konsequenz, die „Fatalist“ zieht:  Er erklärt, es sei richtig gewesen, daß der Staatsanwalt von Heilbronn die Veröffentlichung der Bilder untersagte. Und es sei richtig, daß die Bundesanwaltschaft die heilbronner Zeugen, nach deren Angaben die Bilder erstellt wurden, nicht als Zeugen beim Prozeß in München hören wolle.

Danke, für so viel Selbstentlarvung. Die sogenannte Aufklärertruppe steht auf Seiten der Vertuscher.

Ein Allerletztes: Es betrifft den Polizeibeamten Arnold und dessen Phantombild. Im münchner Prozeß hat der Arzt, der den Schwerverletzten mehrfach operierte, ausgesagt, Arnold sei nach dem Kopfschuß bei Bewußtsein gewesen und auf der Theresienwiese herumgelaufen. Er habe Sprachstörungen gehabt und sei agitiert gewesen. Um das verletzte Gehirn zu beruhigen, wurde Arnold unter Narkose gesetzt. Die Veröffentlichung dieser Information nennt „Fatalist“ eine „Ente“. Er zeigt kein Interesse an dieser Information, die doch wahrscheinlicher macht, daß das Opfer Arnold tatsächlich etwas vom Anschlag auf ihn und seine Kollegin Michèle Kiesewetter mitbekommen haben könnte. Und damit wird auch das Phantombild wahrscheinlicher, das Arnold erstellen ließ. Weil „Fatalist“ aber die Phantombilder abwertet, wertet er auch die Aussage ab, Arnold lief auf der Theresienwiese herum. Sein Vorgehen hat Methode und System. Seine Position zu Heilbronn zusammengefasst: Die Mörder waren nicht die Uwes, sind aber auch nicht unter den Phantombildern, z.B. den drei blutverschmierten Männern, zu finden. So geht niemand an den ungeklärten Mordkomplex heran, der aufklären will, sondern der die Täter schützen will.

Drei Hauptmotive sind sichtbar geworden, denen die „Fatalistgruppe“ folgt: Das Schlechtmachen der türkischen und griechischen Opfer; die Entlastung der Neonaziszene und speziell des NSU-Trios; die Entlastung des Verfassungsschutzes. Das ist ein Spiegelbild des NSU-Komplexes. „Fatalist“, so sieht es aus, ist Teil des Komplexes, eine Operation, ein Echtzeit-Verwirrungsmanöver.

Merke: Die Unwahrheit wird mittels der Wahrheit transportiert.

 

Thomas Moser

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