NDR| Dialog mit „Pegida“-Anhängern ist sinnlos!


Vor einem Jahr fand in Dresden die erste Demonstration der „Pegida“-Bewegung in Dresden statt. Viele weitere folgten, bei denen sich der Zorn auf die deutsche Politik (Stichwort: „Islamisierung des Abendlandes“) und die Berichterstattung deutscher Medien (Stichwort: „Lügenpresse“) entlud. 365 Tage später werden in der sächsischen Landeshauptstadt Zehntausende Menschen erwartet – die einen gehen für „Pegida“ auf die Straße, die anderen wehren sich gegen die Parolen und Einstellungen der fremdenfeindlichen Bewegung.

Ein Kommentar von Uta Deckow-Kindermann, MDR

Geburtstage sind eigentlich ein Grund zu feiern – der, der am Montagabend in Dresden begangen wird, ist es ganz und gar nicht. Vor einem Jahr protestierten in der Dresdner Innenstadt etwa 300 Menschen. Sie hatten sich nach einer Demonstration der PKK bei Facebook erregt und entschieden, man müsse auf die Straße gehen, um das Abendland vor der Islamisierung zu retten. Zunächst lächelte noch mancher, bei einem Ausländeranteil von knapp vier Prozent in Sachsen. Nicht lange. In der Weihnachtsansprache kritisierte die Kanzlerin die Hass-Töne der Bewegung, im Januar freute sich das Orga-Team über seinen größten Zulauf – 25.000 Menschen folgten Lutz Bachmann und Co.

Die hatten einen Nerv getroffen – oder vielmehr gleich mehrere. Da waren zum einen sicher diffuse Ängste vor dem Islam – diffus deshalb, weil die Erfahrungen in Sachsen mangels islamischer Mitbürger so groß wie anderswo ja nicht waren. Viel entscheidender aber waren die Enttäuschungen. Die Demokratie hatte sich für viele nicht als so einfach entpuppt wie gedacht. Träumten viele DDR-Bürger vom Westen, empfand mancher die Realität nach der Wende eben doch als übergestülpt. Das Misstrauen, das gegenüber Politik und Medien bei einigen gewachsen war – Pegida gab ihm geschickt immer weiter Nahrung.

Keines der sächsischen Medien hat je behauptet, „Pegida, das sind alles Nazis“. Aber demagogisch geschickt haben Bachmann und sein Team immer wieder behauptet, die Medien hätten mit der Nazi-Keule genau dieses Bild gezeichnet. „Lügenpresse“ war als Schlachtruf geboren. Dabei hatten die Journalisten nur aufgezeigt, was von Anfang an Fakt war und ist: Wer bei „Pegida“ mitläuft, läuft eben Seite an Seite mit Hooligans, mit Neonazis, mit Reichsbürgern, mit der identitären Bewegung. Das störte die „Pegida“-Anhänger genauso wenig wie das Vorstrafen-Register von Bachmann.

Es gibt viele solcher Widersprüche: Da tönte Kathrin Oertel, bevor sie „Pegida“ verließ, von der Bühne, es gäbe keine Meinungsfreiheit. Tausende Pegidianer applaudierten, obwohl sie doch im Schutze eben dieser Meinungsfreiheit bis heute den größten Unsinn und die größten Lügen verbreiten dürfen. „Wir sind das Volk“, meinen sie bis heute, da half auch nicht, dass ihre Kandidatin Tatjana Festerling in der Hauptstadt ihrer Bewegung bei der Oberbürgermeisterwahl nur neun Prozent erhielt.

Wenn jetzt Tausende Dresdner mit ihrem Foto im Netz gegen „Pegida“ mobilisieren, sagen die Pegidianer: „Die sind doch alle gekauft“. Die wachsende Anzahl von Flüchtlingen und die zunächst sichtliche Überforderung der Politik, geordnet zu agieren – sie verschaffte „Pegida“ wieder Zulauf und Selbstbewusstsein. Von der Bühne wird gehetzt und gepöbelt – Frau Festerling fragt da schon mal: „Wollt ihr den totalen Asylstaat?“ Oder sie fordert den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik. Aus Asylanten wurden binnen eines Jahres Invasoren, so nennt Bachmann die Flüchtlinge. Jeden Montag noch schärfere Töne, das „Pegida“-Volk muss stimuliert werden.

Was hat „Pegida“ erreicht in diesem einen Jahr? Die Stadt Dresden ist gespalten, das Image der Stadt ist ruiniert, zu zaghaft hat sie sich diesen Hetzern entgegengestellt. Die Übergriffe auf Asylhelfer, auf Asyleinrichtungen häufen sich. Dass es nicht bei Drohungen gegen Politiker bleibt in diesem Klima, das hat das Attentat von Köln auf traurige Weise gezeigt.

„Pegida“ feiert sich – und falls es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Stadt kommen sollte, weil linke genauso wie rechte Chaoten mobilisiert haben, dann wird „Pegida“ leider auch davon profitieren. Eines hat das Jahr „Pegida“ gezeigt: Fakten, Argumente – sie kommen nicht an bei Menschen, die gar keinen Dialog wollen, sondern sich längst die Dinge für ihr Weltbild zurechtbiegen. Bachmann hat den Systemwechsel gefordert, die „Pegida“-Gänger rufen Widerstand. Die besorgten Bürger behaupten, sie verteidigen Deutschland. Nein, sie wollen ein anderes Deutschland.

Quelle: NDR

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