Telepolis| Terrorismus, das sind die Anderen


Karsten Munt 27.02.2016

Der NSU-Nagelbombenanschlag, Ermittlungen und das Füllen von Lücken: „Der Kuaför aus der Keupstraße“

Andreas Maus hat einen Dokumentarfilm über ein Verbrechen gedreht, das kein klassisches Täter-Opfer-Schema zulässt. Der Kuaför aus der Keupstraße sucht im Schatten des NSU-Attentats nach Verfehlungen der Behörden und dem sieben Jahre währenden Nachbeben, das die Opfer des Terroranschlags ertragen mussten.

Zwei Männer erzählen von einem Bombenanschlag. Die Explosion habe die Scheibe gesprengt, sie durch den Raum geschleudert. Auf der Straße habe der rauchende Körper eines Mannes gelegen, ein weiterer hätte einen Nagel im Hals stecken. Die Männer sind die Gebrüder Yildirim. Sie leben nicht in Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Sie wurden nicht Opfer eines Anschlags des IS, gerieten nicht ins Fadenkreuz der Taliban.

Özcan und Hasan Yildirim leben und arbeiten als Friseure in Köln-Mühlheim. Sie wurden Opfer des Nagelbomben-Attentats des NSU, das am 9. Juni 2004 ihren Salon in der Keupstraße zerstörte, sie beide und 20 weitere Menschen, mitunter schwer, verletzte.

Die Yildirim Brüder, die in ihrem Salon für die Kamera posieren, wirken nicht hilflos, sondern routiniert. Sie haben wie fast alle Bewohner der Keupstraße, die Andreas Maus in Freezeframes ihres Arbeitsumfelds posieren lässt, gelernt mit dem Blick der Kamera umzugehen, der in den letzten Jahren immer wieder auf sie gerichtet war.

Sie lassen sich nicht mehr als Opfer wahrnehmen. Sieben Jahre wurde ihnen dieser Status von den Behörden und dem Innenministerium aberkannt. Jetzt wird er ihnen von allen Seiten übergestülpt.

Im Würgegriff der Behörden

Was die Kuaföre und ihre Familien im Zuge der Ermittlungen, die sie zu Verdächtigen machten, zu erdulden hatten, stellt der Film in einer Reihe von Verhören nach, die nach dem Originaltext der Protokolle mit Schauspielern inszeniert werden. „Sind Sie versichert?“, fragt eine Stimme aus dem Off, „Stimmt es, dass Sie regelmäßig Glücksspiel betreiben?“, „Ist Ihnen aufgefallen, dass in ihrem Salon regelmäßig Männer aus der Türsteherszene ein und aus gehen?“.

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