Stern| Der Mord und der Mann vom Verfassungsschutz


Halit Yozgat wird in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Er ist das neunte Opfer des NSU. Sekunden nach der Tat verlässt ein Verfassungsschützer das Geschäft. Teil 2 der Serie zum NSU-Terror.

Von Gerd Elendt und Kerstin Herrnkind

Beate Zschäpe will ihr Schweigen brechen und an diesem Mittwoch nach 249 Verhandlungstagen aussagen. Es könnte ein spektakulärer Wendepunkt im Münchner NSU-Prozess werden. Dieser Artikel erschien zuerst im stern Nr. 49, am 27.11.2014 und gibt tiefe Einblicke in die vielen offenen Fragen rund um das Neonazi-Trio Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe.

Halit Yozgat hat gleich Feierabend. Um 17 Uhr will sein Vater ihn ablösen, damit Halit, 21, pünktlich zur Abendschule gehen kann, wo er gerade die mittlere Reife nachholt. Er liest schnell noch einen Artikel auf Wikipedia über Halbleiter für die Physikklausur. An diesem Donnerstagnachmittag, es ist der 6. April 2006, sind nur vier Kunden im „Tele-Internet Café“, das Halit Yozgat seit zwei Jahren in Kassel betreibt. Draußen ist es kühl und windig. Auf der vierspurigen Holländischen Straße rauscht der Feierabendverkehr.

Halit Yozgat sitzt hinten rechts am Schreibtisch, von dort hat er alle sechs Telefonzellen im Blick. Der kleine Laden hat nur zwei Räume. Vorn wird telefoniert, im Hinterzimmer stehen sieben Computer.

In Kabine 3, neben dem Eingang, telefoniert Faiz H., 35, mit potenziellen Käufern – er handelt mit Autos. In der Familienkabine, einer etwas größeren Telefonzelle am Mittelgang zwischen den Räumen, hat es sich Hediye C., 26, auf dem Sessel bequem gemacht. Sie ist schwanger und telefoniert mit ihrer Familie in der Türkei. Ihre dreijährige Tochter Ceren ist bei ihr. Im Hinterzimmer spielt Emre E., 14, am Computer „Call of Duty“. Schräg gegenüber surft Ahmed A., 16, im Internet.

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