Deutschlandradio| Flüchtlingsdebatte: Der Stammtisch wird salonfähig


Micha Brumlik im Gespräch mit Nana Brink

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In der Flüchtlingsdebatte wird der Ton immer rauer. Der Publizist Micha Brumlik sieht deswegen die Gefahr, dass sich in Deutschland zwei politische Lager ausbilden, die – wie in den USA – nicht mehr miteinander reden können.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik macht sich große Sorgen um die politische Kultur in Deutschland. Im Deutschlandradio Kultur sagte er mit Blick auf die Debatte über den Zustrom an Flüchtlingen, es sei besorgniserregend, dass nicht mehr nur in den sozialen Medien gegeifert werde, sondern auch in „anspruchsvolleren Feuilletons“ und in der „Arena des Politischen“. Damit werde der Stammtisch in gewisser Weise salonfähig. Als Beispiele nannte Brumlik die Intellektuellen Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk, der inzwischen „absurde Verschwörungstheorien“ verbreite. Brumlik befürchtet, dass sich in Deutschland durch zunehmend zugespitzte und härter geführte Debatten Zustände wie in den USA einstellen.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Die meisten Veranstaltungen zum Politischen Aschermittwoch, wo man ja mal so richtig draufhauen kann, die wurden gestern abgesagt aus Respekt vor den Opfern des Zugunglücks in Oberbayern. Aber manche Äußerungen im politischen Raum lassen ja vermuten, dass der Stammtisch nun doch Einzug gehalten hat in die politischen Auseinandersetzungen. Fällt uns natürlich sofort Horst Seehofer ein, der der Kanzlerin, mit der er immerhin zusammen regiert, eine „Herrschaft des Unrechts“ unterstellt.

Es gibt auch den Verfassungsrechtler Udo Di Fabio, der ins ähnliche Horn bläst, der sagt, die Kanzlerin beginge Verfassungsbruch. Oder Intellektuelle wie Rüdiger Safranski, die ziehen gegen eine naive, weil angeblich zu flüchtlingsfreundliche Politik zu Felde.

Man könnte sagen, der scharfe Ton, den wir ja sonst eigentlich nur aus Kommentaren in den sozialen Medien kennen, der hat sich nun auch seinen Weg gebahnt in die Salons dieser Republik. Welche Auswirkungen hat das? Erleben wir eine Verrohrung der politischen Sprache? Darüber spreche ich jetzt mit Micha Brumlik, emeritierter Professor an der Uni Frankfurt. Guten Morgen!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Brink: Sie sind ja eigentlich Erziehungswissenschaftler. Könnte man sagen, da fehlt es einfach mal an Kinderstube?

Brumlik: Das glaube ich nicht. Denn auch gut erzogene Kinder bekommen starke oder hasserfüllte Ausdrücke verboten, also, auch Personen mit guter Kinderstube wissen, wie man andere beleidigt und erniedrigt.

Brink: Was machen Sie sich denn für einen Reim darauf, auf diese Äußerungen? Sehen wir da was wie so ein Zurückpendeln von übertriebener politischer Korrektheit?

Die Zuspitzung der Debatte hat nichts mit übertriebener politischer Korrektheit zu tun

Brumlik: Also, ich kann das nicht finden. Ich kann auch nicht finden, dass die politische Korrektheit übertrieben gewesen ist. Es gibt einen Roman von Thomas Mann, „Der Zauberberg“, und da gibt es ein Kapitel, das ist überschrieben mit „Die große Gereiztheit“. Und das ist genau die gegenwärtige Stimmung.

Und diese Stimmung wird natürlich verstärkt durch die sozialen Medien, wo man im Schutze der Anonymität nun wirklich das herauslassen kann, was sonst allenfalls nach dem Genuss von einigem Alkohol am Stammtisch möglich gewesen wäre.

In der Tat besorgniserregend ist es, dass nun nicht mehr nur in den sozialen Medien entsprechend gegeifert wird, sondern auch in anspruchsvolleren Feuilletons, dass also auch Intellektuelle und Publizisten sich derlei zu eigen machen.

Brink: Aber ist das nicht fatal? Macht sich jetzt der Stammtisch dann salonfähig?

Brumlik: In gewisser Weise ja. Sie haben … Es wurde ja vorher schon Rüdiger Safranski genannt, man könnte auch an Peter Sloterdijk denken, der im „Cicero“ ganz ungeniert absurde Verschwörungstheorien beschwört, wie dass die USA, Obama, die Flüchtlinge nach Europa lenken, um die EU zu schwächen. Doch, doch, also, das setzt sich mit einer etwas gehoberen Wortwahl nun auch im Feuilleton und in der Arena des Politischen fort.

 

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