Hajo Funke| Der Mordversuch von Salzhemmendorf. Plasbergs verschenkte Stunde vom 30. November 2015.


 

Vielleicht führt der Mordversuch von Salzhemmendorf tatsächlich zum Kern des Problems rechter Gewalt in Deutschland. Nach der Rekonstruktion des Mordversuchs durch eine Recherche von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung scheint klar: die mutmaßlichen Täter waren eine Szene, die in ihren Internetchats rassistisch und neonazistisch getobt hat. Und die aus dieser Gesinnung heraus sich unter  Alkohol zusammengetan hat, um ohne mit der Wimper zu zucken den Mord an über 20 im Haus der Brandstiftung wohnenden, unter anderem eine syrische Familie mit kleinen Kindern, zu riskieren.

Sie haben sich so aufgeschaukelt wie andere neonazistisch inspirierte Szenen, wie die, die vor nunmehr 16 Jahren den Algerier Guendoul in Guben in den Tod getrieben hat. Damals waren auch Neonazis dabei – aber auch damals war das nicht das entscheidende, sondern die Szene, die getrunken und Songs der Band „Landser“ inhaliert hat und die dann im Rausch einer vermeintlichen Gefahr zugeschlagen hat.

Im Fall von Salzhemmendorf ist dies durch neonazistische Aufschaukelung im Chat (Adolf, Hakenkreuze), durch das Abhören von rassistischen und völkischen Rockliedern der Band Kategorie C und den durch Alkohol unterstützten kollektiven Rausch, es tun zu können und zu dürfen, geschehen. Es ist gerade das Klima völliger Empfindungslosigkeit und Banalität im Chat, die fassungslos macht.

Dies geschieht, seit es Pegida – laut Gauland der natürlichen Verbündeten der AfD – gibt, in immer größerer Zahl, längst vor dem Flüchtlings Schub aus dem späten Sommer 2015. Schon nach drei Monaten der Entfesselung des Ressentiments durch die rechtspopulistische Pegida-Bewegung unter Anleitung eines Rassisten hatte sich die Zahl der Gewaltakte gegen Flüchtlingsheime und Flüchtlinge bis Ende 2014 verdoppelt. Nachdem diese  Bereitschaft zum Ressentiment in Geist und Tat sich verbreitet hat, ist die Zahl der Angriffe nach oben geschnellt und hat sich potenziert.

In der Plasberg-Sendung hätte man erörtern können, wie die Hemmschwellen durch die Entfesselung des Ressentiments abgeschmolzen werden, es zu einem Akutverlust selbstverständlicher humaner Orientierung kommt und worin die Verantwortung derjenigen liegt, die für ein Klima der Abwertung und Diskriminierung von Flüchtlingen eintreten.

Die Mitverantwortung von AfD liegt darin, dass sie durch wiederholte Äußerungen die Hemmschwelle für Ressentiments und Aggressionen absenkt: Dann, wenn jemand wie Alexander Gauland – ohne dies zurückzunehmen – davon spricht, dass er keine arabischen Flüchtlinge im Land haben will und auf der AfD-Demonstration in Berlin gleich ganz den Untergang Deutschlands beschwört und sich an den Untergang des römischen Reichs durch den Ansturm der Barbaren erinnert sieht. Verbale Brandfackeln. Dann, wenn Björn Höcke den Untergang Deutschlands beschwört, wenn Syrer mit ihrer (zerstörten) Heimat kommen, weil dann wir, die Deutschen keine mehr hätten – ebenfalls, ohne dies zurückzunehmen. Die Konsequenz liegt doch nahe, man müsse alles tun, um (in Notwehr) sich dieser Flüchtlinge zu entledigen eben auch derer, die vor dem Terror des syrischen Bürgerkriegs fliehen. Die Parteichefin hat alles Mögliche gemacht, aber das, obwohl Thema, nicht zurückgenommen. Die AfD schafft so ein Klima mit, dass Flüchtlinge herabsetzt und diskreditiert.

Wenn es aber um Ängste geht, die man hat, ob der Ansturm von Flüchtlingen ohne Einschränkung gerade derjenigen bewältigt werden kann, die um ihre soziale Sicherheit bangen, dann ist ein konstruktiver Umgang mit solchen Ängsten gefragt, nicht nur, aber vor allem auch durch die Zusicherung, dass die soziale Sicherheit der sozial Schwächeren nicht nur nicht abgebaut, sondern als Teil einer sozialen Politik auch und gerade der großen Koalition gestärkt wird.

 

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