hr online| Kasseler NSU-Mord: Geheimdienstler in Verlegenheit


Tatort in Kassel, Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme (Bild: dpa / hr)Der Tatort in Kassel, Ex-Verfassungsschützer Temme
Ein Telefonat eines hessischen Verfassungsschützers hat am Mittwoch das Gericht im Münchner NSU-Mordprozess beschäftigt. Der ehemalige Geheimschutzbeauftragte des Landesamts sagte als Zeuge aus – und geriet in Verlegenheit.

Der frühere Geheimschutzbeauftragte des hessischen Verfassungsschutzes wies als Zeuge im Münchner NSU-Prozess den Vorwurf zurück, seine Behörde habe die Aufklärung des Kasseler NSU-Mordes behindert. Das hatten ihm die Anwälte der Familie des getöteten Halit Yozgat vorgeworfen. Es ist einer der insgesamt zehn Morde, für die Beate Zschäpe als Mittäterin angeklagt ist. Die Tat gilt bis heute als rätselhaft, weil Verfassungsschützer Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort war.

Geheimdienstler spricht von ironischer Bemerkung

Während der Vernehmung spielte das Gericht am Mittwoch drei Telefongespräche ab, die der Vorgesetzte mit dem vorübergehend tatverdächtigen Andreas Temme geführt hatte. Diese Gespräche hatte die Polizei aufgezeichnet. Darin sagt der Vorgesetzte: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters, was er damit gemeint habe, erklärte der Geheimdienstler zunächst, es sei nur eine ironische Bemerkung gewesen. Allerdings hakte der Richter mehrmals und zunehmend gereizt nach. Der Zeuge antwortete: „Ich hätte auch sagen können, wie kann man so blöd sein, an einem Mordtatort vorbeizufahren.“ Der Einwand des Richters, dann habe er ja davon wissen müssen, blieb am Ende unbeantwortet.

Temme über Computer-Verbindungsdaten ermittelt

Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in der Kasseler Nordstadt erschossen, mutmaßlich von den beiden NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Temme hatte sich nicht als Zeuge gemeldet. Die Polizei ermittelte ihn über die Verbindungsdaten des von ihm benutzten Computers in dem Café. Am 21. April nahm sie ihn fest: als Tatverdächtigen. Temme kam nach seiner Vernehmung wieder frei.

Fortan hörte die Polizei seine Telefone ab. Das Telefonat mit dem Geheimschutzbeauftragten führte er rund einen Monat nach der Tat. Die Opferanwälte deuten das Gespräch so, dass Temme schon von dem geplanten Mord an Halit Yozgat wusste, ihn aber nicht verhinderte. Auch das Landesamt habe weitergehendes Wissen über die Tatumstände verschleiert.

Quelle: hr online
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