Zeit| Unsere neue Arschlochkultur


Vor Jahren konnte man mit Songs über menschenverachtendes Verhalten Erfolg haben – als Pose und Spiel mit der Konsenskultur. Heute scheint Hass eine Tugend zu sein.

Als das Jahrtausend noch ganz jung war und trotzdem schon eklig werden konnte, hielt sich ein Song namens Es ist geil, ein Arschloch zu sein neun Wochen lang an der Spitze der deutschen Singlecharts. Dargeboten wurde er von einem Ex-Polizisten und Big-Brother-Kandidaten namens Christian Möllmann. Bereits im Container hatte sich Christian (alias „der Nominator“) nach Kräften unsympathisch gegeben, sein Lied reichte dazu das Motto nach. Und gewiss rieb sich da ein Texter die Hände, zählte es doch zu den wenigen Dingen, die im Jahr 2000 noch nicht gemacht worden waren, die Wörter „geil“ und „Arschloch“ gemeinsam im Titel einer Mainstream-Nummer unterzubringen. Und natürlich fiel diese Art, die Rolle des Fieslings abzufeiern, unter die seinerzeit modische schmierige Ironie (oder Pseudoironie); es wäre unfair, das nicht zu erwähnen.

Ich wünschte, ich hätte ihn längst vergessen können oder würde ihn nur noch in morbider Wer-hat-das-schlimmste-Popgedächtnis-Runde aus der Hirnhalde schürfen. Aber nein. Die Einstellung, die dieser Hit auf ein Schlagwort bringt – nennen wir sie das Christian-Prinzip –, lebt nicht nur hartnäckig weiter, sie greift, inzwischen ganz unironisch, derart um sich, dass eine Neuveröffentlichung sich anbieten würde. Diesmal vielleicht zum Jägermarsch umarrangiert und featuring Besorgte Bürger of Clausnitz.

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