Wohltäter Hitler: Besuch bei Auschwitz-Leugnern | Panorama | NDR


von Robert Bongen & Julian Feldmann

„Ich möchte wissen, wo die angeblich sechs Millionen Menschen umgebracht worden sind“, ruft der Mann seinen Kameraden zu. „Warum bin ich jahrzehntelang belogen worden?“ Der Mann, der hier offenkundig den Holocaust in Frage stellt, ist Hans Püschel, Vorsitzender der NPD-Fraktion im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Er hat Gleichgesinnte in eine Kneipe in Naumburg an der Saale geladen, um über „Auschwitz und die Meinungsfreiheit“ zu diskutieren – in einer Zeit, in der Überlebende und Angehörige der Opfer dem 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager gedenken.

Wohltäter Hitler: Besuch bei Auschwitz-Leugnern
Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck und NPD-Politiker Hans Püschel versuchen die Massenvernichtung der Juden zu negieren.

Ermittlungen gegen Haverbeck

Mit im Saal auch weitere NPD-Politiker, darunter Landesvorstandsmitglied Steffen Thiel, der unlängst die Proteste gegen das Flüchtlingsheim in Tröglitz organisiert hatte. Gemeinsam mit der bekannten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck will Püschel neue Beweise dafür vorlegen, dass die Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten nicht stattgefunden habe.

Die 86-jährige Frau aus dem westfälischen Vlotho, einst Mitbegründerin des mittlerweile verbotenen geschichtsrevisionistischen Schulungszentrums „Collegium Humanum„, hat unlängst mit einem Internetvideo auf ihrer Homepage für Aufsehen gesorgt. Darin behauptet sie: „Der Holocaust ist die größte und nachhaltigste Lüge der Geschichte.“ Als „umwerfenden Beweis“ dafür feiert sie vor allem ein Buch, das sie vor einiger Zeit entdeckt habe: Die „Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945“, eine Quellensammlung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, in der die Befehle für die SS-Wachmannschaften zusammengetragen sind. Inzwischen wird deshalb gegen sie ermittelt.

Zitate und zynische Kommentare

Auch bei der Veranstaltung in Naumburg steht dieses Buch im Mittelpunkt. Haverbeck und Püschel – beide bereits wegen Volksverhetzung verurteilt – verkünden, dass dies „das letzte Puzzlestück“ sei, das fehlte, um zu belegen, dass Auschwitz ein Arbeits- und kein Vernichtungslager gewesen sei. „Alle Kräfte dort waren eigentlich unentbehrlich für die Rüstungsindustrie“, sagt Haverbeck. Von Gaskammern sei da nicht die Rede, vielmehr sei mit den Gefangenen ordentlich umgegangen worden.

Die Zitate liefern sie gleich mit – samt kaum zu ertragender zynischer Kommentare. In einem Befehl heiße es, liest Püschel vor, dass darauf zu achten sei, dass die Gefangenen sieben bis acht Stunden Ruhe haben, um ausgeruht ihre Arbeit wieder beginnen zu können. Und frotzelt: „Das habe ich selber selten genug gehabt“. Jede Woche sei einmal ein Fußappell zu machen, zitiert er weiter und verhöhnt die Auschwitz-Opfer: „Die Häftlinge haben also die Füße vorzuzeigen, dass sie sauber und gesund sind, weil es viele von sich aus wahrscheinlich nie gemacht oder nur einmal im Monat die Füße gewaschen hätten, sonst wäre so eine Anordnung nicht notwendig gewesen.“ Kranke Häftlinge seien rechtzeitig herauszuziehen: „Lieber bei entsprechender ärztlicher Behandlung eine kurze Zeit im Krankenbau und dann wieder gesund an den Arbeitsplatz als eine lange Zeit ohne Arbeitsleistung am Arbeitsplatz belassen“, referiert er. „Das würde ich mir heute wünschen, wo viele Leute aus Angst um den Arbeitsplatz weiter arbeiten, damit sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren.“

Die bizarre Schlussfolgerung von Haverbeck und Püschel: Wo gearbeitet wurde, wurde nicht getötet. Schließlich herrschte deutsche Ordnung und Gründlichkeit. Ob die Herausgeber der „Standort- und Kommandanturbefehle“ dies genauso sehen?

Keine Beweise für die Nichtexistenz des Holocaust

Norbert Frei

„Die Massenvernichtung war ‚Geheime Reichssache‘, und das sollte sie auch bleiben“, so Professor Norbert Frei, Herausgeber der „Standort- und Kommandanturbefehle“.

Professor Norbert Frei ist einer von fünf renommierten Historikern, die im Jahr 2000 im Auftrag des Münchner Instituts für Zeitgeschichte das Buch herausgeben haben, auf das sich nun die Holocaust-Leugner berufen. Im Panorama-Interview betont er, dass die Befehle natürlich kein Beweis für die Nichtexistenz des Holocaust seien, im Gegenteil: „Sie enthalten eine Fülle von mehr oder weniger verdeckten, aber leicht zu entschlüsselnden Hinweisen darauf, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Lagerkomplex Auschwitz das Vernichtungslager geworden ist, dass eben in Birkenau auch die Vernichtung stattgefunden hat.“ Die „Standort- und Kommandanturbefehle“ müsse man als eine Art Hausmitteilungen der SS verstehen, die an einen großen Verteiler gegangen seien. „Da wird man natürlich nicht die Einzelheiten des Holocaust niederlegen. Die Massenvernichtung war ‚Geheime Reichssache‘, und das sollte sie auch bleiben. So gibt es unter den Befehlen ein Dokument vom 22. April 1942, in dem explizit größtmögliche Verschwiegenheit, größtmögliche Geheimhaltung gefordert wird, unter Androhung schwerer Strafen. Landesverrat ist dann das Stichwort für alle, die irgendwas von den Vorkommnissen im Konzentrationslager Auschwitz mitteilen würden. Das wurde regelmäßig wiederholt. Also, welche Vorkommnisse sollen das sein, wenn nicht hochkriminelle Verbrechen?“

Anzeige erstattet

In eine Kneipe in Naumburg an der Saale wird auf Einladung von Hans Püschel, Vorsitzender der NPD-Fraktion im Burgenlandkreis, über "Auschwitz und die Meinungsfreiheit" diskutiert.

Auf den Tischen in der Naumburger Kneipe wurden für den inhaftierten Holocaust-Leugner Horst Mahler Spenden gesammelt.

Bei der NPD-Versammlung in Naumburg sieht man das natürlich anders. Hier ist man der Meinung, dass nun die Geschichte des Holocaust neu geschrieben werden müsse. Dass im Saal auch zwei Staatsschützer das Geschehen verfolgen, scheint weder Püschel noch Haverbeck sonderlich zu beeindrucken. Allerdings hat ihre Form der Beschäftigung mit dem Holocaust deshalb für sie ein Nachspiel: Sowohl gegen Püschel als auch gegen Haverbeck wurde Anzeige erstattet. Das Ermittlungsverfahren gegen Haverbeck wegen Volksverhetzung ist jedoch laut Staatsanwaltschaft Halle mittlerweile eingestellt, in Hinblick auf ein gleichartiges Verfahren mit schwerwiegenderen Vorwürfen gegen die 86-Jährige bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld. Es könne aber jederzeit wieder aufgenommen werden.

„Es gibt unsererseits keine Zusammenarbeit und Kooperation mit Frau Haverbeck“

Der NPD-Bundesvorstand hatte im Übrigen offenbar keine Kenntnis von der Veranstaltung der Parteifreunde in Sachsen-Anhalt. Parteichef Frank Franz betonteauf Anfrage von „Spiegel Online“: „Es gibt unsererseits keine Zusammenarbeit und Kooperation mit Frau Haverbeck.“ Es handele sich zunächst um eine „Angelegenheit der Kreistagsfraktion“. Püschel sei zwar Vorsitzender der Kreistagsfraktion, aber kein NPD-Mitglied. Dennoch: Angesichts des laufenden Verbotsverfahrens kommt eine NPD-Veranstaltung, bei der der Holocaust offen in Frage gestellt wird, der Partei reichlich ungelegen.

Im Landtag von Sachsen-Anhalt gab es eine kleine Anfrage zu der Saaleck-Veranstaltung mit Haverbeck und inzwischen auch eine Antwort.

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