hr online| Temme leugnet Mord-Mitwisserschaft


Der frühere Verfassungsschützer Temme am Montag in Wiesbaden im NSU-Untersuchungsausschuss. (Bild:  picture-alliance/dpa)

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Der frühere Verfassungsschützer Temme am Montag in Wiesbaden im NSU-Untersuchungsausschuss.
Hessens Verfassungsschutz verstrickt in den Kasseler NSU-Mord? Nachdem Andreas Temme am Montag im Untersuchungsausschuss ausgesagt hat, sieht die CDU den Vorwurf vom Tisch. Doch nicht nur die Opposition hat noch Fragen an die Schlüsselfigur der Affäre.

Video:NSU-Ausschuss tagt im Landtag2:22 Min
(© hr | hessenschau, 11.05.2015)
War der Verfassungsschutz des Landes Hessen in den der rechtsextremen NSU zugeschriebenen Mord am Kasseler Internetcafébetreiber Halit Yozgat verstrickt? Alle drei am Montag im Untersuchungsausschuss des Landtages befragten Zeugen traten bei ihren Auftritten dem Verdacht entgegen, aus einem Abhörprotokoll ergebe sich dieser Hinweis: der frühere Verfassungsschützer Andreas Temme als zentrale Figur der Affäre, der damalige Geheimschutzbeauftragte des Landesamtes, Gerald-Hasso H., und eine Kriminalbeamtin.

Sie alle deuteten den zentralen Satz der Affäre aus einem abgehörten Telefonat ganz anders als die Anwälte der Familie des 2006 getöteten Opfers: nämlich als nicht ernst gemeint. H. hatte laut dem Abhörprotokoll zu seinem damaligen Mitarbeiter Temme gesagt: „Ich sage jedem, wenn er weiß, dass so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“

Brisant scheint der Satz, weil die Polizei Temme eine Zeitlang als Tatverdächtigen betrachtete und ihn deshalb abhörte. Denn er war am Tag der Tat am Tatort. Wegen des zeitweiligen Mordverdachts war er damals vom Dienst supendiert.

Von Mord nichts gewusst?

Während seiner Befragung am Nachmittag betonte die Schlüsselfigur Temme gleich zu Beginn, er habe von dem Mord „definitiv nichts gewusst“ und auch nichts mitbekommen. Er blieb bei seiner bisherigen Darstellung: Das Internetcafé habe er am Tag des Mordes privat besucht, um in einem Flirt-Onlineportal zu chatten. Die tödlichen Schüsse will er nicht bemerkt haben. Und an das fragliche Telefonat nach der Tat habe er sich bis vor kurzem nicht einmal erinnert. Temme hat nach eigener Darstellung den merkwürdigen Satz des Vorgesetzten, man solle sich besser nicht an Tatorten aufhalten, als Versuch verstanden, das Telefongespräch „aufzulockern“.

Sein früherer Vorgesetzter H. stellte es ähnlich dar. Bei seiner Äußerung am Telefon habe es sich vielmehr um einen „ironischen Einstieg ins Gespräch“ gehandelt. Von einem geplanten Mord habe weder er noch Temme etwas gewusst. Dass er seinen damals ins Visier der Mordermittler geratenen Mitarbeiter für unschuldig gehalten habe, begründete er mit einem „Bauchgefühl“.

Die als Zeugin geladene Polizistin war ebenfalls in Erklärungsnot geraten. Sie hatte das abgehörte Telefonat protokolliert, den brisanten Satz aber nicht festgehalten. Vor dem Untersuchungsausschuss begründete die Polizistin als erste Befragte des Tages ihr Verhalten damit, dass sie den Satz für „belanglos“ gehalten habe. „Meines Erachtens wurde er scherzhaft gesagt, und so habe ich es als scherzhaft abgetan“, sagte auch sie.

SPD: Vorwürfe nicht entkräftet

Die Interpretation des brisanten Satzes als „scherzhaft“ oder „ironisch“ ist nach Meinung der SPD nur schwer nachvollziehbar. Die im Raum stehenden Vorwürfe seien nicht entkräftet worden.

Die Zeugenvernehmungen malten laut Fraktionsgeschäftsführer Günter Rudolph vielmehr „ein beunruhigendes Bild der hessischen Sicherheitsbehörden“. Wenn sich der Ex-Geheimschutzbeauftragte auf sein Bauchgefühl berufe, zeuge das von „abenteuerlichen Zuständen beim hessischen Verfassungsschutz“.

CDU: Alles „glaubhaft ausgeräumt“

Ganz anders nahm die CDU den Tag im Ausschuss wahr. Nun sei deutlich geworden, dass die in Rede stehende Äußerung des Verfassungsschützer zwar „unangemessen“, aber auch unverdächtig sei. Alle Zeugenaussagen hätten bewiesen: Es handelte sich „um einen vollkommen verunglückten Eisbrecher“, sagte Holger Bellino, Obmann der Fraktion im Ausschuss. Der ungeheuerliche Vorwurf, der Verfassungsschutz habe vorab vom Mord Kenntnis gehabt, sei ausgeräumt.

Auch der CDU-Koalitionspartner, die Grünen, nannte die Aussage H.s „geschmacklos“. Ihr Ausschuss-Obermann Jürgen Frömmrich kündigte gleichzeitig an, dass Temme und H. am Montag zwar das erste, aber nicht das letzte Mal vom Ausschuss befragt wurden. „Wir werden Herrn T. mit den Lücken und Widersprüchen in seinen Aussagen konfrontieren“, sagte der Grünenpolitiker

U-Ausschuss seit einem Jahr

Der Landtag hat vor einem Jahr einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, um das Verhalten der Behörden nach dem Kasseler NSU-Mord zu klären. Das Zitat des Ex-Geheimschutzbeauftragte, um das es am Montag vor allem ging, wurde Anfang dieses Jahres bekannt. Anwälte der Nebenklage im Münchener NSU-Prozess waren auf das abgehörte Telefonat gestoßen.
Quelle: HRonline
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