hr| NSU-Mord in Kassel: Temme war sich selbst ein Rätsel


Andreas Temme bei der nachträglichen Tatortbegehung mit der Polizei. (Bild: hr / Polizei)

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Andreas Temme bei der nachträglichen Tatortbegehung mit der Polizei.
Neue Telefonprotokolle werfen alte Fragen zur Rolle des Verfassungsschützers Andreas Temme im Kasseler NSU-Mordfall auf: Was tat er am Tatort? Kann er Halit Yozgats Leiche übersehen haben? Um das zu klären, erwog Temme den Einsatz eines Psychologen.

Von Stephan Loichinger, hr-online

Im Frühling und Sommer 2006 überwachte die Kriminalpolizei mehrere Telefonanschlüsse des Verfassungsschützers Andreas Temme aus Hofgeismar (Kassel). Die Ermittler verdächtigten Temme, am 6. April 2006 den 21 Jahre alten Betreiber eines Internetcafés in Kassel erschossen zu haben. Der Mord am türkischstämmigen Halit Yozgat wird heute dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugerechnet. Die Ermittler ließen den Verdacht gegen Temme mangels Beweisen fallen. Doch seine Rolle in der NSU-Mordserie ist so unklar wie eh und je. Die Protokolle der abgehörten Telefongespräche zeigen: Verfassungsschützer Temme war sich selbst ein Rätsel.

Was tat Temme zur Tatzeit am Tatort? Wusste er vom bevorstehenden Attentat der rechtsextremen Terroristen? War er darin verwickelt? Hatte eine seiner Quellen, der Kasseler Neonazi Benjamin G., den Mord vorbereitet? Wussten andere Verfassungsschützer davon und deckten sie Andreas Temme gegenüber der Kriminalpolizei? Die Fragen von damals stellen sich heute noch immer – und seit der Veröffentlichung der neuen Telefonprotokolle, die auch der hessenschau und hr-online vorliegen, wieder dringlicher. Auch in einer Expertenanhörung des Untersuchungsausschusses zum NSU im Landtag am Montag werden sie Thema sein.

Genau zum oder Augenblicke vor dem Mord am Tatort

Was bislang bekannt ist: Die Kriminalpolizei kam Temme mittels der Verbindungsdaten eines Computers in dem Internetcafé auf die Spur. Demnach saß er am 6. April 2006 von 16.51 bis 17.01 Uhr an dem Rechner. In dieser Minute oder Augenblicke später wurde Halit Yozgat mit zwei Schüssen hinter dem Tresen des Ladens erschossen. Temme, so berichtete es er selbst wiederholt, verließ das Internetcafé, ohne den sterbenden jungen Mann zu bemerken. Die 50 Cent für die Computernutzung habe er auf den Tresen gelegt – dahinter lag der niedergeschossene, blutüberströmte Yozgat. Ein Polizeifoto zeigt, dass der Tresen ihn bei weitem nicht verdeckte.

Leiche von Halit Yozgat im Internetcafe
So lag die Leiche von Halit Yozgat vor den Telefonkabinen im Internetcafé (Verfremdung: hr-online)

Wie also kann Temme den Sterbenden übersehen haben? Auf einer von der Polizei angeordneten Tatortbegehung sollte Temme sich genau so verhalten wie am Tattag.

Das davon angefertigte Video zeigt, wie er just dann zur Decke schaut, als er sich vom hinteren Raum des Internetcafés dem Tresen nähert. Von den Telefonzellen im vorderen Raum geht er gesenkten Blicks zum Tresen, wo er das Geld hinlegte. Dort hätte er am Tattag über Halit Yozgats Körper stolpern müssen, der genau dort lag. Verließ Temme also schon vorher den Laden? Wo wäre dann Yozgat gewesen in diesem Moment?

In einem abgehörten Telefongespräch mit seinem Kollegen H., dem damaligen Geheimschutzbeauftragten des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV), machte sich Temme am 9. Mai 2006 so seine Gedanken, warum er sich nicht selbst bei der Polizei als Zeuge gemeldet habe und wie er den sterbenden Yozgat am Tatort übersehen habe können:

„(…) und dass ich da ja auch alles mehrfach geschildert und was diesen, was diese paar Minuten, die ich an dem Tag da gewesen sein muss, selber anlangt, habe ich natürlich auch das Problem (…), dass es kaum noch möglich ist zu trennen, was – aus der Erinnerung herauszufischen: Was habe ich möglicherweise den Tag gesehen, was habe ich an irgendwelchen anderen, bei irgendwelchen anderen Besuchen vorher da mal gesehen (…) so diese Erinnerung, das verschwimmt natürlich mit dem, was ich in der Zeitung gelesen habe (…).“

Es war dasselbe Gespräch, in dem H. den Satz sagte, den die Anwälte der Familie Yozgat im Münchener NSU-Prozess als Beweis für die Verstrickung des Verfassungsschutzes in den Mord nehmen: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren. Ja, es ist: Sch…“ Und in dem H. ihm für seine dienstliche Erklärung gegenüber der Polizei riet, „sich auch noch mal zu überlegen, (…) ab wann auf der Außenstelle beziehungsweise Sie als Person mit der Frage, äh, konfrontiert worden sind oder mitbekommen haben, da sind in der Bundesrepublik (…) vor den Geschehnissen in Kassel, nach dem Geschehnis, sind da Morde passiert“.

Zu Verdächtigungen gegen ihn sagt Temme nur „mhm“

Auf diese Ausführungen H.s, die ihn nach der Lesart der Nebenklage-Anwälte als Mitwisser oder Mittäter belasten, ging Temme nicht ein oder erwiderte sie mit einem wiederholten „mhm“. Gesprächiger wurde Temme erst wieder, als es darum ging, warum er sich nicht als Zeuge vom Tatort bei der Polizei gemeldet hatte. Am Donnerstag sei der Mord passiert, am Sonntag erst habe er davon aus einem Anzeigenblättchen erfahren. Weil er das Internetcafé und das Opfer kannte, habe er überlegt, wann er zuletzt dort gewesen sei:

„An diesem Donnerstag, habe ich mir überlegt, kann das denn gewesen sein, dass du da gewesen bist (…) Es erschien mir dann so absurd, so unmöglich in meinen Gedanken, äh, dass ich da gewesen sein soll, da drin gesessen haben soll und wenige Meter von mir weg, fast im gleichen Raum, passiert das. Und ich war mir nicht mehr sicher gewesen, war ich am Mittwoch da oder war ich am Donnerstag da aufgrund von dieser Absurdität der Situation, hatte ich dann, äh, angenommen, für mich, das wurde dann auch, je mehr ich darüber nachgedacht habe, wurde das immer fester, war das dann für mich dieser Mittwoch. Und dann habe ich natürlich auch überlegt, habe ich irgendwann mal in diesem Internetcafé etwas mitbekommen, was mir seltsam erschienen wäre? (…) Wo ich dann da raus bin, wusste ich ja in keiner Weise, was da vorgefallen ist, deswegen war es für mich ein normaler Tag. (…) Und so kam ich dann an diesen Mittwoch.“

In einem weiteren Telefonat mit dem Geheimschutzbeauftragten H. am 20. Juni 2006 rätselte Andreas Temme noch immer seiner Gedächtnis- oder Wahrnehmungslücke hinterher:

„(…) und da haben die (die Polizei, Anm. d. Red.) gesagt, es gäbe wohl, ich glaube: in Mainz an der Uni und in Bayern, so Programme oder so Möglichkeiten, dass man mithilfe von, ähm, Psychologen so dieses Zeitgeschehen, um das es geht, äh, aufarbeitet, um vielleicht ein paar mehr Fakten dazuzubekommen. (…) Das Problem ist wirklich diese Minute, die dann da irgendwo dann praktisch, nachdem ich am Computer raus bin (…) bis da, wo das geschehen ist. (…) wenn mir das da gelingt, mit jemandem das aufzuarbeiten, da irgendwie die Details ein bisschen zusammenzusetzen (…), dann hilft mir das ja dann auch, ähm, weil alles das, was irgendwo in meinem Kopf noch drin ist, was möglicherweise dazu beitragen könnte, dass die in der Sache weiterkommen, äh, steuere ich ja gerne bei.“

Letztlich konnten die Ermittler Temme nicht nachweisen, den sterbenden Halit Yozgat gesehen zu haben oder in den Mord verwickelt gewesen zu sein. Die Ermittlungen gegen ihn wurden 2007 eingestellt.

Im NSU-Prozess in München steuerte Andreas Temme freilich kaum Erhellendes bei. Der Vorsitzende Richter bezeichnete Temmes Aussage als wenig glaubwürdig. Die weit überwiegende Zahl der Prozessbeobachter schätzt die Worte des inzwischen zu einer anderen Behörde versetzten ehemaligen Verfassungsschützers auch so ein. Der Vater von Halit Yozgat sagte im Gerichtssaal zu ihm: „Temme, ich glaube dir kein Wort.“

Quelle: HRonline
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