swr| NSU-Untersuchungsausschuss: Weitere Kritik an Kiesewetter-Ermittlungen


Die Mischszene der Hooligans, Rocker, Türsteher und Neonazis müsse näher beleuchtet werden, um Klarheit im Mordfall Kiesewetter zu bekommen. So eine Forderung vor dem Ausschuss.

Polizisten erweisen am 30.04.2007 mit einem Trauerzug in Böblingen ihrer in Heilbronn ermordeten Kollegin Kiesewetter die letzte Ehre.

War die Polizistin Michèle Kiesewetter ein Zufallsopfer?

War die Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter ein Zufallsopfer oder wurde sie ganz gezielt von den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) ermordet? Das ist eine der Kernfragen im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages. Mehrere Journalisten hatten am Montag bereits auf Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen im Fall Michèle Kiesewetter hingewiesen. Am Freitag setzte der U-Ausschuss seine Beweisaufnahme fort.

Baden-Württemberg sei einer der Schwerpunkte für die Kontakte des sogenannten NSU-Trios gewesen, so die Journalistin Andrea Röpke. Sie sagte am Freitag als Sachverständige vor dem U-Ausschuss aus. Röpke zählte eine Reihe von Kontakten der mutmaßlichen rechtsextremen Terroristen nach Baden-Württemberg auf und einzelne Treffen vor allem in der Region Stuttgart. Es hätte sie nicht gewundert, so Röpke weiter, wenn der NSU auch etwa in Stuttgart einen Anschlag verübt hätte.

Kiesewetter sei kein Zufallsopfer

Außerdem glaubt Röpke nicht, dass Kiesewetter ein Zufallsopfer gewesen sei. Ähnlich hatten sich schon andere Sachverständige vor dem Ausschuss geäußert. Röpke forderte die Abgeordneten auf, Verbindungen der rechtsextremen Szene zur organisierten Kriminalität zu prüfen. Kiesewetter sei in ihrer thüringischen Heimat zeitweise mit einem Türsteher liiert gewesen. Die Ermittler hätten das aber nicht weiter verfolgt. Die Polizistin sei zudem in Thüringen auch mehrmals als „Lockvogel“ bei Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität eingesetzt worden.

Weitere Sachverständige üben große Kritik an Ermittlungen

Der Berliner Rechtsextremismus-Professor Hajo Funke sagte, die Behauptung der von Innenminister Reinhold Gall (SPD) eingesetzten Ermittlungsgruppe „Umfeld“, wonach es keine Zweifel an der Zwei-Täter-Theorie beim Mord an Kiesewetter gebe, sei nicht haltbar. Damit habe die Ermittlungsgruppe einfach nur die These der Bundesanwaltschaft übernommen. Die zur Aufklärung des Kiesewetter-Mordes eingesetzte Sonderkommission „Parkplatz“ habe aber im Jahr 2011 Hinweise gehabt, wonach es mindestens vier Täter gegeben habe. Auch hätten die auf Phantombildern dargestellten Männer keine Ähnlichkeit mit den beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, denen die Bundesanwaltschaft den Mord an der Polizistin zuschreibt.

Warum starb ein Mann in seinem Wagen?

Neben dem Kiesewetter-Mord gibt der mutmaßliche Suizid eines jungen Mannes im September 2013 am Stuttgarter Wasen Rätsel auf. Der Mann verbrannte in seinem Auto. Zuvor soll er angedeutet haben, dass er Kiesewetters Mörder kenne.

Eine erste Aussage bei der Polizei habe er bereits im Juli 2011 gemacht, sagte Funke. „Die Aussagen wurden so ernst genommen, dass ein Zeugenschutzprogramm diskutiert
wurde.“ Der junge Mann habe unter erheblichem Druck gestanden – einerseits von den Ermittlern, andererseits von der rechten Szene.

Anruf soll ihn in Todesangst versetzt haben

Kurz vor seinem Tod bekam der Mann laut Funke einen Anruf, der ihn in Todesangst versetzt haben soll. Der Experte sprach mit Familienmitgliedern und hatte auch Einblicke in Akten. Von wem der Anruf kam, sei bis heute unklar. Mit dem mutmaßlichen Selbstmord will sich der Untersuchungsausschuss in den Sitzungen im März beschäftigen.

Den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) werden zehn Morde von 2000 bis 2007 zugerechnet – an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft und an der Polizistin Michèle Kiesewetter.

Quelle: SWR

ein Kommentar

  1. […] Hajo Funke und A. Röpke auf Tour. Gestern NSU-Ausschuss Hessen, heute Baden-Württemberg via @profhajofunke […]

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