FP|NSU: Zweifel am Zufalls-Mord


Die Erklärung von Beate Zschäpe im NSU-Prozess löste vor allem eins aus: Kopfschütteln. Was den Mord an der Polizistin in Heilbronn betrifft, dürfte sie bei den Anklägern aber für Freude gesorgt haben. Das umstrittene Motiv der Anklage hat sie bestätigt. Ein Opferanwalt meldet starke Zweifel an.

Von Jens Eumann
erschienen am 06.01.2016

München/Oberweissbach. Musste die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter sterben, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war? Nur, weil zwei mordlustige Neonazis ihr über den Weg radelten und ihre und ihres Kollegen Dienstwaffe rauben wollten? So zumindest lautet die Hypothese, die die Bundesanwaltschaft zum Motiv für jenen Überfall hat, bei dem am 25. April 2007 in Heilbronn Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin A. lebensgefährlich verletzt wurde. Alles Zufall? Ein im Grunde denkbares Szenario – wären da nicht all die Bezüge des NSU-Umfeldes ins thüringische Oberweißbach, in den Heimatort der Polizistin, 300 Kilometer vom angeblichen Zufallstatort Heilbronn entfernt.

„Es ist völlig unverständlich, wie die Bundesanwaltschaft alle Spuren, die in Richtung Thüringer Wald, in die Heimat von Michèle Kiesewetter, weisen, ignoriert“, sagt Rechtsanwalt Walter Martinek. Im NSU-Prozess vertritt er Kiesewetters damals angeschossenen Kollegen Martin A. Auch der Polizist selbst – seit dem Überfall zu 70 Prozent behindert – zweifelt an der Motiv-Hypothese der Ankläger. Denn NSU-Bezüge in den Heimatort der Polizistin gibt es gleich mehrere. Da ist zunächst Beate Zschäpes Liaison mit dem Betreiber des Gasthofs „Zur Bergbahn“ im Oberweißbacher Ortsteil Lichtenhain. Der ehemalige Gastwirt David F. ist zugleich der Schwager von Ralf Wohlleben, einem von Zschäpes Mitangeklagten im NSU-Prozess. Im Jahr vor Kiesewetters Ermordung beherbergte der Mann im Saal seiner Gaststätte eine große Neonazi-Veranstaltung. Veranstalter war der wegen eines Sprengsatz-Anschlags verurteilte Patrick Wieschke aus Eisenach, der später zeitweise bis in den Bundesvorstand der NPD aufstieg. Im November 2011, Tage nach dem Auffinden von Uwe Mundlos‘ und Uwe Böhnhardts Leichen im Wohnmobil in Eisenach-Stregda, verfolgte ein Fährtenhund der Polizei eine Geruchsspur von Beate Zschäpe bis vor Wieschkes Eisenacher Wohnung.

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