FAZ| Analyse eines ominösen Telefonats


Zu einem ominösen Telefonat hat der Landtags-Untersuchungsausschuss im Fall des NSU-Mords in Kassel zwei Verfassungsschützer vernommen. Wussten sie etwas vom Plan des NSU? Zwei umstrittene Sätze aus dem Telefonat stehen im Fokus.

12.05.2015, von RALF EULER, WIESBADEN

© DPAVergrößernTatort in Kassel: das Internet-Café, in dem der Betreiber Halit Yozgat ermordet wurde.

Verklausulierte Absprache, um ein Verbrechen zu vertuschen, oder nur die missverständliche Einleitung eines Telefonats ohne inhaltliche Relevanz? Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Kasseler NSU-Mord am 6. April 2006 ging es mehr als siebeneinhalb Stunden lang um ein von der Polizei abgehörtes, 35 Minuten langes Telefongespräch zwischen zwei damaligen Mitarbeitern des hessischen Verfassungsschutzes. Die Unterhaltung vom 9. Mai 2006 lässt die Vermutung zu, der Verfassungsschutz habe vor dem Mord von den Plänen dazu gewusst. Diesen Vorwurf wiesen die beiden Geheimdienstler, die als Zeugen im Ausschuss vernommen wurden, allerdings entschieden zurück.

Andreas T., Führer mehrerer V-Leuten der Behörde, stand 2006 kurzzeitig im Verdacht, den Mord an dem Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat begangen zu haben. In dem ominösen Telefonat wird er vom Geheimschutzbeauftragten des Landesamts für Verfassungsschutz, Gerald-Hasso Hess, auf seine Vernehmung durch die Polizei vorbereitet. Zwei umstrittene Äußerungen von Hess in diesem Telefonat standen nun im Mittelpunkt der Ausschusssitzung: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren“, formuliert der Geheimschutzbeauftragte, und etwas später folgt der Ratschlag an T.: „So nah wie möglich an der Wahrheit bleiben.“ Nach Ansicht der Rechtsanwälte der Familie Yozgat deutet die erste Bemerkung darauf hin, dass der Verfassungsschutz von dem geplanten Verbrechen gewusst haben könnte, die zweite wird als Appell des Geheimschutzbeauftragten an den Quellenführer verstanden, bei den Ermittlungen in einem Mordfall nicht die ganze Wahrheit zu sagen.

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