Stern| NSU-Prozess verhandelt Mord von Kassel: Die dubiose Rolle des Verfassungsschutzes


Der Mord in einem Internet-Cafe im April 2006 und eine mögliche Verstrickung des hessischen Verfassungsschutzes sind heute Thema im NSU-Prozess. Der stern hat die Hintergründe untersucht. Von Gerd Elendt und Kerstin Herrnkind

NSU, NSU-Serie, Nationalsozialistischer Untergrund, Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos, Beate Zschäpe, Yozgat, Halit Yozgat, NSU-MordserieHalit Yozgat, geboren 1985 in Kassel, ermordet mit 21 Jahren in seiner Heimatstadt© Uwe Zucchi/DPA

Der NSU-Prozess wird heute fortgesetzt. Das Oberlandesgericht München will das Umfeld der Angeklagten weiter ausleuchten. Als Zeugin soll eine Bekannte des wegen Beihilfe zum Mord angeklagten Carsten S. aussagen. Dieser hatte seine Beteiligung am Beschaffen der Mordwaffe eingeräumt und bislang als einziger Angeklagter ein umfassendes Geständnis abgelegt. Geladen ist außerdem ein Zeuge aus dem Unterstützerumfeld in Chemnitz. Hauptangeklagte in dem Verfahren ist Beate Zschäpe, die sich wegen zehn überwiegend rassistisch motivierten Morden und wegen zwei Sprengstoffanschlägen verantworten muss.

Das Gericht erwartet zudem neue Beweisanträge zu dem NSU-Mord in Kassel im April 2006, die die Anwälte der Familie des Opfers vorbereitet haben. Der Verdacht besteht, dass der hessische Verfassungsschutz vorab von der Tat gewusst und anschließend die Polizei-Ermittlungen behindert habe.

Der stern hat die Geschichte hinter diesem Mord in Kassel recherchiert.

Halit Yozgat hat gleich Feierabend. Um 17 Uhr will sein Vater ihn ablösen, damit Halit, 21, pünktlich zur Abendschule gehen kann, wo er gerade die mittlere Reife nachholt. Er liest schnell noch einen Artikel auf Wikipedia über Halbleiter für die Physikklausur. An diesem Donnerstagnachmittag, es ist der 6. April 2006, sind nur vier Kunden im „Tele-Internet Café“, das Halit Yozgat seit zwei Jahren in Kassel betreibt. Draußen ist es kühl und windig. Auf der vierspurigen Holländischen Straße rauscht der Feierabendverkehr.

Halit Yozgat sitzt hinten rechts am Schreibtisch, von dort hat er alle sechs Telefonzellen im Blick. Der kleine Laden hat nur zwei Räume. Vorn wird telefoniert, im Hinterzimmer stehen sieben Computer.

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